Frei wie die Hasen

von Caren Pfeil

Dresden, 26. März 2010. Was war denn das mit der Katze? Da war doch eine Katze? Einer hat jedenfalls von einer Katze geredet. Nein, es war ein Hase, ein Kaninchen. Ein weißes Kaninchen. Ein fettes weißes Kaninchen lebte anderthalb Stunden lang im Käfig auf der Bühne, richtiger gesagt war die Bühne selbst ein Käfig, ein durch eine bis an die Decke gehende Gitterwand von den Zuschauern getrenntes Gefängnis. Darinnen lebten drei Schauspielerinnen in schönen Kleidern und mit zarten weißen Sonnenschirmen und ein ekliger Typ in Mantel, kaputten Unterhosen und schwarzen Haarsträhnen unterm Hut, wahlweise auch unter einem Helm oder einer Militärmütze.

Totenbleich geschminkte Visage, dunkle Augenränder und die Augen der reinste Horror, eins rot, eins weiß und jedenfalls sehr tot. Der Typ war süffisant, demagogisch epileptisch, dekadent, asozial, verschlagen – eine verkrüppelte Mischung aus Charly Chaplin, Hitler und dem Leader einer zu spät gekommenen Punk-Rockband aus den 80ern. Und zwischendrin das fette weiße Kaninchen. Zusammenhang verloren? Macht nichts, fügt sich am Ende zu einem Ganzen. Oder auch nicht. Macht auch nichts, denn das ist Absicht.

Ohne Ausgang

Jo Fabian ist seit über 25 Jahren auf der Suche danach, die Zeichensetzungen des Theaters neu zu definieren, die Elemente Sprache, Bild, Ton, Musik, Bewegung ihrer Bedeutung zu entheben, sie sozusagen davon zu befreien und in bestimmten Spielabläufen neu zu verknüpfen, ohne aber – das verhüte der Teufel! – neue Bedeutungsebenen zu schaffen, man könnte auch sagen, ohne sie neu zu formatieren.

In seinem neuesten Gesamtkunstwerk am Theater Junge Generation, mit dem das Theater auch schon Jugendliche ab 16 konfrontieren will, begibt er sich auf die Höhe ihres Erfahrungshorizontes: the first level. Es ist ein Spiel, keiner weiß, worum es geht und worin die Aufgabe besteht, aber eines ist deutlich: Es hat keinen Ausgang. Das Spiel nicht und das Theater nicht. Und so sitzen die Zuschauer bei rasant abnehmendem Sauerstoffpegel im Raum ziemlich eingepfercht vor dem Gefängnis der (Schau)Spieler und können sich denken, was sie wollen, während sie die da drinnen bei allem möglichen beobachten.

Auf einem kleinen Bildschirm in der Höhe lief der alte Nibelungen-Stummfilm, was man aber nur ahnen konnte. Der Fiesling lümmelte im Sessel und brabbelte vor sich hin, beobachtete und/oder kommentierte das Spiel der Damen, das er freilich in der Hand hatte, in dem er Aufgaben formulierte, die keiner verstand. Dazwischen videoclipartige Musikeinlagen, die die Damen mit ritualisierten Bewegungsabläufen optisch anreicherten, bevor sie wieder an ihren Schreibtischen vor sich hin grübelten oder litten oder beides.

Ohne Bedeutung

Auf der Bühne standen übrigens auch ein Grammophon und ein Globus, seltsame Kästen hingen von der Decke und wurden ab und zu heruntergelassen, ebenso wie eine rechts – wo sonst – hängende Nazifahne. Eine andere, nur rote, hing links. Vergangenheitsversatzstücke, die soviel und so wenig zu bedeuten haben wie der Kühlschrank, der aus einer Inszenierung der 80er Jahre herübergerettet schien.

Immer dann, wenn sich scheinbar irgendetwas Sinnvolles (!) aus dem Tun der Damen oder des Punkzwerges entwickelte, schrien die Alarmlampen rot, weißer Nebel wurde in den Raum geblasen, man starb. Schnell und geräuschlos und verblieb also im first Level.

Es kamen auch Worte vor in diesem Fabianschen Universum, das, leider nur für Momente, die Faszination eines skurrilen Alptraums hatte, aus dem man nicht eher erwachen kann, als bis man ihn versteht. Doch ein Satz verhakte sich im Raum und konnte erkannt werden, bevor er sich wieder in der behaupteten Bedeutungslosigkeit auflöste: "Freiheit führt in die Gefangenschaft und umgekehrt". Steht auch auf Jo Fabians Internetseite. Dort heißt es weiter: "Grundsätzlich nur zu beheben, wenn das Denken nicht mehr an den Sinnen scheitert (und umgekehrt)." Aber scheitert das Denken nicht meistens daran, dass es eine sinnvolle Transformation von Sinneswahrnehmungen in Denkprozesse nicht leisten kann und also nicht an den Sinnen selbst? Aber man muss das ja auch nicht verstehen.

Aber mit Kaninchen

Einzig unberechenbares Element war und blieb das weiße Kaninchen, dass neckisch zwischen all dem Geschehen hin- und herschnüffelte und wahrscheinlich als einziges Wesen keinen Ausgang suchte. Denn für es war die Welt des Theaters die Freiheit an sich, bevor es von der Requisite wieder in den viel kleineren Käfig hinter der Bühne gesperrt wurde.

Was es in der Welt zu entdecken gibt, wenn wir ihre Zeichen aus der tradierten Codierung herauslösen, ist eine interessante Fragestellung, nur leider hat dieses Theater mich nicht dazu verführt, sie für wesentlich zu halten. Anderthalb Stunden im Schwitzkasten möglichst erwartungslos zu versuchen, nichts zu verstehen, sondern die Sinne mal machen zu lassen, war mir zu kopflastig.

 

Wendelgard. the first level (UA)
von Jo Fabian
Regie, Bühne, Kostüme, Katagraphie, Texte: Jo Fabian.
Mit: Sulamith Bade, Boris Schwiebert, Ulrike Sperberg, Annegret Thiemann.

www.tjg-dresden.de

 

 

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