It's the gender stupid!

von Stefan Bläske

Wien, 22. Januar 2010. So schwarz hat man Othello wohl noch nie gesehen. Gleich zu Beginn: Ein Black. Stockfinstre Nacht im ganzen Saal. Nichts ist mehr zu erkennen, außer den kleinen Sternen am Firmament. Und dunkel bleibts, die Hand vorm Auge nicht zu sehen. Eine zischelnde Verschwörung, ein nächtlicher Skandal – die ersten Szenen sind komplett in Schwarz getaucht.

Dann Licht, gleißendes Licht, und ein Tableau Vivant vor schwarzer Wand. Man ist beim Dogen von Venedig, es geht um Staatsgeschäfte, um Zypern, um Othello und Desdemona. Die beiden stehen schon da, noch abgewendet, mit dem Rücken zum Publikum. Desdemona in strahlend weißem Brautkleid, und Othello so schwarz, dass er fast mit der Wand verschmilzt.

Othello von Heinrich Hoffmann

Sein Auftritt, sein langsames Umdrehen wird zelebriert: Joachim Meyerhoff ist ins Tintenfass gefallen, ein kohlpechrabenschwarzer Mohr. Er trägt schwarzen Anzug und goldene Accessoires: Uhr, Kettchen, und eine Kojak-Brille auf dem kahlen Kopf. Das Gold, das Weiß der Augen, das Rot der Zunge – alles blitzt und funkelt. Othello wird zum Schauobjekt, in seiner anfänglichen Zurückhaltung und Steifheit fast zur Schaufensterpuppe. Die Mode: Black is beautiful! Und Schwarz, das ist zunächst nur (k)eine Farbe.

Im Spiel aber wird Schwarz zu mehr. Meyerhoff spricht langsam, mit gesenkter Stimme, tief aus dem Bauch heraus und mit Vibratorkehlkopf, brummt wie ein Tier. Ein Bär vielleicht, oder ein Panther, mit dem weichen Gang geschmeidig starker Schritte. Wenn dann die Eifersucht entflammt und seine Ruhe hin ist, wandelt sich seiner Glieder angespannte Stille in einen wilden, zuckenden Leib, und zuletzt pirscht sich der Schwarze als Klischee des "Wilden", gänzlich nackt und mit gezücktem Messer, an die schlafende Desdemona heran, vor geplantem Mord und Leichenfick noch Äste sammelnd, Feuer machend.

Das ist alles eindrucksvoll gespielt. Aber wie ist’s zu verstehen? Der weiße Mann, der angemalt den Schwarzen spielt, als "Primitiven"? Kann’s so gedacht sein? Mag man derart zurückgehen hinter bisherige Interpretationen, und hinter jene Inszenierung, die zeitgleich zur Wiener Premiere in Zürich aufgeführt und 2009 mit dem Impulse-Preis ausgezeichnet worden ist? Gintersdorfer/Klaßen haben Fremdheit und kulturelle Differenz klug reflektiert, haben auch aus afrikanischer Perspektive gefragt: Othello c'est qui?

Jan Bosse hat dies offenkundig weniger interessiert. Stattdessen verlagert er das Interesse von "race" auf "gender". Nicht durch eine Othello-Darstellerin wie zuletzt bei Jette Steckel am Berliner Deutschen Theater, sondern durch eine klare Botschaft: "Woman is the nigger of the world".

Yoko Ono und John Lennon haben diesen Song geschrieben. Desdemona, Emilia und Bianca, die Frauen von Othello, Jago und Cassio, singen ihn – in einer großen Hängematte schaukelnd – gemeinsam. Und haben guten Grund dazu, denn sie sind alle Opfer: der Eifersucht, Karrieregeilheit und Ignoranz ihrer Männer. Während Bianca und Desdemona anfangs noch vom Liebesglück träumen dürfen, ist Emilia lange schon in der treulosen Realität angekommen. Minutenlang heftet sie Blicke auf ihren Mann, die eine ganze gescheiterte Beziehungsgeschichte erzählen.

