Bedeutungsschatten vor einer Mauer aus Dunkelheit

von Hartmut Krug

Berlin, 10. März 2010. Das verfallene Viertel am Rande einer großen westlichen Hafenstadt, das Bernard-Marie Koltès in einer von existentialistischen Zitaten umrahmten Szenenanweisung benennt, ist in der Volksbühne eine offene Spielfläche ohne jeden szenischen Realismus. Die Darsteller steigen auf eine mächtige, bewegliche Scheibe, begrenzt von einem schmalen Wasserbassin, und setzen sich an den Rand. Diese Nachtgestalten vom Rand der Gesellschaft sind immer präsent, sie beobachten und belauern sich durch ihre schiere Präsenz, und wer in den Kampf der Dialoge eingreift, steht auf und tritt hinein ins Spiel.

Die Spielfläche, mal erdig, mal umwölkt, mal eingedunkelt oder gleißend ausgeleuchtet, ist ein Präsentierteller, der sich hebt, senkt und dreht, der die Menschen in Bewegung setzt und sie doch nicht von der Stelle kommen lässt. Dröhnende Töne wehen von fern herbei, und Musikfetzen und Walgesänge unterstützen die atmosphärische Kraft einer Bühne, mit der sofort klar wird: hier geht es nicht um eine Aktualisierung und genaue gesellschaftliche Situierung des Stückes, nicht um Globalisierung und Börsencrash, nicht um platte Kapitalismuskritik, sondern um die Darstellung einer allgemeinen Leere in einer Gesellschaft ohne innere Utopien.

Existenzieller Präsentierteller

Schon bei Koltès spielt die Geschichte vom kriminell gescheiterten Bankier, der sich in seinem Jaguar von seiner Sekretärin in eine nur von kleinen Gaunern und illegalen Einwanderern bevölkerte Randzone der Zivilisation chauffieren lässt, um hier Selbstmord zu begehen, weniger in einem gesellschaftlichen als in einem existentiellen Denkraum. Und der Bankier (Peter Kremer) spielt letztlich keine große Rolle, sondern ist nur Katalysator für Handlungen und Haltungen von Menschen, die sich als Bedeutungsschatten vor einer "Mauer aus Dunkelheit" auf glitschigem Grund begegnen. Wenn die Sekretärin (Pascale Schiller) als erste in die Mitte dieses existentiellen Präsentiertellers stöckelt und ihren Ärger, hierher gelangt zu sein, ins Leere und hinab ins Publikum feuert, dann vermag sie sich kaum auf den Beinen zu halten. Festen Grund wird sie hier nie bekommen.

Die Männer, die dann auf- und abtreten, ruhen dagegen fest in sich und auf den Beinen. Toks Körner stellt den wortlosen Abad in zurückhaltender Eindringlichkeit einfach nur hin, während Sebastian König seinen Charles, den Bruder von Claire, aus dessen Texten heraus in eine ruhige Umtriebigkeit führt. Die junge Claire, die vom beweglichen Fak (Christoph Letkowski), dem Sohn einer Emigrantenfamilie, bedrängt wird, ist ebenfalls immer in Bewegung. Maria Kwiatkowsky zappelt und trippelt unentwegt virtuos auf der Stelle. Kein Zufall, dass sie in ihrem roten Kleid die einzige Farbe in die Düsternis bringt.

Ein Autor wird kenntlich

Regisseur Werner Schroeter schafft es, die Arienstruktur dieses aus vielen gegeneinander gesetzten Monologen bestehenden Stückes, in dem Koltès jeden am anderen vorbei antworten lässt, so lebendig wie längere Zeit auch unterhaltsam werden zu lassen. Schon lange nicht mehr hat man an der Volksbühne erlebt, dass Texte so klar durchleuchtet und konzentriert aus der Sprache heraus versinnlicht wurden. Bei Schroeter erleben wir zwei Stunden Sprechtheater, so anstrengend wie partiell anregend, so spannend wie aber auch immer wieder in lange Spannungslöcher fallend.

Vor allem aber: Koltès, der Ende der achtziger Jahre viel und vor allem streng ernsthaft poetisierend gespielt wurde (in Berlin 1992 schon einmal an der Volksbühne, und 1994 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters), bleibt nicht der von Heiner Müller geheiligte Bühnenpoet der tieferen Bedeutungen, sondern wird als Autor kenntlich, der seinen ernsten Figuren auch Komik eingeschrieben hat.

Wenn Claire und Fak in einem ellenlangen und sophistisch redundanten Dialogkampf darum kämpfen, ob er darf und ob sie will, wo sie noch niemals hatte, also gar kein Erfahrungsargument besitze, um ihre Weigerung zu begründen, dann nervt das Uferlose des Dialoges bei der Lektüre ungemein. Doch Schroeter überführt die Situation wunderbar in eine Art komischen Realismus.

