It's the gender stupid!

von Stefan Bläske

Wien, 22. Januar 2010. So schwarz hat man Othello wohl noch nie gesehen. Gleich zu Beginn: Ein Black. Stockfinstre Nacht im ganzen Saal. Nichts ist mehr zu erkennen, außer den kleinen Sternen am Firmament. Und dunkel bleibts, die Hand vorm Auge nicht zu sehen. Eine zischelnde Verschwörung, ein nächtlicher Skandal – die ersten Szenen sind komplett in Schwarz getaucht.

Dann Licht, gleißendes Licht, und ein Tableau Vivant vor schwarzer Wand. Man ist beim Dogen von Venedig, es geht um Staatsgeschäfte, um Zypern, um Othello und Desdemona. Die beiden stehen schon da, noch abgewendet, mit dem Rücken zum Publikum. Desdemona in strahlend weißem Brautkleid, und Othello so schwarz, dass er fast mit der Wand verschmilzt.

Othello von Heinrich Hoffmann

Sein Auftritt, sein langsames Umdrehen wird zelebriert: Joachim Meyerhoff ist ins Tintenfass gefallen, ein kohlpechrabenschwarzer Mohr. Er trägt schwarzen Anzug und goldene Accessoires: Uhr, Kettchen, und eine Kojak-Brille auf dem kahlen Kopf. Das Gold, das Weiß der Augen, das Rot der Zunge – alles blitzt und funkelt. Othello wird zum Schauobjekt, in seiner anfänglichen Zurückhaltung und Steifheit fast zur Schaufensterpuppe. Die Mode: Black is beautiful! Und Schwarz, das ist zunächst nur (k)eine Farbe.

Im Spiel aber wird Schwarz zu mehr. Meyerhoff spricht langsam, mit gesenkter Stimme, tief aus dem Bauch heraus und mit Vibratorkehlkopf, brummt wie ein Tier. Ein Bär vielleicht, oder ein Panther, mit dem weichen Gang geschmeidig starker Schritte. Wenn dann die Eifersucht entflammt und seine Ruhe hin ist, wandelt sich seiner Glieder angespannte Stille in einen wilden, zuckenden Leib, und zuletzt pirscht sich der Schwarze als Klischee des "Wilden", gänzlich nackt und mit gezücktem Messer, an die schlafende Desdemona heran, vor geplantem Mord und Leichenfick noch Äste sammelnd, Feuer machend.

Das ist alles eindrucksvoll gespielt. Aber wie ist’s zu verstehen? Der weiße Mann, der angemalt den Schwarzen spielt, als "Primitiven"? Kann’s so gedacht sein? Mag man derart zurückgehen hinter bisherige Interpretationen, und hinter jene Inszenierung, die zeitgleich zur Wiener Premiere in Zürich aufgeführt und 2009 mit dem Impulse-Preis ausgezeichnet worden ist? Gintersdorfer/Klaßen haben Fremdheit und kulturelle Differenz klug reflektiert, haben auch aus afrikanischer Perspektive gefragt: Othello c'est qui?

Jan Bosse hat dies offenkundig weniger interessiert. Stattdessen verlagert er das Interesse von "race" auf "gender". Nicht durch eine Othello-Darstellerin wie zuletzt bei Jette Steckel am Berliner Deutschen Theater, sondern durch eine klare Botschaft: "Woman is the nigger of the world".

Yoko Ono und John Lennon haben diesen Song geschrieben. Desdemona, Emilia und Bianca, die Frauen von Othello, Jago und Cassio, singen ihn – in einer großen Hängematte schaukelnd – gemeinsam. Und haben guten Grund dazu, denn sie sind alle Opfer: der Eifersucht, Karrieregeilheit und Ignoranz ihrer Männer. Während Bianca und Desdemona anfangs noch vom Liebesglück träumen dürfen, ist Emilia lange schon in der treulosen Realität angekommen. Minutenlang heftet sie Blicke auf ihren Mann, die eine ganze gescheiterte Beziehungsgeschichte erzählen.

Peters-Power aus Schmerz geboren

Caroline Peters macht aus Emilia die für mich spannendste Figur dieser Inszenierung. Sie ist dauernd präsent, verfolgt so vieles, aber oft bleibt offen, was davon sie hört, begreift, goutiert. Mitunter bewegt sie sich wie eine Puppe mit Haaren so unvergleichlich blond und kraus, und diesen Augen! Wie wach die sind, und was da alles aufblitzt: Neugier und Langeweile, Liebesbedürfnis und Enttäuschung, Leid, Verachtung, Ekel. Wie Waffen wirken ihre Blicke, wenn sie sie auf Jago wirft.

