Tanz ums goldene Klo

von Jürgen Reuß

Freiburg, 29. April 2010. Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält? Bei der Freiburger Inszenierung von "Macht und Rebel" als "totale Tanzattacke frei nach dem Roman von Matias Faldbakken" ist es die Toilette. Übergroß und golden thront sie in der Bühnenmitte. In ihr hocken die beiden Haupterzählerstimmen, Konrad Singer und Georg Hobmeier, und liefern im Laufe des Abends auch das Begründungszitat aus dem Roman: "Das Scheißhaus ist einer der letzten gemeinsamen Nenner einer zersplitterten Gesellschaft. Auf dem Scheißhaus sitzen, das ist der globale Akt, die globale Körperhaltung, etwas, was so gut wie alle Klassen, Rassen und Menschenkategorien miteinander gemein haben."

Am Anfang spielt dazu sanft im Hintergrund das Cello, auf dem Höhepunkt peitscht eine Band mit Störkraft-Attitüde die Akteure zum Tanz ums goldene Klo. Damit ist die Bandbreite bürgerlichen Weltekels aufgespannt. So beginnt das Manifest der Menschen mit Lokus, Cello und E-Gitarre, also der perspektivlosen Jugend aus mittelgutem Haus mit ihrem verzweifelten Schrei nach einem Lebenssinn. Sie ist im besten Aufbruchalter, aber jede Rebellion hat den faden Beigeschmack des Aufgewärmten. Was bleibt? "Ich werde mir selbst den Krieg erklären. Krieg gegen meine Rasse, meine sexuelle Orientierung, meine Kultur." Wollt ihr den totalen Krieg?

Poser im Frauenversorgungssystem

Bevor der Zuschauer da emotional mitgeht, muss auf der Bühne vorher allerdings noch ein bisschen gearbeitet werden. Sieben Balletösen umtänzeln den selbstmitleidigen Jungmann. So wie der männliche Teil sein Posenrepertoire des Aufbegehrens durchspielt, exerzieren die Tänzerinnen die zur Verfügung stehenden Posen der zugehörigen Frauenversorgungssysteme durch. Mal elfenhaft rein, mal popschnuckelig mädchenhaft, mal als penetrierende Domina, mal als ewig willige Lolitas, mal in der Kombination als Hiphopchicks. Zwischendrin darf eine auch mal für und gegen etwas brüllen, bis das zur inhaltsleeren Floskel wird.

Was bleibt, wenn die Inhalte zerrinnen? Das pure Spiel der Intensitäten. Langsam wird das Publikum hochgekocht, die hintere Wand fällt, eine Band brazzt los, das Regalgerüst wird zum Video-Drehkreuz ummontiert, das die herausgebrüllte Botschaft punkaffin unterflackert. Und die lautet "Kraft zur Freude", die zugehörigen Uniformen sind verteilt. Nicht ganz Nazi, eher Feuerwehrmann, aber das ist nur folgerichtig, wenn kein Zeichen allein mehr den Saft hat, in ihm zu siegen.

Zwischen Rammstein und Lindenberg

Wenn die "Mainstream-Menschen" es "mit der Toleranzideologie und dem Vielfaltsfetisch übertrieben haben", wenn alles nur noch ein postmoderner Zeichenbrei ist, dann rührt man eben alles zusammen, schnürt die Springerstiefel, rasiert sich eine Glatze oder kämmt sich einen Nazischeitel und lässt es mal richtig rocken. Sex und Gewalt geht immer. Erst lässt man die Chickas die Schöße des Publikums auf Betriebstemperatur schubbern, dann stampft die Stiefelglatze hinterher, die Regler werden hochgefahren, die Leiber zucken semi-ekstatisch, irgendwelche Botschaften werden ins Mikro gerotzt – was, ist eigentlich egal, Hauptsache Attitüde und Intensität kommen rüber.

Und das schafft die Inszenierung von Regisseur Tom Schneider und Choreograph Graham Smith mit dem Freiburger Theaterkollektiv pvc. Mit Rap und Punk aufgebrezelter Bombast zwischen Rammstein und dem mittleren Lindenberg. Inklusive geschicktem rhetorischen Bogen vom nackten "Ich habe alles gegeben"-Jüngling des Anfangs zur nackten "Wir geben euch alles"-Tänzerin im Finale. Das heißt, Schluss ist dann noch nicht, nur ein Schnitt.

