Deutsche Familien und ihre Holzvertäfelung

von Regine Müller

Köln, 16. April 2010. Wenn man nicht wüsste, welch langen Vorlauf ein Theaterspielplan hat, könnte man es für eine perfekte Dramaturgie halten: Denn in der heißen Phase der Abrissdebatte des Kölner Schauspiels probte ebenda Anna Viebrock ausgerechnet ein Stück über Zerstörung und Wiederaufbau, gespiegelt am Schicksal einer Kölner Architektenfamilie. Unter dem Rätseltitel "WOZUWOZUWOZU" hatte ihre Dramatisierung von Heinrich Bölls "Billard um halb zehn" nun Premiere, gerade einmal drei Tage nachdem in einer Sondersitzung der Kölner Stadtrat entschieden hat, sein Theater aus den 60er Jahren – gebaut von einem Kölner Architekten – nun doch zu sanieren und den geplanten Neubau ad acta zu legen.

Doch von einer sich fast aufdrängenden Aktualisierung kann an diesem langen, mehr als dreistündigen Böll-Abend keine Rede sein. Anna Viebrock geht es um Erinnerung, immer schon. Immer wieder hat sie in ihrer langen Karriere als inzwischen auch inszenierende Bühnenbildnerin Theaterhandlungen ästhetisch in die späten 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts verlegt und in Bildern von erlesener Tristesse die gelähmte Stimmung jener Zeit heraufbeschworen.

Bau, Sprengung, Wiederaufbau einer Abtei

Diesmal muss sie nichts verlegen, denn Bölls Roman, der zwar in Rückblenden deutsche Geschichte von 1907 bis zur Entstehungszeit des Buches 1958 erfasst, spielt an einem einzigen Tag, dem 6. September 1958, dem 80. Geburtstag des Patriarchen Heinrich Fähmel. Das Schicksal der Architektenfamilie kulminiert bei Böll in der Geschichte der Abtei St. Anton: Großvater Heinrich hat sie gebaut, sein Sohn Robert sprengt sie in den letzten Kriegstagen und Enkel Joseph soll sie nun wiederaufbauen. Dass Robert damals der Sprengmeister war, ist das bislang wohlgehütete Familiengeheimnis, das nun ans Tageslicht kommt.

Ein typischer Viebrock-Wartesaal des Lebens, der Büro, Café, Billardzimmer, Aufenthaltsraum einer psychiatrischen Anstalt und Bahnhofswartesaal zugleich ist, ächzt unter seiner Holzvertäfelung, ein winziger Kronleuchter duckt sich deplaziert unter der hohen Decke. Schwing- und Schiebetüren gehen lautlos auf und zu und ermöglichen dem skurrilen Personal lauflose Auf- und Abtritte. Viebrock versammelt auf der Bühne Bölls Generationen nebst Randfiguren als ein Kabinett der Traumatisierten, ergänzt um eine seltsame englische Lady (Rosemary Hardy als Polly Morph), die im Brokatkleid einherstolziert wie weiland Queen Mum, Tee bestellt und bisweilen auch singen darf.

Die Wozu-Formel des Nichtverstehens

Zerstörung und Wiederaufbau bilden in Bölls Montage-Roman den Hintergrund eines elementaren Generationenkonflikts, der nicht nur familiäre Konstellationen betrifft, sondern vor allem auch die Verstrickung des Bürgertums in das Naziregime thematisiert. Die kopfschüttelnde Wiederholung der Frage "wozuwozuwozu?" wird dabei zur Formel des Nichtverstehens, des sich nicht versöhnen Könnens mit dem Verlauf der Geschichte, zum Ausdruck der Fassungslosigkeit ob der Überlebenskraft der Mitläufer, die nach dem Krieg rasch wieder in Amt und Würden sind.

