Geld allein macht noch nicht ungesund

von Tomo Mirko Pavlovic

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Volpone, Stuttgarter Version © Cecilia Gläsker

Stuttgart, 29. Mai 2010. In der katholischen Kurklinik von Chefdoktorin Fliege zuckt ein prominenter Patient im mintfarbenen Schlafanzug: Volpone ist es, der ergraute Fuchs, der das Geld wie einen Gott anbetet, dabei Champagner schlürft und in egomanischen Monologen den moralischen Verfall der Menschheit räsoniert. Seinen Reichtum verdankt er Discountern, wo sich eine angegreiste, unfruchtbare Gesellschaft an der Schnäppchenkasse Linderung verspricht. Und während Volpone philosophisch vor sich hin merkantilisiert, das deutsche Krankheitssystem als eine gewinnmaximierende Praxis des "Zutodepflegens" brandmarkt, kommt ein Erbschleicher nach dem anderen ans Simulantenbett. Jeder will seinen eigenen Namen in Volpones Testament. Dafür regnet es spontan Scheine, teuren Fingerschmuck, gar einen polnischen Knackpopo, alles wird dem grienenden Geldsack reingestopft, bis er am Ende dank Flieges intriganter Assistenz unterschriftslos den Silberlöffel abgibt.

Bernhardscher Furor in der Edelkurklinik

Harald Schmidt also. Bis zur gestrigen Premiere von Soeren Voimas auf Herz und Lunge abgeklopften "Volpone"-Fassung nach Motiven von Ben Jonson hielt sich hartnäckig das Gerücht, der Fernsehmann könne nichts als sich selbst spielen, eben seine Kunstfigur Harald Schmidt. Er selbst sagt es ja von sich, jeglicher Versuch einer Behauptung sei auf der Bühne zwecklos. Dann aber geschieht etwas Merkwürdiges: Während das Ensemble mehr schlecht als recht kalauernd und zappelnd das Ulkige aus jeder Textseite herausfrotzeln will, unter der Regie von Christian Brey darauf getrimmt ist, mit Knallchargenkomödiantik jede Pointe durchzuhecheln, verweigert sich Schmidt einfach.

Stattdessen nimmt er erstmals auch jene Figur ernst, die nicht Harald Schmidt ist: Volpone nämlich. Voimas ausufernde monologische Diskursflächen zum Geld und Tod entwickelt Schmidt, der sich kaum bewegt, fast den ganzen Abend halbliegend verbringt, zu einer Hommage an den Furor eines Bernhard und Schwab.

Das Glück und die Millionen

Sicher, aus jeder Zeile trieft sarkastischer Geifer, der zynische Humor eines emotionalen Gefrierschranks; aber zwischen den Zeilen ist auch ordentlich Respekt vorhanden gegenüber einer Sprache und kritischen Inhalten, die im Grunde wenig lustig oder eingängig sind. "Seit sie sich rein wirtschaftlichen Prinzipien verschrieben hat, ist das Zutodepflegen doch das Kerngeschäft ihrer sogenannten Schulmedizin." Schmidt spricht solche Sätze aus, ohne die Augen zu verdrehen, ohne die Stimme zu überzuckern. An keiner Stelle ein selbstzufriedenes Lächeln.

Wenn er röchelt, den Sterbenden mimt, hat dieses Spiel im Spiel etwas zutiefst Unangenehmes, Irritierendes. Und so wird aus dem eitrigen Auswurf eine selbstreflektierte, in Momenten gar melancholische Rezitation, gegen die der Rest der Gute-Laune-Truppe kaum bestehen kann. Als Volpone dann sagt: "Ich war mit zwanzig Millionen nicht glücklicher als mit zehn", ist der andere, dieser ebenfalls reiche Schmidt längst vergessen. Eben weil sich jeder fragt, weshalb ein Schmidt auf der Stuttgarter Bühne den Zampano geben muss. Man versteht: Das Stuttgarter Staatstheater ist plötzlich so etwas wie eine Edelkurklinik für einen sinnierenden Schmidt.

