Amokträume vor Pappkulisse

von Kerstin Edinger

Düsseldorf, 10. April 2010. Die Bühne quillt über vor leeren Pappkartons. Sie stehen offen, Zettel hängen an der Wand, die Schauspieler kreieren kleine Papphäuser, schneiden, kleben, reißen. Eine Videokamera, ein Overheadprojektor, ein Maschinengewehr, alles ist aus Pappe, selbst das Blut quillt mit rot angemalten Papierstreifen aus der Hose.

Regisseur Stephan Rottkamp und sein Bühnenbildner Robert Schweer präsentieren uns eine kindliche, fast spielerische Papp-Welt, die das Leben als Schau- und Kampfplatz zwischen Schein und Wirklichkeit vor Augen führt.

Gefangen in der scheiß Karaoke-Welt

Für den 16jährigen Jens, der sich selbst bezeichnenderweise Cold nennt, fühlt sich das Leben leer und unecht an. Er ist Teil einer Welt, in der alles schon mal da war. Was bleibt, ist nur die Kopie von der Kopie. "Unsere Vorfahren haben die Party gründlich abgefeiert. Für uns bleibt nur Karaoke."

Juli Zeh rollt die Geschichte von hinten auf. Der Amoklauf steht als Fakt am Anfang des Stückes. Die Dramaturgie folgt keinem linearen Handlungsstrang, springt geschickt zwischen dem realen Ablauf und der Gedankenwelt der Figuren hin und her. Die Mutter, die sich Vorwürfe macht, der Vater, der seinen Sohn als "Unfallkind" bezeichnet und die Lehrerin, die Jens immer wieder die Freundschaft anbietet. Dabei lässt die Autorin den Zuschauer von Anfang an im Unklaren, was Traum ist, was tatsächliche Erinnerung.

Stephan Rottkamp geht behutsam mit der Vorlage um, streicht wenig, lässt Juli Zehs analytisch-philosophischen, aber auch brutal-komischen Text genug Raum. Jens alias Cold (intensiv gespielt von Denis Geyersbach) trifft sich mit seinen virtuellen Freunden vorm Computer oder träumt sich und den krassesten aller Amokläufe in die CNN News. Für ihn gleicht das Leben einer medialen Inszenierung.

Wie fühlt man sich ...?

In Traum-Sequenzen interviewt er seine Eltern. "Wie muss man sich das vorstellen, Mama und Papa von einem weltberühmten Massenmörder zu sein? Traurig? Aufregend?" Auch der Zuschauer schwankt zwischen Realität und Virtualität. Immer wieder zieht Jens seine Papp-Pistole, die er liebevoll Zoey nennt, und ballert herum. Die allegorische Figur "Amok", von einem Kind mit weißer Sturmmaske gespielt, begleitet ihn und führt seine Tat mit ihm aus.

Als Jens auf die Schülerin Susanne trifft, scheint eine Alternative zum Amoklauf möglich. Die beiden seelenverwandten Einzelgänger, die sich in der Welt nicht aufgehoben fühlen, nähern sich an. Und doch fühlen sie sich auf diesem Planeten, den Jens "Gehege" nennt, fehl am Platze. "Das Ganze stimmt nicht, ist eine allumfassende Verarschung." Aber keiner nimmt die Schüler wirklich ernst. Die Deutschlehrerin Frau Patt sieht in den drohenden Anzeichen nur künstlerische Gedankenfreiheit, selbst als die Kugeln sie treffen, glaubt sie noch an ein Videoprojekt ihrer Schule.

Auf falscher Fährte

Während sich die Zuschauer am Ende der vermeintlichen Wahrheit bereits auf der Spur glauben, hebt Juli Zeh die Geschichte komplett aus den Angeln. Jens wird zum Nebendarsteller, wenn Susanne, die eigentliche Nebenfigur, zur Protagonistin wird und den Amoklauf selbst begeht. Sämtliche Begründungen, alle beim Zuschauer wahrgenommenen Hinweise auf Jens als Täter laufen ins Leere. Der Zuschauer fühlt sich bei seinem falschen Urteil ertappt, in seiner Menschen(un)kenntnis überrumpelt.

"Good morning, boys and girls" flüchtet sich nicht in Pseudo-Erklärungen oder nimmt Wertungen vor. Juli Zeh präsentiert uns den Amoklauf als gesamtgesellschaftliches Phänomen. Dabei versucht sie keine Schuldigen zu finden, sondern sieht die Jugendlichen als Opfer ihrer Zeit, als Produkt eines fehlgeleiteten Zeitgeistes. Ein Stück, das näher an der Wahrheit ist als jede mediale Erklärungs-Hysterie. Und auch Rottkamps Inszenierung gelingt, weil sie durch ihre distanzierte Herangehensweise betroffen macht.

