Der Schlaf der verlorenen Unschuld

von André Mumot

Göttingen, 13. Februar 2010. Man kennt das ja: Eben knuddelt man noch aufs Unschuldigste im Kinderzimmer den Teddybär, und im nächsten Moment hat einen die böse Welt am Kragen gepackt und verdorben. So geht's uns allen, aber so geht's auch Rula (Nora Decker), die einmal kurz nicht aufpasst und sich holterdipolter als Profi-Anheizerin beim Pornofilm wiederfindet. Wenig später wird sie selbst Mutter, erkrankt an irgendetwas Unheilbarem und sieht sich aus Geldnot gezwungen, ihr Sterben ans Privatfernsehen zu verkaufen.

Kein Wunder, dass bei so viel Elend auch die (unausgesprochenen) Szenenanweisungen schwarz sehen und bedeutungsschwer feststellen: "Die Zeit klebt die Zeit zusammen, zu einer Masse aus Blei." Immerhin gibt es einen Stapel tröstlicher Nostalgie-Bauklötze auf der Bühne, mit denen die Darsteller wehmütige Türmchen bauen können. Das heißt, wenn sie nicht gerade Sätze sagen wie: "Am meisten machen mich Menschen traurig, die den Mund voller Scherben haben, Scherben von eigenen, zersplitterten Träumen."

Noch flattert der Vogel Jugend

Zum Glück ist da aber noch Anton (Norman Grüß), der zum Helden dieses Stückes wird, weil er unerschrocken zur Rettung eilt. Mit einer Bombenattrappe legt der patente Teenager nämlich einen ganzen Flughafen lahm – nur um zu verhindern, dass seine beste Freundin Tony (Marie Bauer) mit einem verheirateten Mann auf und davon geht und die letzte Chance verpasst, der allgemeinen Korruption zu entgehen.

In "Zorn" flattert er noch, der süße Vogel Jugend: im Text und auf der Bühne und hinter der Bühne auch. Das Trio der drei bedrohten Unschuldslämmer ist mit Schauspielstudenten der Hochschule für Musik und Theater Hannover besetzt, Regisseur Felix Rothenhäusler, Jahrgang 1981, hat erst seit 2009 sein Regiediplom in der Tasche – und das Stück selbst ist von einer viel bewunderten Hoffnungsträgerin geschrieben worden. Nino Haratischwili, 1983 in Georgien geboren, hat beim Heidelberger Stückemarkt 2008 den Autorenpreis gewonnen, wird im März den Adelbert-von-Chamisso-Förderpeis erhalten und zeigt auch bei ihrer Göttinger Uraufführung, wie gut sie Szenen bauen und Handlungsfäden auf überraschende Weise verknüpfen kann.

Ein Finanzberater, igitt!

Aber diese Stärken betreffen hier die Konstruktion, weniger den Inhalt. Denn die düstere Welt, auf die sich der "Zorn" der Figuren richtet, ist hauptsächlich mit  allzu stereotypem Personal bevölkert: Da wäre die skrupellose Fernsehproduzentin (Julia Hansen), die exaltiert unter Migräne leidet und zwanghaft Schwarzwälderkirschtorten verdrückt, um ihr schlechtes Gewissen zu betäuben. Oder der bereits erwähnte Ehebrecher (Florian Eppinger), der schon deshalb für alles Schlechte unserer Zeit steht, weil er – igitt – als Finanzberater sein Geld verdient, was immer und und immer wieder anklagend betont werden muss. Hinzu kommt ein brutaler Polizeibeamter auf paranoider Terroristenjagd (Meinolf Steiner), der dem unschuldigen Anton mit gewalttätigen Verhörmethoden das Leben schwermacht.

Aber bei Rothenhäusler bleibt das Prügeln aus. Stattdessen gehen der alte und der junge Mann schließlich dazu über, sich gegenseitig sehr neckisch mit Kunstblut zu bespritzen. Sie tasten einander ab, greifen einander in die Gesichter, ins Fleisch – forschend, ungläubig, entrückt. So oder so ähnlich wird hier meistens vom Text weginszeniert, und das aus gutem Grund.

Zerrupfte Teddies, schwerblütige Monologe

Was soll man auch anfangen mit all dem bierernsten und zugleich vagen Pathos ("Im eisigen Gefängnis der Individualität liegt die Unmöglichkeit des Glücks") und dem apokalyptisch-lyrischem Geraune: "Wenn alle Tränen versiegt sind, die Häuser eingestürzt, wenn die Flüsse und Seen über uns schwappen (...), wenn alles sich schlafen gelegt hat, setzt du dich dann zu mir?"

