Mehr Mitleid für weinende Schurken

von Georg Kasch

Nürnberg, 20. Februar 2010. Ein bisschen manipulierter Volkswille kann bei einer Machtübernahme nicht schaden, oder? Buckingham, der joviale Königsmacher, wedelt während seiner Rede mit den Armen, reckt den Zeigefinger in die Luft, ballt die Fäuste, der kräftige Catesby stimmt ins Gewinsel vom unvergleichlichen Herrscher ein und schmeißt sich in die Kutte eines Geistlichen, um Richards Frömmigkeit zu demonstrieren. Der bleibt cool, als ihm der überrumpelte Bürgermeister von London die Krone anträgt. So cool, dass Catesby das Premierenpublikum zum rhythmischen Anfeuer-Klatschen animiert.

Doch dem ist schon lange nicht mehr zum Mitmachen zumute. Denn Christoph Mehler würgt den Nürnbergern mit seiner Inszenierung von Shakespeares "Richard III." so richtig eine rein. Die Zumutungen sind längst bekannt, verstören aber immer noch: Pausenlose drei Stunden dauert der Abend, oft wird an der Hörbarkeitsgrenze gesprochen (oder darunter), dann wieder ballern einem dröhnende E-Gitarren um die Ohren. Auch arbeitet Mehler mit Überlagerungen, schiebt Szenen und Dialoge collageartig übereinander. Einige Zuschauer verließen während der Aufführung den Saal, am Ende gab’s etliche Buhs.

Dreck am Stecken

Vielleicht doch eine Ehrenbezeugung für Mehler. Denn dieser "Richard III." soll weh tun. Es ist die letzte Inszenierung in der Kongresshalle, dem Umbau-Ausweichquartier im NS-Repräsentationsbau auf dem Reichsparteitagsgelände. Wo sich zu Beginn Brechts Gauner-Parabel "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" als brave Kostümklamotte über die Bühne schleppte, zeigt Mehler den Aufstiegskampf von Uis Bruder im Geiste als schrecklich klapperndes Machttheater mit Hang zur Schmiere.

Keine Ein-Mann-Ego-Show mit austauschbarer Staffage, sondern ein Ensemblestück, dessen Protagonisten alle Dreck am Stecken haben. Schließlich ist "Richard III." Endpunkt und Summe der Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancaster, die sich in England hundert Jahre lang gegenseitig abmetzelten. Nichts für schwache Nerven – und nichts für Unschuldslämmer.

Intrigen in allen Konstellationen

Also versammelt sich eine pittoreske Gesellschaft auf dem glatten Kunstmarmorpodest des sonst kahlen Raums (Bühne: Nehle Balkhausen), wo niemand den ersten Stein werfen mag, aber in wechselnden Konstellationen fröhlich intrigiert wird. Mehler lässt den Zeigefinger in der Hosentasche und nimmts mit Ironie: Was für ein Versöhnungs-Theater, als König Edward noch einmal alle zusammenbringen will und sich die hohen Damen und Herren in schrägem Retrofummel umständlich spreizen. Und die gemeinsam aufstöhnen, als die enervierende Alt-Königin Margaret (Jutta Richter-Haaser als unerbittlich steinerner Gast) aufkreuzt, um ihre Flüche loszuwerden.

Was für ein Humanismus-Theater, als sich einer der beiden Mörder von Richards Bruder Clarence einen Menschlichkeits-Anfall leistet, der erst von der Erinnerung an die Gage beendet wird (Stefan Lorch spannt einen da mit seinem Summen und Singen ordentlich auf die Folter). Was für ein Kindertheater, als Richard und Konsorten seine Neffen mit Zaubertricks, Papierschlangen und Marshmellows bespaßen, um sie gleich darauf in den Tower zu sperren. Und vergisst doch nicht das Leid: Wenn Tyrell, bei Felix Axel Preißler zunächst noch ein eiskalter Stricher, mit verheulten Augen vom Mord an den jungen Prinzen berichtet und im Hintergrund deren Mutter Elisabeth (Tanja Kübler, als Königin schnippisch überdreht, als verhärmt Trauernde ein eindringliches Schmerzensbild) stumme Klagelaute ausstößt und das Kinder-Jackett ihres Sohnes liebkost, hat das tragische Größe.

