Mut zum Absprung

von Jördis Bachmann

Jena, 25. Februar 2010. Was vom Gelächter des Abends übrig bleibt, ist ein wehmütiger Schmerz. Es kränkt, wie Autor Thomas Melle dem Publikum mit seinem Stück einen Spiegel vorhält. Wer bist du? Wer willst du sein?

Das Theaterhaus Jena fragt in dieser Spielzeit nach der "letzten Ausfahrt Paradies". An welcher Stelle kann der Absprung aus den festen Routinen, aus der schützenden Sicherheit und der gähnenden Langeweile noch gewagt werden? Thomas Melle hat mit seiner Auftragsarbeit "Das Herz ist ein lausiger Stricher" eine Hommage an die Unabhängigkeit geschaffen, die nirgends besser platziert gewesen wäre, als in dem kleinen Jenaer Theater mit seinem jungen Ensemble und seiner offenen, unkomplizierten Atmosphäre.

Sozialkladderadadsch

Sechs Figuren, sechs Lebensentwürfe, sechs Träume prallen aufeinander. "Das Leben geht verschlungene Wege": Jenni wird 18. Sie lebt mit ihrem Vater allein in einem "Karton" - einer sozial schwachen Wohngegend. Die Mutter hat kurz nach Jennis Geburt die Familie verlassen, für einen Mann mit Geld und Perspektive, weder das eine noch das andere bleiben ihr am Schluss.

An Jennis 18. Geburtstag taucht nicht nur ihre Mutter Helene wieder auf, es tritt auch Ran in ihr tristes Leben. Ran ist Food-Company-Manager und verbringt im Rahmen eines Näher-am-Kunden-Programms einen Tag bei Jenni und ihrem Vater, während seine hochschwangere, hysterisch veranlagte Verlobte Katja darüber nachdenkt, wie sie ihre IKEA-Möbel in der gemeinsamen Eigentumswohnung verteilt. Jennis Vater Hans indes wünscht sich nur eines, dass seine Tochter ihm all seine unverwirklichten Träume erfüllt. Und zwischen Helene, Hans, Ran, Katja und Jenni irrt ein lausiger Stricher, der ausgediente Rockstar Bill, für den das Wetter immer mies ist und der seine Leidenschaft längst verkauft hat.

Schiefe Leben unter der Lupe

Regisseur Ronny Jakubaschk hat es geschafft, sechs Charaktere auf die Bühne zu bringen, die in all ihrer Überzogenheit authentisch wirken. Er hat die Absurditäten des Alltags enthüllt. Zwischen Schauspielerei und Slapstick schaffen es die Darsteller dabei, ihre Rollen auszufüllen, ohne ins Lächerliche abzugleiten. Sie bewegen sich auf einer grün-gelben Kastenbühne zwischen Kühlschrank, Herd, Lattenrost und Schrank. Bühnenbildner Matthias Koch hat diese Symbole der Alltäglichkeit schief aufeinander gestapelt. In dem schiefen Mobiliar spiegeln sich die schrägen Lebensentwürfe der Figuren.

Hinter der Kastenbühne erhebt sich eine Leinwand. Und während Videotechnik in vielen Stücken unmotiviert und scheinbar zwanghaft eingesetzt wird, bindet Jakubaschk die Projektionen so in das Stück ein, dass sie nicht nur berechtigt sind, sondern auch zu einem spielerisch nützlichen Element des Stücks werden. Die Leinwand verdeutlicht wie eine Lupe einzelne Charaktere.

Mit Food-Manager ins Elfenreich

Der Charakter, bei dem die Fäden der Geschichte zusammenlaufen und sich auch wieder auflösen, ist Jenni. Sie dreht an dem großen Rad, um die Richtung, in die ihr junges Leben sich bewegt, zu ändern. Das tut sie mit einer entschlossenen Härte, die bis zum Mord an ihrem geliebten Vater führt. Damit befreit sie sich von den Lasten fremder Ansprüche und Hoffnungen. Auf ihre Reise in die Freiheit - nach Island zu den Elfen - nimmt sie den Food-Company-Manager Ran mit. Beide haben sich von ihren Zwängen befreit, unnötigen Ballast rücksichtslos abgeworfen, um höher steigen zu können.

"Dies könnte der Anfang einer wunderbaren Generation sein." Man möchte den letzten Satz des Stücks fast glauben, lägen da nicht so viele Leichen im Keller.

 

Die Verfasserin Jördis Bachmann arbeitet als Redakteurin bei der Thüringischen Landeszeitung in Weimar.


Das Herz ist ein lausiger Stricher (UA)
von Thomas Melle
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühne und Kostüm: Matthias Koch, Musik: Sebastian Brandt, Dramaturgie: Christin Bahnert.
Mit: Anne Haug, Ralf Jung, Saskia Taeger, Mohamed Achour, Julian Hackenberg, Vera von Gunten.

www.theaterhaus-jena.de

 

Der Regisseur Ronny Jakubaschk, 1979 in Guben geboren, inszenierte im September 2009 zur Saisoneröffnung am Theater Basel die Uraufführung von Marcel Luxingers Tell the Truth. Texte des 1975 in Bonn geborenen Dramatikers Thomas Melle waren im Sommer 2009 die Basis von Yvonne Coetzees Projekt Endstation Echtzeit im Berliner Theaterdiscounter.

 

Kritikenrundschau

Witzig und beklemmend zugleich fand Franziska Nössig von der Thüringischen Landeszeitung (27.2.2010) Thomas Melles Stück, das seinem Untertitel "Boulevardmelodram aus der Gegenwart" aus ihrer Sicht alle Ehre macht. Ein bisschen von allem habe Melle hier kombiniert, "Sozialstudie und 'kitchen sink'-Drama, Krimi, Komödie und Seifenoper. Die Welt der Soaps beschwöre auch die Inszenierung von Ronny Jakubaschk, "indem er Sequenzen lose aneinanderreiht. So wie die Kamera in den Vorabendserien zwischen den Szenarien hin- und herschnippen, blitzen in Jena im Spot Momente aus dem Alltag von Ran und Katja, Hans und Jenni auf." Seicht wird es nicht, schreibt die Kritikerin, "auch durch die Schauspieler, eine wirkungsvolle Balance zwischen Witz und Ernst." Die Schauspieler seien es auch, die den mitunter grob geschnitzten Generationen-Schablonen des Stücktextes Dramatik verleihen.

 

 
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