Wenn wir sichtbar werden

von André Mumot

Hannover, 30. April 2010. Normalerweise wird hinter vorgehaltener Hand über sie gesprochen - oft auch mit der verklemmten Vorsicht der Political Correctness. Auf dieser Bühne sprechen die Sinti selbst. Marcelino zum Beispiel: "Da haben sie neulich diese Urkunde gefunden, in Hildesheim. Die belegt, dass wir schon seit 600 Jahren hier leben", sagt er, schaut ins Publikum und fügt grinsend hinzu: "Auch wenn ihnen das bisher noch nicht aufgefallen ist."

Und um gleich zu beweisen, dass sie damit fast ein bisschen deutscher als die Deutschen sind, nehmen die acht jungen Leute zusammen mit drei Ensembleschauspielern aus Hannover an einer langen Tafel platz, plaudern über Hans Albers und reichen in munterer Selbstironie die Zigeunerschnitzel herum. Hinten hängen jene Bilder an der Wand, die einst in keiner deutschen Spießerstube fehlen durften: Kitschige Ölgemälde von fiedelnden Schnauzbartträgern und feurigen Exotinnen mit roter Rose im Haar. Hier kann man darüber miteinander lachen - doch eigentlich ist man zusammengekommen, um dem Publikum von einer Tragödie zu erzählen.

Akt des Widerstands

Es geht um Johann "Rukeli" Trollmann, um jenen Boxer aus Hannover, der dank tänzelnd modernem Kampfstil 1933 zum Deutschen Meister im Mittelschwergewicht wurde. Ganze acht Tage lang durfte er den Titel tragen, dann wurde er ihm von den Nazis aberkannt. Klar: "Kein Zigeuner wird bei uns deutscher Meister." Was folgte, war ein Akt des Widerstands: Seinen nächsten Kampf absolvierte Rukeli Trollmann mit weißgeschminkter Haut und wasserstoffblond gefärbten Haaren und ließ sich als Parodie des arischen Herrenmenschen von seinem Gegner K.O. schlagen, ohne ihm auszuweichen. Später wurde er, wie so viele Sinti, im KZ umgebracht.

Autor Björn Bicker und Regisseur Marc Prätsch haben um diese Biographie herum ein Stück entwickelt, das Trollmanns Schicksal mit der Lebenswirklichkeit junger Sinti von heute konfrontiert. Letztere haben sie in Hildesheim gefunden - als Erfahrungsberichter, Kulturerklärer und als Akteure, die im Ballhof in Hannover die historischen Figuren ebenso souverän verkörpern wie sich selbst. Der Aufführungsort ist dabei gleich in doppeltem Sinne nahe liegend. Wenige Hundert Meter von Trollmanns damaligem Wohnhaus entfernt, diente der Bau in der NS-Zeit als Hitlerjugend-Heim.

An diesem Abend ist der Ballhof als Tonstudio eingerichtet: Die Aufzeichnung einer Radiosendung mit ihren Interviews und historischen Info-Blöcken wird zum szenischen Aufhänger für die Einfühlung in die Familie. Dazu spielt Kussi Weiss Gitarre, Uli Bartel Geige - und auch Jazz-Sängerin Dotschy Reinhardt (weitläufig verwandt mit dem großen Django) kommt zwischendurch vorbei, stimmt ein Lied an und stellt ihre Autobiographie vor.

Durchschlagskraft großer Emotionen

So weit so ungezwungen. Nach der Pause aber zieht das Publikum geschlossen in die unweit gelegene Kreuzkirche um. Hier ist ein Boxring errichtet worden, in dem der Sinti-Chor mit geweißten, blutverschmierten Gesichtern und blonden Perücken auf den Köpfen reglos verharrt, während Sandro Tajouri den Verlauf des verhängnisvollen Protestkampfes als erhitzte Sportreportage ins Mikrofon fiebert. Die Kirchenorgel fällt mit grollenden Tönen ein - und es folgen anklagende Verzweiflungsreden, Abschiede, Nachrufe. Auch Trollmanns Kind bekommt eine Stimme, und sie tönt ungetröstet von der Kanzel. Schließlich berichtet Orchidea Laubinger ruhig von der alltäglichen Diskriminierung, die sie selbst erlebt: "Wenn ich in ein Geschäft reinkomme, stehen die neben mir. Die denken immer, ich klaue."