Peters-Power aus Schmerz geboren

Caroline Peters macht aus Emilia die für mich spannendste Figur dieser Inszenierung. Sie ist dauernd präsent, verfolgt so vieles, aber oft bleibt offen, was davon sie hört, begreift, goutiert. Mitunter bewegt sie sich wie eine Puppe mit Haaren so unvergleichlich blond und kraus, und diesen Augen! Wie wach die sind, und was da alles aufblitzt: Neugier und Langeweile, Liebesbedürfnis und Enttäuschung, Leid, Verachtung, Ekel. Wie Waffen wirken ihre Blicke, wenn sie sie auf Jago wirft.

Peters' Emilia hat so viel Power, aus Schmerz geboren, dass sie Othello am Ende als einzige Paroli bietet. Sein blutiges Messer an ihrem Hals schleudert sie ihm aufrecht, energisch, mitten ins Gesicht: "Du hast nicht halb so viel Kraft mich zu verletzen, wie ich habe einzustecken."

Diese Kraft vor allem ist's, die durch die dreieinhalbstündige Inszenierung trägt. Inhaltlich wie schauspielerisch. Womit nun keineswegs die anderen darstellerischen Leistungen geschmälert seien. Jagos (Edgar Selges) unverschämt souveräne Virtuosität des Sich-Verstellens etwa, Cassios (Markus Meyers) Verzweiflung ob der eigenen Trunkenheit, oder der spannungsreiche Inter-Essens-Konflikt zwischen Othello und Desdemona (Katharina Lorenz) in der wunderbaren Szene einer Ehe, beim Candle-Light-Lunch inklusive Hühnchenrupfen.

Wunderschöne Zerstörung

Beeindruckend ist vor allem auch die Bühne. Das Black am Anfang, und bald darauf ein Special-Effect: ein Windmaschinen-Sturm im Zuschauerraum. Die schwarze Wellblechwand bricht krachend in sich zusammen und gibt die Bühne frei. Zypern als Schlachtfeld, auf dem man sich’s – nun in Uniform und olivgrünem Dressing – einzurichten sucht, Zerstörung und Neuanfang dicht beieinander. Frühlingsgrüne Äste sprießen zwischen Trümmern ehemaliger Häuslichkeit, Papierfetzen, dunkle Erde und weiße Federn überziehen den Boden, Rauch und Lichtkegel den Raum. Selten war Zerstörung so schön anzuschauen.

Vieles ist schön an dieser Inszenierung. Einiges vielleicht ein bisschen zu schön, zu sehr auf den Effekt zielend, zu nah am Kitsch (nicht nur Othellos Seitensprung-Phantasie). Aber warum nicht auch mal solche Hollywood-Elemente ausprobieren? Einen Oscar gibt’s auf jeden Fall: der geht an die Maske – fürs Ganzkörperschwärzen von Joachim Meyerhoff.

 

Othello
von William Shakespeare
Übersetzung und Fassung des Burgtheaters von Gabriella Bußacker und Jan Bosse Regie: Jan Bosse, Bühnenbild: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno P. Jiri Kraehahn, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Gabriella Bußacker.
Mit: Joachim Meyerhoff, Edgar Selge, Katharina Lorenz, Caroline Peters, Markus Meyer, André Meyer, Adina Vetter, Rudolf Melichar, Branko Samarovski.

www.burgtheater.at

 

Mehr zu Jan Bosse in unserem Glossar. Andere Othello-Aufführungen: die von Manuel Schöbel inszenierte in Freiberg vom März 2008; die Frankfurter Inszenierung von Simone Blattner aus dem März 2009 und die von Peter Sellars bei den Wiener Festwochen im Juli 2009 mit Philip Seymour Hoffmann als Jago. Die jüngste von uns besprochene "Othello"-Inszenierung stammt von Jette Steckel, die die Titelrolle in Berlin mit Susanne Wolf besetzte.


