Im Haus des Missbrauchs

von Gerhard Zahner

Konstanz, 30. April 2010. Neil LaBute erzählt in "In a dark, dark House" vom Sterben der Seele. Vom Verlust der Kindheit und dem Verlust des Lebens. Er erzählt vom Missbrauch. In seiner Art.

Seine Dialoge sind rasch, beiläufig und die Ablenkung scheint die eigentliche Aufgabe von Worten. Aus dem Nichts brechen die Katastrophen ohne Vorwarnung herein. Die Figuren agieren mit Misstrauen, als würde ihnen augenblicklich in den Rücken geschossen, dabei ist man sich nie als Zuschauer sicher, wer schießt und wer getroffen wird. Nichts ist wahr. Nichts ist wiederholbar. Nichts kehrt zurück.

Denn in einem finsteren Haus, sterben zuerst die Mythen und dann sterben die Seelen der Menschen, und die Geschichte der Wahrheit stirbt zuletzt, weil nur noch im Innern der Opfer erkennbar ist, was geschieht. Außen sieht man es nicht.

Ein Hauch von Argwohn

Der biblische Mythos von den zwei ungleichen Brüdern - damit beginnt es. Drew und Terry. Jung und alt. Erfolgreich und arm. Neil La Bute wird den Mythos der ungleichen Brüder, das ewige Kain und Abel, auflösen, weil die Mythen keine Kraft besitzen, die Welt zu erklären.

Georg Melich - als Drew - wartet im Garten einer forensischen Psychiatriestation auf seinen älteren Bruder Terry. Thomas Fritz Jung (Terry) hinter braunen Brillengläsern, hört nur widerwillig den Bitten seines Bruders zu. Drew, ein erfolgreicher Anwalt ist eines Verbrechens angeklagt und braucht zu seiner Verteidigung einen strategischen Zeugen, der bestätigt, dass er als Junge missbraucht, und deshalb, zurückgeblieben in seiner Entwicklung, für das verkommene Leben, das er führt, entschuldigt ist. Ändern wird er sich nicht.

Das Stück entwickelt rasch eine enigmatische Struktur. Melich spielt seine Rolle künstlich, wie vom Autor verlangt und eine Hauch von Argwohn durchzieht die Handlung, die das auslöst, was den Missbrauch so doppelt giftig, weil auflösend macht: Plötzlich sind die Brüder als Opfer, auch zwei Verdächtige, weil sie das Ungeheuerliche behaupten. Todd Astin hat mich missbraucht. Melich schaut zu Boden und spricht die Worte wie einer, der sie halb auswendig gelernt, vielleicht aber auch am Leib erfahren musste. Sein Bruder Terry schluckt diese Worte gleichsam wie Gift, denn er erinnert sich an sich selbst. Ein Versager im Leben, einer der in seiner Freizeit schiedsrichtert im Kindersport, und als Jobnomade kein Bein auf den Boden bringt, erinnert sich an den eigenen Missbrauch durch diesen Todd Astin. Todd Astin.

Terry erzählt erstmals von diesem Missbrauch, indem er vor Gericht lügt, nur an seinem Bruder Drew sei es geschehen. Der Missbrauch zersetzt ihn so ein zweites Mal.

Fast eine griechische Tragödie

Auge um Auge ist der zweite große amerikanische Mythos, den Neil LaBute in diesem Stück zerstört. Terry fährt ans Ende der Welt, irgendwo in den mittleren Westen, versucht diesen Todd Astin aufzuspüren, begegnet dessen 16jähriger Tochter und wird sie am Ende missbrauchen, töten vielleicht. Ein furchtbar beiläufiges Spiel, die Begegnung von einem, der seinem Peiniger ähnlich wird, indem er dessen Tochter missbraucht. Fast scheint es schicksalhaft unausweichlich, wie eine griechische Tragödie, was geschieht.
Jessica Rust spielt dieses Mädchen so glaubhaft ohne Instinkte für die Gefahr, in einer sich auflösenden Welt, die allem zuschaut.

