Alpenfestung und Menschenfeind

von Beat Mazenauer

Basel, 8. Mai 2010. Wenn Klischees aufeinander treffen, lösen sie Tragödien aus – oder Farcen. Letzteres ist in Christian Krachts Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" zweifelsohne der Fall. Er treibt es bunt mit seinem Mix aus Mythen und Heilsideen. Wäre ihm zu trauen, hätte sich Lenin anno dazumals die Reise im plombierten Zug nach St. Petersburg erspart und in der Schweiz die Revolution ausgerufen. Aus dem Herzen der Alpen heraus wäre der englisch-deutsche Imperialismus besiegt und Afrika nach Schweizer Vorbild zivilisiert worden.

Lang ist es her. Im 96. Jahr des globalen Krieges ist die Schweizerische Sowjetrepublik (SSR) inzwischen arg in Bedrängnis geraten. Von dem einst riesigen Territorium ist ihr kaum mehr als die Alpenfestung, das Réduit, geblieben. Einzig ein schwarzer Parteikommissär aus dem südlichen Afrika glaubt noch an die Idee des Kommunismus. Von Neu-Bern aus macht er sich auf die Suche nach einem gefährlichen Flüchtling.

Einigkeit und Schwizertreu
Im Schauspielhaus Basel nimmt dieser Zerfall die Form einer abschüssigen Bühne aus Holzplanken an, über der ein dunkler Himmel schwebt. Die Eidgenossen tummeln sich frierend und schnarchend in einer Ecke, bis sie vom Politkommissär zur Ordnung gerufen werden. Er schreitet und stolpert über die Schräge, beseelt davon, das Imperium zu retten. Seine Prinzipientreue bewirkt bei den subalternen Figuren freilich nichts mehr. Wenn sich der Gesang der Savanne mit dem alpenländischen Bergsegen mischt, wirkt dies nur noch als pittoreskes Ritual.

Ein Ritual, das freilich für komische Bühneneffekte sorgt, wenn „Einigkeit und Schwizertreu" im Mix von Deutsch, Dialekt und "Afrikanisch" erklingt. Rainer Süßmilch und Philipp Haagen, in Doppelfunktion Darsteller und Musiker, erzeugen auf ihren Instrumenten eine starke Tonspur. Wenn sie nicht bezaubernd schön die Blechhörner schmettern lassen, so tickt und quietscht und hallt es beständig irgendwo im Raum. Draußen tobt der Krieg, drinnen herrscht klirrende Kälte.

Erinnerungen an eine afrikanische Kindheit
Die Regisseurin Corinna von Rad und die Dramaturgin Julie Paucker haben dem Stück die erzählende Struktur belassen. In schnell wechselnder, chorischer Rede geraten die Ebenen des Spiels und des Berichts ständig durcheinander. Die Rolle des Erzählers gehört allen. In seiner Haut fixiert bleibt lediglich der schwarze Politkommissär, den Nick Monu kraftvoll, leidenschaftlich gibt. Mal redet er sich ins Feuer, mal erinnert er sich mit Wehmut an seine afrikanische Kindheit. Seine massige Gestalt steht für einen unverrückbaren Glauben an die Menschlichkeit, den das biedere Fußvolk der Eidgenossen längst aufgegeben hat.

Die Vielfalt seiner Rollen teilen sich Isabelle Menke, Martin Hug und Andrea Bettini. Zusammen mit den Musikern wirken sie bestens eingespielt und verleihen so dem Stück Tempo und Witz, dass es der irrlichternden Vorlage gerecht wird. Einmal nur gerät diese Balance leicht aus dem Lot, als das Prinzip des indirekten Erzählens in einer Szene theatralisch aufgelöst wird.

Endlich von der Zivilisation befreit
Christian Krachts Roman entwirft eine skurrile Utopie der Vergangenheit, die gänzlich verkommen ist. Das Réduit, das sich – nachdem sich nach Stückmitte der dunkle Himmel herabgesenkt hat – in grauem Filz zeigt, ist bloß noch ein "magisches Ritual", ein Gerücht. Und eine Irrenanstalt, wie sich erweist, in der ein dubioser Pole seine chemischen Experimente durchführt.

