Mehr Zeit wagen  

von Christian Rakow

Osnabrück, 14. September 2007. Am Schluss, so gegen 23 Uhr, im Finale "Gegen die Zeit" auf der Hinterbühne des Theaters am Domhof, ist noch einmal alles zu erleben, was diesen ersten Festivaltag in Osnabrück so erfreulich machte: In einer Zeitlupenperformance schälen sich vier Schauspielerpaare aus einer Art verspiegeltem Schildkrötenpanzer, während auf einer Leinwand eine Digitaluhr die Stunden von 17 bis 23 Uhr hochzählt. Die Paare ringen mit- und gegeneinander. Dazwischen vier verspiegelte Matten, in die sich ihr Panzer aufgelöst hat. 

Erst spät geben die Matten ihre Rückseiten zu erkennen. "Z-E-I-T" ist darauf zu lesen. Dann reißt der Vorhang auf. Wir stehen auf der Drehbühne des Theaters. Im Publikum intonieren die Schauspieler: As time goes by. Locker und verspielt finden sich hier die beiden prägenden Themen des Abends vorgetragen: "Gegen die Zeit", das Festivalmotto, und, was man als inhaltliche Klammer für die Stücke nehmen darf, Paare in Selbstbespiegelungen.

Zeichen setzen für das, was bleiben könnte

"Gegen die Zeit" hat Intendant Holger Schultze sein diesjähriges Festival für zeitgenössische Kunst (Musik, Theater, Tanz) ausgerufen. Nach dem Erfolg des Uraufführungsfestivals 2005 stehen bei "Spieltriebe 2" dieses Mal Zweitaufführungen auf dem Programm. Der Anlass: In einer auf Neuheiten abzielenden Medienlandschaft schwindet nach der Uraufführung schnell das Interesse an einem neuen Stück. Gegen diese Beschleunigung des Dramenmarktes setzt das Festival auf "Entschleunigung", die Besinnung auf das, was bleiben könnte, abseits der Moden.

Symbolisch werden dazu eingangs die Uhren der Zuschauer verklebt. Ab 17 Uhr geht es also zeitblind auf fünf Routen mit je drei Stücken in unterschiedlichen Spielstätten. Den Anfang bildet für alle Rebekka Kricheldorfs "Die Ballade vom Nadelbaumkiller" (eingeladen nach Mülheim 2005), eine Generationenkomödie mit Don Juan-Anleihen. Zwei 68er Eltern, beide erfolgreiche Unternehmer, hadern hier mit ihren Kindern, weil diese entweder zur Null-Bock-Generation X gehören (Jan, um die 35) oder zur Nur-noch-Bock-auf-Karriere-Generation der "Netzwerkkinder" (Anna, um die 20).

Arbeit an der Optimierung des Ich 

Die Selbstbespiegelung kommt im Format des Soziologiehandbuchs und klingt auch so. Anna: "Erhält mein Ich durch dich irgendwelche Optimierungschancen?" Tatsächlich sind die Optimierungschancen, die der Protagonist Jan bereitstellt, als eher gering einzustufen. Ein schneller One-Night-Stand ist bei dem narzisstischen Dandy drin, mehr nicht. Ansonsten erstellt Jan, wenn er nicht gerade Vaters Geld verprasst oder seinen servilen Mitbewohner Rudolf herumkommandiert, Kataloge mit dekadenten Wunschvorstellungen (Flamingos! Krieg gegen Mecklenburg!).

Diese Wiederkehr des Dandys in Zeiten der Popkultur könnte echte Zeitdiagnose werden. Aber schon bei Kricheldorf geht’s in die Karikatur. Mehr noch in der Inszenierung von Dorothea Schroeder. Laurenz Leky, als Jan mit wehender Mähne, wie sie einst Olli Kahn (anno 2001) trug, und mindestens ebenso entschlossenem Blick, bezeugt den Verlust seiner Mitte mit viel läuferischem Aufwand. Vater (Dietmar Nieder) und Rudolf (Steffen Gangloff) umspielen ihn in Sketch-Laune. Die Lacher sitzen. Erst gegen Ende, wenn Jan zunehmend abschlafft und deliriert, tritt unerwartet etwas wie existenzielle Tragweite hinzu. Der Fall des Dandys – bei Kricheldorf führt er in die Nervenheilanstalt.