Peters' Emilia hat so viel Power, aus Schmerz geboren, dass sie Othello am Ende als einzige Paroli bietet. Sein blutiges Messer an ihrem Hals schleudert sie ihm aufrecht, energisch, mitten ins Gesicht: "Du hast nicht halb so viel Kraft mich zu verletzen, wie ich habe einzustecken."

Diese Kraft vor allem ist's, die durch die dreieinhalbstündige Inszenierung trägt. Inhaltlich wie schauspielerisch. Womit nun keineswegs die anderen darstellerischen Leistungen geschmälert seien. Jagos (Edgar Selges) unverschämt souveräne Virtuosität des Sich-Verstellens etwa, Cassios (Markus Meyers) Verzweiflung ob der eigenen Trunkenheit, oder der spannungsreiche Inter-Essens-Konflikt zwischen Othello und Desdemona (Katharina Lorenz) in der wunderbaren Szene einer Ehe, beim Candle-Light-Lunch inklusive Hühnchenrupfen.

Wunderschöne Zerstörung

Beeindruckend ist vor allem auch die Bühne. Das Black am Anfang, und bald darauf ein Special-Effect: ein Windmaschinen-Sturm im Zuschauerraum. Die schwarze Wellblechwand bricht krachend in sich zusammen und gibt die Bühne frei. Zypern als Schlachtfeld, auf dem man sich’s – nun in Uniform und olivgrünem Dressing – einzurichten sucht, Zerstörung und Neuanfang dicht beieinander. Frühlingsgrüne Äste sprießen zwischen Trümmern ehemaliger Häuslichkeit, Papierfetzen, dunkle Erde und weiße Federn überziehen den Boden, Rauch und Lichtkegel den Raum. Selten war Zerstörung so schön anzuschauen.

Vieles ist schön an dieser Inszenierung. Einiges vielleicht ein bisschen zu schön, zu sehr auf den Effekt zielend, zu nah am Kitsch (nicht nur Othellos Seitensprung-Phantasie). Aber warum nicht auch mal solche Hollywood-Elemente ausprobieren? Einen Oscar gibt’s auf jeden Fall: der geht an die Maske – fürs Ganzkörperschwärzen von Joachim Meyerhoff.

 

Othello
von William Shakespeare
Übersetzung und Fassung des Burgtheaters von Gabriella Bußacker und Jan Bosse Regie: Jan Bosse, Bühnenbild: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno P. Jiri Kraehahn, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Gabriella Bußacker.
Mit: Joachim Meyerhoff, Edgar Selge, Katharina Lorenz, Caroline Peters, Markus Meyer, André Meyer, Adina Vetter, Rudolf Melichar, Branko Samarovski.

www.burgtheater.at

 

Mehr zu Jan Bosse in unserem Glossar. Andere Othello-Aufführungen: die von Manuel Schöbel inszenierte in Freiberg vom März 2008; die Frankfurter Inszenierung von Simone Blattner aus dem März 2009 und die von Peter Sellars bei den Wiener Festwochen im Juli 2009 mit Philip Seymour Hoffmann als Jago. Die jüngste von uns besprochene "Othello"-Inszenierung stammt von Jette Steckel, die die Titelrolle in Berlin mit Susanne Wolf besetzte.


Kritikenrundschau

Eindeutig mit zuviel Schuhcreme im Gesicht habe Jan Bosse diesen "Othello" inszeniert, so Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (25.1.). Meyerhoff gebe den Pimp von Venedig mit goldener Bling-Bling-Armbanduhr, Zuhälter-Sonnenbrille und breitem Minstrelshow-Grinsen. "Die gutturale Sprachmelodie, die selbstgenießerische Geschmeidigkeit seiner Bewegungen - die Klischees hängen so schwer an ihm wie die reifen Früchte an einem Affenbrotbaum." Die provozierende Nonchalance, mit der Othello seine Pranke auf die Senatorentochter Desdemona lege, sei Teil einer gut einstudierten Rolle, und die These vom labilen Ego des schwarzen Generals bleibe eine kokette Theaterbehauptung, die sich nicht mit Realität auflädt. Meyerhoffs "Othello gerät zur selbstverliebten Othello-Parodie". Wer freudig auf die Wiederaufnahme der gloriosen Zusammenarbeit von Jan Bosse, Joachim Meyerhoff und Edgar Selge gehofft habe, werde herb enttäuscht.