In diesem ungeheuer dichten zweiten Teil ist es geradezu unmöglich, unberührt zu bleiben. Prätsch inszeniert nicht nur gern und gut mit jugendlichen Laien (die in diesem Fall bewundernswerte darstellerische Leistungen abgeben), er vertraut auch grundsätzlich auf die Durchschlagkraft großer Emotionen. Am Ende singen Besetzung und Publikum deshalb Stevie Wonders "My Cherie Amour" und Manuel Trollmann, Großneffe von Rukeli, trägt dessen alten Meisterschaftsgürtel auf die Bühne, während die Zuschauer ergriffen im Stehen applaudieren.

Manchmal ist das großes Theater, manchmal irgendwas anderes - immer aber ist das ganz egal. Dieser Abend ragt heraus aus aller Bühnenroutine, weil er auf ganz direkte Weise einen Prozess des Sichtbarwerdens nicht bloß beschreibt, sondern tatsächlich vollzieht. Eine junge Generation durchbricht erzählend, spielend und singend eine Wand der Vorurteile, stellt ein Mahnmal vergangener Verbrechen in den Raum und präsentiert sich zugleich mit stolz erhobenem Kopf. "Mer Zikrales" heißt der Untertitel von "Trollmanns Kampf" in der Sprache der Sinti. Und das bedeutet schlicht und klar: "Wir zeigen es."

 

Trollmanns Kampf - Mer Zikrales
von Björn Bicker und Marc Prätsch
Inszenierung: Marc Prätsch, Bühne: Philipp Nicolai, Kostüme: Maria Anderski, Musikalische Leitung: Sven Kaiser. Video: Laura Fleischer, Mina Salehpour, Dramaturgie: Judith Gerstenberg, Karoline Hoefer.
Mit: Esther-Maria Barth, Gitta Cagnazzo, Sebastian Kaufmane, Antonia Klages, Marcelino Kreitz, Putti Kreitz, Juljana Laubinger, Orchidea Laubinger, Manjano Steinbach, Angelina Stieb, Sandro Tajouri, Manuel Trollmann. Musiker: Dotschy Reinhardt, Kussi Weiss, Uli Bartel, Maurice Weiss, Axel LaDeur.

www.staatstheater-hannover.de

 

Mehr zu Marc Prätsch: Im Januar 2010 erhielt er zusammen mit Melanie Straub den Otto Kasten Förderpreis für junge Theaterkünstler.

 

Kritikenrundschau

"Trollmanns Kampf", die Theaterfassung der Geschichte des Sinti-Boxers Rukeli Trollmann am Schauspiel Hannover, sei "Vergangenheitsbewältigung und Aufklärung und wurde vom Publikum (viel Politprominenz, noch mehr Sinti) mit großer Begeisterung aufgenommen", schreibt Rainer Wagner in der Hannoverschen Allgemeinen (3.5.2010). Manchmal mache "das Theater eben alles richtig - und doch ratlos. Zumindest den Theaterkritiker, der nicht nur beschreiben soll, was ist, sondern auch bewerten, wie es ist. Das Theater hat ein probates Mittel, seine Kritiker zu entwaffnen: Die Formel lautet Authentizität schlägt Ästhetik." Zwar hätten die Autoren Björn Bicker und Marc Prätsch hätten "die Geschichtsstunde mit Perspektivwechsel gebrochen", doch tändele alles dahin "zwischen Volkspädagogik und Daseinsbehauptung". Die Produktion lebe "von der geborgten Authentizität der sympathischen Selbstdarsteller. Es ist ein nützlicher und tauglicher Theaterabend, vor allem für alle, denen die Geschichte fremd ist. Aber ein Theaterereignis ist er nicht."

 

 

 

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