In der Spaßfalle

von Wolfgang Behrens

Berlin, 6. Juni 2010. Vor zwei Wochen noch hatten ihn die Berliner beim Theatertreffen-Gastspiel der Kontrakte des Kaufmanns gefeiert. Nun nahm Nicolas Stemann jungenhaft lächelnd und sogar ein wenig verlegen den satten, fast einhelligen Buh-Sturm entgegen. Das alles durchdringende giftige Serum des Jelinekators, das dieser der Operette und dem Operettenvolk zu injizieren angetreten war, hatte gewirkt. Alles richtig gemacht also. Hatte er?

Stemann nimmt sich an der Komischen Oper eine Operette her, um zu demonstrieren, wie die Unterhaltungsmaschinerie der Kulturindustrie über jegliche Ernsthaftigkeit, über jeden Versuch, eine Haltung zu entwickeln oder etwas Bleibendes zu produzieren, hinwegrollt. Welche Operette es trifft, scheint dabei fast egal: es hätte "Die Fledermaus" sein können, ohne dass die Inszenierung grundsätzlich anders hätte aussehen müssen; es ist schließlich Offenbachs "La Périchole" geworden.

Ironie, so dick, dass es schmerzt

Und so beginnt es: Vor den Vorhang tritt ein Conferencier. Er kündigt an, dass es nichts anzukündigen gibt. Gewöhnlich habe ja ein solcher Auftritt vor der Vorstellung Schlimmes zu bedeuten, heute jedoch sei es anders: "Alles ist gut! Alles ist in Ordnung!" Es ist dieses Mantra der zwanghaften guten Laune, das die Aufführung fortan beherrscht. Zum ersten Conferencier gesellt sich ein zweiter (schmierig, schmierig, Siegfried und Roy lassen grüßen: Günter Papendell und Peter Renz), und gemeinsam führen sie durchs Stück. Mit der zersetzenden Kraft des Augenzwinkerns kommentieren sie die Handlung, moderieren einzelne Nummern an ("Sie hören nun das superlustige Hoppla-Lied!") und wünschen ununterbrochen "Viel Vergnügen". Selbstredend, dass einem das bald vergeht.

© Freese/drama-berlin.de
Der Vizekönig (Roger Smeets) im inkognito-Gewand unters Volk gemischt © Freese/drama-berlin.de

Stemanns Rahmung folgt einer simplen Didaktik: Anstatt dem Publikum einen Spaß zu gönnen, schreibt er auf den Spaß "Spaß" drauf, und schon ist er einem vergällt. Spaß entsteht allenthalben noch dabei, der Spaßverfertigung zuzusehen: Spaß zweiter Ordnung gewissermaßen. Ironie wäre ein anderes Wort. Die Ironie verstanden zu haben, ist ja immer ein Vergnügen eigener Art. Hier indes wird sie so dick aufgetragen, dass es mitunter schmerzt.

Abba-artiger Background-Gesang

Das Ätzende an Stemanns Verfahren ist, dass es tatsächlich alles, was auf der Bühne vor sich geht, kontaminiert. Wenn etwa die Périchole (eine hungerleidende Bänkelsängerin, die ihren Geliebten verlässt, um Ehrendame beim Vizekönig zu werden - was hier allerdings irgendwie nicht wirklich etwas zur Sache tut) ihre berühmte, von Karl Kraus so tief verehrte Briefarie oder später ihre Schwipsarie singt, dann kann Karolina Gumos zwar ein paar verführerisch dunkle Mezzofarben vorführen, glänzen indes darf sie nicht: Die Inszenierung entzieht ihr a priori alle Momente der Intensität oder auch nur der Koketterie. Stattdessen wird ihr - und das ist schon ein ziemlich böser Witz - gegen Ende der Briefarie noch ein schauerlich Abba-artiger Uuh-ahh-Background-Gesang zur Seite gestellt.

