Wes Brot ich fress'

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 16. März 2010. "Diese Stadt, durch die wir gerade fahren, ist pleite." Schauspielerin Anna Polke sagt das so nebenbei. Oberhausen hat 1,6 Milliarden Euro Schulden, 7.500 Euro pro Kopf, rechnet sie vor. "Und das als Weltkulturmetropolenhauptstädter 2010." Auf der Busfahrt zum eigentlichen Spielort, der Sporthalle einer Gesamtschule, bekommt der Zuschauer der "Abseitsfalle" gleich die harten Fakten zu hören. Viele Ruhrgebietsstädte sind hoch verschuldet, den Stadttheatern droht die Schließung.

Für Schorsch Kamerun ist die desaströse Lage Anlass für sein neuestes Theaterprojekt, ein als "Vier-Chancen-Tournee" ausgerichteter Theater-gegen-Fußball-Wettstreit. Gekämpft wird um die finanzielle Rettung: Sponsoring durch einen reichen Sultan aus dem Emirat und seine Firma Arab Petrol. Es tritt an: das Theater Oberhausen gegen den Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen (RWO).

Theatrales Freundschaftsspiel ums Sponsoring

Schorsch Kamerun, Sänger und Texter der Goldenen Zitronen und seit einigen Jahren zudem Theaterkonzeptor, packt Gegenwartsprobleme gerne ironisch-spielerisch an. In diesem Fall könnte man sein Unternehmen auch sportlich nennen, wobei der Wettbewerb eher einem Freundschaftsspiel denn einem Kampf um den Klassenerhalt gleicht. Action-Painting im Stil des Wiener Aktionismus gegen nette Filzstift-Malerei, Autoren- gegen Fußballspieler-Weisheiten, maskenreiches Opferfest gegen muskelstarkes Zirkeltraining. Auf beiden Seiten der Trennwand in der Oberhausener Mehrfachturnhalle wird Arab Petrol gehuldigt, die Firma wird besungen, beklatscht. Die Theatergäste und Abstimmungsberechtigten schauen erst dem einen, dann dem zweiten Team zu, in der Pause werden die Plätze gewechselt.

Selbstverständlich wird auch Theater gespielt, schließlich ist der Sultan "ein großer Bewunderer von klassischer Literatur". Die Teams haben sich für "King Lear" entschieden, sie geben den Anfang von Shakespeares hoffnungslosester Tragödie in einer "endzeitlichen Inszenierungsauslegung" (Team Theater) und in einer "volksnahen" (Team RWO). Wie Lears Töchter sollen die beiden Mannschaften ums ertragreiche Erbe buhlen.

Der Mensch muss tätig sein

In der Fußballer-Version spricht der König dann prolligen Ruhrpott-Slang, bei den Theaterprofis deklamiert er royal. Viel spannender als diese klischeebeladenen Shakespeare-Interpretationen sind aber die Tschechow-Einschübe per Video (die wohl außerhalb des regulären Wettstreits, vielleicht auch als Kür laufen). Irina, die eine von Tschechows "Drei Schwestern", und Tusenbach machen sich Gedanken über den Sinn der Arbeit und des Lebens. "Der Mensch muss tätig sein, sich abarbeiten…, das macht sein Glück aus." – Wenn die Irina vom Fußball-Team diesen Satz auf der Leinwand spricht, leiernd, vom nicht sichtbaren Blatt ablesend und in einer recht verlassenen, grauen Straße stehend, hinterlässt das sogar noch größeren Eindruck als in der professionellen Schauspieler-Version. Der Mensch vergeht in Hoffnungs- und Ziellosigkeit.

Kamerun besetzt konsequent mit echten Interessensvertretern. Im Team RWO sind Fans, Spielerfrauen, Berichterstatter und der Vereinspräsident Hajo Sommers. In der Theater-Elf treten nicht nur Schauspieler, sondern auch der Pförtner, Techniker und eine Statistin an. Dieser Mix sorgt für reizvolle Momente. Der breitschultrige, "Ruhrpott"-tätowierte Stadion-Ordner tanzt mit Ölkanistern in den Hand zur "Glück Auf! Arab Petrol"-Hymne. Einem Fan fällt zum Thema Kultur ein, dass er Helge Schneider mal gesehen hat. Und der Theaterpförtner suhlt sich erst beim Action-Painting in der blauen Farbe und meint später: "Lieber Arbeit in Oberhausen als arbeitslos in Berlin".

Fast hätte man die Botschaft verpasst

Diese collagenartig hingeworfenen Realitätsfetzen verleihen dem Abend einen Hauch von Brisanz, der ansonsten im vergnüglichen Ideen-Reigen unterzugehen droht. Kameruns letzte explizite selbstironische Äußerung verpassen die Zuschauer sogar beinahe. Nach dem Schlussapplaus läuft ein Video: Ein langbärtiger Schorsch Kamerun und seine ebenfalls (wie die Kölner Theaterneubau-Gegner) verkleideten Mitstreiter demonstrieren vor dem Theater. "No Arab Petrol" steht auf ihren Pappschildern. Die ganze Finanznot-Diskussion ist letztlich eine Farce, der der Regisseur bloß noch mit einem fröhlich-freundlichen Theater-Fußball-Projekt antworten kann.

