Im internationalen Kontext

13. Februar 2010. Anhand der nominierten Produktionen werde deutlich, zitiert die Presseerklärung der Berliner Festspiele zur tt-Auswahl Iris Laufenberg, die Leiterin des Theatertreffens, "dass in der deutschsprachigen Theaterlandschaft nicht nur internationale Koproduktionen und länderübergreifend arbeitende Regisseure immer selbstverständlicher werden, sondern dass diese zunehmend auch von Projekten geprägt ist, die bereits in einem internationalen Kontext entstehen, wie "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" in der Bearbeitung von Victor Bodó in Zusammenarbeit mit der Sputnik Shipping Company Budapest oder "Life and Times" des Nature Theater of Oklahoma."


Die Jury kommentiert ihre Auswahl wie folgt:


Deutsches Theater Berlin, Regie Andreas Kriegenburg
Diebe von Dea Loher
Uraufführung 15. Januar 2010

Wenn das Leben schon tödlich endet, sollte man seine komischen Seiten nicht außer Acht lassen, mag Dea Loher sich gedacht haben, als sie sich mit so verqueren Figuren wie dem Ehepaar Schmitt beschäftigte. Die ängstlichen Spießbürger fühlen sich von allem und jedem bedroht und bunkern sich in ihren vier Wänden ein. Plötzlich allerdings steht dieser Mann in ihrer Wohnung und erinnert den verdutzten Herrn Schmitt daran, dass er in Studentenjahren ein tüchtiger Samenspender war. Diese und andere komische Katastrophen aus dem misslingenden Leben versammelt Dea Loher in über dreißig pointierten Szenen und fügt sie zu einem tragikomischen Panorama. In Andreas Kriegenburg hat sie einen kongenialen Partner, der ihren Menschenzoo von einem Mühlrad auf die Bühne schaufeln lässt. Da stehen sie dann und wissen nicht so recht, ob sie nun lachen oder vorsorglich doch lieber weinen sollten.

 

Schauspielhaus Graz, Regie Victor Bodó
Die Stunde da wir nichts voneinander wußten von Peter Handke, Bearbeitung Viktor Bodó
Premiere 14. Mai 2009

Eine südliche Piazza im hellen Licht, hunderte Personen ziehen vorüber und werden dem Dichter zu Figuren seines poetischen Welttheaters: Das ist die Idee von Peter Handkes stummem Spiel "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten". Die beschauliche, gleichsam interesselose Phantasie setzt der temperamentvolle ungarische Theatermacher Viktor Bodó dem Säurebad einer chaotischen Metropole aus. Die Bühne: eine gesichtslose Fußgängerzone zwischen fahrbaren Container-Buden. Ein schmutziges, enges Café versammelt allmorgendlich dasselbe Dutzend Passanten, die Zeugen eines mysteriösen Verkehrsunfalls werden. Ein Video-Kamerateam folgt den einzelnen als "Ermittler" bis nach Hause und liefert Puzzleteile einer Geschichte, die uns wortlos in ihren Bann zieht, ohne dass wir die Klärung des Falls vermissten. Bodó setzt in dieser Koproduktion des Grazer Schauspiels und der Sputnik Shipping Company aus Budapest hundert Minuten lang die pure Spiellust frei: eine hinreißend choreographierte multimediale Symphonie der Großstadt, in der sich Pina Bausch und Jacques Tati seligvermählen.