Anna Viebrocks Textfassung bleibt zunächst ganz nah an Bölls Text, übernimmt ihn über weite Strecken wortgetreu, muss jedoch im zweiten Teil ob der Komplexität des Textes ausfransend kapitulieren. Überhaupt ist das Problem des Abends, dass Viebrocks Dramatisierung nicht wirklich Theater und schon gar nicht Drama wird. Zu sehr bleiben die penibel choreographierten Figuren bloß Typen, ohne Charakter zu entwickeln, zur sehr bleibt das Geschehen eine Abfolge von letztlich abstrakt bleibenden Fragmenten, die sich zur Erzählung nicht recht fügen wollen.

Tableau der Depression

Was sicher kein Regie-Unfall ist, sondern wohl durchaus Plan war, denn die geduckte Gehemmtheit, das Schockgefrorene der Personen, ihre Unfähigkeit zur Interaktion ist alles andere als eine Fehldiagnose dieser Generation. Man verfolgt die akribisch abgezirkelten Stimmungsbilder bei aller Bedrückung auch durchaus mit Interesse, doch geht den perfekten Tableaus der Depression irgendwann die Luft aus. Zumal dieser Abend dem politischen, dem mitfühlenden, empfindsamen Böll zu wenig Raum gibt.

 

WOZUWOZUWOZU (UA)
nach "Billard um halb zehn" von Heinrich Böll
Regie, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Musik: Ernst Surberg, Mitarbeit Bühne und Video: Till Exit, Licht: Jürgen Kapitein, Dramaturgie: Götz Leineweber.
Mit: Michael Wittenborn, Julia Wieninger, Ernst Surberg, Maik Solbach, Ilknur Bahadir, Angelika Rien, Rosemary Hardy, Tom Wirtz, Martin Reinke, Yorck Dippe, Norbert Thomé, Torsten Peter Schnick, Constantin Lichnog.

www.schauspielkoeln.de


Mehr zu Anna Viebrock im nachtkritik-Archiv: Wir besprachen Der letzte Riesenalk von Marcel Beyer, den sie im Februar 2009 in Köln inszeniert hat. Die Bügelfalte des Himmels hält für immer entstand im April 2009 in Basel.

 

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Kritikenrundschau

"Kunstvoll gestaltet Böll fortwährende Zeit- und Perspektivwechsel, nicht gerade leicht verständlich", schreibt Vasco Boenisch (Süddeutsche Zeitung, 20.4.2010) mit Blick auf die Textvorlage: "Eine Herausforderung für das Theater." Anna Viebrock habe Erfahrung mit "solch entrückten Atmosphären. Stets haben ihre Settings etwas Staubiges, ja Klaustrophobisches, ihre Kostüme einen Vintage-Schick. Auch hier." Aber was bei Marthaler oft einen ironischen Bruch setze, sei hier "ernsthafte Rekonstruktion einer vergangenen Epoche". Viebrock koste sie aus, "die Böll"sche bleierne Stille". Außer einem "kunstvollen, zähen Handlungspuzzle" wisse sie aber "wenig beizutragen. Die meisten Akteure leiern statisch ihren Text, Reißbrett-Chiffren, als wäre das Absicht; doch dann gibt es wieder Ausnahmen". Rosemary Hardy zum Beispiel bringe "als Arien singende Entnazifizierungsbeamtin leisen Humor herein. Der Rest ist buchstäblich Schweigen."

"Aus dem Muff der 50er-Jahre hat Anna Viebrock schon als Mitarbeiterin von Christoph Marthaler Inspirationen gezogen, holzvertäfelte Wartesäle sind ihr Erkennungszeichen", weiß Stefan Keim (Die Welt, 20.4.2010). Jetzt habe sie wieder hat sie "so einen Verlorenheitsraum entworfen, der als Restaurant, Büro und Kino fungiert". Die Aufführung richte sich damit "ganz in der Zeit ein, die der Roman vorgibt". Sie suche dabei "in den meisten Rollen nach einem direkten, einfachen Ton. Aber das zieht sie nicht konsequent durch, andere Schauspieler gestalten psychologisch ausgefeilte Figuren". Martin Reinke habe einen "unglaublich starken Auftritt als Mitläufer Dr. Nettlinger, ein Mensch ohne Gesinnung und Gewissen, erst Nazi, dann Demokrat". Auf diese Nettlingers wurde, so Keim, "die frühe Bundesrepublik gebaut. Neben Reinkes Auftritt wirkt die Bescheidenheit vieler Akteure wie laienhaftes Textaufsagen".

