Der Mann, der Elfriede Jelineks Schulter berührte

von Wolfgang Behrens

Berlin, 8. April 2010. Einer der schönsten Momente ist der Pause vorbehalten. Die reizenden Moderatorinnen der "kleinsten Gala der Welt" mischen sich höchstpersönlich in ihren edlen Abendroben unter das nur etwa 50 Köpfe zählende Publikum. Das Besondere aber ist: Sie haben Elfriede Jelinek dabei. Und sie kündigen an, dass man sich nun mit Elfriede Jelinek gemeinsam fotografieren lassen könne.

Eine heiter aufgeräumte Stimmung legt sich auf die Pausengesellschaft, einige sind willens, das Angebot anzunehmen. Ein Mann und eine Frau etwa – ein Ehepaar vermutlich – posieren mit Frau Jelinek, und der Mann berührt die Schriftstellerin mit einer dankbaren, zugleich unendlich sanften Geste an der Schulter. Was diese, ihrer sprichwörtlichen Menschenscheu zum Trotz, gerne duldet.

Mehr Nähe zum Mensch

Die Schönheit des Augenblicks entspringt nicht zuletzt dieser Geste – und natürlich der Tatsache, dass Elfriede Jelinek eine Puppe ist, eine Puppe von Suse Wächter. Der Zauber der Situation ergibt sich aus einem eigenartigen Changieren: Natürlich weiß der Mann, der Elfriede Jelinek seine Hand auf die Schulter legt, dass er es mit einer Puppe zu tun hat. Seine hinwendende Gebärde aber ist die eines Menschen zum Menschen, eines Mannes zu einer Frau. So wie ein Kind an die Kasperlepuppe glaubt, so glaubt der Mann in diesem Moment an Elfriede Jelinek – seine unscheinbare Geste macht die Puppe zur Person.

Im Grunde funktioniert die Illusion der beseelten Puppe fast immer und mit fast allem: Dem Komiker René Marik etwa genügen bloße Putzlappen, um herrliche Figuren zu kreieren. Suse Wächters Puppen jedoch wollen mehr sein als lebendig gewordene Gegenstände oder lustig-niedliche Gliedermänner – sie suchen ganz bewusst die Nähe zum Menschen: in der Gestalt, im Stoff, im Wesen. Und das gelingt ihnen nachgerade gespenstisch gut.

Gala-Geplauder, Musik und Gags

An der Neuköllner Oper und bald auch beim pazz-Festival in Oldenburg sind Suse Wächters Puppen nun, nachdem sie sich als "Helden des 20. Jahrhunderts" an verschiedenen Theatern einen nahezu legendären Ruf erspielt haben, als "Helden der Oper" zu sehen. Die gut anderthalbstündige Aufführung gibt sich als Parodie auf hochkarätig besetzte und inhaltlich dürre Galaveranstaltungen von der Art, wie sie der fleißige Fernsehzuschauer (oder Radialsystem-Besucher) beispielsweise Anfang des Jahres auf 3sat mit der unsäglich peinsamen Sendung "Die schönsten Opern aller Zeiten" durchleiden durfte.

Was die dramaturgische Unbeholfenheit betrifft, kann es "Helden der Oper" getrost mit den parodierten Veranstaltungen aufnehmen. Suse Wächter und ihre Mitstreiterinnen reihen, um einen Spannungsbogen gänzlich unbekümmert, mehr oder weniger mitreißende Nummern aneinander. Da gibt es zum einen Musikeinlagen – von der "Barcarole" bis zu Baccara, von Puccini bis Reinhard Mey –, die die drei Moderatorinnen (neben Suse Wächter noch die Sopranistin Ulrike Eidinger und die Schauspielerin Melanie Lüninghöner) charmant darbieten, von Hans-Jörn Brandenburg und seinem kleinen "Phoney Island Orchestra" mit solidem, aber kaum subversivem musikalischen Witz begleitet. Da gibt es ein wenig Meta-Gala-Geplauder und ein paar Gags, von denen manche so gut zünden wie Silvesterknaller, die zwei Wochen im Schnee gelegen haben.