 

Thalia Theater, Hamburg, Regie Stephan Kimmig
Liebe und Geld von Dennis Kelly
Premiere 21. März 2009

Von den individuellen psychischen Deformationen, die das ökonomische Rattenrennen so mit sich bringt, handelt das Stück, das zwar schon ein paar Jahre alt, aber trotzdem ein Stück zur aktuellen Krise ist. Erzählt wird in Zeitsprüngen, quasi rückwärts, die Geschichte einer Liebe, die mit einer Art Mord endet: Aus blanker Geldgeilheit sieht der männliche Protagonist David seiner Gattin Jess beim Sterben an einer Überdosis Schlaftabletten zu und hilft mit Schnaps noch ein bisschen nach. Die holzschnitthaften Szenen über Raffgier, sexuelle Prostitution und grobe menschliche Rücksichtslosigkeit gewinnen durch die innig ineinander verkeilten Darsteller Susanne Wolff und Daniel Hoevels eine irritierende Zwangsläufigkeit. Ort der Handlung ist ein kleinbürgerlicher Käfig, der ein bisschen wie ein High-Tech-Klettergerüst aussieht; das Eigenheim des Paares. Alle Menschen drumherum, die Eltern des Mädchens, der Chef des Mannes, benehmen sich wie schwer gestörte Zombies. Kimmig zeigt die perversen Ausfälle dieser seltsamen Gesellschaft so beiläufig und gerissen unspektakulär, als sei's derNormalfall, anderer Leute Gräber zu schänden oder sich anderer Leute Kaugummis in den Mund zu stecken. Ein Krisentheaterabend zum Fürchten.

 

Thalia Theater, Hamburg in Koproduktion mit Schauspiel Köln, Regie Nicolas Stemann
Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie
von Elfriede Jelinek
Uraufführung 16. April 2009

Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen unter den Theaterzuschauern in dieser unerwartetvergnüglichen Aufführung, die beweisen will, was viele wissen: dass der Kapitalismus böse ist. Der Regisseur Nicolas Stemann agiert hier als Fast-Alleinunterhalter auch auf der Bühne virtuos an Mikrofon und Flügel, und er erlaubt sowohl den Zuschauern als auch den Schauspielern die Flucht ins Offene. Jeder Akteur gibt sich und dem Publikum soviel von Jelineks Text, wie er will. "Die meisten Theaterleute, die ich kenne, egal ob Regisseure, Autoren oder Schauspieler, sind von Angst beherrscht. Das ist verständlich, aber nicht gut!", verkündet Stemann im Programmheft. Und ruft ein angstfreies Theater aus, das ein Angebot zum Denken und zum Schauen sein will, ein Scheitern und Triumphieren in der Textwiedergabekunst und ein Kunst-Raum zum Durchatmen und Den-Kopf-Auslüften. Die Bühne ist ein großer Verhau aus Flügel und Sessel und Sofa und einer elektronischen Anzeige, auf der jeweils die Anzahl der Seiten zu sehen ist, die alle im Theater Versammelten an Jelinek-Text noch gemeinsam vor sich haben. Und während der Countdown von Seite 99 bis Seite 1 ausgerufen wird, entsteht auf einerdoch eher freudlosen Textgrundlage zum Thema Ausbeutung und Menschenverachtung und Geldgier ein packendes Entertainment-Spektakel.

 

Schauspiel Köln, Regie Karin Beier
Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen von Ettore Scola und Ruggero Maccari
Premiere 8. Januar 2010

Schauspieler hinter Glas. Was in dem breiten Wohncontainer geschieht, ist nur zu sehen, kaum zuhören. Nur wenn sich mal eine Tür öffnet, dringen Worte heraus. Meistens nur "Tür zu!" In Ettore ScolasUnterschichten-Kinokomödie "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" war die Kamera nah dran. Karin Beier bricht den Blick des Publikums, macht den Voyeurismus zum Thema, die Wahrnehmung des Prekariats, wie es sich in den vielen Shows des Privatfernsehens entblößt. Alle sind hinter dem Geld her. Wenn Oma Rente bekommt, wird sie von der Familie geplündert, und alle gehen einkaufen. Verzweiflung schlägt um in die Groteske, der Familientyrann ist nicht einmal mit Rattengift umzubringen, und seine Frau, die verhinderte Mörderin, lacht. Ein Höllenlachen, bitter, hoffnungslos, in Erkenntnis der eigenen Lächerlichkeit. Das grandiose Ensemble lebt in seinen Rollen, Tiermenschen, getrieben von Geiz und Gier, am Rande der Zivilisation, der Sprengsatz der Gesellschaft.