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© Freese/drama-berlin.de

Die Operette als Unterhaltungsprodukt zu denunzieren - das allein wäre freilich arg banal. Stemann holt weiter aus. Von Beginn an etabliert er zur Operettenwirklichkeit zum einen die Klangwelt von Wagners "Tristan", dessen Vorspiel nach der ersten Conferenciersankündigung der Operette "Périchole" anhebt - wo man Offenbach erwartet, wird der Tristanakkord natürlich zum Lacher. Zum anderen schickt Stemann den Schauspieler Andreas Döhler ins Rennen, der immer wieder mit zerschlissener roter Fahne einen Aufruf der Pariser Kommune von 1871 an das Publikum zu richten versucht: "Erhebt euch und schleudert mit heftiger Hand die schmutzige Reaktion zu Boden!"

Unter den Rädern der Unterhaltungswut

Die schmutzige Reaktion geht dann auch wirklich zu Boden, denn hereinschneiendes, amüsierfreudiges Partyvolk ist dem Revolutionär zu Willen und wirft sich - im Spiel, versteht sich - nieder. Und wenn's doch zu dolle wird, greifen halt die Moderatoren ein und bringen alles aufs Gleis der Spaßgesellschaft und der Operettenhandlung zurück. Kunsternst und Revolutionspathos werden gleichermaßen unter den Rädern der Unterhaltungswut zermahlen.

Vor der Pause bleiben die "Tristan"-Musik und Döhlers Kommune-Manifest lächerliche und in dieser Lächerlichkeit penetrant wiederholte Episoden in öder Lehrhaftigkeit - "jaja, wir haben's begriffen", will man rufen, "aber jetzt wollen wir auch noch ein bisschen Spaß haben, entlarvt hast Du uns ja schon." Nach der Pause wachsen sich die Episoden jedoch zu veritablen Bedrohungen aus, sie beginnen das alles vereinnahmende Rahmensystem massiv zu stören. Dynamit fliegt in den Orchestergraben, für Augenblicke gewinnt der Gedanke des Aufstands etwas Zwingendes, und Johannes Chum und Karolina Gumos stimmen im weltstillstellenden Gegenlicht "O sink hernieder, Nacht der Liebe" an. Sind das Utopien, Inseln des Widerstands gegen das Gleichmacherische der zynischen Unterhaltungsmaschine? Oder sind auch das nur Ausformungen der Kulturindustrie? Es bleibt in der Schwebe.

Glücklich ist, wer vergisst...

Stemann gibt einem mit dieser "Périchole" viel zu verstehen. Ein schaler Nachgeschmack bleibt: Vor dem Terror der verordneten Unterhaltung und der alles zerwitzelnden Ironie gibt es kein Entrinnen - wir haben das längst verstanden. Darauf hingewiesen zu werden nervt. Wie lautet die Operettenweisheit schlechthin (und sie fehlt auch an diesem Abend nicht)? "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist." Genau! Wir sind schon lange soweit: Wir wollen nichts mehr ändern, Revolution ist passé! Ein Buh für den Regisseur.

P.S. Für den, der's vermisst: Der mit gelben Smilies und neckischen Choreografien ausgestattete Chor singt und agiert fulminant, und das luftig aufspielende Orchester wurde von Markus Poschner jederzeit reaktionsschnell geführt.

 

La Périchole
von Jacques Offenbach
Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
Deutsche Übersetzung von Bernd Wilms
Regie: Nicolas Stemann, Musikalische Leitung: Markus Poschner, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüme: Marysol del Castillo, Dramaturgie: Bettina Auer, Chöre: Barbara Kler, Licht: Franck Evin, Video: Claudia Lehmann.
Mit: Karolina Gumos, Johannes Chum, Roger Smeets, Peter Renz, Günter Papendell, Anna Borchers, Mirka Wagner, Olivia Vermeulen, Andreas Döhler. Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Mitglieder des Ernst Senff Chores Berlin, Orchester der Komischen Oper Berlin.

www.komische-oper-berlin.de

 

Sie wollen mehr erfahren zu Nicolas Stemann und seinen Inszenierungen? Dann sind Sie im Glossar richtig.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=PaERzn8-Up8}

