Das Prinzip Looping

von Regine Müller

Düsseldorf, 10. Januar 2010. Es muss kürzlich geregnet haben. Kleine Pfützen stehen auf dem grauen Boden des hohen, wuchtigen Bühnenkastens, den Hugo Gretler ganz nah an den verkürzten Zuschauerraum des Kleinen Hauses des Düsseldorfer Schauspielhauses heran gebaut hat. Auf Tuchfühlung mit dem Publikum.

Die Bühne ist zunächst leer, die ersten Szenen spielen auf der Straße, später sorgen sparsam drapierte 70er Jahre-Möbel und eine einsame Tür für das triste Innenleben diverser und wie man schnell lernt austauschbarer Paarbeziehungen. Aber die graue Teerpappe bleibt nass wie nach zähem Nieselregen und sorgt auch im Wohnzimmer für nasse Socken der Schauspieler. Ungemütlich.

Twingo oder Corsa?

Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein Mann und eine Frau treffen sich, begrüßen sich mit der acht- und lieblosen Formel: "Ach, da bist du ja!" und reden streitend und maulend aneinander vorbei. Beide quatschen hemmungslos drauflos, hören dem anderen nicht zu, kritisieren sich, machen sich Vorwürfe, stellen Ansprüche und wollen Recht behalten. Der ganz normale, öde Wahnsinn der Zweierbeziehung. Man kann sich nicht einigen, wie lange man nun schon verheiratet ist, welches Auto man fährt und welchem Beruf er, Daniel Zeisig, nun eigentlich nachgeht. Twingo oder Corsa, Versicherungsmakler oder Stadtplaner?

So geht das eine Weile, bevor sich herausstellt, dass man einander bloß verwechselt hat und ja gar nicht verheiratet ist. Da wird es dann plötzlich wieder interessant. Fremd geworden, kommt man sich näher, nach kurzer, formelhaft absolvierter Balzzeit küsst man sich, heiratet und beginnt zusammen ein neues Leben, das alsbald erneut in den anfangs absolvierten Stereotypen absäuft. Mit nur leicht variiertem Text, versteht sich. Man kann ihn bald mitsummen.

Absurdität ohne Fallhöhe

Und allzu bald ist auch klar, was nun folgt. Das Ritual wiederholt sich in immer neuen Konstellationen, allerdings mit dramatisch sich gebendem Crescendo: Der Ton verschärft sich, die Aggressionen werden konkreter, ein Kommissar taucht auf, plötzlich ist von Morden die Rede, Esstischstühle und Servietten werden zu Waffen, es fließt Theaterblut und am Ende tun sich zwei Frauen zusammen, obwohl sie erklärtermaßen angeblich nicht lesbisch sind. Kalt und zynisch sind die Frauen in diesem Spiel, der einfältige, arme Teufel ist Daniel Zeisig, der nichts begreift und den Endlos-Loops der Handlung immer einen Tick hinterher ist.

Der Theaterautor Thomas Jonigk hat vorab zu Protokoll gegeben, er habe eine bizarre und überdies kriminalistische Beziehungskomödie im Sinn gehabt und dabei an Ionesco gedacht. Doch Absurdität entwickelt sich nicht allein aus der Redundanz enervierender Wiederholung. Sie braucht Fallhöhe. Und die will in den wie Skizzen hingeworfenen Ping-Pong-Dialogen partout nicht entstehen. Und zur bösen Groteske mangelt es an Tempo.

Exkurse zur Quantenphysik

Denn Regisseur Stefan Bachmann hat das im Grunde boulevardeske Konversationsstück im Gegenteil entschleunigt und nimmt ihm damit den Drive, der unterhalten könnte. So aber tritt das Ganze auf der Stelle, ist viel zu schnell durchschaut und durch eine völlig überflüssige Pause auf peinigende 145 Minuten gedehnt. Das quält, denn der Text bietet weder entwickelte Figuren noch – abgesehen von bemühten kleinen Exkursen zur Quantenphysik – größere Überraschungen, nachdem das Loop-Prinzip einmal durchschaut ist.

Statt auf schnelles, hartes Staccato zu setzen, erzählt Bachmann schnörkellos betulich, die anfänglichen Lacher im Publikum verstummen schnell. Das stärkste Profil entwickelt Susanne Tremper als duchgeknallte Polizeibeamtin, die den Mut zu grellen Kunstfigur aufbringt und ahnen lässt, wie der Text durch Überzeichnung hätte gewinnen können. Hans-Jochen Wagner gibt Daniel Zeisig als greinenden Waschlappen, Claudia Hübbeckers schmallippige Gattin bleibt ebenso blass wie Katrin Rövers Ex-Frau. Und Rainer Galkes Kommissar ist vorwiegend tapsig, wie überhaupt das Ganze schwerfällig bleibt. Aber mit triefenden Socken tanzt es sich halt schlecht.