Kritikenrundschau

Eindeutig mit zuviel Schuhcreme im Gesicht habe Jan Bosse diesen "Othello" inszeniert, so Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (25.1.). Meyerhoff gebe den Pimp von Venedig mit goldener Bling-Bling-Armbanduhr, Zuhälter-Sonnenbrille und breitem Minstrelshow-Grinsen. "Die gutturale Sprachmelodie, die selbstgenießerische Geschmeidigkeit seiner Bewegungen - die Klischees hängen so schwer an ihm wie die reifen Früchte an einem Affenbrotbaum." Die provozierende Nonchalance, mit der Othello seine Pranke auf die Senatorentochter Desdemona lege, sei Teil einer gut einstudierten Rolle, und die These vom labilen Ego des schwarzen Generals bleibe eine kokette Theaterbehauptung, die sich nicht mit Realität auflädt. Meyerhoffs "Othello gerät zur selbstverliebten Othello-Parodie". Wer freudig auf die Wiederaufnahme der gloriosen Zusammenarbeit von Jan Bosse, Joachim Meyerhoff und Edgar Selge gehofft habe, werde herb enttäuscht.


Die Unterzeile der Rezension von Martin Lhotzky in der Frankfurtert Allgemeinen Zeitung (25.1.) verrät schon alles: "Shakespeare gesucht, Pinsel gefunden." Schwarz sei die Farbe des Abends, und "kaum ein Kalauer über diese Haut-Farbe wird ausgelassen." Der beste Einfall dieser Inszenierung komme gleich am Anfang. "Der Sturm, per Windmaschinen aus dem Pausenraum, der dramenintern die türkische Flotte zerstreut, zerzaust nicht nur das Publikum, sondern fegt auch die venezianischen Wellblechhütten davon." Das sei aber auch das erste Missverständnis: "man verwechsele zuweilen den 'Sturm' und den 'Mohr von Venedig'. Edgar Selges Jago sei schauspielerisch das Gegenteil von Meyerhoffs Othello, und doch ergänzen sich die beiden zum magischen Zentrum der Inszenierung. "Aber zwei Glanzleistungen machen noch lang keine glänzende Tragödie; umso tragischer, dass Bosses fahrige Aufführung zu den besseren Shakespeare-Abenden des Burgtheaters in letzter Zeit gerechnet werden muss. Doch bekanntlich ist das Bessere der Feind des Guten - und wir hätten doch so gerne endlich etwas Gutes gesehen." Dabei mangele es nicht an geistreichen Einfällen. "Da eine Nebenszene, hier ein Witzchen, dort eine Staubfontäne - so lustig war Othello noch nie. Aber auch noch nie so zerstreut."


Im Zwiegespräch mit Jago, der ihm den Eifersuchtswahn in die Seele träufelt, platze Othello der Zivilisationskragen: "Die Finger rupfen hastig Fleisch vom Knochen, die Augen werden irr, sein Gang ist eckig. Othello, der Seelenverschattete, kippt aus den Fugen seiner Welt." Damit sei er nicht allein. "Alles wankt und fällt an diesem Abend", schreibt Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau (25.1.). Othello ist bei Bosse nicht der wunderlich Fremde in feinen venezianischen Kreisen, "er ist das Epizentrum einer implodierenden Gesellschaft". Keiner weiß hier, worauf Verlass, wem zu trauen ist. Jedes Wort könnte Lüge, jeder Blick ein falsches Versprechen sein" - das ist, das soll auch unsere Welt sein, eine halt- und zukunftslose Gesellschaft, in der alle an allen vorbeireden." Kostümbildnerin Kathrin Plath habe Othello schwarz gemacht. "Dieser schwarze Mann aber trägt seine Hautfarbe nur als äußeres, in seiner Überdeutlichkeit sich selbst karikierendes Kennzeichen einer Andersheit, die jeden betrifft - fremd sind sich hier alle." Fazit: Ein düstres Bild unserer Zeit, in glänzender Besetzung.


