Rhapsodie der Antihelden

von Matthias Schmidt

Leipzig, 25. März 2010. Wenn das so weitergeht, dann muss das Centraltheater über die Anschaffung eines roten Teppichs nachdenken. Clemens Meyer, sozusagen der Star des Abends, ließ es sich nämlich nicht nehmen, zur Uraufführung seiner Erzählungen in einem Leipziger Langtaxi vorzufahren. Und anschließend auf der Premierenfeier sichtlich euphorisiert zu jubeln, er habe großartiges modernes Theater gesehen.

Mit Verlaub, wir sind geneigt, dem Urteil des Schriftstellers zumindest teilweise zu widersprechen, denn die erste Hälfte des Abends war genau genommen schrecklich. Schrecklich zappelig und überzogen und laut, was an sich ja hinzunehmen wäre. Aber die Inszenierung schaffte es eben lange nicht, den Texten Meyers eine bühnengemäße Entsprechung zu sein. Oder, sie wollte es nicht, was ja im urbanen Trendjetset auch schon vorgekommen sein soll.

Für ein Grillfest untauglich

In "Die Nacht, die Lichter", seinem zweiten Buch, erzählt Meyer von einer Welt, die den meisten von uns wie ein Paralleluniversum vorkommt. Es ist die Welt der Randfiguren, der Sozialhilfeempfänger, der Scheiternden. Dass dies von einem beträchtlichen Teil der Kritik als Rand der Gesellschaft empfunden wurde (und bis heute wird!), empört Meyer immer noch. Das sei nicht der Rand, sondern die Mitte, sagte er und hat nicht unrecht. Genau genommen sind eher Theaterkritiker und Schriftsteller der Rand, wenn auch der andere.

Clemens Meyer findet für seine Texte einen Tonfall, den es so in der jungen deutschen Literatur bislang nicht gab: Melancholisch, melodisch, liebevoll und dennoch nicht verklärend schildert er, was gemeinhin als Milieu verstanden wird. Beim Lesen von Meyers Büchern kann man diese Antihelden verstehen, sie sogar ein bisschen mögen und bleibt dennoch illusionslos: Zum Grillen einladen möchte man sie dann doch lieber nicht, weil sie geradezu zwangsläufig Unglück und Ärger anziehen, weil ihnen nichts gelingen will, weil sie so einfach und naiv sind und Pechvögel noch dazu."

Goldkrone" ist jetzt ein Likör

Die Inszenierung wirkt zunächst so, als vertraue Regisseur Sascha Hawemann der Vorlage nicht. Die Figuren sind überzeichnet und voller Klischees vom armen Mann: Leere Bier- und Schnapsflaschen werden herumgeworfen, Jogginganzüge und Einkaufsbeutel dienen als Unterschichtenzugehörigkeitsbeleg. Verzweiflung und Überforderung werden durch Herumschreien signalisiert, und was man bildhaft "sich abstrampeln" nennt durch – genau - Abstrampeln. Die Melodie der Erzählungen, sie geht verloren in hyperaktiv aneinander gereihten Posen, die gelegentlich denen aus Comedyformaten gleichen.

Das schmerzt vor allem in der Geschichte, die so eindeutig autobiografisch ist: Es geht um einen Mann, dessen Hund Piet operiert werden muss, und der das Geld auf der Rennbahn zu "erwetten" versucht. Hagen Oechel deutet an, was für eine Tragik in diesem Mann steckt; Edgar Eckert aber muss den hüftkranken Hund spielen und damit lächerlich machen, was groß hätte werden können.

Handwerklich ist vieles überaus gut – die von Wolf Gutjahr eingerichtete Bühne aus fahrbaren Zimmern, über der eine Leuchtschrift mit dem Titel prangt, die Übergänge von einer Erzählung zur nächsten mit geschickten Rollenwechseln der Schauspieler – allein, sie bleiben herumhampelnde Loser-Abziehbilder. Amüsant sind einzelne Auftritte, allen voran der von Andreas Keller als Mann im Bärenkostüm, der lakonisch sagt: "Früher war ich Postbeamter, und heute bin ich ein Bär." Oder die Erkenntnis, dass "Goldkrone" nicht mehr wir früher 32 Prozent Alkohol hat, sondern nur noch 28 und somit ein Likör ist, wegen der günstigeren Versteuerung. Darüber darf gelacht werden, aber gerne, nur im Halse stecken bleibt das Lachen leider nie. Genau darin aber besteht eigentlich die Fallhöhe der Erzählungen.

Glorreich mit The Castanets

Nach zirka einer von zwei Stunden beginnt eine grandiose Verwandlung, zunächst mit einem melancholischen Folk-Song, der zum Leitmotiv wird, zur kongenialen Übersetzung der Meyer-Sprache in eine Bühnenstimmung. "Glory B." heißt er und stammt von einer kanadischen Band namens The Castanets, was selbst auf der Premierenparty nicht so leicht herauszufinden war. Mit dieser Musik kehrt die Ruhe ein, die es endlich möglich macht, die Menschen auf der Bühne zu verstehen: Andreas Keller als abgewirtschafteten Boxer, der nur noch Aufbaugegner sein und also nicht mehr gewinnen darf, es aber doch tut, voller Stolz und dabei vergessend, dass er damit seine Aufgabe verfehlt hat. Oder Manuel Harder als Mann, der seine Jugendliebe (Anna Blomeier) wiedertrifft und ihr nicht zu sagen wagt, dass er am nächsten Tag in den Knast muss.

