Die Nackten und Beschmierten

von Esther Slevogt

Berlin, 1. September 2007. Neulich hat Dirk den Fernseher angemacht und kannte alle. Sogar in den Werbespots traten lauter Bekannte auf: Freunde, Ex-Freundinnen oder Freunde von Freunden, die es geschafft haben. Ins Fernsehen und eben auch sonst. Er dagegen tritt seit sechs Jahren in einer ominösen Tierschau auf. Als Marabu.

Nun soll die Schau auslaufen und die Zukunft ist ungewiss. Werden die Darsteller von Löwe, Zebra, Ginsterkatze, Antilope und Marabu in die nächste Schau übernommen, wo es ein Spiegelei, eine Ketchupflasche, einen Toast und eine Pfeffermühle darzustellen gilt? Die soziale Katastrophe ist allgegenwärtig. Doch gleich daneben klafft schon der nächste Abgrund. Weil nämlich die Arbeit ebenso wenig Sinn stiftend wie die Nichtarbeit ist, ist so etwas wie Erfüllung nirgends mehr zu haben. Bleibt also bloß die Frage, ob man sein sinnloses Dasein mit vollem oder leerem Bauch absolviert.

Bis in die entlegensten Körperfalten

"Das Reich der Tiere" heißt die Schau, die der alten Frage nachgeht, wer der König der Tiere ist. Um diesen Rang nämlich streiten in der Fabel, die sich auch mit dezenter Häme über ein thematisch verwandtes Disney-Musical lustig macht, Löwe und Zebra. "Das Reich der Tiere" heißt auch das neue Stück von Roland Schimmelpfennig – Mittelstück seiner "Trilogie der Tiere", die natürlich im unzulänglichen Reich der Menschen spielt. Der erste Teil "Besuch beim Vater" wurde im April von Elmar Goerden im Schauspielhaus Bochum uraufgeführt, Teil drei schon vor fast einem Jahr von Nicolas Stemann am Wiener Burgtheater. Jürgen Gosch hat nun am Deutschen Theater "Das Reich der Tiere" inszeniert.

Am Anfang ist die große Bühne leer, ein weiß-grauer Guckkasten von enormer Tiefe. Nur ein paar Stühle, Spiegel und Farbeimer stehen herum, als die ersten Schauspieler in Jeans und Hemd vom Zuschauerraum aus die Bühne betreten: zuerst Falk Rockstroh und Ernst Stötzner. Bald sind sie nackt und beginnen, sich in Zebra und Löwe zu verwandeln. Rockstroh bemalt Kopf und Körper erst mit schwarzer dann mit weißer Farbe, während Stötzner sich mit Wasser und Sand beschmiert, bevor er eine wilde Löwenperücke aufsetzt.

Traumjob Spiegelei

Routiniert und lustlos matschen die Männer in den Farben, bringen die glitschige Substanzen verrenkungsreich noch in den entlegensten Körperfalten auf. Das Publikum quittiert es mit dankbarem Kichern. Dazwischen fallen Dialogfetzen über das neue Stück, über die Möglichkeit, dort in Zukunft als Spiegelei oder Ketchupflasche zu reüssieren.

Bald kommen noch eine Ginsterkatze (Kathrin Wehlisch) und besagter Marabu (Wolfgang Michael) hinzu, der auf den nackten Körper mit ekelerfüllter Miene erst Klebstoff, dann Federn und Farbe aufträgt. Schließlich gibt es noch die Antilope (Dörte Lyssewski), die als einzige Kleid und Plastiktierkopf trägt und damit nackter wirkt, als all die anderen, weil man sich ständig fragt, ob das Regieabsicht ist oder die Schauspielerin bei der großen Matscherei einfach nicht mitmachen wollte.

Die abgrundtiefe Lächerlichkeit des Tuns

Manchmal muss man angesichts der beschmierten nackten Körper an Goschs Düsseldorfer "Macbeth" vor zwei Jahren denken, dessen Rezeptur Goschs Schimmelpfennig-Inszenierung folgt. Bloß dass hier der existenzielle Schrecken und die Lust, mit der man in Düsseldorf mit Körper- und Theatersäften umging, nun dem vielleicht noch größeren Schrecken der abgrundtiefen Lächerlichkeit allen Tuns gewichen ist. Eine Lächerlichkeit, von der auch das Theater nicht mehr ausgenommen ist, das einst die Sinnmaschine der bürgerlichen Gesellschaft war.

