Das Verhängnis wummert Grau in Grau

von André Mumot

Göttingen, 1. Mai 2010. Schlimm ist dieser "Verbrechen und Strafe"-Abend. Und lang. Lang genug, um ausgiebig darüber nachzudenken, was man ganz persönlich eigentlich am Schlimmsten findet. Da böte sich zum Beispiel die Musik an, die FM Einheit, früherer Schlagzeuger der "Einstürzenden Neubauten" eigens hergestellt hat, damit es im Hintergrund stets was zu Wummern gibt. Immer wenn sich auf der Bühne also Schicksalhaftes ereignet oder jemand ganz besonders böse guckt, ertönen hochfrequente Tinitus-Töne oder artifiziell schepperndes Blechgewitter. Und Herzschläge aus der Mottenkiste der Klangavantgarde verkünden dazu dröhnend und plump: Achtung, Achtung - das Verhängnis naht.

Schlimm ist auch das rote Kanapee. Oder besser: Die Art und Weise, wie es von befrackten Herren (alle Akteure sind zum größeren Leibteil historisch eingekleidet) auf die Bühne getragen wird, wann immer eine Szene in der Kammer des Raskolnikow spielt. Ist die Szene dann vorbei, tragen die Domestiken das Möbel brav hinfort, schieben ein paar Schiebewände vor und zurück und bringen vielleicht einen Kamin, weil irgendwas Kriminalfallrelevantes im Wohnzimmer des ermittelnden Staatsanwaltes besprochen werden muss. Und dann - ein paar Minuten später - geht die Räumerei von vorne los.

In Ohnmacht fallen oder Mienen machen

Das sind eben so die Tücken, wenn man unbedingt umfangreiche Romane adaptieren will. Dabei ist natürlich unbenommen, dass sich Dostojewskijs Erzählwerke der Bühne geradezu aufdrängen. Schon deshalb, weil sie zum großen Teil aus Dialogen und raffiniert eingefädelten Ensembleszenen bestehen, in denen laufend irgendwelche Leute in Ohnmacht oder in den Wahnsinn fallen, sich wortreich offenbaren und dabei sehr eloquent darauf achten, die drängenden Fragen der Existenzphilosophie nicht unberücksichtigt zu lassen. Und was kann es doch für eine Lust sein, sich dieser effektvollen Theatralik hinzugeben, sich an ihr spielerisch die Seelenwunden aufzukratzen.

Thomas Bischoff aber hat in Göttingen "Verbrechen und Strafe" systematisch trockengelegt, auf motivische Verdichtungen verzichtet und nur darauf geachtet, in dröger Kapiteltreue möglichst viel Handlunsgballast mitzuschleppen. Gleichwohl: Die gesamte religiöse Erlösungsgeschichte, die gerade heute auf so spröd verquere Art herausfordert, wird dabei ignoriert. Stattdessen nervt ein prätentiöses Unschuldswesen im Krinolinengestänge (Paula Hans) damit, dass es wiederholt das alte französische Chanson vom Lord Marlborough vorträgt und bedeutungsschwere Mienen macht.

Keifen und abkanzeln

Ansonsten dürfen die eigentlich hervorragenden Schauspieler immer nur leicht versetzt und lauernd hintereinander stehen und affektiert lachend nach hinten abgehen. Sie reden auch ausgiebig, aber das nützt nichts. Bei Dostojewskij ist es gerade die Geschwätzigkeit, die die Figuren zu Menschen macht: In ihren monomanischen Bekenntnissen offenbart sich all der Reichtum des psychologischen Widerspruchs, das kokettierende Selbstmitleid und der Größenwahn, aufgesetzte Verzweiflung, tragikomische Sentimentalität, unverstellte Angst. In alarmierend kurzen Momenten blitzt auch hier etwas davon auf, vor allem in der heulkrampfgeschüttelten Schwindsucht von Julia Hansens Katerina Iwanowna - meistens aber wird bei Bischoff nur betont unbetont gekeift und abgekanzelt.

Dass Alois Reinhardt den widerständigen Raskolnikow dabei als eintönig verschlossenes Ekel zeigt, das sich partout einer Entwicklung verweigert, ist noch am ehesten zu verschmerzen, spätestens bei seinem Freund Rasumichin wird die Holzschnittechnik aber zum Ärgernis. Im Roman ein naiver, etwas grobschlächtiger Idealist von unbedingter Loyalität, muss ihn Philip Hagmann zum abschätzigen Widerling machen, der den Protagonisten misstrauisch herumkommandiert und begafft. Auch die hilflos um die Liebe des Sohnes buhlende Raskolnikow-Mutter (Ingrid Domann) hat in gleicher Stoßrichtung zur raffgierig egoistischen Gewitterziege zu werden.

Diese attitüdenhafte Menschenfeindlichkeit passt hervorragend zu den trüben Schwarzweißfotos von heruntergekommenen Großstadtansichten, die auf die Schiebewände projiziert werden: Hier muss die Welt auf Teufel komm raus bloß schlecht und kalt und falsch sein. Ein in differenziertesten Unheilsfarben flackerndes Romanfeuer wird in einfältigem Bühnen-Grau-in-Grau erstickt. Fast vier Stunden dauert dieser quälende Vorgang übrigens. Und das ist dann wirklich das Schlimmste daran.