 

Good Morning, Boys and Girls (UA)
von Juli Zeh
Regie: Stephan Rottkamp, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Esther Geremus, Musik: Cornelius Borgolte, Dramaturgie: Christina Zintl, Licht: Konstantin Sonneson. Mit: Denis Geyersbach, Lisa Arnold, Christiane Rossbach, Wolfram Rupperti, Claudia Hübbecker, Janek Beau/ Florian von Cube/ Matthieu Praun, Michele Cuciuffo, Janina Sachau.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Mehr dazu: Thomas Freyers Amoklauf mein Kinderspiel wurde im Mai 2008 von Felicitas Brucker am Thalia Theater Hamburg inszeniert und läuft mittlerweile im Repertoire des Deutschen Theater Berlin. Stephan Rottkamp brachte zuletzt in Düsseldorf Kathrin Rögglas Die Beteiligten zur Uraufführung. Und Juli Zehs letztes Stück Der Kaktus wurde im November 2009 von Bettina Bruinier am Münchner Volkstheater inszeniert.

 

Kritikenrundschau
In der times mager Kolumne in der Frankfurter Rundschau (21.4.2010) übt Peter Michalzik ein wenig Kollegenschelte und sagt, dass es in den Presse-Reaktionen auf "Good morning boys and girls" einen Fall gebe, in dem "der Kritik das Wesentliche an der Sache entgangen ist". Juli Zeh verschränke und verzahne die Gedanken und Gefühle ihres schießenden Helden (oder Antihelden) aufs engste mit der Welt, in der er lebt: Elternhaus, Schule, Fernsehen. "Sie will damit nichts erklären, nichts entschuldigen, vor nichts warnen. Es gibt überhaupt keinen Appell, so wie die ganze Aufführung trotz des Themas vollkommen unspektakulär ist." Offenbar sei das etwas, das sich so nur im Theater formulieren lasse ohne dass hinten gleich eine falsche Moral rauskommt. Zeh verwende dafür ein einfaches Mittel: "Sie hat recherchiert und denkt sich dann, so gut sie kann, in Cold hinein. Keinen ihrer Sätze kann ein Experte dann wieder in den Medien zum Besten geben. In ihnen steckt nur ein Stück einfache Wahrheit oder Selbsterkenntnis, die uns abhanden gekommen ist: Klar gehört der Amok zu uns."

Die "Landschaft aus Pappkartons" nutze Regisseur Stephan Rottkamp "überraschend spielerisch", vermeldet Stefan Keim (Die Welt, 13.4.2010): "Aus den Kartons werden Bücher, Computer und Kameras, aus Colds Pumpgun spritzen sogar die Patronenhülsen, natürlich – wie alles – aus Pappe." Die Abstraktion passe zum Text, "der nicht auf Oberflächenreize setzt, vielmehr Mitdenken einfordert". Größtenteils verweigere Juli Zeh dabei ihren Figuren "Witz und Mitgefühl. Vor allem Cold, von Denis Geyersbach lebendig, glaubwürdig und ein bisschen farblos gespielt, ist weder tragischer Held noch faszinierender Wahnsinniger. Für ihn zählt allein sein perverser Traum vom Ruhm." Zeh arbeite sich hier an realen Vorbildern ab. "Ihr thesenhafter Schluss: Der Amoklauf gehört zur Natur des Menschen. Ein archaischer Trieb durchbricht die Schutzschichten der bürgerlichen Gesellschaft, verkörpert durch die Erscheinung des Amoks selbst. Im Laufe des Abends spricht er aus verschiedenen Personen." Gelungen sei so "ein intellektuell forderndes Stück: Denkarbeit lohnt sich".

Wenn Theater zur "theoretischen Abhandlung" werde, sei etwas "schief gegangen", befindet Gudrun Norbisrath auf dem Portal Der Westen (11.4.2010). Anders als Juli Zehs vorangegangenen Dramen sei ihr neues Stück "Good Morning, Boys and Girls" weder "klar" noch "berührend", sondern "haarsträubend kunstfertig" und enthalte zu viel Klischee. "Wenig inspiriert spielt das Stück mit virtuellem und wirklichem Leben". Der personifizierte "Amok" mit weißer Maske sei eine "eher hilflose Metapher". Das eindrucksvollste Element von Stephan Rottkamps Inszenierung seien noch die Pappkartons: "leere Verpackung, Sinnbild des Chaos im Verstand des jungen Menschen, in seinem Herzen". Juli Zeh wolle der Emotion entgehen und erliege ihr doch beiläufig. Ihre Theorie, nicht "Internet-Chats, lieblose Eltern und Videospiele sind Schuld, sondern ein Zeitgeist, der suggeriert, es gebe nichts Neues zu erleben", sei zwar "nicht falsch, aber auch nicht neu". Denis Geyersbach spiele den Amokläufer "so authentisch wie möglich"; dass er "sichtlich doppelt so alt" könne allerdings kaum mehr als Verfremdungseffekt durchgehen.

