Narziss und Theorieschwund

von Georg Petermichl

Wien, 29. Januar 2010. Am Ende, so um fünf vor zwölf – also zur Zeit der vorvorletzten Straßenbahn, bekommt der Abend doch noch Effet. Hier ist von "Gesegnet sei mein Leib. Kunst als Egokirche" die Rede, einem Themenabend am Wiener Schauspielhaus, der, vom Schweizer Pop- und Theaterjournalisten Tobi Müller zusammengestellt, sich die Leitfigur des Narzissmus zur Brust nehmen wollte, diesem sagenumwobenen Handlungsmuster in allen Lebens-, Gesellschafts-, und Bühnenlagen des Internet-Zeitalters.

Stichworte: Vereinzelung, Entsozialisierung, Interpassivität der "Generation Kastl-Augen samt Fingerkuppenhornhaut". Und Effet meint hier ganz sportlich, dass der Abend durch eine kleine, magische Fingerübung aus seiner desaströsen Vorwärtsbewegung gekippt werden konnte und sein Ziel – die völlige Entzauberung des darstellerischen Fachs (sei es nun im Alltag oder auf einer der vielen möglichen Bühnen) – verfehlte.

Triebfeder für Blogger und Bühnenstars

Um 23 Uhr 55 hat Joachim Meyerhoff, direkt aus seiner Othello-Performance am Akademietheater kommend, die Vortragsbühne betreten. Er hat deshalb keine Ahnung vom popwissenschaftlichen Laminat, das zuvor von Robert Pfaller (Philosoph/Wien), Doris Knecht (Kolumnistin und Kulturwissenschafterin/Wien) und Müller ausgelegt wurde.

Da sitzt er völlig ahnungslos im braunen Rollkragen-Pulli, Zigarette rauchend auf der sogenannten Nachbarhaus-Bühne des Schauspielhauses, und soll seinen eingeweihten Zuhörern etwas zum "Authentizitätsterror" (Müller) erklären, jener "Sei ganz du selbst"-Zumutung, die in Casting- und Reality-TV-Formaten den Protagonisten abverlangt wird: Triebfeder für Blogger und Poster, außerdem das eventuelle Diktat der Rollenentwicklung für Bühnenstars. Am Besten, lieber Joachim Meyerhoff, auch noch mit Bezug auf Alle Toten fliegen hoch, dieser erfolgreichen autobiografischen Bühnenreihe des Burgtheaterschauspielers.

Sogar die Selbstdarstellung hat Lücken

"Autobiografie ist ein Konstrukt", meint Meyerhoff trocken, seine Stimme macht das unwidersprechbar knackig. Eigentlich sei jeder Mensch ein "müder Verwalter seiner traurigen Erinnerungen". Das Leben lasse sich zusammenkürzen auf 15 Anekdoten. "Und das ist unendlich traurig. Erinnerung hat so was Abgepacktes!" Die Fiktion bietet laut Meyerhoff die einzige Ausflucht aus dieser gelebten Lethargie. Die Liebe zum Detail – sei letzteres nun erfunden oder nicht – wird hier zum einzig befriedigenden Handlungsprimat. Das gilt für Meyerhoff als Schauspieler und hat Auswirkungen auf sein Publikum. "Wir sprechen hier von einer atmosphärischen Wahrheit. Und die ist, glaub ich, okay! Im anderen Kontext als auf der Bühne wär' das böse" – (also die Vermischung von Dokumentarischem und Fiktion.)

Wovon spricht Meyerhoff hier, noch dazu wenn es um die im Titel versprochenen Egokirchen geht? Offensichtlich ist er der einzige unter den Vortragenden, der Authentizität und Narzissmus nicht im zeitgenössischen Widerspruch zu Fiktion sieht. Sogar die Selbstdarstellung hat Lücken, die es aufzufüllen gibt. Und gerade diese Lückenfüllung beherrscht man entweder, oder eben nicht.

Die verlorene Unschuld der Rampe

Genau an diesem Punkt kippt die Themen-Veranstaltung aus ihren Angeln. Das Theaterpublikum ist im Allgemeinen auf der Suche nach Ursprünglichkeit. Gut. Man will also davon überzeugt werden, was der Schauspieler darstellt. Und: das Dargestellte soll möglichst unmittelbar aus einer authentischen Quelle heraussprudeln. Letztlich aber sprießt eine solche Quelle überall dort, wo eine Bühnenproduktion genügend Zuneigung aufbringt, um ein paar läppische Tatsachen mit Fiktion – oder Fleisch, wie es früher hieß – auszustatten. Damit wird Atmosphäre geschaffen: Ein Inhalt der in eine entsprechende Form gebracht wird.

