Zur See für Deutschland – aber warum eigentlich?

von Michael Laages

Wilhelmshaven, 8. Juni 2010. Nur zur Erinnerung - der bis vor kurzem noch diensthabende oberste Repräsentant dieser Republik stolperte unter anderem deshalb aus dem Berliner Schloss Bellevue hinaus, weil er eine Lanze brechen wollte für (zum Beispiel) die "Schlicksoldaten". Auch sie, die Marine-Mitstreiter vom Bundeswehr-Militärstützpunkt in Wilhelmshaven, stehen (zum Beispiel am piratenverseuchten Horn von Afrika) für das, was Horst Köhler in einem Radio-Interview auf dem Rückflug aus Afghanistan als Aufgabe der Bundeswehr definierte: die Verteidigung "unserer wirtschaftlichen Interessen" fern der Heimat.

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© Michael Hörnschemeyer, Landesbühne Nord

Nun kommen eben die allerdings im Grundgesetz nicht vor; der Einsatzauftrag, den die deutsche Legislative den Soldaten immer nur auf Zeit erteilt, unterstellt deutsche Soldaten im Einsatz fern der Heimat internationalen Autoritäten wie etwa den Vereinten Nationen, um international gültige Rechtsnormen einzuhalten oder wieder herzustellen. Alles andere, auch Köhlers Sentenz im Flieger, musste also klingen wie George W. Bush kurz vor dem Einmarsch in den Irak. Und da der Präsident somit öffentlich gegen gültige Verfassungsgebote gepredigt hatte, und sei es auch bloß so dahin gesagt, trat er zu Recht zurück - schon weil es ja keine Institution gibt, die ihn hätte entlassen können.

À la Horst Köhler?

Weil nun aber Köhlers Gedanken plötzlich Allgemeingut geworden sind, wird es möglicherweise niemandem mehr auffallen, dass plötzlich auch ein gemeiner Soldat aus Wilhelmshaven so redet - und den eigenen Kampf- und potenziell eben auch Kriegseinsatz mit den Worten rechtfertigt, dass "unser Lebensstandard" eine rundum verteidigenswerte Angelegenheit sei. Das kann schon sein - aber dafür ist er nicht bei der Marine. "Lebensstandard" verteidigt jeder und jede einzelne in der innenpolitischen Auseinandersetzung zum Beispiel um die Höhe der staatlichen Sozial- und Arbeitslosen-Unterstützung nach Hartz-IV-Gesetz. Da gibt's genug zu kämpfen; dafür braucht's aber keine Uniform.

Das ist der Nachteil des "Schlicksoldaten"-Projekts, das die Landesbühne Nord in Wilhelmshaven jetzt vorgestellt hat. Genauer: Ihr "Junges Theater" hat zum Finale der Spielzeit, und mit Hilfe aus dem "Heimspiel"-Fonds der Bundeskulturstiftung, eine dokumentarische Szenenmontage erarbeitet, die vom Alltag der Marinesoldaten erzählt, die das öffentliche Bild der Seestadt prägen wie kaum etwas sonst. Fast 5000 Uniformträger sind in Wilhelmshaven stationiert, weitere knapp 4000 zivile Mitarbeiter beschäftigt die größte maritime Abteilung der Bundeswehr. Auf dem Bundeswehr-Gelände hat Landesbühnen-Regisseur Christof Meckel das Projekt in einer Art Garage inszeniert; direkt auf einem Schiff (wie es mal geplant war) ging es dann doch nicht, zu intensiv ist die Marine derzeit im Köhler-Einsatz.

Dokumentarische Nachhilfestunde

Als Material für die Bühne dienen Meckels Team vor allem Befragungen von Soldaten und ihren Angehörigen, den Frauen und Freundinnen speziell, aber auch Freunden, Brüdern und Vätern; einige aus Erzählungen destillierte typische Ereignisse aus dem Alltag im Einsatz zur See ergänzen die Selbstzeugnisse.