Trotz einiger Längen eine bezwingende Leistung, so Ronald Pohl im Wiener Standard (25.1.). Selge gebe Jago als "Säure verspritzenden Freigeist, einen Studienrat im Stangensakko, der mit gelichtetem Haarschopf Intrigen wie Sprengladungen anbringt". Den Rassismus aber muss Jago nicht erfinden. Meyerhoffs Othello "ist bloß das exakte Spiegelbild jener Vorbehalte, die ihn zum Exoten stempeln." Meyerhoff sei das Rätsel "dieses vielfach unfertigen, manchmal auch stockenden Abends: In seiner Geschmeidigkeit wähnt man die Stereotype einer gelingenden, in Wahrheit bloß behaupteten Integration wiederzuerkennen." Der undurchdringliche Nervenschauspieler balanciere auf schmalem Hochgrat, stürze sich aus der Rolle des "kultivierten Zentraleuropäers" hinunter in das epileptische Elend des rasenden Mohrs. Jago sitze derweil wie ein böser Spielleiter in der ersten Reihe fußfrei, mäkelt und motzt und gießt Säure nach. Fazit: "Bosse gelingen Szenen von erschütternder Nachhaltigkeit."


Jan Bosse sei es gelungen, seine Othello-Inszenierung völlig von der, vielen Wienern noch in seliger Erinnerung befindlichen Inszenierung von George Tabori mit Gert Voss und Ignaz Kirchner von 1990 abzusetzen, schwärmt Barbara Petsch in der Wiener Tageszeitung Die Presse (24.1.). Zwar vermisst sie an Edgar Selge das Böse und Dämonische und findet, dass an manchen Stellen der Abend durchhängt, den sie jedoch grundsätzlich als originellen, intelligenten Wurf lobt. Joachim Meyerhoff als Othello jedoch findet die Kritikerin in jeder Phase wunderbar. "Es gab einige Abgänge bei der Premiere, und manche seufzten: Regietheater. Ja, aber da, wo es am sinnvollsten ist, nämlich zeitgemäße und interessante Sichtweisen auf ein wahrhaft zu Tode gedroschenes Stück zu ermöglichen. Schön ist auch, dass die Liebesgeschichte nicht ironisiert wird, sondern dass sie sich so heiß, tragisch, wie sie ist, weitgehend wirklich ereignet."

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Wiener Othello: VerfremdungseffektSusanne Peschina 2010-01-23 12:22
Die Kritik ist souverän, objektiv und informativ.

Was ich als persönlichen Eindruck hinzufügen möchte, ist, dass über der ganzen Inszenierung so etwas wie ein Verfremdungseffekt liegt. Ich wurde kaum je hineingezogen in das Geschehen, habe aber stets interessiert und oft auch mit "aha - na klar" die vorgeführten Mechanismen einer vorhersehbar schlechten Ehe, eines vorhersehbar Karrierebruches Othellos, eines vorhersehbaren Scheiterns der Karrierebemühungen Jagos mitverfolgt. Sie zeigten alle perfekt, dass es kein Entrinnen aus denen ihnen von der Gesellschaft zugeordneten Positionen gibt.

Ich unterstelle sogar, dass Caroline Peters Emilia deshalb am spannendsten wirkte, weil sie in dieser Inszenierung als Einzige ein Individuum bleibt, eigen- und nicht strukturbestimmt, emotional, weitgehend unabhängig.