"Was sich mit Pappe nicht alles anfangen lässt! (...) Es wird gebastelt und geklebt, ein- und ausgepackt" im Düsseldorfer Schauspielhauses, schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.4.2010). Juli Zeh erkläre die Tat des Amokläufers nicht, sondern leuchte sie "aspektreich" aus und erzähle dabei nicht linear, sondern "in einer assoziativen Dramaturgie, die vor- und zurückblendet und schnell die Perspektive wechselt". Die Autorin habe "fleißig recherchiert", die vielen Informationen blieben jedoch "dramatisch merkwürdig folgenlos und den Figuren weitgehend äußerlich". Der Protagonist müsse als Prototyp herhalten und "kann dabei so wenig ein Geheimnis gewinnen wie das Stück eine Dynamik entwickeln, die auf die Tat zuläuft und sie als ultimative Konsequenz einer nicht mehr ausgehaltenen Spannung entlädt". Das Problem des Stücks sei, "dass es emotional so flach ausfällt und nie unter die Haut geht". Regisseur Rottkamp falle letztlich "nicht viel mehr ein, als der Raum von Robert Schweer vorgibt. In der weitläufigen Kistenlandschaft ordnen sich die Schauspieler (...) eifrig bastelnd und brav den Text aufsagend ihrer Umgebung unter: Pappkameraden eines Themas, das dramatisch unbewältigt bleibt."

Rottkamp habe Zehs Stück "sehr redlich" zur Uraufführung gebracht, findet Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (12.4.2010) in ihrem Überblickstext über mehrere Inszenierungen zum Amoklauf-Thema. Juli Zehs Stück sei eine jener theatralen "Schulen der Wahrnehmung", die weder vorschnelle Erklärungen noch moralische Beurteilungen böten. Sie gehe "streng analytisch vor" und nehme das Thema "in einem multiperspektivischen Gedankenkonstrukt unter die Lupe, nicht als individual- oder schulpsychologisches, sondern als breiter angelegtes gesellschaftliches Phänomen". Dabei erlebe man "die totale Selbstinszenierung eines Jungen, der (...) daran leidet, keine authentischen Erfahrungen mehr machen zu können". Die Autorin meide "plumpen psychologischen Realismus", wechsle "permanent – und gekonnt – die Zeit- und Realitätsebenen, bis man nicht mehr genau sagen kann: Was ist Wirklichkeit, was Fantasie?". Rottkamp gehe "behutsam, ja fast etwas brav an den Text heran, erlaubt sich keine theatralischen Ausraster oder virtuelle Ballereien und lässt seine Schauspieler notfalls lieber herumstehen als zu viel 'spielen'". Ob des Papp-Bühnenbild bliebe am Ende doch ein "eher papierener, beigebrauner Eindruck".

Auf Ulrike Merten von der Welt (12.4.2010) wirkt die Bühne "wie eine beschäftigungstherapeutische Bastelstunde im Umzugschaos". Dabei werde hier eine brennende Frage behandelt: "Was macht den jungen Menschen zum Amokläufer? (...) Wir basteln uns Erklärungsmodelle." So versinnbildlichten Rottkamp und Schweer das "mit dem Recherche-Messer aus der Zeit geschnittene Stück der vielfach ausgezeichneten Poetin Juli Zeh", eine "vielschichtige Gemengelage aus Analyse, Zustandsbeschreibungen und Fragen", die das Publikum "stets auf Distanz" halte. Raffiniert verschränke Zeh "die verschiedenen Erzählebenen und Täter-Opfer-Perspektivwechsel ihres Gesellschafts-Spiels". Der von ihr "auch formal bewusst eingesetzte Verlust der Trennschärfe zwischen Realität und Fiktion" funktioniere in der Inszenierung "allerdings nur bedingt. Und viele wunderbar aphoristische Sätze verpuffen alsbald." Und zu sehr "Papp-Figur" blieben manche Charaktere.

In Britta Helmbolds Augen gelingt es Rottkamp mit seinem Ensemble "bedrohliche bis bedrückende Stimmungen in Szene zu setzen, eine dramaturgische Spannung aufzubauen", so schreibt sie in den Ruhr Nachrichten (12.4.2010). "Nicht chronologisch, sondern in Zeitsprüngen" erzähle Zeh, den "Jugendjargon" habe sie "gekonnt in knappe Dialoge gefasst". Lisa Arnold als Freundin Susanne nehme man den Teenager noch ab, Denis Geyersbachs Jens wirke hingehen "nicht wie ein 16-Jähriger, sondern erinnert eher an einen Student". Fazit: ein "beklemmender Theaterabend ohne Schuldzuweisungen".

 

 
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