Siebzehn Jahre Einsamkeit

von Thomas Askan Vierich

Wien, 9. Juni 2010. Sprechen wir von der zweiten Hälfte. Denn von der ersten ist nicht viel zu sagen, außer dass man Birgit Minichmayr als Titelheldin in Euripides' "Helena" bei den Wiener Festwochen kaum verstand, weil sie so nuschelte. Vielleicht war das ihrem Bemühen nach Authentizität geschuldet, wenn sie ihr trauriges Schicksal im ägyptischen Exil beklagt und dass wegen ihrer Schönheit zehn Jahre lang um Troja gekämpft wurde: Vielleicht wollte sie dem Pathos ihrer Worte durch Lässigkeit im Ausdruck entkommen.

Dann erklangen die Troggs mit ihrem Evergreen "Wild Thing" im Burgtheater – und aus der Tragödie wurde eine Komödie. Genauer: eine Schmierenkomödie. Auftritt Johann Adam Oest als tätowierter Theoklymenos mit Sonnenbrille und umfangreicher Waffensammlung. Er sieht aus wie der schmierige Anführer von Dschungelrebellen. Er setzt Helena zu und will sie zur Frau. Mit ihm treibt die Schöne jetzt ihr Spiel.

Zehn Jahre Krieg für eine Schimäre
Der Plan: Ihren tot geglaubten Mann Menelaos hat es soeben an die ägyptischen Gestade verschlagen, wohin einst die mitleidige Hera die unglückliche Helena von Hermes entführen ließ, um sie vor dem lüsternen Paris zu bewahren. Der hatte sie nach Troja entführen wollen, weil sie ihm als Preis von Aphrodite versprochen wurde. Wegen seines berühmten Urteils zu ihren Gunsten. Da war sie aber schon mit Menelaos verheiratet. In Wirklichkeit brachte Paris aber nur ihr Trugbild nach Troja. Menelaos hatte also zehn Jahre für eine Schimäre das Blut der Griechen und Trojaner vergossen.

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"Helena", Birgit Minichmayr und Johann Adam Oest © Ruth Walz

In Ägypten trifft er nun die echte Helena. Um sie von dort zu entführen, benötigen sie eine List. Helena macht dem lüsternen Theoklymenos weis, dass sie ihren toten Gatten Menelaos auf offener See bestatten muss. Das sei so der Griechen Brauch. Danach gehöre sie ganz ihm. Vorher benötige sie bitteschön ein voll ausgerüstetes Schiff. Und der halbnackte Typ, der aussieht wie Menelaos, sei nur ein unbedeutender Bote, der ihr eben vom Tod ihres Mannes berichtet habe. Der müsse aber auch mit aufs Schiff.

Michichmayr heult und plärrt
Es ist sehr vergnüglich, dem tollpatschigen Oest dabei zuzusehen, wie er Helena auf den Leim geht. Nur denkt man die ganze Zeit: Was will uns Luc Bondy mit dieser Schmierenkomödie sagen? Zehn Jahre Krieg um ein Phantom, unzählige Helden tot, Helena siebzehn Jahre einsam im Exil – und dann löst sich alles in einer schenkelklopfenden Farce wie bei Nestroy auf? Birgit Minichmayr nuschelt jetzt weniger, dafür heult und plärrt sie, wie man das von ihr (leider) auch kennt. Entschuldigend könnte man anführen: Sie täuscht das ja alles nur vor. Aber muss es gleich so übertrieben sein? Sogar der Chor (alles junge, gut aussehende Frauen) stimmt in die Albernheiten ein.

