Vom Hahn, der kein Chicken Nugget sein wollte

von Mounia Meiborg

Berlin, 28. März 2010. Das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten passt gut in unsere produktivitätsgesteuerten Tage. Vier Tiere, die zu alt zum Arbeiten sind, sollen von ihren Besitzern ausrangiert und geschlachtet werden. Und das Märchen passt gut in ein Kindertheater: Denn die vier Underdogs denken gar nicht daran sich willenlos ihrem Kochtopf-Schicksal zu ergeben. Gemeinsam laufen sie weg und machen mit anarchischem Eigensinn, worauf sie Lust haben. Es ist eine "Follow your dream"-Parabel über Mut und Kreativität, Zusammenhalt und Eigenverantwortung, die das Prädikat "pädagogisch wertvoll" mehr als verdient hätte.

Die Performance-Gruppe Showcase Beat Le Mot transportiert diese Botschaft ohne erhobenen Zeigerfinger und mit viel spiel- und gesangsfreudigem Klamauk. Nach dem erfolgreichen "Räuber Hotzenplotz" im Jahr 2007 und "Peterchens Mondfahrt" in der vergangenen Spielzeit ist es ihre dritte Arbeit am Theater an der Parkaue, dem staatlichen Kinder- und Jugendtheater Berlins. Als Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt und dem Theaterhaus Dschungel Wien wird das Grimm'sche Märchen zur musicalhaften Making Of-Story einer Band.

"Man zählt bis vier und fängt an"

Zu Beginn schallt eine strenge Stimme aus Lautsprecherboxen auf die noch leere Bühne. "Nichts ist auf der Welt umsonst außer Sorgen", bekundet sie und es wird klar: Gegen diese lustfeindlichen Normen gilt es in den kommenden 70 Minuten anzuspielen. Zuerst ist da der Esel (Thorsten Eibeler), der mit einem zotteligen grauen Stofffetzen-Umhang und dem Elektrosounds produzierenden Helm wirkt wie ein außerirdischer Alm-Öhi (Kostüme: Atia Trofimoff). Er ist seinen Besitzern weggelaufen, will jetzt Musik machen und erklärt dem in der Not dazu gestoßenen Wachhund (Nikola Duric), wie das geht: "Man zählt bis vier und fängt an. Und wenn man dann genug davon hat, hört man wieder auf." Mit geschulterten Instrumenten probieren sie das mal aus. Zusammen mit der Katze (Dariusz Kostryra) und dem Hahn (Veit Sprenger) machen sie sich auf den Weg, um Stadtmusikanten in Bremen zu werden.

Die klare Rollenaufteilung – Esel, Hund, Katze, Hahn – ist für die postdramatischen Performer aus dem Umfeld der Gießener Theaterwissenschaft spürbar ungewohnt. Und sie will ihnen am Anfang nicht recht glücken. Da wird brav Text aufgesagt, mit Requisiten hantiert und sich verhaspelt. Vor allem aber entwickeln die Tiere – bis auf den herrlich selbstverliebten Gockel, den Veit Sprenger mit plusterigem Federkleid und schriller Stimme zum egomanen Entertainer macht – als Figuren zu wenig Eigenständigkeit.

"Wann sind wir endlich da-ha?"

Gelungen sind dagegen die Momente, in denen sie ihre Rollen ablegen. Wenn sie als comichafte Räuber durch den Wald streifen und sich dabei im Takt von Lichtblitzen und Beats verrenken, jeder mit einem ganz eigenen Bewegungsrepertoire (Choreografie: Minako Seki). Oder wenn hinter den Figuren die Performer durchscheinen. Schnell erkennen nämlich drei der Tiere auch die Nachteile der neu gewonnen Freiheit, sie werden auf dem weiten Weg müde und hungrig und löchern ihren Esel-Anführer mit Fragen: "Wann sind wir endlich da-ha?" Ein Augenzwinkern zu Kindern und Eltern im Publikum.

Die dürfen dann auch endlich mitmachen. In einem Haus im Wald – in den sich die Bühne mittels beweglicher brauner Stellwände verwandelt hat – sind ein paar Räuber beim Essen. In der gespielten, sehr freien Fassung des Märchens wollen sie diese nicht mit Geheul verjagen, sondern mit einem Musikstück beglücken, um etwas vom Braten abzubekommen. Auf Kommando der Performer wird dann auch im Publikum lautstark gebellt, miaut und gekräht. Allerdings ohne Ergebnis. "Sollte ihnen unsere Musik nicht gefallen haben? Haben wir es etwa mit Kulturbanausen zu tun?", rätseln die Tiere.