Der verklärte Rest

Dennoch: auch Schroeter vermag letztlich nicht überzeugend zu begründen, warum (nach Andrea Breth im Februar in Wien) dieser "Bewusstseinsstrom" (Müller) heute wieder gespielt werden soll, zu dem schon der Autor anmerkte, der "Text ist manchmal zu lang zum Spielen". Dass alle menschlichen Kontakte wie im Stück Deals, Geschäfte und Austausch sind, dass nicht mehr wahre Gefühle, sondern nur mehr die Wünsche nach Geld, Wohlstand oder Sex regieren, dass selbst jede Emotion nur im geschäftlichen Austausch zu haben ist, das ist eine so aktuelle wie inzwischen auch allgemein bekannte Tatsache.

Nun gut, Koltès erklärt seine Außenseiter der Gesellschaft nicht, sondern er verklärt sie und schreibt für sie einen glasklar raunenden Bedeutungssound. Das mag ein Grund für die Stückrenaissance sein, findet unsere Gesellschaft doch neuerdings wieder das Unerklärliche spannend, oder, wie es in den Dramaturgien der Theater heißt, "es muss ein Rest bleiben."

Doch bei Koltès bleiben allzu viel Rest, mancher Schwulst, einige Redundanz und vor allem wenig theatrale Ökonomie. Bei aller partiellen Faszination von Werner Schroeters Inszenierung muss auch sie sich durch etliche tiefe Spannungslöcher hangeln, - manche der Sitzkissen in der Volksbühne wurden so zu Ruhekissen umfunktioniert.

 

 

Quai West
von Bernard-Marie Koltès
Deutsch von Heiner Müller
Inszenierung: Werner Schroeter, Mitarbeit: Monika Keppler, Bühne: Werner Schroeter, Jochen Hochfeld, Kostüme: Alberte Barsacq, Licht: Hans-Hermann Schulze, Dramaturgie: Monika Keppler, Sabine Zielke.
Mit: Peter Kremer, Pascale Schiller, Silvia Rieger, Maria Kwiatkowsky, Uwe Preuss, Sebastian König, Christoph Letkowski und Toks Körner.

www.volksbuehne-berlin.de

 

Der Dramatiker Bernard-Marie Koltès, 1989 kurz nach seinem 41. Geburtstag in Paris an Aids gestorben, erlebt zur Zeit eine Renaissance. Vor Werner Schroeter inszenierte Andrea Breth im Februar 2010 Quai West am Wiener Burgtheater. Werner Schroeters letzte Arbeit an der Volksbühne war der Hölderlin-Hofmannsthal-Abend Antigone // Elektra im Juni 2009 in der Agora.

 

Kritikenrundschau

In der Sendung Kultur heute (11.3.2010) im Deutschlandfunk sagte Michael Laages: Die Bühne mit der flachen runden Scheibe nebst Treppen, Mast und Wasserbecken biete ein "starkes, wuchtiges Bild". Doch in der Inszenierung werde "geredet, geredet und dann nochmal geredet - und das fast immer solo und jeder und jede für sich, sehr selten mit- und zueinander". Zwar wirke das "szenische Koltés-Konstrukt" noch immer "bemerkenswert modern", aber noch immer seien auch die "unendlich monologischen Gardinenpredigten (...) bemerkenswert unlebendig". Die ganze Zeit über simulierten diese Texte ein Leben, "das sie eigentlich gar nicht haben". Und Werner Schroeter habe sich nicht entschieden, ob er die "latenten Zuckungen" von "wirklichem Leben verstärken" wolle oder für das "komplette dramatische Gefüge" eine "Art Choreographie" suche, ohne "Wirkungen" anzustreben. "Distanz schaffen also? Oder Momente von Realität?" Letztlich biete Schroeters Inszenierung keinen "funktionierenden Ansatzpunkt für den Umgang mit Koltés."

In der Berliner Zeitung (12.3.2010) schreibt Dirk Pilz über den Schlaf. Er fragt sich, wie die Beteiligten es bloß geschafft hätten, auf den Proben zu "Quai West" nicht einzuschlafen. Das Stück sei einmal wichtig gewesen, "weil es die Hochsprache der Poesie für ein Hafenviertel-Prekariat rettet". In der Volksbühne klängen die von Heiner Müller bearbeiteten Koltès-Sätze wie "ein müdes Dauerbimmeln mit hohlen Bedeutungsglöckchen". Das wirke manchmal komisch, meistens ermüdend. Schön sei die Bühne, "Maria Kwiatkowsky, die immerfort mit dem Bein zuckt" und die "Grummel-Musik, die klingt, wie in Hexenfilmen die Musik klingt, wenn die ängstlichen Kinder in den schlimmen Hexenwald kommen". Toll sei außerdem ein Satz Silvia Riegers. Werner Schoeter nähme das Stück "konsequent von seiner existenzialistischen Seite", vielleicht aber bestünde seine eigentliche Leistung darin, aus der "überschätzten Vorlage die Luft heraus" gelassen zu haben.