Man lacht leicht irritiert mit – froh, dass wenigstens das teilweise arge Pathos des Abends etwas gemildert wird. Warum darf zum Beispiel die arme Andrea Clausen als Theonoe, Tochter des ägyptischen Königs Proteus und Schwester des halbseidenen Theoklymenos, die die Weisheit der Götter kennt, sich nur kriechend fortbewegen? Ist sie behindert? Auch der Einsatz des Lichts ist wirr: Meist brennt es auch im Publikumsraum. Dann geht es aus. Und wieder an. Ohne erkennbaren Grund. Den ganzen Affektiertheiten der Inszenierung steht Ernst Stötzner als Menelaos etwas blass gegenüber. Wofür er nichts kann. Er hat seine Rolle durchaus ernst und anrührend angelegt. Auch Libgart Schwarz glänzt in der Rolle der kratzbürstigen Greisin, die den gestrandeten Menelaos wie eine zeternde Concierge wüst abweist.

Vom Himmel hoch
Aber was soll uns zum Beispiel das Bühnenbild sagen? Links steht ein Bücherturm, dahinter Lesepulte mit Stühlen, auf denen die frivolen Damen des Chors lümmeln. Die Bühne wird von einer Nirosta-Rinne geteilt, die vorne in eine Art Nirosta-Brunnen mündet, der das Grab von Proteus darstellt. Irgendwann läuft Wasser durch diese Rinne, mit dem sich Menelaos von Theoklymenos waschen lässt. Warum, bleibt unklar. Am Ende des Stücks, man ahnte es schon, läuft durch diese Rinne eine dunkelrote Flüssigkeit, die Blut darstellen soll. Von der Decke krachen zwei schwarze Kugeln auf die Bühne wie bei einem Meteoreneinschlag. Deus ex machina, etwas plump in Szene gesetzt. Oder witzig, je nach Geschmack.

Sie sollen Kastor und Pollux darstellen, die beiden ebenfalls tot geglaubten Brüder von Helena, die sie schon einmal befreit hatten. Sie verkünden, dass es nur recht und billig sei, dass Menelaos und Helena entkommen konnten. Und dass sich bitte der wütende Theoklymenos der Rache an seiner Schwester, die den beiden geholfen hatte, enthalten solle. Was dieser prompt einsieht. Die erleichterte Schwester verkündet noch, dass die Götter halt unberechenbar seien. Der Chor liest, sogar Theoklymenos greift zum Buch. Vielleicht will er bei Euripides nachlesen, ob der das alles wirklich so geschrieben hat. Man kann sich das Lachen nicht mehr verkneifen. Aber es ist einem nicht wohl dabei.

Verhaltener Applaus des Publikums, vereinzelte Buhrufe für Birgit Minichmayr, vermehrte für Luc Bondy.

 

Helena
von Euripides
In einer Neuübersetzung von Peter Handke

Regie: Luc Bondy, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Milena Canonero, Licht: Friedrich Rom, Tongestaltung: David Müllner, Amina Annabi Laurence, Dramaturgie: Dieter Sturm, Wolfgang Wiens. Mit: Birgit Minichmayr, Dietmar König, Ernst Stötzner, Libgart Schwarz, Branko Samarovski, Andrea Clausen, Johann Adam Oest, Markus Hering, Hans-Michael Rehberg, Amina Annabi Laurence, Esmée Liliane Amuat, Karoline Bär, Felicity Grist, Mavie Hörbiger, Mareike Sedl, Lisa Sexl, Eva Maria Sommersberg, Jenny-Ellen Riemann, Merle Wasmuth

www.festwochen.at

 

Mehr zu Luc Bondy? Der Regisseur ist zuletzt als Autor auffällig geworden und inszenierte vor zwei Jahren Genets Die Zofen, ebenfalls bei den Wiener Festwochen.

 

Kritrikenrundschau

"In Helena klopft die alte Tragödie bereits an die Tapetentür der bürgerlichen Ehekomödie. Ihr wurde leider nicht aufgetan", fasst Ronald Pohl in seiner Nachtkritik im Wiener Standard (10.6.2010) seine Eindrücke zusammen. Trotz einiger Momente "viel zu selten aufblitzenden Ingeniosität" bleibe Bondys Inszenierung weitgehend ein "Aufsagetheater, das des Euripides skandalös moderne Psychologie (dieser Autor ist ein genialer Parteigänger der Frauen!) zur geschwätzigen Konversationstragödie herabwürdigt."

