Eine Art Grammatik

von Dirk Pilz

Berlin, August 2007. In den Entwürfen zum zweiten Band des Romans "Der Mann ohne Eigenschaften" ist auch ein Kapitel zur "Unsicherheit des Gefühls" enthalten. Robert Musil schreibt hier, zwischen Verhalten und Gefühlen bestehe ein "Verhältnis der gegenseitigen Verstärkung und Resonanz", ein "schwellendes Ineinanderfassen".

Musil denkt an eine Art Übersetzungsmodell: "Das Gefühl wird in die Sprache der Handlung übersetzt, und die Handlung in die Sprache des Gefühls." Betont ist damit ein Aspekt, der gerade von der Philosophie gern vernachlässigt wird: der Prozesscharakter des Gefühls, die dialektische Struktur des Fühlens selbst.

Gefühl als das üble Andere der Ratio?

Es hat Tradition, vor allem in der deutschen Philosophie, im Gefühl eher das Andere, wenn nicht den Feind der Vernunft zu sehen. Gefühle als Gefahrenquellen für den Herrschaftsanspruch der Ratio. Gefühle als Objekte der Domestizierung. Es gibt aber, wie immer in der Philosophiegeschichte, auch die Gegentendenz. Martin Heideggers Seins-Philosophie ist eine. Wichtiger für eine Philosophie der Gefühle ist aber das von Herrmann Schmitz entworfene "System der Philosophie". Erschienen in zehn Teilbänden, zwischen 1964 und 1980. Schmitz, lange Jahre Professor am Rand der Aufmerksamkeit: in Kiel, arbeitete sich in seinem Lebenswerk an feingliedrigen Beschreibungen und Detailanalysen ab: Er ist Phänomenologe, die analysierende Beschreibung sein Hauptinstrument.

Für die Autoren des nun erschienen Bandes zur "Philosophie der Gefühle" ist Schmitz der wichtigste Ahnherr, um dem Gefühl zu angemessenen philosophischen Ehren zu verhelfen – neben der Analytischen Philosophie und deren sprachtheoretischen Ausrichtung.

Achtung, Angst, Ekel, Zorn

Denn Christoph Demmerling und Hilge Landwehr versuchen, über genaue Beschreibungen zu einer Art Grammatik der Gefühle zu gelangen. Sie erstellen das begriffliche Grundgerüst, mit der sich die Gefühle untereinander differenzieren lassen. Und sie diskutieren das Wechselverhältnis zur Vernunft, immer auch bezogen auf die gewichtigen Einwände der Kognitionswissenschaften gegenüber philosophischen Gefühlssystematiken. So finden sich in diesem Buch Abhandlungen über Achtung, Angst, Ekel, Zorn, Liebe oder Traurigkeit. Jeder Abschnitt versteht sich als Einführung in die Problematik des jeweiligen Gefühls, sie alle sind auch für philosophische Nicht-Profis verstehbar. Zum Glück.

Und Theatermenschen? Über die Bedeutung der Gefühle für das Spielen und Rezipieren von Theater und die ästhetische Erfahrung überhaupt ist viel geschrieben worden. (Doris Kolesch hat letztes Jahr ein ausgesprochen aufschlussreiches Buch vorgelegt: "Theater der Emotionen. Ästhetik und Politik zur Zeit Ludwigs XIV.", Campus Verlag) Mit Demmerlings und Landwehrs Band hat man jetzt eine Grammatik der Gefühle zur Hand, die deren Sprache in präzise Begrifflichkeiten übersetzt. Die Gefühle werden damit als eine "Art des Denkens" (Musil) etabliert und nicht als Denk- und Handlungsbarrieren betrachtet. Der Mensch denkt und handelt in Gefühlen, und Gefühle sind Werkzeuge des Denkens wie des Handelns. Das Theater hat dies im Grunde schon immer gewusst.

 

Christoph Demmerling/Hilge Landwehr:
Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn.
Verlag J.B. Metzler Stuttgart Weimar 2007. 338 Seiten.
29, 95 Euro.

www.metzlerverlag.de

 

 
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