Zweitaufführungen auch für die mittlere Generation

Eine gute halbe Stunde später befinden wir uns im Emma-Theater, das unter der Intendanz von Schultze zu einer erstklassigen Adresse für Gegenwartsdramatik geworden ist, zuletzt mit der nach Mülheim eingeladenen Uraufführung von "alter ford escort dunkelblau" vom Nachwuchsdramatiker des Jahres Dirk Laucke. Bei "Spieltriebe 2" ist "Es gibt keine Sünde im Süden des Herzens" zu sehen von Werner Fritsch, der, Jahrgang 1960, gut eine Generation älter als die ansonsten vertretenen Dramatiker und Regisseure ist und längst zu den renommierten Vertretern seines Faches zählt. Auch ist das Stück bereits etwas länger raus. Uraufführung 1998 in Darmstadt.

Die lieben Toten. In einem Altersheim erscheinen sie dem Protagonisten Wenzel, halb geträumt, halb wahnhaft geschaut: seine verblichene Liebe Turtel und der glücklose, weil notorisch lüsterne Rivale Häcksler. Eine schlichte Dreiecksbeziehung, doch hat Fritsch sie nicht nur surreal zugeschnitten, sondern auch mit historischer Resonanz (Häcksler war Flieger und Unteroffizier in Auschwitz) und Brauchtum aus seiner bayrischen Heimat ausgestattet.

Lebende Tote und andere Gottesbeweise

Neben permanenten Verweisen auf heilsgeschichtliche Zusammenhänge wird Dialekt geboten – und metaphysische Reflexion. Wenzel: "Ich hab doch vernommen, Sie wollen da hinkommen, wo Gott wohnt. Aber wo wohnt Gott?" Die Frage nach dem leeren Zentrum führt bekanntlich in die Sinndiffusion, und die ist bei Fritsch in der Tradition der österreichischen Avantgarden sprachakrobatisch umgesetzt. Häcksler: "Ich bin immer auf Kampf aus!" Wenzel: "Wie der Hitler! Der hat es auch im Magen gehabt, so gelb wie der war im Gesicht. Hat dann über sein Buch sogar drübergeschrieben: Kein Mampf!"

Regisseurin Uta Kindermann streicht eine ganze Reihe solcher Ausflüge nach Kalau weg, ohne dem Abend im Ganzen seinen psychedelischen Chic zu nehmen. Liebevoll führt sie Wenzel (Thomas Schneider) und Turtel (Christel Leuner) durch Ringelreihen und Zigarettenpausen, wartet mit skurrilen Eucharistien auf und ist sich auch für eine grelle Porno-Krankenschwester (Mi-Sah Rehnolt) nicht zu schade. Daneben gibt Häcksler im Rollstuhl (Johannes Bussler) den galligen Zyniker par excellence. Und wir erhalten einen Gottesbeweis aus dem Geiste der Demenz: Wenzel: "Wenn ich die Toten leben seh, muss doch der Herrgott auch leben."

Bekannte Stücke, gemischte Spielorte  

Entschleunigung – bei Kindermann (inszenatorisch) und Fritsch (historisch) kommt das Festivalmotto ganz zu sich. In der letzten Aufführungsstätte des Abends erwartet man dann, dass das Tempo wieder anzieht. Schließlich befinden wir uns in einer echten Skater-Halle. Zwischen den Halfpipes, weit entfernt, hocken die vier Protagonisten und probieren einen Drogentrip. Die Stimmen der Schauspieler kommen über Mikroports. Ein vertrauter, ganz unaufgesetzer Ton ist da zunächst zu hören.

Den braucht es auch. Denn Anja Hillings "Sterne", eine Geschichte vom verfehlten Liebesglück (Gewinner des Stückemarktes beim Theatertreffen 2003), kommt allegorisch hochfahrend daher. Menschen sind wie Sterne, ungeheuer draußen und "immer unberührt". Dabei darf man den Grund, weshalb hier niemand zueinander findet, auch ganz real nehmen. Susann (Julia Köhn) stirbt am Drogenabend, weshalb sich ihre hinterbliebenen Freunde mit Gewissensnöten plagen. So kann Jana (Katharina Quast) nicht bei Kalle (Daniel Ratthei) bleiben, findet aber auch keinen Halt bei Anton (Simon Keel), dem Ex-Freund von Susann. Als sie zu Kalle zurückkehren will (mit ihrem gemeinsamen Kind im Bauch), hat der schon kein Interesse mehr an ihr.

