Zu Wasser, zu Lande, im Kopf

von Hartmut Krug

Chemnitz, 6. Februar 2010. Ulrike Syha hat in unserer globalisierten Welt ein Lebensgefühl entdeckt, das sie ihren Figuren als eine Art aufmerksamer Beweglichkeit einschreibt. Ein frühes Stück der Autorin heißt "Nomaden", und in Privatleben, ihrer letztjährigen Chemnitzer Uraufführung, zeigte sie Menschen im Büro, die, von der Unstetigkeit und Hektik ihrer Arbeit geprägt und gefordert, sich zugleich bei ihren Beziehungsversuchen emotional verhedderten.

In ihrem neuen Stück "Fracht (Nautisches Denken I – IV)", wiederum ein Auftragswerk für das Chemnitzer Schauspiel, geht es mit anderem Personal um das gleiche Problem. Vier Personen, als Dolmetscherin oder als Berater/in für Versicherungen oder als PR-Manager tätig, sitzen in hektischem Stillstand auf verschiedenen Flughäfen fest und warten auf ihre verspäteten Flieger.

Gedankliche Suchbewegungen

Sie sind in Madrid, Helsinki, Budapest oder in "ich habe keine Ahnung", aber in der Wirklichkeit ihrer Gedanken sind sie ganz bei sich. Da wird im Fernsehen über die Kaperung eines Schiffes durch Piraten am Horn von Afrika berichtet, und so wie das Schiff sich auf einer die Weltmeere durchmessenden Route befindet, so kreuzen die vier jetzt mit der Frage "hat das irgendetwas mit mir zu tun?" durch die Welt und durch ihr berufliches und privates Leben.

Viel Raum haben die vier in der Studiobühne des Chemnitzer Schauspiels nicht, wenn sie uns von ihrem Leben erzählen oder sich ihr Leben phantasieren. Sie stehen ganz dicht vor dem Publikum, hinter sich eine weiße Wand mit Einbuchtungen und Auskragungen, die ihnen  Sitz-, Liege- und etwas Klettermöglichkeiten bieten. Ansonsten findet alle (nautische) Bewegung nur im Text statt. Die vier begegnen sich nie, sind aber, wie solch ein Stück verlangt, natürlich auf der Suche nach dem Glück. Das ist für sie immer nur augenblicksweise möglich und nie von Dauer.

Denn sie nehmen als eine Art Marketingexperten ihrer selbst die Welt und andere Menschen nur immer funktional und ausschnittweise wahr. Doch obwohl sie wissen, "die Erde ist bereits entdeckt", hegen sie noch Hoffnungen. So wie Regisseur Dieter Boyer vor einem Jahr "Privatleben" inszeniert hat, so arrangiert er auch "Fracht": als demonstrierend spielerisches Erzähltheater.

Verfremdende Bilder, schmunzelige Geschichten

Vor der Projektion eines von Aquariumfischen umspielten Schiffsmodells stellt er die Schauspieler in Positur und Position und gibt ihnen eine winzige Kamera zu verfremdenden und verdeutlichenden Nahaufnahmen mit.

Bei "Fracht" haben der Regisseur und seine vier Darsteller von der Autorin, die weniger einen analytischen als einen anekdotischen Text voller witziger Begebenheiten geschrieben hat, viel mehr Spielmöglichkeiten und Pointen mit bekommen als bei "Privatleben". Wenn man allerdings an Falk Richter und seine Stücke über die globaliserte Arbeits- und Erlebniswelt denkt, dann fehlt einem bei all den schmunzeligen Geschichten, aus denen Syhas Stück gewebt ist, doch die, ja, existentielle Kälte, in die die Menschen dabei geraten können.

Syhas Geschichten sind vor allem nett. So werden sie in Chemnitz auch gespielt. Da kommt ein über 30jähriger Mikrobiologe als  unbekannter, einst bei einem DDR-Familienbesuch von seinem Vater unwissentlich gezeugter Sohn nur aus wissenschaftlichen Gründen zu seinem Vater, da verwirklicht sich jemand in einem historisch-kritischen Roman, kommt aber auf Amrum nur bis zur Französischen Revolution, und wenn eine Frau sich von ihrem Mann trennt, dann flieht dieser vor den kommunikativen Angeboten einer Kollegin, einer Nachbarin und seinem Automechaniker mit einem fiktiven Bruder nach Indien.

Doch sein "Erlebnistourismus" scheitert so, wie alle Beziehungen in diesem Stück scheitern. Wenn eine Beraterin durchaus bereit für eine erotische Beziehung scheint, dann ist der Mann nur an beruflicher Hilfe interessiert, als Umweltreporter oder Industriespion.