 

Kritikenrundschau

Bernhard Doppler schreibt auf der Webseite von Deutschlandradio Kultur (6.6.2010): Nicolas Stemann mache das Genre selbst zum Thema und vertiefe es, indem er "dessen Paradoxa" seziere. Sein Blick sei dabei dem von Elfriede Jelinek verwandt. Auch bei ihr würden nicht "Handlungen und Personen, sondern Meinungen vorgestellt". Auch sei es nicht weit "zu Brechts epischem Theater, zur Lehrstückhaltung". Stemanns "Sezieren der Operette" funktioniere deshalb "überzeugend", weil er im Dirigenten Markus Poschner einen gleichgesinnten Partner habe. Poschner montiere Wagners Musik in die Offenbachs und koste die einzelnen Nummern "einfallsreich geistreich und hin und wieder durchaus berührend" aus. Mit Poschners Hilfe habe die Operette den "Stemann-Test bestanden".

In der taz (8.6.2010) schreibt Niklaus Halblützel, er finde, die Intendanz der Komischen Oper habe sich geirrt mit dem ja nahe liegenden Gedanken, "Stemann einmal ein richtiges Stück Musik in die Hand zu geben". Stemann habe "zwei endlose Stunden lang" einen "mit viel Getöse illustrierten Vortrag" gehalten, über das, was er, "zwischen all den Partys und Interviewterminen" in den "einschlägigen Clubs" über "unsere Gesellschaft" gehört habe. "Die Finanzkrise und den modernen Kapitalismus im Allgemeinen" und "dass wir zum Konsum gezwungen werden", mit "ziemlich katastrophalen Folgen für unser Seelenleben". Man lerne dabei viel über den "Zustand des gegenwärtigen deutschen Regietheaters" wo es "niemals" darum gehe ein Stück aufzuführen. "Es geht darum zu zeigen, dass der Regisseur weiß, wie man sich unter Gleichgesinnten zu benehmen hat." Dagegen sei nichts zu sagen, wäre das, was im Theater geschieht, "nicht so unfassbar quälend langweilig". Der Offenbach werde vom Orchester "so lausig" gespielt, "wie es nur irgendwie geht". Auf der Szene laufe die "Maschine auf Hochtouren", aber es geschehe "buchstäblich nichts", denn Stemann könne "keinen einzigen seiner angesagten Gedanken selber denken". Er selber würde "vermutlich das Wort "Selbstreferenzialität" fallen lassen". Ins Deutsche übersetzt heiße das: "Es geht um mich, und um sonst gar nichts."

Im Berliner Tagesspiegel (8.6.2010) schreibt Jörg Königsdorf die "Lernziele" auf, die Stemann ausgegeben habe. Der Regisseur ginge dabei zu Werke wie "ein Lehrer, der einem desinteressierten Teenagerhaufen die Rechtschreibregeln einbimsen muss". Er bestehe auf "gebetsmühlenartiger Wiederholung", auf "bewährte Unterrichtsmethoden wie Einar-Schleef-Chorjogging und postbrechtsche Theater-zeigt-Theater-Didaktik" sowie "fortlaufende Ergebnissicherung, für die die Musikbeispiele aus Offenbachs Operette auch gerne mal unterbrochen" würden. Wie könne es sein, fragt Königsdorf, "dass einer der erfolgreichsten deutschen Schauspielregisseure" bei seinem "ersten Ausflug ins Musiktheater so überhaupt nicht einschätzen kann, wann die Belehrung "zu nerven" beginne? Stemanns Grundfehler sei es, dass er den "inzwischen etwas ausgeblichenen sarkastischen Witz" Offenbachs nicht durch "frischere Pointen", sondern durch "moralisierende Botschaften" ersetze. Die seien der "Tod jeder Operette". Erst recht, wenn die Musik "zusammengestrichen" werde, ohne dass der Abend "kurzweiliger" würde. Obschon Markus Poschner "süffig und schwungvoll" dirigiere.

