logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Weder Blut noch Tränen

von Regine Müller

Wuppertal, 12. Februar 2010. Die Bühne ist ein weißer, nur ein paar Schritte tiefer Kasten, der von oben bis unten gepflastert ist mit dünn bedruckten Papierseiten. Gefledderter Dramentext? Auf der Rückwand ist quer über die Seiten mit hellrot fluoreszierenden Lettern "Leer" geschrieben. Nicht "Lear", sondern "Leer".

Darunter lehnen sechs Figuren sitzend an der Rückwand. Sie tragen Pumphosen über hellen Strumpfhosen, steife Krägen rahmen die weiß geschminkten Gesichter mit elisabethanisch hoher Stirn und angeklebten, schütteren Locken. Fünf Namensschilder haften über ihren Köpfen, doch in der Mitte fehlt ein Schild. Dort bleibt jene Leerstelle, die der große Schriftzug beschwört.

Facetten der Niedertracht

Mit sechs Frauen besetzte unlängst Karin Beier in Köln Shakespeares Königsdrama, bei Marcus Lobbes in Wuppertal sind es nun drei Frauen und drei Männer, die sich das auch hier deutlich zusammengestrichene Personal aufteilen. Doch während in Köln die wechselnden Rollen immerhin um Barbara Nüsses Lear-Fixstern kreisten, ist in Wuppertal auch der greise König alle und zugleich keiner. Die Rollen wechseln im Viertelstundentakt: Das Licht fährt herunter, alle wechseln wuselnd die Plätze, tauschen Jacken, Kronen und sonstigen Kopfputz. Dann stimmt der jeweilige Lear mit hoheitlich erhobener Rechter eine Fanfare an, in die alle krähend einfallen.

Kein Mobiliar, keine Requisiten, kein Sturm in der Heide. Marcus Lobbes lässt reines Texttheater vorwiegend an der Rampe exerzieren, in dem weder Blut noch Tränen fließen. Es bleibt keine Zeit zur Identifikation, dafür sind die handelnden Personen von sechs verschiedenen Seiten zu sehen.

Gähnende Schwärze

So wechselt ein herrischer Lear den Geschäftlichen ab, den wiederum der wimmernd sentimentale beerbt. Die Schwestern Goneril und Regan zeigen alle Facetten der Niedertracht, Gloster ist stets eine mehr oder weniger überzeichnete Karikatur, mal keucht er wie eine Dampflok, mal nur wie ein leichter Asthmatiker.

Eine Weile lang funktioniert Marcus Lobbes' streng stilisierende Abstraktion trefflich. Die Exposition der Themen, die Eitelkeiten des Anfangs, die komischen Seiten der Charakterschwächen und die ersten Intrigen sind plastisch erfasst und vom hervorragend aufeinander eingespielten Ensemble bündig gespielt. Für Shakespeares Katastrophen-Sog, für die finale Endzeitstimmung bleibt Lobbes' Konzept indes letztlich doch zu eng, zu kurzatmig. Zwar fällt nach Glosters vergeblichem Klippensturz knarrend die Rückwand und gibt den Blick in gähnende Schwärze frei.

Doch will das Drama zwischen Alt und Jung sich nicht mehr steigern und bleibt dann eben doch Papier.


König Lear
von William Shakespeare
Übersetzung von Werner Buhss
Regie: Marcus Lobbes, Bühne und Kostüme: Pia Maria Mackert, Video: Michael Deeg, Dramaturgie Oliver Held.
Mit: Sophie Basse, Thomas Braus, Gregor Henze, Maresa Lühle, Andreas Möckel, Juliane Pempelfort.

www.wuppertaler-buehnen.de


Der Regisseur und Bühnenbildner Marcus Lobbes (Jahrgang 1966) inszenierte im Dezember 2009 am Theater Freiburg Marc Beckers Fußballszenen Wir im Finale. Am selben Theater fand 2008 auch seine gefeierte Uraufführung von Felicia Zellers Kaspar Häuser Meer statt, die zu den 33. Mülheimer Theatertagen eingeladen eingeladen war.

 

Kritikenrundschau

"Fatalerweise" sei Marcus Lobbes' Inszenierung von "König Lear" im Wuppertaler Opernhaus "ohne Aussage und tönend hohl", schreibt Veronika Pantel in der Westdeutschen Zeitung (15.2.2010). Dass die Schauspieler "ihren Shakespeare" liebten, stehe außer Frage: "Man merkt es ihrem engagierten Spiel an. Sie können ja nichts für die in die Eindimensionalität verbannte Definition ihrer Rollen durch Vervielfachung der Charaktere." Ob des Verwirrspiels, indem jeder jede Rolle spiele, kämen die Zuschauer gar nicht dazu, sich mit den Fragestellungen der einzelnen Figuren zu beschäftigen, "weil sie vollauf damit beschäftigt sind, die Handlung im Chaos einigermaßen zu sondieren". Wenn in jeder Szene ein anderer den abdankenden König spiele, könnten sich die "Facetten der faszinierenden Lear-Figur (...) nicht formen und im Spiel entwickeln". Ebenso wenig gelinge es, den düsteren Schurken Edmund zu konturieren. Die Inszenierung machtauf Pantel den Eindruck jener "Experimenten auf den Probenbühnen der Schauspielschulen". Auch vermisst die Kritikerin die Herzoge von Albany und von Cornwall sowie den Narren.