 

Ach, da bist du ja!
von Thomas Jonigk
Uraufführung
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Hugo Gretler, Kostüme: Esther Geremus, Dramturgie: Christina Zintl, Licht: Hans-Joachim Börensen.
Mit: Hans-Jochen Wagner, Claudia Hübbecker, Katrin Röver, Rainer Galke, Susanne Tremper.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Mehr zu Thomas Jonigk? Vor einem Jahr sorgte die Uraufführung seines Stücks Donna Davison am Deutschen Theater für hohes Kommentaraufkommen. Im Mai 2009 inszenierte Tina Lanik Jonigks Diesseits in München, und im September 2009 wurde in Zürich Jonigks Dramatisierung des Martin Salander von Gottfried Keller in der Regie von Stefan Bachmann aufgeführt.

Mehr zu Stefan Bachmann finden Sie im nachtkritik.de-Archiv.

 

Kritikenrundschau

Thomas Jonigk neues Stück komme so leicht daher, wie der Titel klingt, berichtet Christiane Enkeler für den Deutschlandfunk (11.1.). "Es verwirrt dennoch heftig: Sämtliche Figuren geraten in zig Parallelwelten ins Schleudern, man kommt kaum mit, wer sich gerade mit wem wo befindet." In "unendlich vielen Überraschungsmomenten" liege dabei die Komik, außerdem darin, "dass ein Schlagabtausch zwischen Mann und Frau nach Boulevardregeln ja sowieso oft zwischen Paralleluniversen stattfindet". Das "schlichtweg Absurde der Szenen" gießt Regisseur Stefan Bachmann dabei "in viele kontemplativ schöne Bilder, à la Magritte. Sie zeigen etwas, was sie behaupten, nicht zu sein: Dies ist keine Ehefrau. Oder umgekehrt: Dies ist ein toter Kommissar." Bachmann spiels so "hintergründig mit Erwartungshaltung und Motiven". Und "wer kein Vergnügen an solchen Spielereien hat und wer nicht in so einer guten Inszenierung sitzt, für den kann das Stück auch sehr lang werden".

Thomas Jonigk, schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.1.), habe seine Komödie mit Blick auf Schauspieler des Ensembles geschrieben. Was wirklich komisch sein könne, der "„Einstieg für ein verrücktes Identitätsspiel" ende mit der Überhebung des Autors, der die Groteske überdrehe. Zudem: "Was leichtfüßig heranstöckelt, verfällt in Stefan Bachmanns Inszenierung bald in schwergängiges Stiefeln, so umständlich, vorhersehbar und basisnaturalistisch bebildert er den Text." Türen würden nicht "boulevardesk auf- und zu-, sondern mit Säge und Axt martialisch eingeschlagen". Einen "doppelten Boden einzuziehen", schaffe das Ensemble nicht. Der "ambitionierte, überkonstruierte Plot" sitze den "Beziehungsmustern und Rollenklischees auf, mit denen zu spielen es ihm weniger an sprachlichem Witz als an Leichtigkeit mangelt".

In der Süddeutschen Zeitung (15.01) schreibt Jürgen Berger: Es handele sich um einen Text, "der unsere Zeit in einer schwarzen Komödie abbilden will". Jonigk jongliere mit "den Möglichkeiten der klassischen Verwechslungskomödie", und das funktioniere auf der Bühne zunächst gut, weil "Stefan Bachmann jeglichen inszenatorischen Ballast beiseite" lasse. Jonigk habe das Stück wohl vor allem für Hübbecker und Wagner geschrieben. In Stefan Bachmann habe er einen Regisseur, "mit dem er sich blind versteht". In Düsseldorf funktioniere die eingespielte Spielgemeinschaft, "solange Jonigks Mechanismus des immer gleichen Sprachspiels nicht ausleiert und er Pointen nicht überstrapaziert". Doch Stefan Bachmann hätte den Text, anstatt ihn vom Blatt weg zu spielen, mit "dem Rotstift bearbeiten" sollen. Das Resultat sei ein "schwaches und inszenatorisch in Watte gepacktes Stück".

 

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