Sponsoring ist keine Lösung, zumindest für das Theater. Soviel steht am Ende dann doch fest. Der Abend hat ja vorgeführt, wie so etwas aussehen könnte: Bühnenbilder umrahmt von Werbebannern, Szenen präsentiert mit freundlicher Unterstützung von örtlichen Firmen und Werbepausen mit Live-Vorführungen – und damit gleich ad absurdum geführt. Der Regisseur trifft mitten ins Herz der Sponsoring-Problematik, wenn auch sehr zurückhaltend. Offen eine Haltung zu vertreten, ist nur schwer möglich, wenn andere das Geld bereitstellen.


Abseitsfalle
von Schorsch Kamerun
Regie: Schorsch Kamerun, Ausstattung: Constanze Kümmel, Video: Kathrin Krottenthaler, Dramaturgie: Rüdiger Bering, Musik: Oliver Siegel, Chorleitung: Volker Buchloh.
Mit: Marek Jera; Team Theater Oberhausen: Nora Buzalka/Manja Kuhl, Ilka Freiin von Forstner, Annika Meier, Anna Polke, Hannah Schwegler, Björn Gabriel, Klaus Meller, Wolfgang Müsch, Klaus Zwick; Team Rot-Weiß Oberhausen: Jana Aengenvoort/Janine Sonnabend, Ronja Kary/Svenja Woelki, Loredana Kirstein, Monika Meier, Sonja Wazner, Pascal Dippel/Luka Peters, Marc Keiterling, Stefan Muhra, Hajo Sommers, Jörn Vanselow, Sergio Danilo Viaud und dem Sängerbund der Gutehoffnungshütte.

www.theater-oberhausen.de

 

Mehr über Schorsch Kamerun lesen Sie etwa in der Kritik zu seiner Inszenierung M.S. Adenauer im März 2009 in Köln.

 

Kritikenrundschau

"Wie die Schauspielhäuser, so sehen sich auch die Stadien der Fußballklubs von Oberhausen und Essen mit Fusionsforderungen konfrontiert. Zeit für einen Schulterschluss zwischen Künstlern und Kickern!", holt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (18.3.2010) aus. Schorsch Kamerun habe "Abseitsfalle" mit einem Theaterteam und einem Fußballteam inszeniert, und "wahrscheinlich ist schon die Grundüberlegung verkehrt, die beiden Seiten gegeneinander antreten zu lassen: Denn sie sind ja Verbündete im Fight gegen die soziale, kulturelle 'Ghettoisierung!". Es fehle der glaubwürdige Biss, die gegnerische Mannschaft tatsächlich vom Platz fegen zu wollen. "Was den Abend letztlich betulich macht. Die wollen bloß spielen.... so gemütlich wie hier wurde selten ums Überleben gekämpft." Fazit: "Das Theater Oberhausen tappt an diesem Abend zwar nicht in die Abseits-, wohl aber in die Kitschfalle. Die, allerdings, hat es sich selbst gestellt."


Kameruns "Abseitsfalle" ist ein Arrangement für zwei Mannschaften, "Vertreter des Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen hier, Schauspieler und Personal des Theaters dort", schreibt Arnold Hohmann im WAZ-portal Der Westen (18.3.2010). "Man buhlt um die Gunst eines reichen Sultans, der ein Aushängeschild sucht für seine Firma Arab Petrol." Für die Teams bedeute das eine Art "Vier-Chancen-Tournee": "Man versucht sich in Action-Painting, Gesangsdarbietung und Theaterspiel ('König Lear'), wobei der Abend gelegentlich an schlechtes Fernsehen im Stil von 'Spiel ohne Grenzen' erinnert." Dem Zuschauer bleibe nichts erspart. "In der Pause werden die Plätze in der durch Vorhang geteilten Halle gewechselt – und alles geht von neuem los." Dass Sponsoring nicht nur Segen, sondern in Form von Mitspracherecht und Einflussnahme auch unwägbare Gefahren beinhalte, "bei Kamerun wird dieses Problem im Jux weichgespült, bis man es nicht mehr wahrnimmt."


Und auch Klaus Stübler kann sich in den Ruhr Nachrichten (18.3.2010) nicht für Kameruns Projekt begeistern. "Was hätte man aus so einem Thema machen können, wenn man nur gewollt hätte." Das Enttäuschendste sei gleichwohl die Vorstellung des Theater-Teams. Die Schauspieler blieben weit unter ihren Möglichkeiten, "lassen assen sich zu ihren Ungunsten verbiegen und ihre zuletzt so gut entwickelten musikalischen Qualitäten gleich ganz außen vor." Alles in allem sei "Abseitsfalle" das schwächste Außenprojekt des Theaters Oberhausen seit Jahren und "eine wahre Anti-Werbung für die Bühne".

 

 

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