Wieviel Traumstoff das Leben verträgt

von Nikolaus Merck

Berlin, November 2006. Zuletzt wäre sie fast noch von der Bühne gefallen. Da hatte sich das Ensemble mit Doktor Wangel und Gattin Ellida an der Spitze ziemlich weit vorgetraut und Anja Schneider hatte halb skeptisch, halb gipfelhoch fröhlich ausgespäht und war einfach immer noch näher herangegangen an dieses Atmen und Rumoren im Dunkel vor ihr.

Ein Glück, dass Horst Kotterba, vor Urzeiten einmal ein junger Faust in der DDR-Provinz, dann auf Vorabendserie-Abwege geraten und nun zurückgekehrt auf die Bühne, wo er als Wangel mit windzerzaustem kurzen Blondhaar und einem einzementierten, etwas somnambulen Kleinlächeln die ungeheuerlichen Eröffnungen hinnimmt, die ihm seine zweite Frau Ellida macht – eigentlich hast Du mich gekauft; ich habe heimlich immer einen anderen geliebt – dass Horst Kotterba also, als Anja Schneider losging, um nachzuschauen, ob die Menschen wirklich geweint hatten und gelacht, im letzten Moment geistesgegenwärtig zupackte und seine ungestüme Partnerin vorm Absturz bewahrte.

Träume vom wirklich wilden Leben

Dabei konnte ja gar kein Zweifel mehr bestehen. Die Zuschauer hatten sich widerstandslos dem heiteren Ibsen-Spiel ergeben, das Armin Petras aus der verblasenen Geschichte um Ellida gewonnen hat, jener Frau die vom Meeresstrand ins Hause Wangel kam, von den Kindern aus erster Ehe nicht akzeptiert wird und ihrerseits den geheimnisvollen Fremden nicht vergessen kann, dem sie einst die Ehe versprochen. Mehr noch: die Zuschauer im Saal hatten sich, als hinterließen sie bloß Mantel und Schal, ihren Argwohn, ihre Skepsis und ihr Misstrauen abnehmen und von dem lustvoll geradlinig die Ibsen-Gefühle und Begierden ausspielenden Ensemble in eine staunende, kichernde Kinderschar verwandeln lassen.

Und Anja Schneider hatte für dieses Armin-Petras-Theatergefühl die Chef-Agentin gegeben. Als Ellida bewahrt sie die Träume vom wirklich wilden Leben, von Liebe und Leidenschaft gleichsam rein im Herzen. Und sehnt sich zugleich nach der unglamourösen Innenausstattung des Mittelstands-Daseins mit Zugehörigkeit, Verlässlichkeit und Verantwortung für die Kinder. Doch während Anja Schneider vor fünf Wochen in ihrem ersten großen Ibsen-Auftritt im Hause Gorki als ungestüme Hilde vom Baumeister Solness das versprochene Königreich einforderte, ihn aus seinem Leben als alternder Provinzmatador loseisen wollte und schließlich halb resigniert sich mit der Errichtung von Luftschlössern zufrieden gab, geht sie diesmal weiter.

Gemeint sind natürlich: wir alle

Wenn sie den Männern im Gespräch auf die Pelle rückt, sie streichelt, an ihnen nestelt und zerrt, dann ist es, als wolle sie die Fassade durchdringen, die Ibsen-Menschen – und gemeint sind natürlich: wir alle –  um unsern wahren Seelenglutkern errichtet haben. Nun mag dieser Seelenkern selbst ja eine hübsche Fiktion sein, aber Anja Schneider spielt so, dass zum Schluss alle ganz fest an seine Existenz glauben. Wenn sie die Lippen schürzt, als bestünde ihr ganzes Gesicht nur aus Mund, wenn sie Hand anlegt am Gegenüber, und wenn sie, so der Bestürmte zurückweicht, die Augenbrauen zum zugleich skeptischen wie schmerzlichen Dreieck lupft, dann ist es mehr als Spielen, es ist ein Anbranden gegen die Resignation der Erwachsenen. Es ist eine Variation über die existenzielle Frage: wie viel reinen Traumstoff verträgt das Leben. Eine Herausforderung selbst für den wohltemperierten Doktor Wangel, der Ellidas Überspanntheiten sonst nur mit Beruhigungsmittel und Nachsicht traktiert. So sieht sich die Meerfrau am Ende zwei Geliebten gegenüber: ihrem bettelarmen Traummann und dem durch sie zum Leben wiedererweckten Familienversorger. Kein Wunder, dass ihr die Entscheidung schwer fällt.

zuerst erschienen in Theater der Zeit 1/2007

 

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