Denn die Geschichte, die die armen Darsteller unter Aufgabe ihrer Würde als Individuum erzählen müssen, ist mehr als simpel. Zebra und König kämpfen intrigenreich um die Herrschaft im Reich der Tiere, bis das Zebra tot auf der Strecke bleibt. Schimmelpfennig kokettiert augenzwinkernd mit wohlfeiler Weltweisheit und Botho-Strauß-hafter Pseudomythologie. Karikiert den Theater- und Literaturbetrieb mit seinen preisverleihenden Gremien, Hohl- und Lächerlichkeiten, die Korrumpierbarkeit aller durch Ruhm oder die schlichte Tatsache, dass man Geld verdienen muss.

Durchsetzt ist das Stück im Stück mit Szenen aus dem Leben der Darsteller: wie die Nackten und Beschmierten in den Pausen ihre Handys anschalten, Pausenbrote essen oder darüber spekulieren, ob sie von der Theaterleitung ohne Maske als Personen überhaupt erkannt und wahrgenommen werden.

Gurren, Gackern, Fauchen

Das ist immer wieder ganz lustig. Abendfüllend wäre es möglicherweise nicht, hätte Jürgen Gosch nicht mit an Aberwitz grenzender szenischer Fantasie und spielwütigen Schauspielern Schimmelpfennigs Drama zu einem hübschen Zuschauervergnügen gemacht. Ernst Stötzner als hohl dröhnender Löwe, Falk Rockstroh als dämlich galoppierendes Zebra mit griesgämigem Weltverbesserercharme, Kathrin Wiehlisch als Wildkatze mit neurotischen Hospitalisierungssymptomen oder Dörte Lyssewski als naives Antilopenweibchen.

Da ist ein Gurren und Gackern, Fauchen und linkisches Flügelschlagen, dass es immer wieder eine Freude ist. Allen voran Wolfgang Michaels schlaksig-dauerbeleidigter Marabu, dessen brüchig klingendes Organ von einer Mimik und Körpersprache begleitet wird, mit der er jede disneysche Trickfilmfigur locker in die Tasche stecken kann.

Schließlich stehen vier Duschen auf der Bühne, und die Farbe wird wieder abgeschrubbt. Dann kommt das Schlussbild mit Spiegelei, Toast, Pfeffermühle und Ketchupflasche, die sich tastend auf die Bühne begeben – man hätte die Kinder mitbringen sollen.

 

Das Reich der Tiere
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Jürgen Gosch, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz.
Mit: Niklas Kohrt, Dörte Lyssewski, Wolfgang Michael, Falk Rockstroh, Ernst Stötzner, Kathrin Wehlisch.

www.deutschestheater.de

Alles zu Jürgen Gosch auf nachtkritik.de im Lexikon.

Kritikenrundschau

Eine Parabel auf die Existenz des Schauspielers will Jenny Hoch, die für Spiegel online (2.9.2007) schreibt, in Jürgen Goschs Inszenierung entdecken. Das Stück nennt sie ein "Drama mit Hartz-IV-Flair" geschrieben vom "Fachmann fürs Ungefähre" Roland Schimmelpfennig. Jürgen Gosch allerdings habe aus der "eher schütteren Vorlage ...  pralles, kraftstrotzendes Theater" gemacht, das "mit Fleiß an den Grenzen des sogenannten guten Geschmacks entlangschrammt, ... brüllend komisch, grotesk überladen und oft extrem eklig." Laut Frau Hoch hat der Abend auch eine Botschaft:  "Dem Theater drohen die Träume auszugehen, es herrscht das Diktat von trocken Brot und rotem Saft."

Peter Michalzik, in der Frankfurter Rundschau (3.9.2007) zeigt sich wenig amüsiert. Die Inszenierung erinnert ihn an die Brüder Blattschuß in den siebziger Jahren. Inzwischen sei deren gehobener Schwachsinn die Geschäftsgrundlage des Privatfernsehens, bloß – auf der Bühne des DT sei das wenig witzig. Eigentlich, so Michalzik, handle es sich um eine Backstage-Comedy. Dazu gehöre, "dass man die Wahrheit hinter dem Schein offen legt, hier ist diese Wahrheit endlose Tristesse. Das ist nicht überraschend, und so ist das Stück also vor allem eine Enthüllung ohne Enthülltes". Der einzige lichte, sprich komische Moment: wie Wolfgang Michael den Marabu spielt "sehr traurig, sehr tränig und sehr tranig".

