Das ist also Theaterspielen?

von André Mumot

Braunschweig, 8. Juni 2010. Wenn jemand im Publikum auch nur das leiseste Geräusch von sich gibt, unterbricht sich Bianca van der Schoot und schaut auf eine Weise auf, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Angeblich können Blicke ja nicht töten. Aber diese vielleicht schon, und deshalb halten alle Anwesenden vorsorglich den Atem an.

Vor einem Bühnenspielplatz mit Wippe und Schaukel steht die Schauspielerin und liest mit Grabesstimme eine schwarze Liste der Publikumsverfehlungen vor: "13. September 2009. Das Kinder- und Jugendtheater Aschaffenburg spielt 'Die Zeitreise'. Kinder reden und kreischen, als das Licht ausgeht. 3. Oktober 2009: Das Junge Staatstheater Düsseldorf spielt 'Das Kartenhaus'. Zwei Handys klingeln. 10. Oktober 2009. Die Freiburger Märchenbühne spielt 'Was wir von der Erde wissen'. Quietschen mit den Lehnen, Kinder haben ihre Jacken noch an."

Es ist nicht so, dass ihr nicht lachen dürft
Angesichts solcher Realitäten weigert sich die Jugendtheatergruppe "TG Max" aus den Niederlanden, mit ihrer Vorstellung zu beginnen, und konfrontiert die verwirrten Jungzuschauer mit der Feststellung, es werde jetzt erst einmal eine "europaweite Theaterstille zum Gedenken an alle gestörten Theatervorstellungen in der Kategorie 10+" umgesetzt. Und während Tjebbe Roelofs weiße Trauerkerzen entzündet, wendet sich Willemijn Zevenhuijzen großzügig an die Besucher und macht klar: "Es ist nicht so, dass ihr nicht lachen dürft. Und wenn ihr etwas Verrücktes seht, dürft ihr euren Nachbarn auch in die Seite stupsen. Wir fangen übrigens gleich mit unserem Stück an, wir müssen nur kurz die Bühne präparieren."

Und dann kommt man gar nicht mehr zum Stupsen, denn die gestrengen Vier, die eben noch das scheinheilige Lob der Disziplin gesungen haben, reißen laut den Spielplatz ein. Und selbst wenn man schon viel Zerstörungswut auf den Bühnen des Erwachsenentheaters gesehen hat, staunt man doch über die aggressive Gründlichkeit, mit der hier die Sperrholzbegrenzungen eingetreten und sowohl die Wippe als auch die Schaukel in sämtliche Einzelteile zerlegt werden.

Ja, das Theaterformen-Festival, das dieser Tage Kontinente übergreifendes Bühnengeschehen der Gegenwart nach Braunschweig holt, möchte eben auch "außergewöhnliche und anspruchsvolle Formate für das Publikum der Zukunft zeigen", wie es selbst erklärt. Das ist dann auch tatsächlich nicht zu viel versprochen, denn "TG Max" macht bemerkenswert subversiv weiter, indem es seine vier erwachsenen Darsteller als moralisch Minderbemittelte übers Trümmerfeld des Spielplatzes wanken lässt.

Brabbelnde Vollidioten in Unterhosen
"So was ist doch nicht normal!", heult Bianca van der Schoot angesichts des Vandalismus und gibt die in Tränen und Empörung aufgelöste Mutter. Im nächsten Moment allerdings tauscht sie heiße Zungenküsse mit einem fremden Papa, während ihr eigener Mann verzweifelt versucht, die behinderte Tochter mit dem Rollstuhl über die Schuttberge zu wuchten und tapfer die Untreue der Gattin zu ignorieren. Und Kindergärtnerin Willemijn Zevenhujizen hält eine imaginäre Rasselbande mit zuckersüß geformten Worten in Schach: "Jetzt dürft ihr eine Viertelstunde frei spielen. Aber nichts anfassen. Hände auf den Rücken!"

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© Joep Lennarts

Am Ende haben sich die Eltern endgültig zurückentwickelt zu brabbelnden Vollidioten in Unterhosen, und die Kinder im Publikum werden per aufleuchtendem Schriftzug dazu aufgefordert, die infantilisierten Darsteller von der Bühne zu vertreiben. "Das ist also Theaterspielen?" sollen sie rufen und tun es auch. Außerdem: "Los, verpisst euch endlich!" Also treten die Damen und Herren kleinlaut ab von dieser verkehrten Welt.

Die Anarchie muss noch warten
Regisseur Jetse Batelaan hat all das so komisch wie grausam inszeniert, lässt das Ensemble aber auch sensible Zwischentönen in die konfrontativen Bösartigkeiten streuen. Für Erwachsene ist diese Mischung geradezu unwiderstehlich. Doch wie kommt das eigentliche Zielpublikum (also Zuschauer ab zehn Jahren) mit der verunsichernden Ironie zurecht, mit der hier die Autoritäten (samt autoritärem Kindertheater) der Lächerlichkeit preisgegeben werden?

Die jungen Gäste amüsieren sich meistens, bleiben aber skeptisch und fühlen sich keineswegs geschmeichelt, wenn ihnen suggeriert wird, die Erwachsenen seien viel kindischer als sie. In der anschließenden Diskussion stellen die Schülerinnen und Schüler jedenfalls sehr sachlich und konservativ fest, dass sie es gutfinden, mal gehört zu haben, wie das ist, wenn sie die Schauspieler stören. Und dass sie es überhaupt nicht gut finden, wenn man Spielplätze demoliert.

Die angepeilte Anarchie muss also noch warten: Das Publikum von morgen hat den Zeigefinger streng erhoben.

 

Het geheven Vingertje/ Der erhobene Zeigefinger
von TG Max
Konzept und Regie: Jetse Batelaan, Bühnenbild: Hester Jolink, Kostümbild: Marike Kamphuis, Lichtdesign: Gé Wegman.
Mit: Marien Jongewaard, Tjebbe Roelofs, Bianca van der Schoot, Wilemijn Zevenhuijzen.

www.tgmax.nl
www.theaterformen.de

 

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=rKLkEQS9bm0}

 

 
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