Einen Walfisch in sich tanzen spüren

von Michael Laages

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© Renato Magolin

Dresden-Hellerau, 4. Juni 2010. Ab nächsten Freitag weiß ja wieder beinahe jeder und jede, was und wie Brasilien wirklich ist: 22 Beine stark vor allem und ballverliebt bis dort hinaus. Bevor die "Selecao", also die National- und Legionärs-Auswahl der brasilianischen Weltfußballgemeinde, in Südafrika der Favoritenrolle gerecht oder nicht gerecht werden wird, ist im Kulturbetrieb gut werben mit dem "anderen" Brasilien.

Das Festspielhaus Hellerau verfiel für das Gastspiel einer brasilianische Theaterproduktion, die auf der Durchreise vom Brüsseler "Kunsten"-Festival hin zu den Wiener Festwochen Station im koproduzierenden Dresden macht, prompt in Werbe-Poesien von nachgerade theaterweltgeschichtlichen Ausmaßen: "Otro", das in Rio de Janeiro entstandene Projekt des Theatermachers Enrique Diaz und der Choreographin Cristina Moura, stelle quasi alles in den Schatten, was in den vergangenen Jahren an Theater- und Performancekultur aus Brasilien nach Europa exportiert worden sei. "Otro" erledige mit "Fragmenten von brutaler Realität" ein für allemal die "Samba-Tanga-Copacabana-Klischees" der handelsüblichen Art ...

Großstadterfahrungen in besseren brasilianischen Kreisen

Halblang, Hellerau, halblang - "Otro" bedeutet zunächst einmal schlicht "der oder das andere" und wird im Untertitel englisch-international aufgemöbelt mit der Fundamental-Platitüde "We know it's all or nothing": Wir wissen, es geht um alles oder nichts. "Otro" ist dabei eine kleine und eher unspektakuläre Recherche über Großstadterfahrung in durchaus besseren brasilianischen Kreisen. Das Super-Klischee im aufgeklärten, politisch korrekten Blick auf Brasilien von der "Favela", markiert in Film-Erfolgen wie „Cidade de Deus" oder „Tropa de Elite", kommt vorsichtshalber gar nicht vor.

Wahrscheinlich deshalb, weil derlei Horror auch im Alltag von Diaz, Moura und den übrigen Mitgliedern des Ensembles des "Coletivo Improviso" keine rechte Rolle zu spielen scheint. Anders gesagt: "Otro" ist eine ästhetisch zwar hoch aufgereizte, im Detail zuweilen auch pfiffig und stimmig erimprovisierte, inhaltlich aber erstaunlich harmlose Ansammlung von Kunst-Behauptungen über die Wirklichkeit. Brasilien kommt darin nicht übermäßig prägend vor.

Furioso der Flüche
Diaz und Moura haben im Probenprozess Miniaturen mit real-alltäglichem Hintergrund aus ihrer großen, schönen, zerrissenen Stadt gesammelt: wie eine Frau die Innenwelten ihrer Wohnung sowie die Annäherungen und Entfernungen zwischen sich selbst und einem Freund beschreibt; wie eine andere Frau den Freund erwartet, der gerade mit der Fähre zu ihr nach Rio herüber kommen will aus Niteroi, der tristen Industriestadt auf der anderen Seite der Guanabara-Bucht, und wie dieser Freund auf der Fähre "blind" spielt, sich ein weißes Tuch vor die Augen bindet und per Schild eine Mitreisende bittet, ihn hinüber zu geleiten, die flüchtet, als sie sieht, dass er angekommen ist.

Ein Franzose, der als Kulturflüchtling in Brasilien lebt, wird von einer Freundin des sozialen Schmarotzertums bezichtigt, bis die beiden sich in ein Furioso der Flüche steigern; derweil kurvt eine ferngesteuertes Autochen über die Bühne und fährt dem Franzosen ständig ans Bein. Die Ensemble-Mitglieder philosophieren und meditieren immer wieder über abgründige Innenwelten des eigenen Ich. Zum Schluss spürt eine in sich gar einen Walfisch den "Tanz des Verschwindens" tanzen.