"Gute Performance, auch was den Körpereinsatz angeht"

Diese (Selbst-)Ironie, die sich nicht darum schert, ob sie pädagogisch oder kindgerecht ist – das Stück ist für Kinder ab fünf Jahren gedacht -, besticht im zweiten, mit Musikeinlagen durchsetzten Teil des Nachmittags. Da wird in Alltagssprech durcheinander geredet, Bushido zitiert oder das Kind in der ersten Reihe für seine "gute Performance, auch was den Körpereinsatz angeht", gelobt. Wenn jemand auf der Bühne eine Idee hat, sagt er: "Ich möchte einen Vorschlag ins Musikerkollektiv einbringen." Mit dem Kollektiv ist das aber so eine Sache, denn jeder der Hobbymusiker ist von seinem überragenden Gesangstalent überzeugt. Ein Wettbewerb um den Posten des Bandleaders muss her, der in seinen zur Schau getragenen Eitel- und Peinlichkeiten verdächtig an eine Castingshow erinnert.

Von Rap über Schlager bis hin zur exzentrischen Klangperformance ist in den Darbietungen der vier stilistisch alles dabei. Sogar die 80er Jahre-Synthie-Technoklänge, die die Aufführung durchziehen, eignen sich zum Mitklatschen. Sprenger & Co sind hier stark, weil sie Künstlerstereotype und damit ein bisschen sich selbst parodieren dürfen. Und weil ihre dickschädeligen Underdogs so sympathisch sind und Kindern so etwas wie Identifikation bieten können. Auch dann noch, wenn sie am Schluss an der großen Tafel angekommen sind und singen: "Ich trink' vom guten Räuberwein, ich will kein Chicken Nugget sein."

 

Die Bremer Stadtmusikanten
nach den Brüdern Grimm mit Texten von Showcase Beat Le Mot und Peter Ensikat
Regie und Bühne: Showcase Beat Le Mot, Kostüme: Atia Troffimof, Musik: Andreas Dorau und Superdefekt, Choreografie: Minako Seki.
Mit: Nikola Duric, Thorsten Eibeler, Sariusz Kostyra, Veit Sprenger.

www.showcasebeatlemot.de
www.parkaue.de

 

Mehr zu Showcase Beat Le Mot? Vor drei Jahren brachte das Performancekollektiv Der Räuber Hotzenplotz heraus, eine Aufführung, die nahezu Kultstatus erlangte.

 

Kritikenrundschau

"Den Preis für den schrägsten Look haben diese vier Bremer Stadtmusikanten schon mit ihrem ersten Auftritt sicher; den Preis für den schrägsten Gesang greifen sie sogleich ab, wenn ein fulminantes Katzengejammer von Soundtüftlers Gnaden anhebt", schreibt Christian Rakow in der Berliner Zeitung (31.3.2010). Nach ihrem preisgekrönten "Räuber Hotzenplotz", der eher mauen Inszenierung "Peterchens Mondfahrt" erreichen sie mit "Die Bremer Stadtmusikanten" zumindest liedtechnisch wieder ihr gewohntes Energielevel. Als Konzert sei diese Inszenierung mitreißend, "da konkurrieren die vier designierten Stadtmusikanten untereinander um die Rolle des Vorsängers und finden bald heraus: Zusammen ist man besser." Umso erstaunlicher sei, dass die Performer diesen Idealstoff abseits der Konzertmomente nicht erzählt bekommen. "Umständlich wird ein Wald aus Holzwänden herumgerückt; der Kampf mit den Räubern findet allein im Lied statt, den Schlaf im Räuberhaus symbolisieren die vier Gerechten durch Herumrobben auf dem Boden. Szenisch ist diese Inszenierung dünn." Und warum gerade in diesem Märchen um die hungernden Tierfreunde die bei Showcase eigentlich übliche Verköstigung mit Hot Dogs oder Pfannkuchen ausfalle, das bleibt ihr Geheimnis.

 

 

 
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