Der Besuch der jungen Dame

von Simone Kaempf

Berlin, 30. Januar 2010. Das Bild ist schön und füllt in Breitwand die Bühne: blühender Raps, so prächtig gelb wie sonst nur im Mai. Es könnte ein Frühlingsidyll sein, wären da nicht auch noch die irritierend grauen Blechscheunen am Horizont und die quer in die Landschaft gestellten Strommasten, die ein Gefühl von Leere erzeugen. Das riesige Bild im Bühnenhintergrund ist dann aber auch noch eingefasst in einen Resopalrahmen im 70er-Stil und davor ist zerschreddertes Papier zu einem Berg gehäuft.

Die Szenerie funktioniert, weil sie mit kleinen Details irritiert, aber auch, weil sie die Weite der Landschaft stimmungsmäßig neben die Enge alter Wohnzimmer-Einrichtungen setzt. Doch nicht nur das Bühnenbild überzeugt mit Verschiebungen und Überlagerungen. Auch Regisseurin Nora Schlocker findet zu einem Nebeneinander der Figuren, Situationen und Tonlagen und erzählt bei aller Fülle, die erzeugt wird, doch von einem Vakuum. Dieses Vakuum steckt in jener Frage, die von Generation zu Generation auftaucht: Warum habt ihr so gelebt?

Von der Selbstbefragung zur Selbstaggression

Thomas Freyer lässt die Protagonistin in seinem neuen Stück "Im Rücken die Stadt" mit unbequemen Fragen zum Geburtstag ihres Großvaters aufs Land zurückkehren. Glaubt Ina anfangs noch an die Bedeutung der Antworten des Großvaters, der ihr auf den Geburtstagsbrief sogar zurückschreiben wird, so richtet sie die Frage bald nicht minder unbeantwortbar gegen sich selbst: Was wäre aus ihr geworden, wäre alles so weitergegangen?

Was 1968 noch die Revolte gegen die Vätergeneration provozierte, entlädt sich bei den Nachgeborenen heute, 20 Jahre nach dem Ende der DDR, in einer Selbstbefragung, die bis in die Selbstaggression führt. Einmal lässt Freyer die Großmutter den Spieß sogar umdrehen. Sie klagt die Enkelin an: "Spiel dich nicht so auf, das ist unser Leben und nicht eins deiner Geschichtsbücher." Am Ende wird Ina noch weiter weggehen als bis in die nächste Großstadt: ins Ausland, wo man sich als Fremde weniger fremd fühlt als im eigenen Land.

Die Familiengeschichte inszeniert Schlocker unter weitgehender Abwesenheit der Familie. Der Vater ist eh gestorben, von den Großeltern ist nur die Rede, sie tauchen auf der Bühne nicht auf. Die ältere Generation wird von drei ehemaligen Kombinatsarbeitern repräsentiert, die nichts mehr zu tun haben, außer Boule zu spielen und sich brüsten, nie einen Tag arbeitslos gewesen zu sein.

Selbstgespräche, Schmerzensmonologe

Die mittlere Generation glaubt noch an die Zukunft, wie der Geschäftsmann Heiko, der einen Vergnügungspark eröffnen will, sein ideal von der "Bewegung, die diese Stadt braucht". Inas Mutter, erfolgreiche Versicherungsverkäuferin, fragt sich wiederum, für wen und was sie eigentlich arbeitet. Ihren Schmerzensmonolog hält sie, gespielt von Ruth Reinecke, eingerollt auf einem Tisch. Begegnungen und Konfliktgespräche inszeniert Schlocker, aber im Grunde bleiben das Selbstgespräche. Es sind weniger handelnde als erzählende Figuren. Und mögen sie auch eloquent für sich selbst sprechen können, steckt darin auch die Schwierigkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Mit den Auftritten der Figuren wechseln die Motive: die Verschacherung des Lands, wenn Heiko (Leon Ullrich) das Dorf für seinen "Fun and Dreams"-Park einspannt, die Langeweile der drei Rentner, die tapfer-aufrechte Mutter Ina (Ruth Reinecke), die sich mit ihrem Erfolg als Versicherungsvertreterin allein fühlt und doch geblieben ist, die Wurzellosigkeit der Tochter (Britta Hammelstein), die gegangen ist und mit Fragen nach der Vergangenheit im Grunde wissen will, wofür es sich zu leben lohnt. Ziemlich viel, was an Themen untergebracht ist.

Vielstimmige Sprachlosigkeit

Aber die Inszenierung findet ihr Gleichgewicht, zeichnet vor gelb-blühender Rapslandschaft das Psychogramm ihrer Bewohner und findet auch zum eigentlichen Thema: das schwierige Verhältnis aus schweigen, reden, sich erklären. Freyers Stück ist Auftakt der Projektreihe "Über Leben im Umbruch", für die auch Philipp Löhle, Fritz Kater und Juliane Kann Theaterstücke beisteuern werden. Es soll auf die Analysen von Sozialwissenschaftlern Bezug genommen werden.

