Ein Regisseur der Emotionen

von Christian Rakow

Berlin, September 2009. Ausgerechnet in der Kastanienallee hat das Deutsche Theater (DT) David Bösch eine Gästewohnung besorgt. Dabei stresst ihn dort das "Gechecke", dieses Beharren auf der eigenen Kreativität und dem besonderen "Lebensgefühl". "Berlin ist in vielen Ecken ein Jugendlager. Da gehst du an einem Dienstagabend um halb elf nach Hause, um dich rum werden die Cafés immer voller, und du denkst dir: Hey, was ist denn hier los? Es ist Dienstag! Also ich will jetzt noch meine Freundin in Bochum anrufen, und morgen früh muss ich arbeiten."

Aufstieg mit Endzeitspiel

Der das eher schmunzelnd als irritiert sagt, ist selbst erst 31 Jahre alt, und das Label "jung" haftet ihm an wie anderen Leuten der "Irony is over"-Button. Seit dem Abschluss seines Regiestudiums in Zürich 2004 hat David Bösch den steilen Aufstieg eines Newcomers hingelegt. Hauptsächlich seinen Arbeiten als Hausregisseur verdankt das Theater Essen seinen derzeitigen Ruf. Mit einem düsteren Woyzeck als Science-Fiction-Endzeitspiel (2007) hat Bösch bereits an die Pforte des Theatertreffens angeklopft. Mit seiner Antigone entwarf er eine von Popmythen getragene Rebellin passgenau für die Kids an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Bösch bringt die Teens zurück in die Theater, heißt es. Er macht da weiter, wo Filme aufhören.

Wir treffen uns zum Gespräch am Deutschen Theater, wo David Bösch im Oktober Franz Grillparzers Medea-Trilogie "Das Goldene Vließ" herausbringen wird. Der neue DT-Intendant Ulrich Khuon, sein zweiter großer Förderer neben dem Essener Intendanten Anselm Weber, hat ihn nach mehreren Arbeiten in Hamburg für seine Berliner Eröffnungssaison eingeladen. Es ist Böschs erste Arbeit in der Hauptstadt. Die Nachmittagsprobe ist gerade vorüber, tags darauf wird er nach Wien zu den Endproben für Dea Lohers Adam Geist fliegen. Aber heute hat der Regisseur viel Zeit mitgebracht.

Wie Kreativität funktioniert

Bösch verbeugt sich fast schüchtern zur Begrüßung. Er trägt unter seiner eng geschnittenen Windjacke einen Nietengürtel. Die Sneakers sind nachlässig gebunden. Seine strähnige Frisur ist knapp am Vokuhila vorbei geschrammt und sein Bart eher zarter Flaum. Etwas Knabenhaftes umweht ihn, und eine wohltuende Zurückhaltung. Unschlüssig, wo man in dieser Gegend einen Kaffee trinken könnte, landen wir bei einem Bäcker. Beiläufig erzählt Bösch, dass seine feste Wohnung in Essen keine Küche habe, und reflektiert umgehend: "Das soll jetzt aber nicht so klingen wie 'Oh, dem Herrn Künstler ist es egal, wie er lebt.'"

Es geht in diesem Gespräch tatsächlich viel um Erwartungen und um Zuschreibungen, die man von der Öffentlichkeit erfährt. Geboren in Lübbecke, im ländlichen Westfalen, war der Weg zum Theater für Bösch nicht gerade vorgezeichnet. Mit dem Schreiben habe es nicht so recht geklappt, Filmemachen sei ihm vom technischen Aufwand her zu kompliziert gewesen. Einmal aber habe er mit einer Schauspielerin einen Gretchen-Monolog geprobt und ihr dazu einfach ein Tuch in die Hand gedrückt. "Komm, mach doch mal so und so", dirigiert Bösch imaginär noch einmal diese Szene. "Da habe ich gemerkt: So funktioniert bei mir Kreativität."

Mehr als ein Bruder Lustig

Tatsächlich ist er ein Regisseur, der, bei aller poppigen Anmutung seiner Bühnenwelten, stark von den Schauspielern und ihren Spielideen ausgeht. "Aber mit solchen Aussagen muss man aufpassen", wendet er sofort ein, "sonst heißt es wieder 'Der Bösch denkt sich ja gar nichts vorher aus, der guckt nur, was auf der Bühne entsteht, und ist immer kreativ und witzig – aber länger nachdenken muss man bei dem nicht.'"