In der Garderobe garantiert stubenrein

Das alles plätschert so vor sich hin und wäre kaum der Rede wert, wenn da nicht diese Puppen wären: die Helden. Als prominente Gesprächsgäste präsentiert Suse Wächter so illustre Persönlichkeiten wie Sigmund Freud, Luciano Pavarotti oder den Ursänger Orpheus (der seinen wenig orphischen Abgang mit den Worten: "Ich muss mal auf Toilette. Kann ich jetzt gehen?" einleitet). Auch hier sind die Dialoge nicht gerade dazu angetan, neue Gipfel der Komik zu erklimmen, aber was tut's? Es genügt, die Puppen zu sehen: Kindsgroß sind sie und kindlich proportioniert, doch mit den Gesichtern von Greisen. Greisenkinder. Kindgreise.

Pavarottis listige Äuglein zwinkern schmal unter schweren Augenlidern hervor, die Wangengrübchen und Basedow'schen Augen der ältlichen Kammersängerin Marie-Luise Wallstabe, das faltige Gesicht und professorale Gehabe Freuds sind schier zum Niederknien. Und die kindliche Melancholie, die die Michael-Jackson-Puppe umweht, greift vollends ans Herz.

Experimente im Musiktheater

Mit "Helden der Oper" startete das erste OpenOp, ein von der Neuköllner Oper initiiertes "Europäisches Festival für anderes Musiktheater". Das schnelle, mal experimentell anspruchsvolle, mal witzige Kammermusiktheater, das sich dank solcher Häuser wie der Neuköllner Oper in den vergangenen Jahren so vielversprechend entwickelt hat, ist mittlerweile auch eine Spielwiese für junge Dramatiker geworden: Texte von Dejan Dukovski, Volker Schmidt oder Franzobel werden in Produktionen des Festivals zu erleben sein. Sie werden das harmlose Geplapper der eröffnenden Mini-Gala leicht überbieten können – ob sie uns aber berühren werden, wie das die Wächter'schen Puppen tun, das bleibt abzuwarten.

 

Helden der Oper
Die kleinste Gala der Welt
von Suse Wächter und Hans-Jörn Brandenburg
Konzept, Regie, Puppenbau: Suse Wächter, Musikalische Leitung: Hans-Jörn Brandenburg/Michael Wilhelmi, Bühnenbild: Constanze Kümmel, Kostüme: Marysol del Castillo, Video: Jo Schramm.
Mit: Ulrike Eidinger, Melanie Lüninghöner, Suse Wächter, The Phoney Island Orchestra (Angelina Kartsaki, Sophia Baltatzi, Florian Bergmann, Max Andrzejewski/Joe Bauer, Hans-Jörn Brandenburg/Michael Wilhelmi).

www.neukoellneroper.de
www.festival-openop.de
www.pazzfestival.de

 

Vorsicht: Postmoderne Reflexion führt zu Atemnot!

Die Eröffnung des "Open Op"-Festivals an der Neuköllner Oper, Suse Wächters "Helden der Oper", habe sich "am Auftritt immer neuer, immer zauberhafterer Puppen aus Suse Wächters Werkstatt" entlang gehangelt, schreibt Matthias Nöther in der Berliner Zeitung (10.4.2010). Man könne den Abend "ziellos nennen, wäre er nicht von vornherein als 'Operngala' (und zwar 'die kleinste der Welt') angekündigt gewesen." Da aber die meisten der auftretenden Personen, "von Sigmund Freud über Elfriede Jelinek bis Michael Jackson, das Wesen der Oper oder zumindest jenes des Gesangs und der ihm innewohnenden Gefühle diskutierten, kam dabei doch am Ende so etwas wie eine postmoderne Reflexion über einen sehr alten Gegenstand heraus."

"Helden der Oper" sei "eine köstliche, ironische Operngala mit allem, was dazu gehört", konstatiert Volker Tarnow in der Berliner Morgenpost (10.4.2010). Suse Wächter, Ulrike Eidinger und Melanie Lüninghöfer, ein "hinreißendes Damen-Trio", schmissen "eine Opern-Gala aufs Parkett, die es einem unmöglich macht, jemals wieder solche Veranstaltungen ernst nehmen zu können." Was die Damen böten, sei schon genug, "um uns enthusiasmiert nach Luft schnappen zu lassen, aber erst die von Suse Wächter eigenhändig verfertigten, bedienten und synchronisierten Puppen führen zu wirklicher Atemnot." Glanznummer des Abends sei "die sich wieder einmal in öffentlichkeitsscheuen und männerfeindlichen Stereotypen ergehende Elfriede Jelinek. Sie hätte unbedingt den Goldenen Vogel abschießen müssen, doch ging der Award dieser Gala an Michael Jackson im Engelskostüm." (Hier irrt Tarnow: Der Award ging an den Ursänger Orpheus. Anmerkung wb)

 


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