Freyer hat sie als Input benutzt. Dass sich im Laufe des Stücks das Reden über Arbeit immer stärker in den Vordergrund drängt, ist natürlich so neu nicht: Arbeit hinterlässt Lücken, wenn sie verschwindet. Sie wird zur Strafe oder verliert ihren Sinn auch da, wo das Geld fließt. Die Stärke des Stücks ist die Vielstimmigkeit, die Differenzierung unterschiedlicher Positionen und die Verschiebung der Bedeutung solch eines Begriffs, der sich schon immer gerne über die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geschoben hat.

Nora Schlocker bringt das stimmig auf die Bühne, lässt die Menschen reden, die dagebliebenen Alten und die nachgeborenen Jüngeren, die sich ihren eigenen Reim auf Antworten machen müssen wie etwa die im Brief des Großvaters: "Das, was ich war, hat nichts mit dem zu tun, was du heute bist. Es grüßt dich von Herzen dein Großvater." Und im Hintergrund blüht der Raps als große schöne Illusion.

 

Im Rücken die Stadt (UA)
von Thomas Freyer Regie: Nora Schlocker, Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Marie Roth, Musik: Jörg-Martin Wagner, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Britta Hammelstein, Ruth Reinecke, Jörg Kleemann, Leon Ullrich, Wilhelm Eilers, Ulrich Anschütz, Jörg-Martin Wagner.

www.gorki.de


Im Kontext des Spielzeitmottos "Über Leben im Umbruch" hat Armin Petras am Maxim Gorki Theater auch Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame einer höchst eigenwilligen Lesart unterzogen, die im Dezember 2009 zuerst am koproduzierenden Staatstheater Dresden herausgekommen ist. Informationen zu Nora Schlocker im entsprechenden Glossareintrag.

Kritikenrundschau

Thomas Freyers Geisterstadtstück "Im Rücken die Stadt", das im Rahmen des Projektes "Über Leben im Umbruch" entstanden ist, erzähle davon, "wie der Niedergang einer Region mit der Erosion der Beziehungen zusammengeht", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (1.2.2010). "Das Personal aus Ewiggestrigen und Hasardeuren, die Atmosphäre fortschreitender Versteppung", das alles kenne man "aus Stücken von Fritz Kater und Filmen wie 'Jerichow'". Freyer und die Regisseurin Nora Schlocker aber hielten bei der Uraufführung am Gorki Theater "das Geschehen so in der Schwebe, dass ihnen die Stereotypen nicht auf die Füße fallen. Sie stimmen einen ganz eigenen Blues über die Frage an, was der Mensch braucht, um sich wertvoll zu fühlen." Und Wildermann räumt ein, dass ihn Freyer "mit seinen eigenwilligen Skizzen aus Melancholie und Lakonik erobert" habe.

Dass "Im Rücken die Stadt" nicht weniger als eine "Zäsur in der Nachwendedramatik" markiere, glaubt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (1.2.2010). Es sei dies "wahrscheinlich der erste groß angelegte Bühnentext, der sich einer Frage widmet, die nicht nur im deutschen Theater, sondern auch gesamtgesellschaftlich bemerkenswerterweise bislang kaum gestellt wird: die Frage der jungen, diesseits von 1989 erwachsen gewordenen Generation nach dem Leben und Denken ihrer Eltern im DDR-Alltag, die Frage, wer wann und warum sich wie mit dem System arrangiert hat." Bemerkenswert sei das Stück, "weil es diese Frage weder plump moralisch noch vorwurfsvoll, aber durchaus energisch stellt". Es lebe "von schroffen Szenen- und Perspektivwechseln" und versammle "einzelne (mitunter auch vereinzelt wirkende) Realitätstupfer". Nora Schlocker zeige sich als "eine Regisseurin mit hoher Begabung für Figurenführung, Timing und Szenengespür", und Hauptdarstellerin Britta Hammelstein sei "so ziemlich die beste Ina, die man sich vorstellen kann."

Freyer habe "ein geschicktes Händchen bei der Analyse und poetischen Umsetzung von Problemen seiner Generation", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (2.2.2010). In seinem jüngsten Drama stehe West gegen Ost, gehe es "um Arbeit als Wert und Arbeitslosigkeit als Herausforderung, um radikale Aussteiger und einen Unternehmer, der einen Freizeitpark baut, den die meisten Menschen in der Gegend nicht brauchen". Dass diesem "Wirtschaftswunderknaben" Heiko "Unterversicherung zum Fallstrick" werde, wirke allerdings "ziemlich unglaubwürdig". Außerdem schultere der Autor "die üblichen Themen in Sachen 'Was im Osten übrig blieb', nur der Rechtsradikalismus fehlt". Er habe sich zwar "richtig Mühe gegeben", aber doch bloß "eine brave Ohne-Fleiß-kein-Preis-Tragödie abgeliefert". Mitunter blinkten da zwar "Facetten gebrochener Biographien durch, die den Autor tatsächlich (...) bewegt haben mögen". Schlockers "schlappe Inszenierung" vermag Bazinger, "von einigen hübschen Einfällen abgesehen", erst recht nicht überzeugen.

 

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