In der Berliner Zeitung (8.6.2010) berichtet Peter Uehling von einem "regietheatralischen Exzess". Stemann wolle nicht die Geschichte des Straßensänger-Pärchens erzählen. Er wolle "etwas Grundsätzliches zur Operette mitteilen". "Konsequenz, Intelligenz und auch Fantasie" könne man ihm "schwerlich absprechen", aber "die Fragmente" türmten sich am Ende "zu einem Haufen Schrott". Die "kritische Einsicht des Ganzen" sei so "karg wie altbacken": Das Amüsement sei "Existenzbedingung" einer Gesellschaft, "die ihre Gewalttätigkeit und ihr Unrecht verdrängt", und somit sei das "Amüsement selbst gewalttätig und unrecht". Und weil "diesen Refrain aus der Kritischen Theorie" mittlerweile alle "mitpfeifen" könnten, gehe er selbst noch "als Unterhaltung in Stemanns Inszenierung ein. Nicht einmal das Fähnchen der Kulturkritik ragt am Ende aus dem ganzen Schutt heraus." Weil sie "keine Rolle" spiele, entwickele die Musik auch "kein rechtes Profil". Markus Poschner dirigiere "anständig und sehr geradeaus". Nur drehe die Inszenierung die "dosierte Ironie von Offenbachs Musik" stets "volle Pulle" auf.

"Opern-Novizen" machten zwar gern "frischen Wind", "kennen sich aber oft nicht aus", so Kai Luehrs-Kaiser in der Welt (8.6.2010). Stemann vertraue Offenbachs "kaum durchgesetzten Meisterwerk (...) keine Sekunde lang". Die Aufführung trete "trotz enormen Verbrauchs von Strass, Pailletten und Perücken (...) unerbittlich auf der Stelle". "Seltsam", findet der Kritiker, "dass Inszenierungen, die vom Ansatz her intellektuell funktionieren, heutzutage meistens auf Leute-Verdummung hinauslaufen". Überdies müsse die Inszenierung "ohne darstellerisches Zentrum auskommen", da die Titelfigur von Stemann "für eine graue Maus gehalten" werde und mit Karolina Gumos auch noch "vokal und vor allem darstellerisch (...) zu schwach besetzt" sei. Unter Markus Poschner, "der mit spitzen Fingern dirigiert", musizierten Chor und Orchester einen "spritzig exakten, aber nie preußisch exerzierenden Offenbach" - "der beste in Berlin seit vielen Jahren. Reißt das die Sache raus? Nein. Mit 'La Périchole' vergeigt Nicholas Stemann sein Musiktheater-Debüt."

Sehr angetan zeigt sich Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (10.6.2010): „Immer wieder kippt das Tragische ins Komische, das Komische ins Tragische. Stets kommentiert das eine das andere. Das Werk betrachtet sich gleichsam im Vexierspiegel. Manchmal gerät es dabei in brüllend-sardonisches Gelächter, manchmal muss es hemmungslos weinen." Darum, dass die Wirklichkeit im Spaßbad Operette handhabbar gemacht werde, gehe es schon bei Offenbach: "Wer das als zu komplex oder gar zu (de)konstruktivistisch empfindet, wird diese Inszenierung nicht mögen können. Er wird sich, weil das traditionelle Motiv eines narrativ-linearen Amüsements überwölbt wird von der dialektischen Durchdringung des Stoffes, womöglich langweilen oder ärgern. Oder beides. Wer genauer hinsieht und ein Herz für dramaturgische Logik hat (und einen schwarzen Humor, der selten geworden ist hierzulande), der wird diesen Abend begeistert mitdenken und -erleben."