 

Verbrechen und Strafe
Nach dem Roman von Fjodor Dostojewskij, in der Übersetzung von Swetlana Geier. Textfassung von Thomas Bischoff.
Inszenierung: Thomas Bischoff, Ausstattung: Isabelle Krötsch, Musik: FM Einheit, Dramaturgie: Lutz Kessler.
Mit: Benjamin Berger, Ingrid Domann, Florian Eppinger, Philip Hagmann, Paula Hans, Julia Hansen, Alois Reinhardt, Daniel Sellier, Meinolf Steiner, Marie-Isabel Walke, Sybille Weiser, Paul Wenning, Gerd Zinck, Klaus Eickhoff, Siegfried Knoblich, Jost Lömpcke.

www.dt-goettingen.de

 

Mehr zu Thomas Bischoff im nachtkritik-Archiv: Im November 2009 inszenierte der Regisseur, der früher auch lange in Bremen gedient hat, in Chemnitz Hugo von Hofmannsthals Elektra, im April 2009 in Göttingen Die Familie Schroffenstein von Heinrich von Kleist. Mai 2008 brachte er Zaimoglu/Senkels Stück Schattenstimmen auf die Bühne des Theaters Kassel. Am Theater Chemnitz inszenierte Bischoff im Oktober 2008 Lessings Emilia Galotti als deutsches Trauerspiel über den heraufziehenden Faschismus.

 

Kritikenrundschau

Ebenso anstrengend wie aufregend ist Thomas Bischoffs Inszenierung von Dostojewskis "Verbrechen und Strafe" für Michael Laages vom Deutschlandradio Kultur (Fazit, 1.5.2010). Bischoff beziehe nahezu "alles auf die Figur des forschenden Täters selber", seine Fassung verzichte "auf alles, was außerhalb der direkten Reichweite seines Anti-Helden liegt". Wie ein Katalysator wirke dieser "finstre Feingeist", das "Prinzip Raskolnikoff" werde "zum Gift, das diese Gesellschaft erfasst". Der Theatermusiker FM Einheit schaffe Atmosphären für die "klar berechnete Spiel-Vorlagen; ein Beat, ein Puls, ein Herzschlag, der den Abend durchzieht". Die schrecklichsten Bilder habe Bischoff dabei "in schwarz-weiß-bedrohliche Video-Sequenzen ausgelagert", dafür aber eine "eine Mädchen-Puppe" hinzuerfunden, "die immer wieder ein kleines traurig-französisches Liedchen vom Sterben-Müssen und -Nicht-Können singt". Mit dem jungen Alois Reinhardt als Raskolnikow steige quasi "ein gefallener Engel vom Kreuz, kalt, karg, schmal und bleich. Als kenne er das Jenseits schon, auf das er zutreibt". Mit ihm und dem auch sonst "starken Ensemble" gelänge Bischoff "eine Dostojewski-Erkundung, die auch weit über Göttingen hinaus bestehen könnte".

"225 Minuten kompaktes und atmosphärisch enorm dichtes Theater in einem beeindruckenden Bühnenraum" hat auch Peter Krüger-Lenz vom Göttinger Tageblatt (3.5.2010) erlebt. Um Alois Reinhardt, "der den Raskolnikow sehr leidensstark spielt", habe der Regisseur "ein Personal versammelt, das großes leistet". "Mit großer Intensität" und "ganz im Sinne Dostojewskijs" habe Bischoff diese Geschichte "voller psychologischer, philosophischer, soziologischer und kriminalistischer Motive entwickelt und dabei auf verlässliche Partner vertrauen können": Ausstatterin Isabelle Krötschs Bühnenbild schaffe "mit minimaler Requisite maximale Räume", "viel Welt auf einer Bühne". "Wie ein Puls" begleitet und forciert FM Einheits Musik den Lauf der Geschichte: "Bässe dröhnen wie der Schmerz in Raskolnikows Schädel, schrill kreischen Übersteuerungen (...). Grenzen der Akustik, Grenzen der Erträglichkeit für Dostojewskijs Figuren." "Leichte konsumierbare Kost" sei Bischoffs Inszenierung gewiss nicht, aber ein "düster-berührender, lange nachwirkender Theaterabend".

In einen "Strudel von Wahn und Albtraum" werde das Publikum hier hineingerissen, schreibt Jan Löffel in der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen (3.5.2010). Reinhardt brilliere beim Ausspielen aller Gefühlslagen. "Mit seiner Fokussierung" auf die Perspektive Raskolnikows, zwinge Bischoff "zum Hinsehen, zum Miterleben". Mit "Drastik, Schmerzen, Leid und Hass" werde nicht gespart, "Reue bleibt Bischoffs Raskolnikow bis zum Ende fremd". Und "vor dem Hintergrund der Schulamokläufer der jüngsten Zeit wirkt er aktueller denn je". Das "Ineinandergreifen von Spiel, Musik und Bühne" verstärke die "Sogwirkung" noch. Krötschs Bühne gleiche "einem Karussell der Bizarrerien, das sich in schnellem Wechsel dreht".

 


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