Die Bühne, die Anna Viebrock für "Billard um halb zehn" gebaut hat, erinnert Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen (19.4.2010) an die Räumlichkeiten des Kölner Opernhauses. Die Bühnenfassung des Böll-Romans sei, "ohne dass sie es darauf angelegt hätte, das Stück der Stunde in Köln". Lasse sie doch "mit großer atmosphärischer Genauigkeit die Zeit besichtigen, die durch die Diskussion um das Schauspielhaus (...) zur Bewertung steht". Auch Bölls Familienkonfliktgeschichte lasse sich "parabolisch auf das Schauspielhaus beziehen: ein Werk der Väter, das die Söhne abreißen (wollten) und die Enkel, bevor es so weit kam, gerettet haben". So großartig jedoch die Ausstatterin Viebrock die Zeit treffe, "so wenig vermag die Regisseurin Viebrock den Raum mit Leben zu erfüllen". Die Fabel werde bis auf kurze Dialogen "in monologische Blöcke zerlegt", die Figuren blieben "Repräsentanten eines Sittenbildes, das sich in spröder Gedämpftheit und kühlen Formalitäten erschöpft".

Dass diese Premiere ausgerechnet in die Woche der "Entscheidung für den Erhalt des Schauspielhauses" gefallen ist, bezeichnet auch Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger (19.4.2010) "als künstlerischen Idealfall". Viebrock füge die "rückblendenden Puzzleteile des Romans in einem überwältigenden Bühnenraum zusammen", der die verschiedenen Räume, "erinnerte Vergangenheit und Stück-Gegenwart in traumartiger Überblendung miteinander verbindet und gleichzeitig in hyperrealistischer Detailtreue dem Jahr 1958 nachspürt". Die "Lust am gelungenen Detail" lebe sie auch in Kostümen und Requisiten aus, halte jedoch "Abstand zum Historien-Kitsch", u.a. durch den "verfremdenden elektronischen Soundtrack Ernst Surbergs, der störend und karikierend in das Spiel eingreift". Die inneren Monologe verlangsamten das Spiel allerdings "bis zum Stillstand. Die Darsteller agieren, als hätte sie (...) allesamt der Schlaganfall ereilt." Am eindrucksvollsten gelinge das Julia Wieninger, die jeden Satz "mit tonloser Nachdrücklichkeit" deklamiere, "eine in der Zeit Erstarrte, die die Trümmer ihres Lebens wie einen Polizeibericht wiederholt, weil sie das dreiste Weitermachen der Zertrümmerer anders nicht fassen kann".

Die Roman-Adaption gelingt Viebrock nach Meinung von Sandra Nuy (Kölnische Rundschau, 19.4.2010) leider "nur eingeschränkt". Der Abend atme keine Theaterluft: "Er transportiert keine Geschichte, keinen dramatischen Konflikt, nur ein Verhältnis von Stillstand und Bewegung." Die Regisseurin verharre "in der Betrachtung einer kollektiven Depression, und ihre Momentaufnahmen bleiben Fragment". Das von Viebrock entworfene Bild schwanke "zwischen Böll-Text, formaler Strenge und pseudo-avantgardistischem Medieneinsatz". Außerdem arbeite hier jeder Schauspieler anders: "die Charge tritt neben das Psychogramm neben die Pose neben die Stilisierung". So entstünden "isolierte Porträts", unter denen das von Julia Wieninger herausrage, die "hinter den darstellerisch formal gebändigten Gefühlen eine tiefe Emotionalität erkennen" lasse. Die Sopranistin Rosemary Hardy sei der "Joker der Inszenierung" und sorge als exzentrischer Hotelgast auch für eine "ironisch-sarkastische Note". Viebrock mache überdies "eine Stadt hörbar, die zwischen Abriss und Aufbau schwankt", was die Inszenierung auch zur "Reflexion über aktuelle Diskussionen" mache. "Ein leises Nachdenken, elegisch", und auch "ermüdend".

 

 

 
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