 

"Stemanns Musiktheaterdebüt ist furios und fürchterlich zugleich", findet Claus Spahn in der ZEIT (17.6.2010). "Wer gut Operette machen will, so heißt es, braucht ein Gespür für das Tempo. Stemann hat ein perfektes Gespür fürs Antitempo. Die Offenbachiade an der Komischen Oper in Berlin hält das locker aus." Im Jahr des 175. Geburtstags der deutschen Eisenbahn wagt Spahn zudem einen dynamischen Vergleich: "Offenbachs Musik behandeln Stemann und der Dirigent Markus Poschner wie eine Unterhaltungs-Dampflok, bei der die Bremsen ausgefallen sind. Die Pleuelstangen des maschinellen Amüsements rattern unermüdlich, und alles, was auf dieser infernalisch kitschquietschenden Zwangsfahrt vor die Schienen gerät, wird überrollt. Auf den Selbstmordversuch des jugendlichen Liebhabers kann leider keine Rücksicht genommen werden. Dann muss er sich eben aufhängen, die Musik jedenfalls rast weiter. Der Zug kommt nur zum Stehen, indem die Regie ihn auf toten Gleisen austrudeln oder mit voller Geschwindigkeit gegen den Rammbock knallen lässt."

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Kommentare

Kommentare  
#1 La Périchole in Berlin: Was hat die Revolution in der Operette verloren?Stefan 2010-06-07 15:23
Was hat die Revolution in der Operette verloren? Da könnte Stemann den Panzerkreuzer auf der Behrenstraße auffahren lassen und die würden sich drin noch ein Glas Sekt genehmigen. Vergebene Liebesmüh, genau wie die chorische Animation a la Kontrakte des Kaufmanns beim Absingen von „Mein Gott! Wie sind die Männer doch belämmert!" Ein paar lustige Chor-Smilies und Andreas Döhler mit roter Fahne reichen nicht für das Partyvolk. Das gefällt sich doch noch in der Rolle des Buh-Rufers. Bitte, Nicolas Stemann, machen Sie wieder was wie "Die heilige Johanna" am Deutschen Theater.
#2 La Périchole in Berlin: ein Problem unserer ZeitHans 2010-06-07 18:30
@Stefan "Was hat die Revolution in der Operette verloren?" - Nix, na klar! Aber genau das ist doch das Thema der Inszenierung und das Problem in unserer Operettenzeit! Genau das hat der Abend doch auf ausgesprochen intelligente und überdies sehr lustige und immer wieder überraschende Art gezeigt: Chöre treten auf und singen Operettenlieder statt revolutionäre Parolen zu skandieren. So ist das nämlich wirklich, Herr Lösch: keine Revolution, nur Operette. Und das ist, wie gesagt, ein Problem unserer Zeit, nicht das der Inszenierung. (Warum muss man das hier eigentlich erklären? Das liegt doch so was von auf der Hand!!!)
#3 La Périchole in Berlin: alles vergessen?I S 2010-06-07 18:39
Wolfgang Behrens schreibt also Folgendes: "'Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.' Genau! Wir sind schon lange soweit: Wir wollen nichts mehr ändern, Revolution ist passé! Ein Buh für den Regisseur."
Wie ist das zu verstehen? Kein Geschichtsbewusstsein mehr? Alles vergessen? Alles ausverkauft? Bejahung des rasenden Stillstands der reinen Gegenwart? Keine Sehnsucht mehr nach Veränderung der Verhältnisse? So einfach ist das hoffentlich nicht. Die widerspruchsfreie Bejahung der gesellschaftlichen Reaktion.
Die dekadente (Operetten-/Oparetten-)Vergnügungssucht als blinden Reflex auf die Banken- und Finanzkrise auszustellen, das hat Stemann ja bereits in den "Kontrakten des Kaufmanns" am Beispiel des Chors der (Lust-)Greise vorgeführt. Ist der Rentenfonds erst geplatzt, möchte man wenigstens noch das verbliebene Leben konsumieren/gebrauchen. Wenn die Erlösung durch die Erlöse ausbleibt, bleibt nichts als der Umkehrschub der große Gier und des großen Fressens. Weh weh weh.
#4 La Périchole in Berlin: handwerklich schlechtStefan Treddel 2010-06-07 19:42
Es war halt einfach ein handwerklich irre schlecht gemachter Abend und dafür ein grosses Pfui! Das ganze Hirngeschwurbel macht es auch nicht besser...
#5 La Périchole in Berlin: doppelter Boden weginszeniertLes deux Aveugles 2010-06-07 20:21
Als hätte Jacques Offenbach das nicht alles schon selber gewußt und nun ausgerechnet den oberschlauen Herrn Stemann gebraucht, um den doppelten Boden zu enthüllen. Die ganze Operette ist bereits ein doppelter Boden, den der Stemann jetzt weginszeniert hat. Stattdessen trägt er da jetzt bloß altklug ein paar Zaunpfähle über die Bühne und läßt Volker Lösch-haft verkleidete Hartz-IV-Choristen aufsingen... Man hat aber das Gefühl, er hat die Tragweite von Offenbachs subversivem Potenzial überhaupt nicht begriffen. Das ist schade, weil man sich gerade von ihm anderes erhofft und gewünscht hat.
Interessant war, den Kölner Jakob Offenbach gegen den Leipziger Richard Wagner antreten zu lassen, die beide ihre Identitäten gewechselt haben (der eine wurde Franzose, der andere Bayer) und die ihre jeweiligen musikalischen Konsequenzen aus den trüben Zeitverläufen zogen. Aber auch hier wird nur atmosphärisch an der Oberfläche gekratzt, fett herumgejuxt, und sich ansonsten mit Ahnungen zufrieden gegeben, statt wirklich strukturalistisch gegen den Strich und die Form über Offenbach hinauszukommen, und nicht bloß blöd regietheaterhaft rumzuinszenieren, Denksimulationen auf die Bühne zu packen, Hauptsache es fetzt.
#6 La Périchole in Berlin: mit Nachrichtensprecherernst ins Volk gesprochenPat und Patachon 2010-06-07 21:51
@ 5