Die Unterzeile der Rezension von Martin Lhotzky in der Frankfurtert Allgemeinen Zeitung (25.1.) verrät schon alles: "Shakespeare gesucht, Pinsel gefunden." Schwarz sei die Farbe des Abends, und "kaum ein Kalauer über diese Haut-Farbe wird ausgelassen." Der beste Einfall dieser Inszenierung komme gleich am Anfang. "Der Sturm, per Windmaschinen aus dem Pausenraum, der dramenintern die türkische Flotte zerstreut, zerzaust nicht nur das Publikum, sondern fegt auch die venezianischen Wellblechhütten davon." Das sei aber auch das erste Missverständnis: "man verwechsele zuweilen den 'Sturm' und den 'Mohr von Venedig'. Edgar Selges Jago sei schauspielerisch das Gegenteil von Meyerhoffs Othello, und doch ergänzen sich die beiden zum magischen Zentrum der Inszenierung. "Aber zwei Glanzleistungen machen noch lang keine glänzende Tragödie; umso tragischer, dass Bosses fahrige Aufführung zu den besseren Shakespeare-Abenden des Burgtheaters in letzter Zeit gerechnet werden muss. Doch bekanntlich ist das Bessere der Feind des Guten - und wir hätten doch so gerne endlich etwas Gutes gesehen." Dabei mangele es nicht an geistreichen Einfällen. "Da eine Nebenszene, hier ein Witzchen, dort eine Staubfontäne - so lustig war Othello noch nie. Aber auch noch nie so zerstreut."


Im Zwiegespräch mit Jago, der ihm den Eifersuchtswahn in die Seele träufelt, platze Othello der Zivilisationskragen: "Die Finger rupfen hastig Fleisch vom Knochen, die Augen werden irr, sein Gang ist eckig. Othello, der Seelenverschattete, kippt aus den Fugen seiner Welt." Damit sei er nicht allein. "Alles wankt und fällt an diesem Abend", schreibt Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau (25.1.). Othello ist bei Bosse nicht der wunderlich Fremde in feinen venezianischen Kreisen, "er ist das Epizentrum einer implodierenden Gesellschaft". Keiner weiß hier, worauf Verlass, wem zu trauen ist. Jedes Wort könnte Lüge, jeder Blick ein falsches Versprechen sein" - das ist, das soll auch unsere Welt sein, eine halt- und zukunftslose Gesellschaft, in der alle an allen vorbeireden." Kostümbildnerin Kathrin Plath habe Othello schwarz gemacht. "Dieser schwarze Mann aber trägt seine Hautfarbe nur als äußeres, in seiner Überdeutlichkeit sich selbst karikierendes Kennzeichen einer Andersheit, die jeden betrifft - fremd sind sich hier alle." Fazit: Ein düstres Bild unserer Zeit, in glänzender Besetzung.


Trotz einiger Längen eine bezwingende Leistung, so Ronald Pohl im Wiener Standard (25.1.). Selge gebe Jago als "Säure verspritzenden Freigeist, einen Studienrat im Stangensakko, der mit gelichtetem Haarschopf Intrigen wie Sprengladungen anbringt". Den Rassismus aber muss Jago nicht erfinden. Meyerhoffs Othello "ist bloß das exakte Spiegelbild jener Vorbehalte, die ihn zum Exoten stempeln." Meyerhoff sei das Rätsel "dieses vielfach unfertigen, manchmal auch stockenden Abends: In seiner Geschmeidigkeit wähnt man die Stereotype einer gelingenden, in Wahrheit bloß behaupteten Integration wiederzuerkennen." Der undurchdringliche Nervenschauspieler balanciere auf schmalem Hochgrat, stürze sich aus der Rolle des "kultivierten Zentraleuropäers" hinunter in das epileptische Elend des rasenden Mohrs. Jago sitze derweil wie ein böser Spielleiter in der ersten Reihe fußfrei, mäkelt und motzt und gießt Säure nach. Fazit: "Bosse gelingen Szenen von erschütternder Nachhaltigkeit."


Jan Bosse sei es gelungen, seine Othello-Inszenierung völlig von der, vielen Wienern noch in seliger Erinnerung befindlichen Inszenierung von George Tabori mit Gert Voss und Ignaz Kirchner von 1990 abzusetzen, schwärmt Barbara Petsch in der Wiener Tageszeitung Die Presse (24.1.). Zwar vermisst sie an Edgar Selge das Böse und Dämonische und findet, dass an manchen Stellen der Abend durchhängt, den sie jedoch grundsätzlich als originellen, intelligenten Wurf lobt. Joachim Meyerhoff als Othello jedoch findet die Kritikerin in jeder Phase wunderbar. "Es gab einige Abgänge bei der Premiere, und manche seufzten: Regietheater. Ja, aber da, wo es am sinnvollsten ist, nämlich zeitgemäße und interessante Sichtweisen auf ein wahrhaft zu Tode gedroschenes Stück zu ermöglichen. Schön ist auch, dass die Liebesgeschichte nicht ironisiert wird, sondern dass sie sich so heiß, tragisch, wie sie ist, weitgehend wirklich ereignet."

 

 
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