Selbstimmunisierung inmitten bunter Überzeichnung

Und drumherum, inmitten hunderter bunter Fläschchen und Pillendöschen, in diesem stylish-sterilen Plastikpraxisreich (Bühne: Anette Hachmann und Elisa Limberg) der Klinikchefin Fliege (Minna Wündrich) fehlt eine kreative Regie, die diesem siechen Komödienkörper Leben injizieren könnte. Totale Überzeichnung ist das Rezept. Und weil auch der Autor Soeren Voima in seiner Ben-Jonson-Aktualisierung die unangenehmen Nebenwirkungen der uninspirierten, leicht durchschaubaren Dramaturgie des Originals nicht wirklich überwunden hat, bleibt neben Schmidts gelungener Selbstimmunisierung noch Benjamin Grüters Auftritt erwähnenswert. Er gibt einen sehenswerten Jonas, der als hypochondrischer Sohn des Bernhard Wolfowitz (Lutz Salzmann, ebenfalls ein kleines Trostpflaster) keinen Schritt und Griff ohne sein Desinfektionsspray macht. Wie er sich langsam seinen Weg mit präzisen Gesten und perfektem Timing durch den vergifteten Raum freisprüht, panisch starrend die innere Inventur abhakend, ist schon richtig gut. Zum Totlachen. Wie ein Hausarzt, der sich noch Zeit für einen nimmt.

Volpone oder Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg
von Soeren Voima nach Motiven von Ben Jonson
Regie: Christian Brey, Bühne: Anette Hachmann und Elisa Limberg, Dramaturgie: Kekke Schmidt, Musik: Matthias Klein, Kostüme: Petra Bongard.
Mit: Harald Schmidt, Minna Wündrich, Rainer Philippi, Florian von Manteuffel, Sarah Sophia Meyer, Lutz Salzmann, Benjamin Grüter, Matthias Klein.

www.staatstheater.stuttgart.de


Mehr zu Harald Schmidt, der seit der Spielzeit 2008/09 Mitglied im Stuttgarter Ensemble ist: Im Mai 2009 war er zuletzt in Polleschs Wenn die Schauspieler mal einen freien Abend haben wollen zu sehen. Im Oktober 2008 spielte er mit im Hamletmusical Der Prinz von Dänemark.

 

Kritikenrundschau

In diesem "Volpone" gebe Harald Schmidt den zynischen Dauerredner, "der alle Spielchen längst durchschaut hat und Worte dafür findet", so Judith Sternburg in der Frankfurter Rundschau (31.5.2010). Er mache Witze, die sich im Abendangebot eines öffentlich-rechtlichen Programms schön versenden könnten. Bald schon aber langweile er sich in dieser Rolle. "Er habe dazu keine Lust mehr, sagt er, auch wenn das jetzt humorlos klinge. Da vergeht allen auf einmal das Lachen." Auf diesen Gag "- denn ein Gag ist es, aber ein schillernder –" setze die Inszenierung von Christian Brey ganz und gar. Fazit: Es sei ein ironischer, manchmal etwas schaler 90-Minuten-Klamauk, der seinen Dreh in Richtung Abgrund in der Tat allein durch Harald Schmidt bekommt. "Ohne ihn wäre es heillos harmlos. Das liegt nicht daran, dass er besser spielen würde als die anderen, obwohl es fast so ist, weil er seine Rolle viel besser kennt. Seine Anwesenheit aber öffnet die Tür zur großen weiten Welt der lukrativen Scharlatanerie."

"Ohne Schmidt wäre der Abend nicht der Rede wert, mit ihm wird er keine Sternstunde", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.5.2010). Soeren Voimas Volpone-Bearbeitung wurde bereits 2007 in Köln uraufgeführt, und die derben Scherze über Ärzte, Anwälte, Zutodepflegeversicherung und Gesundheitsreform hätten seither nicht an Brillanz gewonnen. "Selbst die Late-Night-Show eines indisponierten Schmidt hat mehr politische Brisanz als diese am Tropf hängende Medizinalklamotte." Schmidt habe sich im Fernsehen um das Theater verdient gemacht, aber auf der Bühne bringe er es mit seinen Edelchargentricks - näselnde Vokalzerdehnung, Thomas-Bernhard-Hasstiraden - nicht viel weiter.