Vor allem kabarettistisch

Ulrike Syha versteht ihr dramaturgisches Handwerk und liefert viele muntere Spielanlässe, die sich allerdings nur fragmentarisch miteinander verweben. Die einzelnen Geschichten laufen oft nur eher nebeinander her und werden etwas schwerfällig durch Rekurse auf die Schiffsentführung miteinander verbunden. Oft tippt Syha Themen vor allem kabarettistisch an, so wie das Ost-West-Verhältnis oder wie die Mann-Frau-Beziehung, im allgemeinen und speziellen.

Da jeder Schauspieler bei diesem erzählenden Demonstriertheater in eine große Zahl anderer Figuren springen darf, bietet Syhas Stück immer wieder lockere Spielvorlagen an, die vor allem Bernd-Michael Baier souverän nutzt, indem er die Komik seiner Rollen zugleich zurückhaltend und wirkungsbewusst ausnutzt und andererseits seine ständigen Rollenwechsel mit leichter Ironie ausstellt.

Länger als seine anderthalb Stunden hätte der pausenlose Abend allerdings auch nicht dauern dürfen, bei dem man sich gut unterhalten fühlte. Mehr nicht, aber immerhin.


Fracht (Nautisches Denken I – IV) (UA)
von Ulrike Syha
Regie: Dieter Boyer, Ausstattung: Ralph Zeger, Dramaturgie: Esther Holland-Merten.
Mit: Bernd-Michael Baier, Karl Sebastian Liebich, Bettina Schmidt, Julia Berke.

www.theater-chemnitz.de


Privatleben, Ulrike Syhas ebenfalls in Chemnitz uraufgeführtes letztes Stück, war 2009 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Mehr dazu auf der nachtkritik-stuecke09-Seite, wo die Dramatikerin auch im bewegten Bild zu erleben ist.

 

Kritikenrundschau

"In Puzzelsteinen" fange Ulrike Syha in ihrem neuen Stück die "heutige Wirklichkeit ein", berichtet Uta Trinks in der Chemnitzer Freien Presse (8.2.2010). "Da ist der Vater, der spät erfährt, dass er einen Sohn hat, ein Paar, das sich scheiden lässt, das Informations-Bla-Bla der Mediengesellschaft... Doch alles zerfällt, die Teile fügen sich kaum mehr zu einem Ganzen." Die Struktur des Stückes gleiche sich dem Leben an – "als Zuschauer ist man ständig auf der Lauer, den Faden zu fassen. Der aber reißt immer wieder." Syha führe das "menschliche Leben als Tableau von Versatzstücken" vor – "mal amüsant, mal ziemlich ernüchternd". Die "Kulisse im Schubladenprinzip" von Bühnenbildner Ralph Zeger entbehre sinnfälligerweise der Tiefe, so wie "die Figuren sie entbehren". Doch: "In der Regie von Dieter Boyer finden Bernd-Michael Baier, Julia Berke, Karl Sebastian Liebich und Bettina Schmitt trotzdem jede Menge unterhaltsame, manchmal auch ironisch gebrochene Spielanlässe dafür, dass in der globalisierten Wirklichkeit der Einzelne zum bedeutungslosen kleinen grünen Punkt auf dem Radar schrumpft, der irgendwann einfach verschwindet."

Mit dieser Uraufführung stelle Enrico Lübbes Theater Chemnitz, so schreibt Klaus Dermutz in der Süddeutschen Zeitung (17.2.2010), "Mut und Kontinuität in der Zusammenarbeit unter Beweis" und zeige, dass ihm "die neue Dramatik sehr am Herzen" liege. Syhas "Fracht" zeige Menschen in "rasendem Stillstand", "die sich in der modernen Arbeitswelt verloren haben, einfach weitermachen, ohne dass sie ein Glaube an ein erfülltes Leben geschweige denn an eine sinnvolle berufliche Tätigkeit trägt". In Syhas "nautischen Denken sind die Figuren dazu verdammt, im Geplätscher der Erlebnisgesellschaft ihre Selbstvermarktung zu betreiben. Das Leben zieht sich in einer gespenstischen Monotonie dahin. Die einzigen Regungen sind Impulsdurchbrüche." Dieter Boyers Regie betone "den Aberwitz des verschachtelten Stücks" und entlocke dessen "coolen Gestalten allerhand Situationskomik". Durch "direkt ausagierte Idiosynkrasien heben sich die (...) Akteure (...) vom einheitlichen Grau der flachen Bühne der Selbstdarstellung (...) ab, als würden sie uns sagen, das Leben sei je nach Stimmung lediglich dazu da, um auf lustige oder lakonische Weise inszeniert zu werden" – "Die komischen vier schlüpfen in viele Rollen, um in der globalisierten Wirtschaft über die Runden zu kommen."

 
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