Plötzlich gelingt der Inszenierung alles, sie erlaubt sich und uns bewegende Momente der Stille: wenn zwei verzweifelte, einsame Menschen nebeneinander stehen und ein kurzer Moment Glück greifbar nahe scheint, dann aber doch nicht gelingt. Wenn zwei Knastfreunde (Martin Brauer und Edgar Eckert) merken, dass sie wieder einmal Mist gebaut haben und sich eingestehen, dass sie einander brauchen, weil sie sonst niemanden haben. Kaum wird nicht mehr alles, was im Text schon drinsteht, noch einmal plakativ nachgespielt, ist die Anspannung der Figuren spürbar. Sogar ein Mitfiebern, ein Hoffen und Bangen wird möglich.

Und wenn am Ende zu dieser wahnsinnig schönen Musik der ehemalige Postbeamte und heutige Bär mit einem Gabelstapler auf die Bühne gefahren kommt, die anderen auflädt und mit ihnen in die (Hinterbühnen-)Nacht fährt, dann könnte man vor Rührung beinahe vergessen, dass genau diese Stimmung am Anfang so gefehlt hat. Somit hatte Clemens Meyer doch recht: Das war großartiges modernes Theater.

Die Nacht, die Lichter (UA)
von Clemens Meyer
Regie: Sascha Hawemann, Dramaturgie: Johannes Kirsten, Bühne: Wolf Gutjahr, Kostüme: Hildegard Altmeyer, Licht: Carsten Rüger.
Mit: Anna Blomeier. Martin Brauer. Edgar Eckert. Manuel Harder. Andreas Keller. Hagen Oechel.

www.schauspiel-leipzig.de

 

Mehr zu Clemens Meyer? Seinen Erstling Als wir träumten inszenierte 2008 in Leipzig Armin Petras. Über Regiearbeiten von Sascha Hawemann erfahren sie Weiteres im entsprechenden Glossar-Eintrag.

 

Kritikenrundschau

"Es war zu befürchten, dass eine Theatralisierung zu eindeutig interpretieren, sich für Hell oder Dunkel entscheiden und die Figuren so quasi in den Schatten stellen würde", schreibt Nina May in der Leipziger Volkszeitung (27.3.2010). Und während der ersten beiden von fünf ausgewählten Geschichten herrsche hier tatsächlich "das Klamaukig-Hektische vor", und "das Auf-der-Stelle-Treten der Personen wird originellerweise gezeigt - indem sie auf der Stelle treten". Doch mit dem Auftreten des "wundervolle" Andreas Keller als schwarzem Boxer passe "das Nebeneinander von stillen, melancholischen und lauten, gewaltsamen Momenten plötzlich": "Da wird die Ambivalenz aus Stolz über den ungewohnten Sieg und Niedergeschlagenheit fassbar – und bleibt es bis zum Ende des Abends." Dass das Umfeld das Leben bestimmt, sei dabei "die zentrale These der Soziologie und zugleich der Inszenierung: "Ein guter Ansatz, den Stoff zu bändigen und zu konzentrieren, der auch ohne das obligatorische Sächseln nachvollziehbar gewesen wäre". Am besten gelinge dabei Anna Blomeier der Wechsel vom Typus zur Person, "deren Figur über den Abend eine eigene Dynamik entwickelt".

Die Würde, die den "Bewohnern eines vermeintlichen Unten" in Meyers Texten zuwachse und Schutz vor dem Voyeurismus des Lesers biete, werde ihnen bei Hawemann "konsequent versagt", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (27.3.2010). Natürlich wolle die Inszenierung aus "Aufklärungswillen heraus den Schwachen und Gedemütigten" ihre Aufmerksamkeit schenken. Weil sie jene aber "ganz und gar auf ihr Schwachsein" verkleinere, blieben sie "einzig das, was sie dem flüchtigen Draufblick zu sein scheinen: Loser, Abgehängte, An-den-Rand-Gerückte". Man sähe "ins Lächerliche überzeichnete Figuren", "das billig-plumpe Abziehbild einer Realität, für die der Begriff Klischee ausnahmsweise der einzig treffende ist". "Technisch gesehen" sei die Inszenierung allerdings "eine feine Sache". Und in der einzigen Szene "mit leisen Tönen, die ganz auf ihre poetische und schauspielerische Kraft vertraut", sehe man auch, was aus dem Abend hätte werden können, "wenn er seine Knie nicht derart gehorsamsbesoffen vor einer Schimäre von Realität gebeugt hätte".

 

 

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