Ja: die "zwei Blinden" - das wäre doch Herausforderung pur gewesen,
so komprimiert das ist: man stelle sich vor, Stemann streckt da etwas 30-Minütiges auf, sagen wir einmal, etwas 1,5- Stündiges
und dann eher so wie einen doppelbödigen Jux, der mit Nachrichtensprecherernst ins Volk gesprochen wird: Köln gegen Leipzig wohlgar..
#7 La Périchole in Berlin: Das fehlte gerade noch!Rudolf 2010-06-08 01:56
Weh dem, der ins Theater geht, um sich zu unterhalten! Der Regisseur wird es ihm schon austreiben. Sich bei Offenbach zu vergnügen, das fehlte gerade noch! Den ganzen Abend bleut Stemann dem Publikum ein, dass es im falschen Stück sitzt. Er hat ja so recht. Aber es liegt an ihm, nicht am Publikum.
#8 La Périchole in Berlin: öd, laut & dummdreistvitz 2010-06-08 02:30
4, 5 und 7 ist zuzustimmen, ebenso dem Kritiker Behrens

Ein Ärgernis war der Abend, aber gewiss kein kluges. Öd und laut und dummdreist. Es gibt doch noch einen Unterschied zwischen lehrreich und belehrend. Sehr bedauerlich nicht allein für das Publikum, sondern auch für die Künstler(innen).

Von den knapp 100.000 € Steuergeld, die alle 24 Stunden das ganze Jahr über durch das Haus rauschen, einfach mal zu schweigen...

