Aus dem Totenreich

von Sarah Heppekausen

Essen, 21. Januar 2010. Das Wort "Transit" hat fürs Schauspiel Essen spielzeitübergreifende Bedeutung. "Menschen sind in Bewegung… Auch diese Region ist in Bewegung", heißt es in der aktuellen Spielzeit-Zeitung. Autoren von Lutz Hübner bis Nuran David Calis haben darin Kurztexte zum Thema Unterwegssein verfasst. Anna Seghers hat 1944 einen Roman unter dem Titel"Transit" veröffentlicht, kein Wunder also, dass Anselm Weber den auf seinen Spielplan setzt, ist dessen Name doch offensichtlich Programm.

Der Autor Reto Finger hat "Transit" dramatisiert, die aus der Ich-Perspektive erzählte (und autobiografisch gefärbte) Geschichte über das Schicksal der Hitler-Flüchtlinge schlüssig auf 22 Szenen gekürzt, die Figuren auf zehn reduziert. Nur für die empathische Langeweile, die sich beim Lesen des Romans einstellt, für das miterlebte Warten, das sich über Worte und Sätze hinzieht, bleibt in der dialogisierten Fassung kaum Zeit. Die fluchtartige Bewegung, über die im Roman bloß rückblickend erzählt wird und die sich dadurch manchmal bis ins Unerträgliche verlangsamt, beschleunigt sich in der gesprochenen Rede automatisch.

Wenn die Toten erwachen

Was der Text allein nicht leisten kann, übernehmen die Schauspieler: die haben Zeit, nicht im Gespräch, sondern im Agieren. Und die Handlung ist schließlich das entscheidende, wie Transitär Seidler erklärt, sie verrät immer das, was einem am wichtigsten ist. Im Schneckentempo werden die kostbaren Kaffeebohnen in der Mühle gedreht, regungslos wird in der Schlange beim Konsul wegen der notwendigen Ausreisepapiere angestanden oder am Tisch gesessen und – gewartet.

Dabei ist doch sowieso schon alles zu spät. Die Menschen um Seidler herum sind längst tot. Im Prolog hat der Protagonist vom angeblichen Untergang des Schiffs "Montreal" erzählt. Alles, was folgt, ist Retrospektive. Mit leichenweißer Haut und rotgeränderten Augen kommen sie also auf die Bühne: Paul Strobel, Seidlers ehemaliger Mithäftling im Arbeitslager; Marie, in die sich Seidler verlieben wird; der Arzt, Maries Geliebter; der Kapellmeister und die Patronne. Sie alle wollen nichts anderes als fort aus Marseille, per Schiff vor den Nazis fliehen. Aber ihre Kleider sind schon ausgebleicht (Kostüme Meentje Nielsen), ihre Koffer abgewetzt und eingestaubt. Wie aus einem versunkenen Schiffswrack geborgen sehen die aus (Bühne Patrick Bannwart).

Mit Doggen sprechen

Obwohl Regisseur Anselm Weber – wie in seiner Inszenierung von Biljana Srbljanoviçs Barbelo, von Hunden und Kindern – wirkungsvoll eine elegische Atmosphäre erzeugt, bedient er diesmal doch allzu deutlich das Bild vom Schattenreich, von Schiffbrüchigen, die nicht mehr hin- und herschwanken zwischen Leben und Tod, sondern den Hades längst betreten haben. In dieser hoffnungslos verblassten Welt ist ein erbitterter Kampf ums Visum nicht mehr glaubwürdig.

Wie ermunternd ist da Katharina Lindners Patronne, die mit durchaus grotesken Zügen aus dieser Bedrücktheit auch mal ausbricht, die hysterisch lacht und mit videoprojizierten Doggen spricht. Auch so kann Verzweiflung aussehen.

Heiko Ruprechts rosiger Seidler fällt auf zwischen den gespenstergleichen Blassgesichtern. Trotzdem bleibt der einzig Lebendige auf dieser Bühne im Vergleich zu den anderen Figuren kontur-, besser gesagt charakterlos und trifft damit Anna Seghers' Anlage ihres anonymen Ich-Erzählers ziemlich genau. Denn der ist mehr Konstrukt als Person, ein Umherirrender ohne Ziel. Ruprechts Seidler packt gerne zu, greift Hände und Koffer, als könne er so sein Ich identifizieren, das mehrere Namen trägt. Aber letztendlich entgleitet ihm alles. Auch das Schiff, das sinken wird.