Große Tragödie war es keine, aber ein gutgemachter Abend zum Thema "Gesellschaftsstrukturen"
#2 Wiener Othello: Lob für den NachtkritikerJago 2010-01-23 14:47
eine wunderbare Kritik, sehr treffend, sehr genau. hab ich auch so gesehen diesen abend. finde nur, dass hinter dem effekt nicht sehr viel war.
#3 Wiener Othello: warum immer die Rasse diskutieren?Nuthello 2010-01-24 13:30
Ich möchte einmal zu bedenken geben, dass es vielleicht schon rassistisch ist, bei der Figur Othello immer nur das Rassethema auf dem Stand der gegenwärtigen Forschung und Political Correctness diskutieren zu wollen. Warum kann Othello nicht einfach schwarz sein, weil er schwarz ist. Warum darf Meyerhoff nicht mit dem gleichen Recht schwarz angemalt sein, wie ein Schauspieler mit Glatze für eine Rolle eine Perücke bekommt.
#4 Wiener Othello: Erinnert sich keiner an Tabori?Adabei 2010-01-24 13:48
Warum erinnert sich schon jetzt keiner mehr an die Burgtheaterinszenierung von Tabori mit Voss und Kirchner? Warum schreibt keiner um wieviele Dimensionen diese besser war?
#5 Wiener Othello: SystemclownGeorge 2010-01-24 15:23
natürlich war das um klassen besser. es schreibt ja auch niemand was zum tod von zadek, der alles für was zb gosch gefeiert wurde, erfunden hat. das system ist blind und besoffen von sich selbst. bosse ist ein systemclown, der mit schöner maske nette ergebnisse abliefert. egal ob in hamburg, berlin oder wien. das ist alles austauschbar geworden. wichtige prämisse dieser mediokren kunstvernichter: es muss funktionieren.
#6 Bosses Othello: Tabori-Vergleich nützt nixAch Kinder 2010-01-25 11:31
Natürlich war Taboris Othello großartig. Und Zadek war auch mal toll, bevor er Mutter Courage und Hamlet in Berlin inszenierte. Aber soll deswegen jetzt das Theater aufhören? Das System ist nicht blind, sondern Theater ist eine Gegenwartskunst, und einem heute 20-Jährigem nutzt es reichlich wenig, wenn ihm ein 50-Jähriger erzählt, dass man Bosses Othello gar nicht sehen müsse, weil ja der Tabori-Othello so leiwand war. Immerhin ist es schön, wenn der 50-Jährige dem 20-Jährigen was erzählt, und da kommt dann auch ein Gespräch in Gang vielleicht. Doch es bleibt dabei: Theater ist jetzt, und da muss man nicht immer die Aufführungen von Anno Domini heranziehen.
#7 Bosses Othello: elektrisierender Othello in DetmoldZuschauerxyz 2010-01-25 12:04
Richtig: Theater ist jetzt. Und auch auch der Zuschauer (Kritiker) muss das Abenteuer Spiel mitspielen! Das heißt auch folgendes: Dass es zum Beispiel in Detmold eine ganz tolle Othello-Aufführung am Landestheater gibt, die mich total bereichert und elektrisiert hat und immer noch läuft und nicht einfach abgegriffenes Stigmata-Schulbuch-Zeug nachzeichnet (der Ausländer als geeignetes Hass-Objekt einer Gesellschaft AHA), sondern den Schwarzen als gewinnenden Faktor von "Sensation" (Deleuze) unter die Lupe nimmt, also (und zwar als geile Ensemble- und nicht als hoffentlich einsetzende Othello/Jago-Solo-Leistung) das gesellschaftliche Mobile untersucht, in dem jemandem ERFOLG zufällt und wie sich eben die anderen in der Umgebung diesbezüglich aufgerufen fühlen, sich zu vergleichen, in Frage zu stellen bzw. (intrigant) zur Wehr zur setzen bzw. ihren Nutzen abzuzapfen.
#8 Bosses Othello: Sehnsucht nach UmwerfendemSusanne Peschina 2010-01-25 12:11
@5/6
Ich glaube, es geht da nicht um rückwärts gewandte Hommage an Zadek/Tabori/Voss. Es geht um die unsägliche Faszination, die diese Arbeiten ausstrahlen konnten. Sie haben Maßstäbe gesetzt, Limits überschritten, Gesellschaft bewegt.

Das ist, finde ich zumindest, das den heutigen Inszenierungen so fehlt. Kein Burgtheaterbesucher könnte ähnliche theatralische Theaterereignisse in den Bachler-Jahren orten. Es war vieles brav, ordentlich, sehenswert. Nichts je umwerfend.