 

Schauspiel Köln, Koproduktion mit dem NT Gent und De Veenfabriek. Regie Johan Simons, Paul Koek
Kasimir und Karoline von Ödön von Horváth.
Premiere 3. Dezember 2009

"Enjoy" fordern die goldflittrigen Großbuchstaben, die in dieser Horváth-Inszenierung über der Bühne und einem flotten Opel-Automobil thronen, doch das Oktoberfest-Vergnügen und der sentimentalische Schmelz sind dem Stück gründlich ausgetrieben. Markus John als schmierhaariger Kasimir und Angelika Richter in der Rolle einer eher abgefeimten als smarten Karoline sind die Stars des Abends. Man sieht, dass Richters Karoline gern auf eine "höhere Stufe" hinauf möchte, wie es bei Horváth heißt, denn sie spaziert gern in der ersten Etage der Neumann-Bühne bei den glitzernden "Enjoy"-Buchstaben herum. Sie spricht immer eine Spur zu kreischig in ihr Mikroport, um noch als liebes Flattermädchen durchzugehen. Markus Johns Kasimir ist ein Kraftkerl mit Zottelhaaren und Stoppelbart, der für einen Don Quichotte, mit dem er im Stück verglichen wird, entschieden zu gut genährt und zu grobianisch ist. Simons blickt mit dem gleichen kalten Blick auf Bonzen und Verlierer, er zeigt die Unterprivilegierten nicht als edle Theater-Schlachtrösser, sondern als echt wilde Unterschicht-Raubtiere und Rinnstein-Tölen. Bei ihm ist die Kapitalismuskritik keine Ranschmeiße an das Prekariat, sondern kluge, warmherzige und doch nahezu wissenschaftliche Einzelfallbetrachtung.

 

Münchner Kammerspiele, Regie Luk Perceval
Kleiner Mann – was nun? von Hans Fallada
Premiere 25. April 2009

Percevals Adaption von Hans Falladas Roman ist nicht wie einst bei Peter Zadek eine schmissige Revue aus dem Berlin der zwanziger Jahre, sondern eine traurige, sehr bewegende Ballade über den Leidensweg eines jungen Paares während der Weltwirtschaftskrise. In der Mitte der Bühne steht ein altes Orchestrion, das an einen Flügelaltar erinnert. So wie die Lochstreifen auf der einen Seite des Musikschranks in dessen Inneres wandern, um ihn auf der anderen wieder zu verlassen, verschlingt der Moloch Berlin den arbeitslosen Johannes und sein Lämmchen und speit sie wieder aus. Luk Perceval erzählt ihre Geschichte wie eine Moritat, wobei Annette Paulmann als Lämmchen und Paul Herwig als Johannes das treuherzige Pathos des Paares ironisch abfedern, ohne jedoch das große Gefühl zu scheuen. Komödiantische Kontrapunkte setzen die Nebenfiguren, allesamt von Stamm- und Spitzenkräften des Ensembles gespielt. "Kleiner Mann – was nun?" ist eindringliches, emotionales Erzähltheater und ein herausragendes Beispiel für eine fulminant gelungene Romanadaption.

 

Burgtheater, Wien, Konzept und Regie Kelly Copper & Pavol Liska / Nature Theater of Oklahoma
Life and Times – Episode 1
Uraufführung 7. September 2009