Der Himmel hilft nicht 

Die Distanzen im Skaterpark sind der Allegorie angemessen kilometerweit. Sterne berühren sich nicht. Doch was ist mit der konkreten Suche hier vor Ort? Die Figuren, die Regisseurin Marie Enzler in die Röhren schickt, geraten einander bald aus dem Blick. Interaktion findet kaum statt, stattdessen Monologisieren und pseudo-sinnfälliges Anrennen in der Halfpipe (lies: Aufbäumen gegen die Bürde des Weiterlebenmüssens). Nachdem auch die Bielefelder Uraufführung Anfang 2006 eher die pathetisch-philosophische Seite des Textes hervorgekehrt hat, wäre es jetzt mal an der Zeit, den Realismus von Hilling auszuprobieren. Es ist ja doch kein ganz so fernes Problem, das die Figuren da umtreibt – dieser Verlust von Intimität. Wie hieß das noch bei Werner Fritsch? "Ohne die Lieb ist der Brustkasten ein Herzsarg nur."

 

Die Ballade vom Nadelbaumkiller
von Rebekka Kricheldorf
Regie: Dorothea Schroeder, Bühne: Ilka Müller, Kostüme: Marie Anderski, Video: Jens Dreske, Dramaturgie: Jürgen Popig, Tobias Vogt.
Mit: Laurenz Leky, Dietmar Nieder, Steffen Gangloff, Nicole Averkamp, Anjorka Strechel, Sibille Helfenberger

Es gibt keine Sünde im Süden des Herzens. Höllensturz.
von Werner Fritsch
Regie: Uta Kindermann, Bühne: Sarah Bernardy, Kostüme: Esther van de Pas, Dramaturgie: Jürgen Popig.
Mit: Thomas Schneider, Johannes Bussler, Christel Leuner, Olaf Weißenberg, Mi-Sah Rehnolt 

Sterne
von Anja Hilling
Regie: Marie Enzler, Bühne und Kostüme: Marisa Smit, Dramaturgie: Tobias Vogt. Mit: Julia Köhn, Simon Keel, Katharina Quast, Daniel Ratthei

www.spieltriebe-osnabrueck.de
www.theater-osnabrück.de 

 

Kritikenrundschau

In der Neuen Osnabrücker Zeitung (17.9.07) resümiert Christine Adam auf knappem Raum das Theaterfestival. Ohne sonderlich ins Detail zu gehen, schreibt sie von "energiegeladenen, selbstbewussten und stimmigen Schauspielerleistungen" in "intelligenten wie pfiffigen Inszenierungen". Auch wenn sich der "tiefere Sinnzusammenhang" des öfteren nur "erahnen ließ". Aber – die Stimmung war prächtig, die Meinungsmacher (s.u.) angereist, und dass man auf den fünf Routen geführt und gefahren wurde, gab ein "wohliges Gefühl".

Zwei Tage später werden das Theater Osnabrück und sein Intendant Holger Schultze in der taz (19.9.07) begeistert gefeiert. Der Bemühung um zeitgenössische Dramatik und ein junges Publikum zollt Thorsten Stegemann  detailreichen Beifall. Nach einer punktuellen Auseinandersetzung mit dem Gezeigten und vor einigen rhetorischen Einschränkungen, resümiert er: "Der Versuch, mit ungewöhnlichen Programmen neue Publikumsschichten anzusprechen, scheint zu funktionieren, gelingt allerdings auch nicht im luftleeren Raum: Die Osnabrücker Bühne hält seit einiger Zeit engen Kontakt zu den örtlichen Schulen, um allen Kindern und Jugendlichen mindestens einmal im Jahr einen Theaterbesuch zu ermöglichen."

Für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (15.9.07) hat Vasco Boenisch Holger Schultze vorab einen Hausbesuch abgestattet. "In den zwei Jahren seiner Intendanz hat er das Theater kräftig durcheinander gewirbelt und ihm so zu beachtlichem Aufstieg verholfen. Der gipfelte zuletzt im Mai in einer Einladung zu den Mülheimer Theatertagen." Das Geheimnis des Erfolgs? "Neugierde, Spielfreude, Zuschauerliebe", schreibt Boenisch und resümiert beim Intendanten eine Mischung aus "Enthusiasmus und Pragmatismus": "Weil Geld für Plakatkampagnen fehlte, stellten viele Läden ihre Schaufenster zur Verfügung; ein Bauunternehmer spendierte für eine Inszenierung sogar den Sand für ein komplettes Spargelfeld." 

 

 

 

 
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