Danke an nachtkritik!
#9 La Périchole: Chor der Empörten fordert Spaß einStefan 2010-06-08 03:12
Oh weh, wo wird denn die Nachtkritik da jetzt hingestellt? Ob das der Herr Behrens so unterschreiben möchte? Also, was ist denn nun tatsächlich passiert? Stemann wollte etwas zur Operettenseeligkeit und der Spaßgesellschaft sagen. Warum er das direkt auch dort in der Oper tut, vielleicht aus Unbedarftheit, Enthusiasmus oder einfach nur Spaß an der Gaudi? Es ist letztendlich egal, es geht nicht auf und das ist das Dämliche daran und nicht einfach nur der Versuch. Als wenn die Revolution je in der Operette drin gewesen wäre. Also der Volker Lösch soll hier karikiert werden und nicht das Operettenvolk? Das glaube wer will. Es wird dumm herumschwadroniert von mäßig witzigen Entertainern und es wollen die drei Cousinen im Bifi-Outfit verführen, sehen aber leider nicht zum Anbeißen aus. Andreas Döhler schläfert auf der Bühne alle mit seinem Revolutionsgelaber ein und man verfällt fast selbst in die Narkolepsie. Es gibt tatsächlich einen Chor der Empörten, dem man Spaß versprochen hat und der ihn aber nicht bekommen hat und ihn nun einfordert. Es gibt ihn auf der Bühne und nun auch hier im Forum. Vielleicht hat da Stemann sein Ziel doch noch erreicht. Ansonsten alles lau und abgedroschen. Die Szene lässt sich nicht veräppeln und schon gar nicht reformieren. Und wenn schon Klamauk, dann auch richtig. Die Hawaii-Kränze des Chors bitte in schwarz-rot-gold, noch ein paar Perücken und Fußballtröten dazu und die drei Cousinen treten im kleinen Schwarzen mit High Heels auf und singen immer wieder Satellite, bis der letzte sein Geld zurück haben will. Das wäre konsequent und danach kann man des Stück auch wieder absetzen und zum Alltag übergehen.
#10 La Périchole: handwerklich mit das Beste derzeitSR 2010-06-08 07:42
Das handwerkliche Niveau der Aufführung zu bemängeln (siehe Kommentar 4), zeugt eher von Ahnungslosigkeit. Von der Chor-Inszenierung, vom ganzen Timing her ist der Abend mit das beste, was es auf Berliner (und auch sonstigen) Opernbühnen zur Zeit zu sehen gibt. Die Verschaltung der unterschiedlichen Texte und Kommentare ist äußerst virtuos gestaltet, wie immer bei Stemann. Ob man die Reflexionen über die Wirkungsmechanismen der Operette für abendfüllend hält, ist selbstverständlich Ansichtssache.
#11 La Périchole in Berlin: In sicherer Entfernung von der Spaßgesellschaft?Für die Sicheren 2010-06-09 11:47
Haha, dieser überzeugte Glaube, dass das Schauspielpublikum im Vergleich zum Opern-und Operettenpublikum per se ein besseres Völkchen sei und von der sonstigen "Spaßgesellschaft" in sicherer Entfernung eifrig & beflissen seinen Stemann rezipiert.
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Eine wirkliche Regie-Erkenntnis wäre es doch mal, nicht einfach Wagner-Musik reinzuschieben, sondern sich die Mühe zu machen MIT der Offenbach-MUSIK zu zeigen, was man durch den Wagner glaubt, sagen zu müssen.
#12 La Périchole in Berlin: ein interessanter WiderspruchPeter Ultor 2010-06-15 16:42
Jürgen Otten zeigt in seinem Text in der FR auf einen interessanten Widerspruch, dem sich Kunst im Allgemeinen, speziell aber auch die Kunst Offenbachs ausgesetzt sieht: Sie muss, um überhaupt wahrgenommen werden zu können, unter genau den Bedingungen erfolgreich sein, die sie (möglicherweise) kritisiert und entlarvt. Fraglich ist jedoch, ob Stemann diesen Widerspruch in Offenbachs Oper wahrgenommen hat. Stemann selbst jedoch geht konsequent einen Offenbach'schen Weg: Er zeigt und entlarvt die Amüsierlust und amüsiert doch selbst dabei (sonst hätte er keinen Erfolg), wenigstens in den guten Momenten (auch in der Perichole) und vor allem in seinen besten Inszenierungen. Auch die Kontrakte oder Ulrike Maria Stuart sind Unterhaltungstheater, das das Steckenbleiben im Spiel thematisiert, auch beklagt, aber keinen Ausweg aufzeigen kann.

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