Mit "Transit" zeigt Weber seine letzte eigene Inszenierung am Schauspiel Essen. Im Sommer wechselt er ans Bochumer Schauspielhaus. Er bleibt in Bewegung, Hauptsache ohne Schiffbruch.

 

Transit
nach dem Roman von Anna Seghers in einer Bearbeitung von Reto Finger
Regie: Anselm Weber, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Meentje Nielsen, Musik: Cornelius Borgolte, Video: Bibi Abel / Danny Dupont.
Mit: Heiko Ruprecht, Nadja Robiné, Roland Riebeling, Roland Bayer, Katharina Lindner, Fritz Fenne.

www.theater-essen.de


Mehr zu Anselm Weber in unserem Archiv: Zuletzt besprach nachtkritik.de Webers Inszenierung von Lutz Hübners Nachtgeschichte im September 2009.

 

Kritikenrundschau

Stefan Keim berichtet in Fazit auf Deutschlandradio (22.1.2010) über die "Heimatlosigkeit" der "Leute ganz unten" in "Transit". Den Flüchtlingen in Marseille zerfließe die Wirklichkeit allmählich. Ganz "ausgezeichnet" sei es Reto Finger gelungen, das "wirklich dicke Buch" von Anna Seghers auf die Bühne zu übersetzen. Er habe sich weniger auf die Einzelschicksale als auf die Situation der Flüchtlinge konzentriert, auf den "Kampf mit der Bürokratie" um die Ausreisevisa, die immer wieder verfallen, und auf den "Verlust der Wirklichkeit". Ganz großartig beschwöre Anselm Weber auf der Bühne aus staub und Koffern eine surreale, fast schon kafkaeske Atmosphäre. Eine sehr dichte Aufführung, die von einem großartigen Ensemble getragen werde und die einem ohne jede Aktualisierung deutlich mache, "wie Flüchtlinge sich heute fühlen".

Reto Fingers Stück "Transit" nach Anna Seghers sei "ein Stück über die lähmende Stagnation des Wartens", schreibt Dirk Aschendorf auf dem Portal Der Westen (24.1.2010). Fingers Kürzungen funktioniere durchaus, auf der Strecke bleibe allerdings "das literarische Warten", dass Seghers' Roman so "meisterhaft" schildere. "Weber zieht die Szenen geschickt in knapp zwei Stunden zusammen, zeigt eine Gesellschaft der Toten" und deute "das epische Warten (...) durch zeitlupenhafte Sequenzen an". Das Ensemble um Heiko Ruprecht und Nadja Robiné forme er dabei "zum packend-gespenstischen Kosmos einer Schattengesellschaft".

Für Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (26.1.2010) ist es "eine sehr leise, unglamouröse, fast schwermütige Arbeit, ganz im Dienst der Sache". Patrick Bannwart habe dafür "eine eindrucks- und stimmungsvolle Bühne eingerichtet", die an "ein Schattenreich" erinnert. Weber finde für den "verzweifelten Transitzustand", für diese "surreale Situation, die man natürlich sofort ins Heute weiterdenkt (wer steht nicht alles vor der Festung Europa Schlange!), dichte, atmosphärische, ganz und gar unmodische Bilder, die man freilich, je länger die Warterei dauert, auch aussitzen muss". Der Autor Reto Finger habe den Stoff "plausibel gekürzt und auf zehn Prototypen reduziert". Die Hauptfigur Seidler spiele Heiko Ruprecht, "der mit seinem frischen Teint und seiner unverbrauchten, naiv zupackenden Art als Tatmensch aus der grauen Lemurenschar hervorsticht". Spiel- und Dialogszenen schienen sich lediglich "in seiner Erinnerung abzuspielen – die anderen wirken darin wie Kopfspukgestalten". Dass die Darsteller "in dieser kargen Totenreichszenerie ihre Empfindungen oft stark markieren", stört Dössel "ein bisschen". Toll aber sei, "wie bruchlos sie eine Szene in die nächste fließen lassen, und wie dabei (...) ein Gefühl von Heimatlosigkeit und Entwurzelung entsteht".

 

 
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