Vom Schlaf erzählt auch Andreas Schäfer in der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel (12.3.2010): von seinem eigenen Schlaf unter hunderten Menschen, "die meisten liegen, die Arme vor der Brust verschränkt, und wirken, als würden sie schlafen". Auf der Bühne herrsche die "gute alte existenzialistische Leere, in der acht Schauspieler Rituale der Sinnlosigkeit aufführen". Problem des Stücks sei seine "Künstlichkeit und sein schwer erträgliches Endzeit-Raunen". Der Abend sei nicht eigentlich misslungen, dafür nehme Schroeter "seine Schauspieler zu genau an die Hand". Aber alles bleibe "fern, egal, in eine Belanglosigkeit hineinmusealisiert". "Das Sekretärinnentrippeln von Pascale Schiller oder das nervöse Fußzucken" von Maria Kwiatkowsky sei "doch unterhaltsam". Bloß berühre es nicht, weil das, "was mit der Sprache nicht zu fassen ist", auch "nicht zu spüren" sei. "Es ist einfach nicht da."

Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (12.3.2010) findet Koltès' Stück überraschenderweise "unglaublich überzeitlich", die Figuren seien "Vexierbilder" jener "kapitalistisch verformten Welt, die nurmehr die Verhandlung über Materie(n) kennt". Aber deshalb sei Koltès trotzdem nicht moralisch: "Er lehnt Moral nicht einmal ab, er nimmt ihre mögliche Existenz einfach nicht zur Kenntnis." Und Schroeter folge ihm darin auf dem Fuße. Nur mache er den Fehler, dass er seine Figuren "sich erhitzen und ereifern" lasse. Das arbeite gegen die strenge "Textpartitur", die nur gleich bleibenden "Klang", "Melodie" und "Rhythmus" kenne. Schroeter entwickele "Psychologien", er kreiere "Pointen, die in der Partitur nicht stehen". Das wirke "bemüht, arrangiert, sogar zelebriert". Außerordentlich indes gelinge die Szene, in der Charles und Monique über Autos redeten. Da gäbe es plötzlich "eine hocherotische Spannung im Raum".

Till Briegleb, der vom Stück auch einiges hält, macht es in der Süddeutschen Zeitung (12.3.2010) stadelmaiersch knapp und bündig: die Inszenierung sei ein Debakel. Schroeter sei kein Regisseur mehr für das Gegenwartstheater. Seine Inszenierung sei "von jeder realistischen Annäherung an das Leben und die Ängste echter Menschen mindestens so weit entfernt" wie der Mond von der Erde. "Hölzerne, pathetische Gestalten, gefangen in lächerlichen Gesten", sprächen mit dem "falschen Ton von Ahnungslosen" Koltès" Sätze. Eine zweistündige Stellprobe zur "Verherrlichung der Bühnenkünstlichkeit", "quälende Langeweile mit unfreiwillig komischen Momenten", von Schroeters "expressiver Sperrigkeit" sei nur "expressive Rheumatik" geblieben.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.3.2010) schreibt Irene Bazinger: Schroeter rücke die Figuren "in Richtung Beckett oder Genet" und lasse sie "stets wissen, dass sie bloß spielen - rituell ausgefeilt, leidenschaftlich stilisiert und ohne absehbares Ende". Sie bewege weniger "das Anliegen von Koltès, menschliche Beziehungen in Analogie zu geschäftlichen zu schildern", als der "Zyklus regelmäßiger Niederlagen". Silvia Rieger zeige Cécile "wie einen entrückten Prinzen aus dem Albtraumland", Maria Kwiatkowsky ihre Claire als eine "Comicgestalt". Die Bühne erinnere ein bisschen an die "Bayreuther Bühnenbilder Wieland Wagners", und die "Transaktionen", die das "Personal von Koltès veranstaltet, wirken wie der Deal, der nie gelungen". Vielleicht werde "Quai West" überschätzt, aber Schroeter inszeniere es als "eine gelockerte Tragikomödie der Vergeblichkeiten". Eine "schöne, schlichte und stichhaltige Aufführung".

 

 

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