Narzissmus, Egokirche und Co. wird damit zur selben thematischen Spielwiese, wo man sabbernd auf jene authentischen "Bringer" wartet, die vom Publikum unmittelbar aufgesogen, also nachvollzogen werden können. Dieses "Nachempfinden", an dem muss das zeitgenössische Theater arbeiten. Wie Meyerhoff es formuliert, ist die Zeit der Rampensäue oder "Ariensinger" vorbei. Jetzt kann niemand mehr die Unmittelbarkeit ganz vorne suchen; Die Unschuld der Rampe ist vorbei.

Etwas weitergedacht: Auch wenn Jean-François Lyotard das Ende der Meta-Geschichten vor Jahrzehnten eingeläutet hat – diese Fiktionen formen Gemeinschaften selbst noch im Postmodernen Zeitalter. Sie liefern Anknüpfungspunkte, die jede vierte Wand durchbrechen. Sehr gerne erlebt man den Vertrag zwischen Bühne und Publikum allerdings, wenn jene schnöden Geschichten authentische Noten tragen – wenn die Darstellung – beispielsweise – peinlich wird.

Der Rest ist Analogkäse

Genau dort sind wir nämlich Mensch – zum Beispiel in der Überforderung, die Pollesch seiner Crew oktroyiert, die über ein paar Kinder in Stefan Puchers Struwwelpeter hereinbricht, oder die in Hubsi Kramars Off-Theater einen Haufen Laiendarsteller in ihrer Rolle fesselt – nur um ein paar Beispiele aus der eigenen jüngeren Theatererfahrung zu nennen. Es geht also wieder um die Geste, in der Geschichten erzählt werden. Narzissmus hin oder her – das ist höchstens eine "Verwirklichungshilfe".

Der restliche Themenabend ist Analogkäse. Die Vortragenden haben sich im Auslade-Gestus der Nuller-Jahre verfangen. Wer will schon unbedingt auf einem "Dancefloor des Denkens" tanzen, sich in eine "zeitgeistige Wolke" begeben, oder sich mit "Authentizitätsterror" beschäftigen (alles Müller). Manchmal scheint es, als ob Pop-Intellektuelle mit einem theoriegepanzerten Schädel gegen die Gesellschaft anlaufen, um das dabei entstehende Fallobst genau unter die Lupe zu nehmen. Schlussendlich haben sie das Bild der Couchpotatoes unhinterfragt weitergedacht: Jetzt sitzen die eben mit Fast-Food-Fraß vorm Internet-Chat, haben sich aus der völligen Anonymität einen Namen wie "Konrad123" gemacht und spielen Gemeinschaft.

Schwammiges Subjektivitätsverständnis

Natürlich wäre dieses Bild gefährlich, ganz besonders für das Theater oder die Kunst. Beide leben schließlich von einer aktiv laufenden Kundschaft. Letztlich lebt dieses Bild aber von einem völlig schwammigen Subjektverständnis, das noch dazu auf heteronormativem Gefilde gebaut ist. Worin liegt das Vergnügen, das einem solchen Publikum bereitet werden kann? Ist "Do it Yourself", sowie Eigeninitiative unter einer individuellen "Aneignungs-Praxis" – dem Schlagwort der Cultural Studies – wirklich ausschließlich der neoliberalen Gleichgültigkeit anheim gefallen? Oder: Gibt es in diesem Umfeld nur neue Voraussetzungen für sozial agierende Wesen? Und ganz kokett gefragt: Welche und wo? Diese Fragen bleiben unbeantwortet.

Dem Abend sei strafmildernd anzurechnen, dass er grundsätzlich für zwei Wochenenden geplant war. Für Pfaller gilt die Unschuldsvermutung, weil er sich mit der Aufgabe konfrontiert sah, ein allgemeines soziales Phänomen in eine aktuelle Gesellschaftsbewegung zu pferchen. Am Schluss bleibt aber nur ein wenig Weisheit übrig, die Weisheit von Joachim Meyerhoff: Performance selbst hat keine Turns. Manchmal ist etwas cool. Und dann ganz plötzlich wird es oll.

 

Gesegnet sei mein Leib - Kunst als Egokirche.
Podiumsdiskussion des Wiener Schauspielhauses
Mit: Robert Pfaller, Joachim Meyerhoff, Doris Knecht, Ewald Palmetshofer und Tobi Müller.

www.schauspielhaus.at

 

Unverkennbar bezogen ist der Titel der Wiener Veranstaltung auf Christoph Schlingensiefs Krebsoratorium Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir, das auch das Theatertreffen 2009 in Berlin eröffnet hat. Die von Robert Pfaller theoretisch entwickelten Interpassivitätszusammenhänge wurden bühnenpraktisch jüngst von René Pollesch und Fabian Hinrichs in Berlin untersucht.

 

 

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