57 Stunden Angst und Schrecken

von Christina Kirsch

Ulm, 3. April 2010. Bühnennebel kriecht über den Boden. Das ist aber schon alles, was sich das Theater Ulm für Torsten Buchsteiners Stück "Nordost" als Kulisse genehmigt. 75 Minuten Nebel in einem dunklen Raum. Und sonst nichts. Nebel, der an den Zuschauern hochkriecht und an das Gas erinnert,  das der russische Geheimdienst am 26. Oktober 2002 durch Lüftungsschächte in das Moskauer Musicaltheater an der Dubrovka einleitete.

Dort erlitten die Zuschauer des Musicals "Nord-Ost" 57 Stunden lang Angst und Schrecken. 42 Tschetschenen hatten 850 Geiseln genommen. Mit dem neuerlichen Anschlag in der Moskauer U-Bahn vor wenigen Tagen wird die Erinnerung an das Geschehen wieder wach. Weitere Anschläge sind angekündigt. Man darf davon ausgehen, dass sich der Terror neue Opfer sucht. So wird ein 2006 uraufgeführtes Stück unfreiwillig aktuell.

Zielen, abdrücken, umfallen

Malte Kreutzfeldts Inszenierung von "Nordost" beginnt mit den nüchternen Zahlen. Datum und Uhrzeit sind auf eine Leinwand projiziert. Man kann den Countdown der Geiselnahme von Minute zu Minute mit herunter zählen. Dann geraten drei Frauen in das Blickfeld. Sie sitzen im Zuschauerraum verteilt. Im Rückblick erzählen sie sachlich berichtend die dramatischen Ereignisse. Jede aus ihrer Perspektive. Zura, eine "schwarze Witwe", die als Selbstmordattentäterin bereit ist, zu sterben. Olga, die mit ihrer Familie das Musical besucht. Und Tamara, die lettische Ärztin, die sich freiwillig meldet, in das besetzte Theater zu gehen. Denn ihre Mutter und ihre Tochter sind unter den Gefangenen.

Zura (Johanna Paschinger) hat ihre Parolen gelernt. "Wir werden Putin zwingen, den Krieg zu beenden", skandiert sie. Sprengstoff und Sturmgewehre sind ihre Welt. "Zielen, abdrücken, umfallen, totenstill" heißt die Losung. Aber dann gibt es auch noch diese Mischung aus Unterwürfigkeit und Verliebtheit ihrem Ausbilder gegenüber. Hat er sie nicht ein bisschen anders angeschaut als die anderen? Zugewandter gar? Olga (Sibylle Schleicher) berichtet von den Zuständen während der Geißelnahme. Wie es stinkt, wenn alle in den Orchestergraben pinkeln müssen, wie die Kinder von den Eltern getrennt werden, wie die schwarzen Witwen die Bomben bewachen und wie sie im Getümmel angeschossen wird.

Die eigene Haut retten

Das alles scheint sie wie von außen zu betrachten. Eher distanziert als traumatisiert. Die Ärztin Tamara (Tini Prüfert) ist die Emotionalste und Vitalste. Sie kompensiert die Angst in Wut, schreit ihren Ärger heraus und bekennt sich zum "Augen zu und durch". Auch beim "Durchvögeln" von einem anderen, wenn der eigene Mann im Krieg hat sterben müssen. Als sich die Geiselnahme zuspitzt, versucht Zuras Ausbilder, seine eigene Haut zu retten. Aber die Frauen, die "bloß Frauen" sind, sollen in den Tod gehen.

Da erwacht in Zura der Überlebenswillen. Sie zieht die Kleider einer schon bewusstlosen Russin an und entkommt in ihnen unerkannt. Obwohl der Schauplatz von Miliz und Geheimdienst umstellt ist. Das wirkt konstruiert und der Dramaturgie des Stückes gezollt. Wie sonst sollte die Terroristin im Rückblick erzählen können. Auch fragt man sich, ob indoktrinierte, möglicherweise unter Drogen gesetzte Attentäterinnen, zu einem solchen Gefühlswandel fähig sind. In Wirklichkeit wurden alle schwarzen Witwen an Ort und Stelle liquidiert.

Forderung des Zuschauergewissens

Es ist ein entsetzliches Geschehen, das dem Stück zu Grunde liegt, aber "Nordost" am Theater Ulm entlässt den Zuschauer seltsam unberührt. "Schockiertsein!" fordert zwar das ethische und politische Zuschauergewissen. Doch die Terroristin kann durch ihren Sinneswandel Sympathiepunkte für sich verbuchen. Offenkundig ist sie aus der Opferrolle heraus zur Täterin geworden. Und letzten Endes hängt sie mehr an ihrem Leben als an ihrer Ideologie.

Die Sachlichkeit, mit der erzählt wird, überträgt sich im Laufe des Sprechtheaters auf den Hörer. Am Ende stehen unterschiedliche Perspektiven nebeneinander. Die Inszenierung ist kein Betroffenheitstheater. Aber man wäre trotzdem gerne etwas mehr betroffen.


Nordost
von Torsten Buchsteiner
Inszenierung: Malte Kreutzfeldt, Raum: Britta Lammers, Kostüme: Angela Schuett.
Mit: Johanna Paschinger, Tini Prüfert und Sibylle Schleicher.

www.theater.ulm.de

 

Der Regisseur Malte Kreutzfeldt, 1969 in Lübeck geboren, brachte im Sommer 2009 eine höchst eigene Version von Shakespeares Der Sturm auf die Bühne des Markgrafentheaters Erlangen.

 

Kritikenrundschau

In der Südwest Presse (6.4.2010) aus Ulm schreibt Jürgen Kanold: Torsten Buchsteiners Stück, das von drei Witwen handele, entfalte sich zur Tragödie. Mit einem Hoffnungsschimmer am Schluss, wenn sich die Terroristin Zura "menschlich" zeige. Schon vor zwei Jahren hatte das Theater Ulm "Nordost" als Lesung aufgeführt. Viel mehr inszeniere Malte Kreutzfeldt auch diesmal nicht. Nur säßen die Frauen diesmal in den Zuschauerreihen der Arenabühne, "in einem Dreiecksverhältnis". Ein paar Fakten und ein Countdown auf einer Leinwand - das schaffe Distanz. Ansonsten nur eine Geräuschkulisse und Nebel als "ästhetisch reizvolle Metapher". Was der Zuschauer wirklich sähe, "das bebildert er sich selbst" aus den "nicht immer ganz prägnant vorgetragenen Monologen".

 

 

 
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