Von einer Art "Theatertierquälerei" schreibt der sehr degoutierte Gerhard Stadelmaier in der FAZ (3.9.2007). Das Stück: eine "Seufz-Symbolfolge vom Menschen zum Schauspieler zum Tier zum Ding zum Marktobjekt", dabei könne man sich entweder "ganz viel" denken", oder es "auch bleiben lassen". Ziemlich übergangslos kommt Stadelmaier von der ausgestellten  "Schwabbel-oder-Hungerhaken-Schniedelwutz-Anatomie der Schauspieler" zum Reich der Schmiere, dem diese Inszenierung angehöre. Denn es fehle jegliche "Spannungsdifferenz zwischen Maske und Maskierten, Schauspieler- und Tierwelt. Alles bleibt schreikrampfig miteinander verklebt". Das sei "ältestgebackenes naturalistisches Theater: die tausendmal schon durchödete Regiemarotte der elenden Privatkörper. Die Langeweile des Intimitätshorrors."

In ihrer Rezension in der Süddeutschen Zeitung (3.9.2007) nennt Christine Dössel das Stück eine "Groteske", in der das Theater "als pars pro toto für die moderne Arbeitswelt" stehe. In Schimmelpfennigs "Minima Animalia" hänge die Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg wie ein "Damoklesschwert über dem Bühnennest". Aus dem Stück, das nicht mehr sei als ein "kesser Dribbler", mache der Regisseur einen "kapitalen Gosch-Abend", der aber wiederum "über die Summe seiner unterschiedlichen Teile nicht hinaus kommt". Der Abend sei "ausgewalzt" und "läppig", nur – nur? – die Schauspieler sind "alle großartig und herrlich komödiantisch". Und für Frau Dössel sieht der Dramatiker, der Frankie nach New York vermittelt, aus wie Michael Thalheimer.

Matthias Heine in der Welt (3.9.2007) konstatiert, dass die langjährige Beziehung zwischen Regisseur und Autor "mittlerweile ein bisschen zu innig geworden" sei. Gosch demonstriere unfreiwillig, "wie man ein Stück auch vernichten kann, indem man ihm zu viel zutraut." "Das Reich der Tiere" sei eine "kleine tieftraurige Parabel" auf die Abwärtsspirale im Kapitalismus. Im DT aber werde es mit Zaubertricks und Ideen über Ideen überladen und breche "wie ein morsches Skelett unter dem gewaltigen spielerischen Aufwand schier zusammen". Die Nacktheit auf der Bühne stört Heine übrigens nicht. Wie bei Einar Schleef sei der nackte Körper bei Gosch einfach "das denkbar neutralste Kostüm".

Auf tagesspiegel.de (2.9.2007) schreibt Jan Oberländer: "Es ist eine Freude, Goschs Ensemble zuzusehen. Das Spiel präzise und ironisch, verspielt und verzweifelt, doppelbödig und depressiv". Die Theater-"Selbstreflexivitäten wirken bisweilen schlaumeierig. Doch der Abend berührt, und er unterhält. Einmal mehr wird klar, dass der volle Körpereinsatz bei Gosch kein bloßer Effekt, sondern essenzielles Zeichen ist. Das Leben, die Rolle geht an die Substanz".

In der Berliner Zeitung (3.9.2007) schreibt Doris Meierheinrich: Das Stück verdanke "seinen Reiz nicht nur dem seltenen Text-Hybriden aus Tierparabel, Künstler- und Sozialdrama, sondern auch seiner spannungsreichen Huckepack-Existenz in der Uraufführungsregie von Jürgen Gosch." Womit sie meint, dass zwischen Stück und Stück im Stück Grenzen zu ziehen unmöglich sein dürfte. "Eine Zumutung ist dieses 'Reich der Tiere'. Gewinner gibt es nicht, zu verspiegelt und ineinander verschoben verlaufen die Linien."

In der Stuttgarter Zeitung schreibt (3.9.2007) Michael Bienert: Schonungslos stellt der Theaterbetrieb an diesem Abend seine Kehrseite aus, nicht anklagend oder lamoryant, sondern mit bissiger Selbstironie. Das Vergnügen liegt darin, den fast durchweg nackten Schaupielern drei Stunden lang bei ihrem virtuosen Changieren zwischen Menschsein und Tiersein, albernem Mummenschanz und Berufsdepression zuzuschauen." Für ihn sieht der Dramatiker Chris, Erfinder der Spiegelei-, Toast- und Pfeffermühlen-Rollen, "dem Autor Schimmelpfennig nicht unähnlich."

 
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