Zersetzungsparty im Märchenkosmos

von Dorothea Marcus

Bochum, 5. September 2007. Eigentlich ein Wunder, dass sich Jan Fabres Werk nicht früher explizit mit dem Tod beschäftigt hat, denn seine Bilderwelten weisen seit Jahren auf diese letzte aller Körpermetamorphosen hin: Immer wieder tauchen Insekten, Puppen, Larven, Totenköpfe, Kreuze, Särge, Skelette und tote Tiere in den Arbeiten des Choreografen, Zeichners, Bildhauers und Theatermachers aus Antwerpen auf. Ein vielseitig einsetzbarer Werkzeugkasten aus pompösen, schillernden und morbiden Symbolen.

Auch die heulenden Babies, die in seiner letzten Inszenierung von 2005, der "Geschichte der Tränen", von ihren Pflegern umgebracht werden, wirken im Nachhinein wie der Gegenpol und die logische Vorstufe zu den Toten in seiner neuen Produktion "Requiem einer Metamorphose". Zweimal, schreibt Fabre im Programmheft, habe er schon selbst im Koma gelegen, kurz vor der Inszenierung sind innerhalb kürzester Zeit seine Eltern gestorben, und ohnehin bringe er sich für seine Kunst um, da er ihr ja seine Lebenszeit opfere.

Verfaulendes Blumenmeer
Grund genug also, sich endlich des Todesthemas auf der Bühne anzunehmen. Die Jahrhunderthalle Bochum duftet nach Weihrauch und Schnittblumen wie eine Gedenkhalle. Die Musiker tragen schwarzen Mundschutz, es könnten auch Geruchsmasken sein. Denn als die Blumengestecke von den Särgen fallen, weil die nackten, jungen Tänzerinnen wie lebende Tote herauskriechen, bildet sich auf dem Boden ein zentimeterhohes buntes Blumenmeer, das im Laufe des Abends zertreten, geworfen, durchwühlt wird – und im Zersetzungsprozess immer fauliger riecht.

Zersetzung überall: Für Fabre ist der Tod nur ein Durchgangsstadium auf dem Weg ins große Unbekannte, eine Station von vielen auf der Veränderbarkeitsskala des Körpers. Er hat für ihn offenbar keinerlei Schrecken. Im Gegenteil, Fabre feiert genüsslich einen mittelalterlichen Totentanz mit wuchtigen Bildern aus seinem obszönen, immer wieder furchtbar kitschigen und klischeehaften Märchenkosmos.

Sargmacher und andere Reisebegleiter
Wie ein Requiem hat er den Abend in acht Stationen aufgeteilt, in jedem steht eine Figur im Mittelpunkt, die professionell mit dem Tod zu tun hat: Sargmacher, Palliativpfleger, Friedhofsgräber, Blumenverkäufer, Priester, Toten-Visagistin: Reisebegleiter zum Tode. Sie nehmen Teil am Fabre-Reigen der Geschmacklosigkeiten, die aber so naiv, kindlich und wie selbstverständlich zelebriert werden, dass sie uns normal vorkommen wie im Traum: Da kann man Tänzerinnen zwischen die nackten Beine sehen, werden Körper in Schlangentänzen mit Darmwürsten gebogen, baumeln Eingeweide aus zerklüfteten Bäuchen, kopuliert eine Frau mit einer Riesenspinne aus Stoff.

Fabre choreografiert die körperliche Grenzüberschreitung wie immer so schockierend wie möglich und plant seine Exzesse so minutiös durch, dass sie ein Glaubwürdigkeitsproblem haben und den Zuschauer merkwürdig kalt lassen. Jan Fabre, Urenkel des berühmten Insektenforschers Jean-Henri Fabre, stilisiert sich sonst gerne als einsamer Krieger mit Schildkrötenpanzern und goldenen Insektenlarven. Doch das Lieblingsinsekt an diesem Abend ist eindeutig die Raupe, die zum Schmetterling wird – ein Auferstehungssymbol von Bilderbuchqualität.

Schmetterlingswitze über Bin Laden
Mit glitzerndem Goldkostüm taucht der Schmetterling aus dem Blumenteppich auf, tollt mit großen Seidenflügeln zwischen all den Todessymbolen herum und wird dann und wann neckisch von Wespen in übergroßen gelben Hemden und schwarzen Hosen von hinten bestäubt. Ständig erzählt er schlechte Witze über Hitler, Osama Bin Laden oder Rinderwahnsinn, um "die Toten zum Lachen zu bringen".

Das wirkt genauso albern wie das so krampfhaft ernste poetische Philosophieren der Tänzer über den Tod, das immer wieder in Poesiealbumsprache kippt: "Lerne zu sterben und du wirst lernen zu leben". Zwischendurch sprechen Nachrichtensprecher auf Französisch Details von Kriegen, dem Völkermord in Ruanda, Terrorismus und Tsunami ein – abstrakte Todesinformationen, die uns nicht berühren können und auch über den Tod nichts aussagen, der an diesem Abend so unfassbar bleibt wie sonst auch.