Zuviel selbst für den wohlmeinenden schwarzen Politkommissär. Durch den Hinterausgang verlässt er die Festung, die Schweiz, Europa, und kehrt nach Afrika zurück, das sich endlich von der Zivilisation befreit. Die Basler Aufführung ist mindestens so schräg wie die abschüssige Bühne, auf der es spielt. Corinna von Rad gönnt ihrem Ensemble einige Gelegenheiten, um mit komischen Einfällen und luftigem Schalk zu glänzen. Etwa wenn zwei verlotterte Sowjet-Eidgenossen mit dem Kommissär für den Rütlischwur posieren.

Wer sich mit dem Schlachten von heiligen Kühen leicht tut, wird sich dabei amüsieren.


Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, UA
nach dem Roman von Christian Kracht
Fassung: Corinna von Rad und Julie Paucker
Regie: Corinna von Rad, Dramaturgie: Julie Paucker, Bühnenbild: Ralf Käselau, Kostüme: Sabine Blickenstorfer, Licht: Roland Edrich, Musik: Philipp Haagen & Rainer Süßmilch.
Mit: Nick Monu, Andrea Bettini, Martin Hug, Isabelle Menke, Rainer Süßmilch (Musik), Philipp Haagen (Musik), Georg Martin Bode.

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau
Auf der Webseite der Basler Zeitung erzählen amu/sda einfach nach, was sie auf der Bühne sahen und kommen dann zu folgendem Fazit: "der Regisseurin Corinna von Rad und Julie Paucker oblag es, aus dem Feuerwerk der Kracht'schen Ideen ein Bühnenstück zu machen." Eine strengere Auswahl hätte es dem Publikum einfacher gemacht - "andererseits" werde "der lange Atem belohnt ... . Grosser Applaus war der fantastischen Welt des einstigen Popautors Kracht und dem Team des Theaters Basel dennoch gewiss."

Am Schauspielhaus Basel habe sich Corinna von Rad "der nicht gerade angenehmen Aufgabe angenommen, die abgestumpften Manieren, groben Uniformen und abgestandenen Gerüche von Männern in Stahlgewittern sichtbar zu machen", meint Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (10.5.2010) und umreißt solchermaßen im erweiterten Infinitiv Christian Krachts "historische Kontrafaktur" "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten". "Mag sein, dass die junge Regisseurin nichts vom Landserheroisms à la Ernst Jünger hält. Mag sein, dass ihr der heilige Ernst von Krachts globaler Neuordnung der historischen Verhältnisse entgangen ist. Ihr ist es jedenfalls gelungen, den von ihr und ihrer Dramaturgin Julie Paucker bemerkenswert präzise dramatisierten Text aus der Todeszone zwischen eisigen Gipfeln und labyrinthischen Tunnelsystemen in das mitunter an Becketts absurd-komische Endzeitspiele erinnernde Flachland der Groteske zu holen." Auf die "jeder realistischen Logik entbehrende Geschichte" komme es bei den "verschmitzt komischen tableaux vivants" der Inszenierung kaum noch an. "Was in der in ihren Details ungemein einfallsreichen Inszenierung bleibt, ist ein satirischer Blick auf die Schweiz."


In den Augen von Martin Halter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.5.2010) läuft die Uraufführung von Krachts Roman "erstaunlich komisch" ab, denn Regisseurin "Corinna von Rad befreit Krachts alternative Geschichte geschickt von sprachtheoretischen und konzeptkünstlerischen Übermalungen und lockert sie mit einem munteren Crossover aus Dampfmaschinensound und Kanonendonner, afrikanischen, schweizerischen und kommunistischen Volksliedern auf." Es handele sich um "eine Theaterattraktion im Stil des sozialistischen Surrealismus", in der "groteske Minen und Sprengsätze gezündet" würden.

 

 
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