Krone und Nadelstreif

Die Toten werden allerdings schnell relativiert, wenn kurz darauf die verhärmten Mütter-Gattinnen Margaret, Elisabeth und die Herzogin von York ihr Leid gegeneinander aufrechnen. Bei so vielen Toten, auch so viel Racheanspruch verliert man schnell den Überblick. So ist dieser "Richard III." auch ein Stück der Frauen. Vor allem, weil der seelenlose Tyrann mit Julia Bartolome besetzt ist. Sie spielt ein hyperintelligentes, trotziges Kind, einen Außenseiter, der den Sandkasten dominieren will.

Man weiß um Richards kalte Perfidie – und glaubt Bartolomes großen dunklen Augen doch jede Lüge aufs Wort. Weil sie so launig zu krächzen, so naiv zu bitten weiß, weil sie in alle Richtungen flirtet und dennoch ihre Aura von Einsamkeit nie verliert. Ihre Behinderung? Eine Mitleid erregende Geste, die sich auflöst, sobald Richard an der Macht ist. Ihre Mordaufträge? Gelangweilte Befehle, weil das Ziel des Spiels nur so zu erreichen ist. Ihre Königsherrschaft? Eine Krone überm Nadelstreif, die zu groß ist und immer wieder über die Ohren rutscht, ein Kleben am Stuhl und momentweises Entsetzen über sich selbst. Das geht nicht ohne Mitleid für den weinenden Schurken – vielleicht die stärkste Lektion des Abends.

 

Richard III.
von William Shakespeare, Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Christoph Mehler, Bühne: Nehle Balkhausen, Kostüme: Anne Hölzinger, Dramaturgie: Katrin Breschke.
Mit: Julia Bartolome, Pius Maria Cüppers, Rebecca Kirchmann, Tanja Kübler, Jutta Richter-Haaser, Elke Wollmann, Rolf Kindermann, Stefan Lorch, Gunter Heun, Thomas L. Dietz, Felix Axel Preißler, Jochen Kuhl, Hartmut Neuber.

www.staatstheater-nuernberg.de

 

 

Kritikenrundschau

In Christoph Mehlers "Richard III."-Inszenierung am Staatstheater Nürnberg "ist sogar der Buckel", das Stigma der Titefigur, "nur gespielt". Julia Bartolome gebe den Richard als einen "Regisseur seiner Karriere, kühl kalkulierend, der zielstrebig über Leichen geht – und dem Zuschauer dabei offen die Karten zeigt", schreibt Wolf Ebersberger in der Nürnberger Zeitung (22.2.). Bartolome mime den Schurken "wie eine Mischung aus Hella von Sinnen und Joseph Goebbels (...): ein kleiner, pomadisierter Geck im schwarzen Nadelstreifenanzug, mit proletarischem Gestus fuchtelnd und brüllend, ein Mafioso aus der Vorstadt, verquer und schlacksig, katzenhaft lauernd, oft am dunklen Bühnenrand." Mehlers Inszenierung enthalte "krasse, manchmal auch krude Details, die das Stück tragikomisch aufsplittern", die der Aufführung aber nicht ihre Stärken nähmen: "ihre vielen intensiven Momente, ihren Witz, ihre Eleganz, ihren Bruch in die Tragödie, die Trauer, die Lähmung." Zumal Mehlers Regie das "das gesamte Ensemble zu Spitzenleistungen" animiere.

Shakespeares "Richard III." in der Inszenierung von Christoph Mehler sei "kein Skandal, aber ein Ärgernis für viele Besucher" gewesen, vermeldet Steffen Radlmaier in den Nürnberger Nachrichten (22.2.). Zwar sei Julia Bartolome in der Titelrolle "ein ebenso perfider wie faszinierender Machtstratege und Machtspieler, ein politischer Führer und Verführer, ein gnadenloser Egomane, der buchstäblich über Leichen geht." Doch leider gelinge es "dem jungen Regisseur bei seinem ersten Shakespeare nur ansatzweise, sein Konzept überzeugend umzusetzen." Der Shakespeare-Text werde "offenbar als bekannt vorausgesetzt, zu verstehen ist er jedenfalls nur stellenweise. Dafür dröhnt zwischen den Szenen ohrenbetäubender Lärm bis an die Schmerzgrenze aus den Lautsprechern. Klar ist, die Inszenierung soll wehtun, bloß nicht gefällig wirken." Letztlich bleibe sie aber "ein künstlerischer Kraftakt mit unbefriedigendem Ergebnis". Was sich für Radlmaier übrigens in eine "Nürnberger Dramaturgie" fügt, "die man zugespitzt so zusammenfassen könnte: Starke Schauspieler, schwache Regisseure, leere Bühne, seltsame Kostüme (...)".

 
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