Aber die Sehnsucht nach solchen Theaterereignissen ist geblieben, denn die Hoffnung stirbt zuletzt.
#9 Bosses Othello: Umwerfendes aus der Bachler-Zeit@Susanne Peschina 2010-01-25 12:50
Sehen Sie, Sie denken zu platt. Viele späte Tabori und Zadek-Inszenierungen hatten für mich gar keine Faszination mehr. (Um Himmels Willen, wie brav war Zadeks "Rosmersholm", wie unendlich bieder, verschlafen und brav ist Peymann doch geworden!) Und mir fallen sehr schnell Theaterereignisse ein, die mich umgeworfen haben und neue Maßstäbe setzen konnten. Kusejs "Weh dem, der lügt", Kriegenburgs "Lulu", Stemanns "Babel", Schlingensiefs "Area 7" und "Mea Culpa" und und und...
Theaterkünstler schaffen es eben, wenn vieles stimmt, eine spezielle gesellschaftliche Situation, eine Stimmung in Aufführungen zu konzentrieren. Da hat aber Konservierung keinen Sinn. Und so wie die Gesellschaft heute zersplitterter ist, breitgefächerter, von mir aus auch unsolidarischer, so werden Sie es heute nur schwer schaffen, diese zersplitterte Gesellschaft in einem Ereignis zu kristalisieren (wie das für den frühen zadek sicher noch möglich war).
Darum: Es gibt eben heute wenig vereinende Theatererlebnisse - weil Sie, wie ich finde, auch nicht möglich sind. Es gibt mehr Einzelmeinungen; Inszenierungen die anders wirken, auf eine andere Art und Weise beschäftigen als ein doch sehr platter Heldenplatz-Skandal. Nur: Das muss ja kein Nachteil sein. Ich lebe eben in einer anderen Welt als Sie (vielleicht auch durch Altersunterschiede?) - und da fasziniert und berührt mich eben Anderes als Sie. Solche Ablöseprozesse sind doch normal.
#10 Bosses Othello: wider die Meinungs-Niederschlag- KeulenSusanne Peschina 2010-01-25 15:29
@9
Platt, bieder, Alterunterschied, ach Gottchen aus einer anderen Welt... die gut bekannten Meinungs-Niederschlag-Keulen! Stereotyp.. schon von Bachler in Publikumsgesprächen verwendet! Die Gescheiteren, Besseren, Jüngeren, die jetzt den Ton angeben! Manchmal so lächerlich eitel, dass man sich das Taschentuch vor das Gesicht halten musste, um nicht laut herauszulachen!