Im dritten Akt zerstört LaBute den Mythos der Familie. Was erahnbar war, erfüllt sich jetzt. Der Anwalt kehrt siegreich wie ein griechischer Held aus seinem Prozess nach Hause zurück, feiert seine Wiedergeburt und Terry, der ältere, der alle Energie hineinwirft, sich selbst zu belügen, kniet nieder vor dem Altar der Geständnisse und berichtet, wie er von Todd Astin missbraucht, in doppelter Weise für immer sein Leben verlor. Die Katharsis, das Leben zu erkennen, wird ihm versagt. Auch der Mythos der Katharsis wird sich auflösen, weil es eigentlich niemanden interessiert.

In der Familie geschlagen, verstört und ohne Hoffnung, so klagt Terry sich selbst an, fühlte er sich zu dem Schänder hingezogen und ohnmächtig, das erlittene Unrecht hinaus zu schreien. Das Schweigen löst alles auf.

Die Bühne, eine Art in Holz erstarrte Welle, versperrt den Horizont.
Christoph Mehler (Regie) tat gut daran, alles Dingliche von dieser Bühne zu verbannen, weil dieser Terry den Worten abzuringen versucht, was er aus den Dingen nicht erfahren kann. Sich selbst wiederzugewinnen.

Es wird ihm nicht gelingen. Er bleibt als Hülle zurück, ohne Gewissen. Krank vor Erfahrung und Jung spielt die Augenblicke der Brüche groß, voller Kraft, aber auch mit Mitleid für die Figur.

Ein Stück das bleiben wird, durch seine zerstörerische Kraft.

 

In einem finsteren Haus (DSE)
von Neil LaBute, Deutsch von Frank Heibert.
Regie: Christoph Mehler, Ausstattung: Stephan Testi, Musik: Oliver Urbanski,
Dramaturgie: Thomas Spieckermann.
Mit: Jessica Rust, Thomas Fritz Jung, Georg Melich.

www.konstanz.de

 

Mehr Inszenierungen von Stücken von Neil LaBute: Some girl(s) in Bern im Mai 2007; Der große Krieg in Bonn im Dezember 2008 und am Volkstheater in Wien im November 2009.

 

Kritikenrundschau

Der Zuschauer wähne sich bei Neil LaButes "In einem finsteren Haus" anfangs "in einem dieser typischen Erfolgsstücke, in denen US-Dramatiker in schnellen, geschliffenen Dialogen eine mehr oder weniger krude Geschichte erzählen", schreibt ein online bislang namentlich leider nicht genannter Autor im Südkurier (3.5.2010). "Doch so einfach ist das nicht. LaBute zwingt den Betrachter in eine Handlungsspirale hinein, in der immer dann, wenn er glaubt, vorausschauend Zusammenhänge zu ahnen, das Stück schon wieder einen Schritt weiter ist. Und so erfahren wir schließlich viel über Doppelmoral und Skrupellosigkeit, über Gerechtigkeit und Rache und die im Zusammenhang mit Missbrauch vielleicht entsetzlichste Fragestellung: Was ist quälender für einen geschändeten Jugendlichen - die erlebte Gewalt zu verarbeiten, oder das Eingeständnis, die zweifelhafte Zuwendung eines Erwachsenen gar genossen zu haben?" Die "kluge und auch versierte Regie von Christoph Mehler" in Konstanz tue alles, "um dieses komplexe Vorhaben gelingen zu lassen. Er setzt alles auf den Dialog, intensiv, präsent, ganz vorne, ganz nah am Publikum, das sich der Eindringlichkeit nicht entziehen kann." Das "allmähliche, schleichende Kippen des Stücks, seine perfide Bösartigkeit" werde von den Schauspielern beklemmend gut erarbeitet.

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