Ein wenig zu lang hält sich die dokumentarische Nachhilfestunde am unbestreitbaren Faktum fest, dass Partnerschaften hier durch berufsbedingte Trennungen besonders belastet werden. Aber Trucker oder Bauarbeiter oder eine Menge anderer Menschen sind ähnlichen Belastungen ausgesetzt, werden dafür aber gemeinhin noch schlechter bezahlt - ideologisch aufgemöbelt und überhöht wird das persönliche Opfer der "Schlicksoldaten" dadurch, dass sie es "für Deutschland" tun. Also "für uns alle" - daher kommt auch der starke Rechtfertigungsdruck; daher auch die in jüngerer Zeit immer massivere Tendenz, sich als Militär von der Zivilgesellschaft zu wenig geachtet, ja sogar missachtet zu fühlen, speziell dann, wenn Soldaten in Uniform die Öffentlichkeit bevölkern. Was ja nicht sein müsste, Bäcker oder Stahlarbeiter oder Feuerwehrmänner sitzen ja auch nicht in Dienstkleidung im ICE-Abteil. Aber politisch ist die Präsenz der Uniform im Alltag gewünscht; der "Bürger in Uniform", den Militär-Reformer wie Wolf Graf von Baudissin vor vier Jahrzehnten propagierten, hat sich längst auch zum Werbeträger gewandelt.

Schwadronieren inklusive

Wie sehr wäre dem Wilhelmshavener Projekt auch nur ein Bruchteil dieser politischen Reflexionsebenen zu wünschen gewesen - hier aber lässt die Aufführung Soldaten und ihre Bräute vor allem vor sich hin palavern, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist; ungeordnetes Schwadronieren inklusive. Nicht dass nicht auch das der Realität entspräche - im Theater allerdings, auch im Dokumentartheater, besteht die Möglichkeit, ja die Pflicht, gefundene Wirklichkeit in den ihr angemessenen politischen Rahmen zu stellen; auch streitbar.

Das fehlt, das wird stark vermisst in der Wilhelmshavener Militär-Garage, wo Meckels Team die Mono- und Dialoge durchaus geschickt verknappt und mit einer gewissen szenischen Härte zugespitzt hat. Auf vier Bühnen verteilt, und also um uns, das Publikum, herum, sind diese Szenen und Zeugnisse kompakt sortiert, dramaturgisch gerahmt von Abschiednehmen und Heimkehrerbegrüßung am Kai.

Pflicht, Abenteuer oder Job

So viel wird allemal klar: Da reden Leute wie wir, überwiegend Theater-Laien zumal, über das, was sie als Pflicht, als Herausforderung, als Abenteuer oder Job empfinden - im Einsatz für die Institution, die die Rechtssicherheit dieses Landes in internationalen Zusammenhängen schützen soll, und eben nicht Lebensstandard und Wirtschaftsinteressen.

Diese Leute und ihre mehr oder minder reflektierten Motive haben unser Interesse verdient, auch das des Theaters - aber klarere, kritischere Fragen müsste das Theater den Objekten seiner Darstellung schon stellen, auch wenn's um die Dokumentation von Alltag geht. Bei Hamlet oder den drei Schwestern fragen wir ja auch immer und immer wieder, warum sie tun, was sie nicht lassen können.

 

Schlicksoldaten. Theater aus dem Alltag Wilhelmshavener Marinesoldaten
von Christof Meckel
Regie: Christof Meckel, Projektleitung: Viktoria Klawitter.
Mit: Sven Bennat, Benjamin Burkhard, Lenja Busch, Angelika Dirks, Klaus-Dieter Huger, Christopher Künast, Dankwart Northe und Philip Pelzer.

www.landesbuehne-nord.de

 

Im März 2009 inszenierte Christof Meckel in Wilhelmshaven Václav Havels Stück Das Gartenfest.

 

Kritikenrundschau

"Theater lebt vom Konflikt, wenn dem Protagonisten kein Antagonist die Stirn bietet, kann kein Funken über die Rampe springen", meint Ulrich Fischer in der Tageszeitung (9.6.2010). Wie in Bremerhaven: "In der Schlüsselszene verließ Christof Meckel, der nicht nur Regie geführt, sondern auch den Text kompiliert hatte, gänzlich die Courage. Die acht Schauspieler, je zwei auf die vier Podien verteilt, sprechen Texte über die Legitimation der Soldaten, Krieg und Frieden. Inhaltlich war es unredlich, den Argumenten der Gegner des Militärs keinen Raum zu geben, ästhetisch ungeschickt, den Verteidigern keinen Angreifer gegenüberzustellen."

"Regisseur Christof Meckel hat mit der einstündigen Szenenfolge eine Art Selbstvergewisserungstheater geschaffen. Aktive, Ehemalige und Angehörige können sich damit versichern, dass sie das Richtige tun oder getan haben", schreibt Martin Wein in einer kurzen Rezension in der Online-Ausgabe der Wilhelmshavener Zeitung (10.6.2010). Auch ihm fehlt der kritische Ansatz bei dieser norddeutschen Dokutheater-Variante: “Eine ernsthafte Debatte über Krieg und Frieden leistet es nicht."

 

 
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