Es ist für Sie schön, dass es in der Bachlerzeit so viele Theaterereignisse gab, die Sie fasziniert und umgeworfen haben. Glück gehabt! Theater des Jahres ist das Burgtheater aber damit nicht geworden, die Einladungen zum Theatertreffen waren gezählt, selbst beim heimischen Nestroy ging das Prädikat "die beste Aufführung" meist nach Deutschland! Zum "ach so sinnlosen" Konservieren hat sich wohl auch wirklich nichts aufgedrängt.
#11 Bosses Othello: Ästhetik und Soziales@Susanne Peschina 2010-01-25 16:11
Um hier ein wenig den beleidigten Tonfall rauszunehmen: Es geht doch nicht um die "Gescheiteren, Besseren, Jüngeren", das habe ich auch nicht angedeutet. Ich habe eher nachgedacht, ob die Sehnsucht nach dem das Publikum einenden Theaterereignis nicht in sich etwas verfehlt ist; und ob so ein Ereignis heute überhaupt denkbar wäre. Außerdem habe ich es gewagt anzudenken, ob nicht gewisse soziale Umstände die Sensucht nach gewissen Ästhetiken hervorrufen. Mit dem von ihnen gelobten Inszenierungen kann ich wenig anfangen, obwohl ich das Theater liebe. Ich glaube nicht, dass alles reine Geschmackssache ist, sondern manchmal auch bedingt durch Erfahrungen, Lebensumstände usw...
#12 Bosses Othello: wenn ich zuhause mit meinem Schrank redederwisch 2010-01-25 17:12
sehr geehrte frau peschina!!
das theater, was sie hier aufführen ist allerdings umwerfend und unvergesslich. ich frage mich nur, was das alles mit dem aktuellen othello zutun hat. aber wenn ich zuhause mit meinem schrank rede, antwortet auch meist nur der stuhl und der schrank steht stumm in der ecke und schweigt.
#13 Bosses Othello: Maßstab für Theatererlebnisseagnes 2010-01-25 20:09
lassen sie die arme frau peschina doch in ruhe! die hat doch schon genug mit dem umstand zu kämpfen, dass das burgtheater nicht theater des jahres geworden ist. und das ist ja nun wirklich _der maßstab für theatererlebnisse!
#14 Bosses Othello: eine Lesart für unsere ZeitFan 2010-01-25 21:55
Also ich fand Bosses Othello großartig. Berührend, ja beklemmend, eine echte Lesart für unsere Zeit. Ein würdiger Nachfolger der Tabori-Inszenierung, die damals geliebt habe! Ganz anders, und genauso treffend. Theater existiert nur in der jeweiligen Zeit, der jeweiligen Gesellschaft, im momentanen Zustand der Welt. Wie gut, dass ich vergleichen kann mit der "alten" Aufführung (in meiner Erinnerung), aber wie gut auch, dass diese nicht noch immer läuft. Ich bin sicher, alle Nostalgie würde sich in Luft auflösen, wenn die Nostalgiker die selbe Arbeit heute nochmal sehen würden. Als kleiner Selbstversuch sei empfohlen: die Dvd von Taboris Othello, die das Burgtheater vertreibt. Viel Spass mit Theater aus einem anderen Jahrhundert!
#15 Bosses Othello: Klarnamen, DVDs etc.Susanne Peschina 2010-01-26 09:51
@11/12
Natürlich ist alles bedingt durch Erfahrungen und auch durch Lebensumstände. Auch durch Begabungen.

Aber aus Ihrem Statement oder gar aus den wirren Vermutungen eines "Derwischs" leuchtet immer die Überzeugung heraus, dass Sie in einem weiteren, objektiveren und mutigeren Blickwinkel sehen. Ihr Mut reicht nicht einmal aus unter Klarnamen zu schreiben, so dass Ihre bessere Ausgangsposition wenigstens ansatzweise zu überprüfen oder einzuordnen ist. Anerzogene Toleranz und höfliche Akzeptanz anderer Sichtweisen werden Sie sich ja hoffentlich nicht einmal selbst unterstellen.

@14:
Zu den Aufzeichnungen auf DVDs ist wohl unbestreitbar festzustellen, dass es sich um ein ganz anderes Medium als Theater handelt. DVD's, Fernsehaufzeichnungen, Filme leben nicht, bleiben absolut unverändert gegenüber dem Aufzeichnungstag. Anders ist es allerdings bei Theateraufführungen, die sich täglich, monatlich und jährlich verändern. Die mit der Zeit mitfließen und sogar reifen, durch Ortswechsel und Umbesetzungen zusätzliche Dynamik und Relevanz gewinnen können.
Persönlich mag ich DVDs nicht und benutze sie nur als Informationsmedium nicht als Ersatz für Theaterbesuche.
#16 Bosses Othello: Gespräch mit einem Stuhlderwisch 2010-01-26 10:46
liebe frau peschina!!

ich hatte heute morgen ein langes gespräch mit meinem stuhl (er war übrigens damals ein requisit auf der bühne von taboris othello) und er riet mir meine anerzogene toleranz walten so lassen. dabei stand der alte schrank in der ecke und lachte nur grimmig. ich werde also dem rat folgen und mich nicht mit ihnen auseinandersetzen.
#17 Bosses Othello: zurück zu Bosses Othello!genervt 2010-01-26 11:03
Leute, bitte! Bosses "Othello" scheint nach der Nachtkritik und einigen Kommentaren doch spannend und kontrovers genug, da müsst ihr hier doch nicht hier eure ollen Kamellen oder womöglich auch noch Möbel durch die Gegend werfen. Kommt doch mal zurück zum Thema!!!

Kommentar schreiben