Die Regie wählt also die Ablenkung, wählt emsiges, aber sehr präzise choreografiertes Parallelgeschehen. Während sich die Unglückseligen in Rampennähe schwerblütig äußern, zerrupfen die Kollegen im Hintergrund einen mannsgroßen Schwan aus Pappmaschee oder einen kleinen Teddybär. Sie schmeißen mit Schuhen und Bauklötzen, lassen sich auf Steppdecken die wellenförmig Richtung Publikum auslaufende Holzbühne hinuntergleiten oder fangen mit einem der bunten Wassereimer den Regen auf, der vom Schnürboden tropft.

Und manchmal legen sie sich hin, sinken in den Schlaf der verlorenen Unschuld. Dann schrecken sie kurz auf, durchbrechen anderer Leute Monologe mit lauten Schreien nach der Mutter und verstummen wieder. Der viel beschworene Zorn, das Aufbegehren gegen die Verhältnisse und die Natur des Menschen, kommt deshalb auch immer rasch zur Ruhe. Man möchte lieber traurig sein und einen schlimmen Traum machen aus der unangenehmen Welt und dem unangenehmen Stück. Warum auch nicht?

Vielleicht wacht man ja im Kinderzimmer auf, zwischen Bauklötzen und ausgerissenen Teddybärbeinen – und es ist doch noch nicht alles zu spät.


Zorn
von Nino Haratischwili
Inszenierung: Felix Rothenhäusler, Ausstattung: Lea Dietrich, Musik: Matthias Krieg, Dramaturgie: Barbara Wendland
Mit: Marie Bauer, Nora Decker, Gaby Dey, Florian Eppinger, Norman Grüß, Julia Hansen, Meinolf Steiner, Gerd Zinck.

www.dt-goettingen.de

 

Die Dramatikerin Nino Haratischwili, die 2008 für ihr Stück Liv Stein den Preis des Heidelberger Stückemarktes gewann, inszenierte 2009 in Heidelberg selbst die Uraufführung. Zorn war im Herbst 2009 auch das Motto des Dramatik-Festivals am Wiener Max-Reinhardt-Seminar.

 

Kritikenrundschau

"'Alles ist auf ungeahnte Weise miteinander verknüpft.' Das Stück 'spielt auf der Klaviatur des scheinbaren Zufalls, mischt Melodram, Ironie, Suspense und Lakonik zu einem bizarren Panorama.'" Was Peter Krüger-Lenz hier im Göttinger Tageblatt (15.2.2010) zitiert, das könnte, wie er meint, auch über Nino Haratischwilis Stück "Zorn" geschrieben werden, "stammt aber aus dem Klappentext des Buches 'Einsamkeit und Sex und Mitleid' von Helmut Krausser. Es könnte auch aus einer Kritik zu Dea Lohers Stück 'Unschuld' stammen (...). Denn diesen Autoren, und nicht nur ihnen, ist gemein, dass sie die Schicksale von Menschen, die vordergründig nichts miteinander zu tun haben, mehr oder weniger verblüffend verknüpfen. Das ist offenbar gerade modern." Der Regisseur Felix Rothenhäusler, der das Stück am Deutschen Theater Göttingen uraufführte, spitze nicht zu, er lasse "plätschern wie das Dasein oft dahintröpfelt, egal, ob gestritten, geschieden, verlassen oder geliebt wird." Mit seltsamer Distanziertheit gingen "die Akteure mit sich und den anderen um, die Dramatik, die in den Beziehungen und Lebensgeschichten steckt, wird undeutlich wie durch eine Milchglasscheibe beobachtet."

Die Autorin mute ihrem Publikum mit ihrem neuen Stück "Zorn" einiges zu, meint Grete Götze in der Frankfurter Rundschau (17.2.2010). Es würde "mit dem Verlust von Sicherheit, von Stabilität, von bürgerlichen Lebenswelten konfrontiert" – und lache darüber. Haratischwilis Sprache erinnere dabei "in ihrer Wut, in ihrer Direktheit und in der Unmöglichkeit ihrer Metaphern an Sarah Kane". Doch trotz der "schweren Themen " sei ihre Handschrift "spielerisch". Alle Figuren zürnten "ob ihres frei gewählten Lebens" und litten darunter, "zur Freiheit verdammt zu sein". Nicht immer übertrage sich dieser "Zorn der Figuren auf den Zuschauer, manchmal wird zu viel gebrüllt". Am besten sei Felix Rothenhäuslers Inszenierung immer dann, wenn sie sich auf die Schauspieler verlasse. Dann ist es wie im Zug oder in der U-Bahn, wenn sich der Fremde so nah neben einen setzt, dass die Wut im Bauch hochkommt." Wenn die Figuren sich "mit ihren Widersprüchen offenbaren", seien dies "die stärksten des Abends". Die Inszenierung komme "leicht daher, ist komisch. Und vielleicht auch nur so zu ertragen".

 

 
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