Bösch kennt den Ruf, der ihm vorauseilt, sehr genau. Er hat ihn sich mit federleichten, bunten Shakespeare-Komödien in Hamburg und Essen erworben. Aber ein "Bruder Lustig des deutschen Theaters" will er nicht sein: "Da möchte ich in dieser Welt schon mehr bewirken." Und mit Arbeiten wie "Woyzeck" oder "Antigone", die ihn noch immer stark beschäftigen, ist er auch längst über dieses Stadium des verspielten Jungbluts hinaus. "David Bösch ist ein Regisseur der Emotionen", würdigt ihn sein Essener Intendant Anselm Weber, "wie nur wenige versteht er es, den Menschen und ihren Nöten auf den Grund zu gehen."

In Berlin arbeitet Bösch jetzt wieder mit seiner gewohnten Crew, dem Bühnenbildner Patrick Bannwart und dem Live-Gitarristen Karsten Riedel, der ihm schon mehrfach Soundtracks entworfen hat, die ein Lebensgefühl auf den Punkt zu bringen vermögen: von Amy Winehouse bis Sea and Cake.

Das goldene Vließ

Lächelnd wägt Bösch seine Gedanken: Es soll in seiner Inszenierung von Grillparzers Trilogie Das Goldene Vließ, die die mythische Geschichte der kindermordenden kolchischen Königstochter Medea erzählt, um den Zerfall einer Familie gehen und um die Frage, wie die biografische Verwurzelung unseren Lebensweg bestimmt. Politische Implikationen interessieren ihn weniger; auf Aktualisierungen nach dem Motto "Die Griechen tauchen im archaischen Kolchis auf, die Amerikaner im Irak" kann er verzichten. Bösch sucht das Existenzielle in den Lebensentscheidungen, die die einzelnen Figuren zu treffen haben. Bei Medea etwa ist es die zwischen ihrer Heimat Kolchis und dem fremden Jason, dem sie nach Griechenland folgt. "Es geht darum: Welches Leben will ich eigentlich führen?"

Es ist fast mit der Hand zu greifen, wie Bösch den Stoff an sich heranholt. Mit melancholischem Nachdruck spricht er einen Dialog zwischen Medea und ihrer jugendlichen Rivalin: "'Wenn meine Kinder mich hassten, ich würd' sie trotzdem lieben', sagt Kreusa, und Medea antwortet: 'Leicht gesagt, schwer getan.' Und plötzlich spricht Kreusa, die man so oft als blondes Dummchen darstellt, diesen unglaublich tiefen Satz: 'Umso süßer, weil schwer getan.'"

Wer im Textbuch nachschlägt, wird finden, dass diese Stelle ein geraumes Stück an Grillparzer vorbei formuliert ist. Aber genau das macht Böschs Besonderheit aus: Er denkt den Text ganz direkt, ganz heutig. Doch seine Worte sind nicht platt modern. Sie besitzen einen eigenen Zauber, eine eigene Poesie. Eben diese Gabe, gewissermaßen auf halber Distanz die Klassiker zu aktualisieren, hebt ihn um Längen aus dem großen Tross an talentierten, "total jungen" Regisseuren heraus.

Umso süßer, weil schwer getan

Wir verlassen den Bäcker und spazieren noch etwas durch Berlin-Mitte. Hat man eigentlich noch Zeit für Freunde als reisender Regisseur? Es werde schwieriger, meint Bösch. Auch er muss Entscheidungen treffen. Von Starregisseur Andreas Kriegenburg, über den Bösch mehrfach mit Bewunderung spricht, heißt es, er probe nur noch. Für Familie gäbe es da keinen Raum mehr. "Die Welt des Theaters ist ja ein überschaubares Gefüge", beschreibt Bösch die Lockungen der Bühne. "Draußen ist es chaotisch. Aber drinnen gibt es Gesetze." Das schätzt er als ehemaliger Vereinsschachspieler.

Und plötzlich wird klar, wieso Bösch bei unserem Gespräch über "Das Goldene Vließ" so leidenschaftlich für die Figur des Jason Partei ergreift. "Jason ist ja kein Arschloch." Er stehe zwischen der Verantwortung für die Familie und der Aussicht, am Hofe Kreons wieder in die griechisch-königlichen Reihen aufgenommen zu werden. Um den Preis, seine Frau Medea aufzugeben. Die Frage lautet: Wie viel ist man bereit zu zahlen für die Karriere – oder für die Kunst? Auch der Regisseur Bösch macht gerade seine Rechnung auf, merkt man. Leicht wird sie ihm nicht, dem Mann, der das Ruhrgebiet seinen "Hafen" nennt, der abends mit seiner Schauspielerfreundin in Bochum telefoniert. Aber wie sagte er? "Umso süßer, weil schwer getan."


Der Text erschien in leicht veränderter Fassung zuerst in BerlinBlock 09/2009.

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