Der Einbruch des Privaten
Mal angestrengt, mal leichthin poetisch hat Enrique Diaz Fragmente sortiert, die gelernte Tänzerin Cristina Moura choreographierte dazu ein Bewegungs-Repertoire von zuweilen forcierter Nervosität, zuweilen aber nur mäßig zusammenhängender Beiläufigkeit. Wer mag, kann darin das amorphe, unentwirr- und unbestimmbare Durcheinander der globalen Großstadt erahnen. Einer Großstadt jedoch, in der zum Beispiel der Schrecken und der Schmerz, auch die unerträgliche Gegenwart des ganz alltäglichen Todes, zum Beispiel durch eine verirrte Kugel im Krieg der Drogen-Gangs von nebenan, überhaupt nicht vorkommt. Das wär' wahrscheinlich schon zuviel Klischee gewesen ...

Sehr ansehbar ist das für den, der nicht so beharrlich auf Erkenntnisse aus ist. Am ehesten stimmt sich der kleine Abend ein durch die poetischen Phantastereien, die das Diaz-Team in sich selber entdeckt hat - die Grenze zum Befindlichkeitstheater wie aus New York oder London oder Tokio bleibt allerdings immer in Sicht.

Ohnehin ist Diaz als Regisseur mit der eigenen "Companha dos Atores" vor allem ein Meister in der Kunst, den Einbruch des Privaten in die Welt der Kunst zu zeigen. Gerade beginnt er mit Proben zu Frank Wedekinds "Lulu". Aus lauter Sorge aber, irgendein Klischee zu bedienen, scheint er im Falle von "Otro" vorsichtshalber gleich alles entsorgt zu haben, was zu sehr nach Brasilien aussehen könnte.

 

Otro - We know it's all or nothing
Performance von Enrique Diaz und Cristina Moura
Bühne: Aurora dos Campos, Kostüme: Luizs Marcier, Musik Lucas Marcier Video: Felipe Ribeiro.
Mit Enrique Diaz, Daniela Fortes, Renato Linhares, Cristina MNoura, Felipe Rocha, Denise Stutz und Thierry Tremouroux.

www.hellerau.org
www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

Irritiert zeigt sich Gabriele Gorgas in den Dresdner Neuesten Nachrichten (7.6.2010). Eine "Vorstellung mit Hürden" hat sie erlebt, "aber gewiss" keinen "vergeudeten Abend". Denn: "es gibt markante Stimmen, Persönlichkeiten, gute Texte". Die von ihr erkannte Botschaft: "dass uns Menschen, Künstler, Orte, Geschichten, die weit entfernt von Europa eine Rolle spielen, durchaus sehr nah kommen können." Allerdings werde, wer Rio nicht kenne, "manche Anspielung an diesem Abend auch kaum zu deuten wissen". Angetan zeigt sich die Rezensentin von den theatralen Mitteln der Truppe: "Sie spielen mit dem Vorhandenen, als wäre es gerade in diesem Moment entstanden. Und da ist es auch ganz natürlich, dass einer, der sich nicht mehr anders zu helfen weiß, sich in voller Blöße zeigt. Oder sich aus einem kuriosen Tanzbild, das in choreografischer Absicht mit zwei Stühlen entsteht, eine Rangelei die scheinbare Idylle wieder zum Platzen bringt."

Bei Enrique Diaz und Cristina Moura schrumpfe die große Brasilien-Welt auf viele kleine Begebenheiten zusammen", schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (4.2.2011) anlässlich des Gastspiels bei den Lessingtagen am Thalia Theater. Es seien kuriose, beiläufige und manchmal auch nur banale Begebenheiten, die Diaz und Moura auf die Bühne bringen. Doch: "Die bewusst gewählte offene Form, mit der die Darsteller nach dem 'Anderen' suchen, gerät in einem unübersichtlichen, spannungsarmen Mix aus Tanz, Text, Video und Musik zum Fluch des Abends. Die Kraft der Geschichten, sie verpufft allzu oft."


 
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