Deutsch sein ist schwer

von Simone Kaempf

Berlin, 4. Juni 2010. Seit vier Monaten gibt es in Berlin das May-Ayim-Ufer, benannt nach der 1996 verstorbenen afro-deutschen Dichterin, Pädagogin und Aktivistin, deren Name im Stadtplan nun an jener Stelle steht, die seit der wilhelminischen Zeit dem brandenburgisch-preußischen Kolonialpionier Otto Friedrich von der Gröben gewidmet war.

Von der Gröben ließ als Kolonialexpeditionsleiter im 17. Jahrhundert an der Küste Ghanas eine Festung bauen, über die der brandenburgische Sklavenhandel abgewickelt wurde. Trotz dieser unrühmlichen Vergangenheit wurde der erinnerungspolitische Akt in Berlin angezweifelt, die Umbenennung sorgte für Streit. Immerhin, sie gelang, während der Antrag auf Umbenennung der Mohrenstraße schon vor Jahren scheiterte und Aktivisten die Straßenschilder einmal in einer Nacht- und Nebelaktion mit dem Namen eben May Ayims überklebten.

Es waren einmal sieben Schauspieler
Auf der Bühne des Kreuzberger Hoftheaters in der Naunynstraße wiederholt sich nun eine solche Straßenumbenennung. Das Schild Mohrenstraße wird einfach durch ein anderes ersetzt, ohne Zank, ohne Diskussionen oder Rechtfertigungen. Wie fürs Familienbild posieren die sieben afro-deutschen Schauspieler dann zum Fotoshooting und rücken gut gelaunt zusammen. Statt Wut gibt es Nestwärme, statt Stadtguerilla eine slapstickhafte Überzeichnung, wie einfach ein Zusammenleben sein könnte. Aber weil es das eben nicht ist, beginnt "Heimat, bittersüße Heimat" erst einmal im Märchenton, in dem die Schauspielerin Dela Gakpo in einem Lesesessel vorliest, dass keine dieser Geschichten erfunden ist und nichts genauso passiert sei, aber sich alles schon unendlich oft wiederholt habe.

Und das sind vor allem die befangenen Alltagsbegegnungen. Eine erste Spielszene auf der Parkbank zum Beispiel ähnelt in der Grundkonstellation einer Boulevardkomödie, wobei sich nicht zwei Paare zum Abendessen treffen, sondern eine ältere deutsche Rentnerin sich zu einem farbigen deutschen Mädchen setzt. Aberwitzigen Missverständnissen ist damit das Feld bereitet. Die Rentnerin spricht sie auf Englisch an, lobt allzu überschwenglich die Deutsch-Kenntnisse und fragt nach der Herkunft aus Afrika, während das Mädchen einfach nur in Ruhe ein Buch lesen will. Gutmenschelnd meint es auch eine Ökofrau, die die schwarze Angestellte mit den säuberlich hochgesteckten Haaren ausgerechnet nach einem Friseur für Dreadlocks fragt.

Schlag ins Absurde
Die afro-deutschen Schauspieler überspitzen ihre Figuren mit einer deftigen Portion Situationswitz, in dem allerdings auch ungemütliche Töne stecken. Denn es sind Dialoge mit einem Schlag ins Absurde, Situationen, denen mit Vernunft kaum beizukommen ist. Und sie belegen, dass übertriebenes Verständnis zwar gut gemeint sein mag, aber auch nur eine andere Ausprägung von Unbehagen und diskriminierenden Ressentiments zum Kern haben mag.

Label Noir nennt sich die Truppe um die Schauspielerin, Sängerin und künstlerische Leiterin Lara-Sophie Milagro, die in etwas anderer Konstellation erstmals vor zwei Jahren in Berlin zusammenkam, um im geschützten Raum Rollen auszuprobieren, die mehr fordern als die von Prostituierten, Kriminellen oder illegalen Einwanderern, die ihnen als farbigen Schauspielern hauptsächlich angeboten werden. "Deutsch sein ist schwer. Afro-Deutscher sein ist noch schwerer" steht als Motto auf dem Programmzettel der ersten abendfüllenden Produktion, und doch hat der zweite Teil des Abends mit der Hautfarbe rein gar nichts mehr zu tun.

Ehe- und Beziehungsszenen werden gespielt, in denen sich schon aus einem einzigen falschen Satz eine Befangenheit zum Beziehungsdrama hochschaukelt. Auch hier zeigt sich, dass Vorurteile und falsche Erwartungen am Wirken sind. Eine Szene spielt beim Zubettgehen im Ehebett. Wenn dann beim Lichtausknipsen die Frage fällt "Liebst Du mich eigentlich?" kann jede Antwort nur die falsche sein. Diese Szenen würden wohl in den Kitsch abgleiten, ginge es nicht doch um die schnell aufbrechenden Risse in der alltäglichen Kommunikation.

Rettung vor der deutschen Geschichte
Formal spannt sich ein Bogen von Schauspiel- zu Musik-, Tanz- und Filmeinlagen. En detail packt einen der Abend dort, wo die Verhältnisse weitergedacht und der Spieß umgedreht wird. Etwa, wenn in einer afrikanischen Charity-Show fürs darbende Europa gesungen wird, samt Spendensammeln im Publikum und Liedrefrain "Er will lieben, doch die Türen bleiben zu für den weißen Jungen aus Karlsruh". Oder wenn private Erlebnisse einfließen und das exemplarisch komplizierte Zugehörigkeitsgefühl zum Thema wird.

Da erzählt Schauspieler Leander Graf, dass er auf die Frage, wo er geboren wurde, Kiel antworten muss, und dass er sich angesichts der regelmäßigen Enttäuschung fast als Verräter fühlt. Und wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit seiner norddeutschen Großeltern seine Hautfarbe aber auch als Rettung vor der deutschen Geschichte empfindet. In diesen Dokumentartheater-Momenten wird Realität wesentlich fasslicher als in manch anderer der allzu absurd-slapstickhaften Szenen, etwa, wenn ein Mann in den Laden kommt, um Liebe zu kaufen. Das Ende mündet dann in einer Dia-Show mit Fotos all jener, denen der Abend gewidmet ist: Freunde, Eltern, Geschwister. Bilder aus dem Familienalbum, und dazu wie ganz am Anfang noch einmal das von May Ayim, die als guter Geist den Abend zu hüten scheint.

Heimat, bittersüße Heimat
von Lara-Sophie Milagro
Konzept und Regie: Lara Sophie-Milagro, Co-Regie: Vanessa Rottenburg, Dramaturgie: Michael Ojake, Filmclips: Lara-Sophie Milagro, Naomi Bendt, Choreographie/Tanz: Mattis Nolte, Raphael Hillebrand.
Mit: Jonathan Aikins, Zandile Darko, Dela Gakpo, Leander Graf, Moses Leo, Lara-Sophie Milagro, Veronica Naujoks, Vanessa Rottenburg.

www.labelnoir.net
www.hoftheater-kreuzberg.de

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