Fleischgewordenes foucaultsches Dispositiv

Nette Erbauungsmusik plätschert dahin, auf dem Baugerüst läuft das Video einer grünen Wiese, dorthin sind die Akteure verschwunden, stehen einfach da, starren in irgendeine Richtung, Film gewordene Erwartung. Die Kamera fährt zwischen ihnen durch, die Zeit verstreicht, dann verschwindet der erste, dann der nächste, schließlich sind alle weg. Eine Stimmung wie bei den amerikanischen Auserwählten, die Gott zu ihrer großen Reise abholt. Doch dann tänzelt Tommy Noonan durchs Bild, so elegant, wie er auch schon durch die gesamte Inszenierung getänzelt ist. Er ist Macht, unangefochten von den irdischen Machenschaften Rebels und Konsorten. Eine Art fleischgewordenes foucaultsches Dispositiv. Eine andere Offenbarung gibt es nicht, und auch die verschwindet von der Leinwand.

Der Zuschauer ist allein mit einer Wiese, über der endlos langsam die Sonne untergeht. Klatschen? Vielleicht. Zaghafte Versuche, aber es kommt niemand mehr. Auch die Konvention zwischen Publikum und Akteuren läuft ins Leere. Ein schönes Spiel mit Intensitäten findet ein passendes Ende.

 

Macht und Rebel
Totale Tanzattacke von pvc Tanz Freiburg Heidelberg
frei nach dem Roman von Matias Faldbakken
Choreographie: Graham Smith, Regie: Tom Schneider, Bühne: Jens Dreske, Kostüme: Franziska Jacobsen, Musik: Thomas Jeker, Dramaturgie: Inga Schonlau/Wolfgang Klüppel, Lichtdesign: Andreas Grüter.
Mit: David Dreyer, Murielle Elizéon, Tobias Ergenzinger, Alice Gartenschläger, Monica Gillette, Kate Harman, Georg Hobmeier, Thomas Jeker, Bea Koller, Valerie Kommer, Sonja Memarzadeh, Tommy Noonan, Konrad Singer, Graham Smith, Francois Terrapon, Volker Thiele.

www.theater.freiburg.de
www.theaterheidelberg.de

 

Mehr zu den Arbeiten vom Freiburger Theaterkollektiv pvc? Im Oktober 2009 kam Hochstapler und Falschspieler heraus, eine Produktion, die auch für das nachtkritik-Theatertreffen 2010 nominiert wurde. Auch bei Sebastian Nüblings Mütter. Väter. Kinder – Teil 2 war pvc dabei.

 

Kritikenrundschau

Matias Faldbakkens Roman "Macht und Rebel" probe "den Aufstand der Rechten in - man denke! - Schweden", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (3.5.2010). Man müsse indes davon ausgehen, dass Faldbakken testen wolle, "was geht an Provokation. Das analfixierte Werk fand, wie nicht anders zu erwarten, ein zwiespältiges Echo. Der literarisch treffendste Vorwurf: Wer so auf die Tube drückt, langweilt auf die Dauer fürchterlich." Das aber sei in Freiburg nicht passiert, wo sich das Tanzensemble pvc "unerschrocken dieser Liturgie aus der Unterwelt eines Möchtegern-Übermenschen angenommen hat". Zwar müsse man - nach zartem und leisem Beginn - die "obszöne Verbindung der Gewalt eines kollektiven Einheitskörpers mit sexueller Verführung" aushalten, das Ensemble gehe "an die Grenze des Zumutbaren. Stereotype aus dem Wörterbuch des Unmenschen werden skandiert: Kraft durch Freude, Ausmerzung der Krebsgeschwüre. etc. Es ist scheußlich." Alles in allem sei es jedoch eine "verstörende Performance" mit "fulminanten" Tänzern, bei der die "großartige Musik von Thomas Jeker" die "Hauptfigur" sei. Am Ende bleiben die Zuschauer allein zurück: "Kein Beifall soll den Abend adeln. Gut so. Man könnte ihn missverstehen."

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=JoMD0FufiIs}

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