"Nie war Sterben schöner. Schmidt geht gefühlte drei Mal wie ein mehrstimmiges Röchelorchester zu Grunde. Man fragt sich, ob weniger Schmiere nicht doch besser für eine Inszenierung gewesen wäre, die zunehmend selbst zum Patienten wird", so Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (31.5.2010). Vor allem im Anfangs- und Schlussmonolog sei Schmidt "ein sich entziehender Solitär, als sei ein Thomas Bernhardscher Lebensverweigerer in einer Ganzkörperoase angekommen und beobachte dort die restlichen Krüppel der Pflegestufe 'Gier'. "Sobald allerdings Ensemblespiel angesagt wäre, schmiert das Ganze ab." Vor zwei Jahren bastelten Schmidt und der Regisseur Christian Brey gemeinsam ein Stuttgarter 'Hamlet'-Musical. Das ging damals gut, "weil es nicht um Text, sondern um muntere Operette ging. Jetzt allerdings, da man einen schlechten Text über die Zeit hätte retten müssen, macht auch Harald Schmidt es sich irgendwann einfach nur bequem."

Ausführlich rekapituliert Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (31.05.2010) die Werke Soeren Voimas (alias Christian Tschirners) und vergleicht "Volpone" vor allem mit "Herr Ritter" sehr frei nach Cervantes: "Denn auch jetzt steht Voima wieder auf den Schultern eines Riesen, wieder ragt er mit Witz in unsere Gegenwart hinein, wieder gewinnt er diesen grellen Sprachwitz, diese funkelnden Satzpointen aus der kunstvoll herbeigeführten Mesalliance von Erhabenheit und Flachsinn, von Pathos und Trivialiät." Von der Inszenierung und ihrem Star zeigt sich Müller weit weniger begeistert: "Was man aus einem furiosen Weltverachtungsmonolog von Soeren Voima herauskitzeln kann, hat damals ja Corinna Harfouch als Ritter demonstriert, als sie den wie bei Thomas Bernhard sich überstürzenden Redeschwall in aufregende Kleinstdramen zergliederte. Schmidt aber ist, unter der Anleitung des Herrn Brey, von dieser sprachlich und gestisch kühl sezierenden Virtuosität weit entfernt. Das hat schon im Eingangsmonolog spürbare Folgen: Die Pointendichte ist, wenn man Schmidt auf der Bühne hört, merklich geringer, als wenn man Soima in der Stube liest."

In der "Volpone"-Fassung von Soeren Voima", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (2.6.2010), führten ein "idealisierter »hoher« Ton von einst" und das "leutselig seifige, peitschend verächtliche Sprechen von heute" einen "ergebnisoffenen Vernichtungskrieg gegeneinander". Voima behaupte, so Kümmel, Menschen, die mit Geld in Berührung kommen, verwandelten sich in Kot, in "einen ekligen, entseelten Rest ihrer selbst". Und so werde die Menschengesellschaft in Stuttgart auch gespielt - "schmierig, grob, vulgär, aber mit bester Laune".
Das, was Volpone erlebt in der Inszenierung, erlebe Schmidt. Auch Schmidt werde aufgrund seines Ruhmes umworben, den er verkörpert. Und Schmidt spiele die "wirkliche Hauptrolle auf der Bühne" wie seine Sendung: er lasse sich von Gästen besuchen, die was von ihm wollen. Der Tod selbst halte Hof und von hinten sehe Schmidt in seinem Stuhl aus wie Mutter Bates aus Hitchcocks Psycho. Alle Darsteller hätten sich "innerlich dick mit Theaterschmiere eingesalbt". Schmidt agiere auch hier "tiefstapelnd". Er lege zwischen sich und die Rolle mehrere Distanzscheiben. Er spiele "einen Komiker, der einen schlechten Schauspieler bei dem Versuch parodiert, so zu klingen wie Minetti in einem Stück von Thomas Bernhard". Andrerseits versuche Schmidt auch dem "rasenden René-Pollesch-Sound" gerecht zu werden. So wisse er bisweilen nicht, in welche Richtung er "seinen parodistischen Instinkt lenken soll". Und man habe den Eindruck, Schmidt sehne sich nach einem Mann, der sich von "oben über dieses Spiel herabbeugt und ihm erklärt, was er hier soll". Oder besser noch: "ihn hier herausholt".


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