Selten ist Konzeptkunst so schräg und schön wie im Fall des Musicals, das die kleine New Yorker Off-Off-Truppe Nature Theater of Oklahoma in Kooperation mit der großen Wiener Burg inszeniert hat. Das Libretto von "Life and Times" basiert auf einem 20-stündigen Telefonat, das die Regisseure Kelly Copper und Pavol Liska mit einer anonymen Künstlerfreundin geführt haben. Thema: deren bisheriges Leben, eine durchschnittliche US-Mittelstandsbiografie. Dieses Material, einschließlich aller "Ums" und "You knows" singen drei glückstrahlende Pfadfinderinnen, begleitet von einer Live-Kapelle und später unterstützt durch drei Burgherren, als wär’s ein nimmer endendes Kinderlied – und vollführen dazu rhythmische Gymnastik im Geist längst versunkener Spartakiaden. Text, Musik und Tanz bewegen sich herrlich autonom nebeneinander her und verwandeln die Selbst-Erzählung eines Künstlerindividuums ineine Kollektiv-Performance, in der sich überraschend viele der um 1970 Geborenen wieder erkennen dürften. Rein chronologisch kommt die Truppe übrigens nicht weit: Nach dreieinhalb Stunden ist die Ich-Erzählerin gerade mal sechs Jahre alt.

 

Burgtheater, Wien, Regie Roland Schimmelpfennig
Der goldene Drache von Roland Schimmelpfennig
Uraufführung 5. September 2009

Weiß ist die Bühne, schwarz die Welt, die Roland Schimmelpfennig darauf entstehen lässt. In kurzen Episoden erzählt der Dramatiker und Regisseur von den Schattenseiten der globalisierten Welt, von Ausbeutung, Gier, Brutalität. Ein chinesisches Geschwisterpaar steht im Zentrum dieses hochgetakteten Theaterabends. Beide sind illegale Migranten, kämpfen ums Überleben und verlieren. Am Schluss ist die weiße Bühne blutverschmiert, zwei Tote sind zu beklagen, nebst der Gleichgültigkeit der Welt. Und dennoch ist "Der goldene Drache" einer der komischsten Theaterabende dieser Saison. Denn Schimmelpfennig inszeniert seine rabenschwarze Sozialparabel mit geradezu erschreckend leichter Hand. Blitzschnell stellen fünf Schauspielerinnen und Schauspieler das Horrorkabinett des globalisierten Alltags auf die Bühne. Sie spielen mit komödiantischer Verve an die zwanzig Figuren in fliegenden Wechseln und sind alle gegen den Strich besetzt: Junge spielen Alte, Frauen Männer. Gekonnt hält der meistgespielte deutsche Dramatiker diesen Theaterabend als Regisseur in der Schwebe: Die verfremdenden Mittel sorgen für Distanz und erlauben einen neuen Blick auf altbekannte Ungerechtigkeiten. Oder ist hier etwa doch bloß Sozialkritik in homöopathischen Dosen zu sehen?

 

Wiener Festwochen, Regie Christoph Marthaler
Riesenbutzbach. Eine Dauerkolonie von Christoph Marthaler und Anna Viebrock
Uraufführung 10. Mai 2009

Nicht einmal das Auto hat die Krise den Männern gelassen. Sie hausen in leeren Garagen, wo nichts mehr anspringt, schon gar nicht der Wachstumsmotor. Die Frauen sitzen derweil in der Halle eines Instituts für Gärungsgewerbe, in dem garantiert nichts mehr gärt, und nehmen von den gepfändeten Möbeln herzzerreißend Abschied. Ihre Kreditlinie hat sich in Luft aufgelöst, der Schweizer Bankbeamte kriegt definitiv den Tresor nicht mehr auf. Ausweglosigkeit und Stillstand bildeten stets die Ingredienzien des Theaters von Christoph Marthaler und Anna Viebrock, doch noch nie war es der Realität näher auf den Fersen als in "Riesenbutzbach". In dem globalen Dorf regiert ein beleibter "Gesangskontrolleur", der die enteigneten Mittelständler auf die Höhen von Bach, Schubert, Mahler und Beethoven führt, wenn sie nicht gerade hinter dessen Rücken in der Garage zum Discokracher "Staying Alive" abtanzen. Am Ende geht das deutsche Lied nicht mehr: Schuberts "Winterreise" zerbröselt Christoph Homberger auf den Lippen. Triftiger und komischer kann man die Depression unserer Tage nicht formulieren.

 

(Quelle: Pressemiteilung der Berliner Festspiele)

 

 

 
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