Ein Wälzen, ein Rasen und Rollen
Doch die kindlich-klischeehafte Todesparty ist vergessen, sobald die Tänzerinnen schweigen und zu ihren seltenen, großen Massenszenen anheben: Wie sie sich zur Musik des flämischen Komponisten Serge Verstockt, die zwischen Gregorianik und Partybeats changiert, wälzen und über das Blumenmeer rasen und rollen, ist fantastisch. Als bliebe im Angesichts des Todes eben doch keine andere Möglichkeit als die Vergänglichkeit der Schönheit exzessiv zu feiern und sich zu verausgaben in einem verzweifelten Kampf um das Leben.

Und so kommt unter der sich selbst erstickenden Bilderflut doch auch immer wieder eine eigenartige, authentische Kraft und todesferne, tröstliche Leichtigkeit zum Vorschein. Jan Fabre ist Jan Fabre – man kann ihm kaum das Werk, mit dem er berühmt geworden ist und in dessen Kontext er sich seit Jahrzehnten treu bewegt, zum Vorwurf machen. Innerhalb seines Kosmos ist dieser Abend jedenfalls einer seiner gelungensten.

 

Requiem für eine Metamorphose.
Eine theatralische Totenmesse
Regie, Bühne, Choreografie, Licht: Jan Fabre, Musik: Serge Verstockt, Dramaturgie: Luk Van den Dries, Miet Martens, Kostüme: Pol Engels, Katrien Strijbol, Andrea Kränzlin.
Mit: Linda Adami, Lie Antonissen, Manon Avermaete, Christian Bakalov, Katarina Bistrovic-Darvas, Dieter Bossu,
Dimitri Brusselmans u.a.

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

Manuel Brug in der Welt (28.8.2007) ließ sich vom Geruch der 38.000 Schnittblumen, die Fabre in der Salzburger Felsenreitschule ausbreitete, gerne betören. Die Inszenierung sei "ein Memento Mori als Fingerzeig auf das barocke Fest der Lebenden". Der 49-jährige flämische "Multifunktionskünstler" Fabre hätte nicht wirklich etwas für sein Werk Neues geschaffen. Aber seiner "fest in der Kunsthistorie verankerte(n) Fantasie" gelinge "ein großes, festspielwürdiges Spektakel": "Er schafft zwei Stunden Chaos und Diskurs, Konfusion und Kontemplation über die letzten Dinge." Ein "Fleurop-Friedhof zwischen Pulp und Pomp, Kunst und Kunstgewerbe."

Eva-Elisabeth Fischer hat Ähnliches gesehen, ist aber weniger wohlwollend. In der Süddeutschen Zeitung (28.8.2007) spottet sie, dass nun also auch Jan Fabre, der Verwesungsdemonstrant und Kirchensäulen-mit-Parmaschinken-Umwickler in Salzburg angekommen sei. Und zwar mit einer aus "angeblichen" Koma-Erfahrungen gespeisten Inszenierung. Von "Dr. Fabres Gruselkabinett" ist die Rede, von dem "vor Sentenzen fürs Poesiealbum strotzenden Stück" und einem "Spektakel grässlichster Lächerlichkeit", an dem deutlich werde, "mit welcher Zielstrebigkeit er jedes Gefühl ausspart". Doch auch sie erblickte "Bilder von magischer Kraft" und schätzt, wie sich Fabre "grandios" vor den Möglichkeiten des Theaters verneige.

Gerhard Rohde referiert Jan Fabres persönliche Todeserfahrungen in der FAZ (28.8.2007) ausführlich. Inklusive dessen Einschätzung, dass "er als Mensch schon seit langem tot sei" und "nur mehr über den Atem seines Werkes lebe". Die Inszenierung sei einerseits voller düsterer Plattheiten, andererseits voll flämischen Humors. Man könne Fabres "Bekundungen" für "aufregend" halten, aber auch für "banale Küchenphilosophie". Die Musik von Serge Verstockt suggeriere einen "vordigitalen Klang", der aber "auch nicht weiter helfe". Immerhin beeindrucke die Einsatzbereitschaft der Darsteller. "Aber alle Turbulenzen können letztlich nicht überdecken, dass auch der Bewegungsphantasie des Choreographen Jan Fabre Grenzen gesetzt sind."

Einen Tag später kommt Hans-Klaus Jungheinrich in der Frankfurter Rundschau (29.8.2007) in die gleiche Klemme wie seine Vorredner. Er ist teilweise "frappiert und animiert": von der Bühne, dem Bilderbogen und den "brillanten und gekonnt realisierten Einzel- und Gruppenleistungen" des Ensembles. Doch die permanente Überwältigungsästhetik (zu der Verstockts "aufs Geräuschhafte beschränkte Musik" das ihre beiträgt) stumpft auch ihn bald ab: "Fabres mehr auf- als eindringliches Lehrstück lehrte zumindest eines: dass die Akkumulation möglichst greller Mittel dem Fluch der Fadheit nicht entrinnt, ja, ihn erst recht heraufbeschwört."

 

 
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