Ulrich Weinzierl zeigt sich in der Welt (11.6.2010) äußerst angetan: "Für die Wiener Festwochen, im Burgtheater zu Gast, inszeniert Luc Bondy die 'Helena' à la Handke heiter und hell, teils näher bei Offenbach als bei Euripides: eine beschwingte Salonkonversationskomödie, gleichsam antiker Edelboulevard. Freilich, trotz aller ironischen Brechung, mit tieferer Bedeutung." Besonders zu Füßen liegt er Birgit Minichmayr, "der Star des Abends. Mit Faust zu sprechen, wenn er Helena im Zauberspiegel erblickt: 'Ist's möglich, ist das Weib so schön?' Die Minichmayr präsentiert das Virtuosenrepertoire ihrer Töne, Blicke und Gesten - von der gealterten höheren Tochter über die Liebende bis zum Weibsteufel in raffinierter Naivität. Stets ist sie ungemein intensiv, was die jeweilige Situation erfordert: mondäne Langeweile, Schmerz, Tücke, das Aufblitzen des Glücks."

Operette! Kammmerspiel! Zaubermärchen! Lustspiel! Gerhard Stadelmaier ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.6.2010) erwartungsgemäß begeistert und weiß alle Wendungen und Brüche von Stück und Inszenierung zu erklären: "Bondy gräbt die ungespielte zweieinhalbtausend Jahre alte 'Helena' nicht einfach aus. Er zeigt seine Ausgrabungsinstrumente vor: Distanz und Ironie, Operettenspaten und Farcenkehrwisch. Nicht aber brutal denunziatorisch. Sondern liebend leicht. So umbaut er den Euripides mit Gegenwartsinteresse." Minichmayr schnaube "diese Zumutungen der Helena zuweilen weg wie eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht", sei "in Tränen wie in Wutseufzern ganz sicheres Gefühl, ganz harsche, unbedingte Liebe".

"Euripides startet mit der Tragödie. Doch weder er noch sein Regisseur Luc Bondy, noch ihre wagemutig verspielte Helena glauben an den Ernst der Lage. Ironie, Poesie, Phantasie nehmen Shakespeare vorweg und zitieren schliesslich sogar 'Star Wars'", befindet Barbara Villiger-Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (11.6.2010). Auch sie lobt detailliert Inszenierung und Darsteller, um dann der zeitgenössischen Dramatik eins auszuwischen: "Ohnehin ist alles Spiel in dieser traumwandlerisch eigensinnigen, traumhaft theatralischen Inszenierung. Neben dem Altdramatiker Euripides dürften unsere versammelten Jungdramatiker, die kaum je über den eigenen Nabel hinausblicken, eigentlich einpacken. Ihr Lieblingsthema – die Geschlechterbeziehung – stellt ja auch Euripides ins Zentrum, indem er Facetten von Sehnsucht, Täuschung, Missverständnis und Glückseligkeit elegant ziseliert. Nur gibt's bei Euripides dazu einiges mehr."

"Überwältigend" findet auch Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau und in der Berliner Zeitung (11.6.2010) Birgit Minichmayr. Ebenso kann er sich für Euripides erwärmen: "Helena" sei "eine Entdeckung, die es wert ist. Mindestens postmodern, wenn nicht gar Regietheater vor 2500 Jahren, schrill, überraschend, Gedanken anstoßend. Peter Handke hat es sehr greif- und begreifbar übersetzt, durchlässig aber auch für die ferne Fremde der Griechen." Für Bondys Regie begeistert er sich nur teilweise: "Minichmayr agiert weiter souverän, aber Bondy inszeniert nun brav und harmlos ein Komödchen, wo doch einer vor langer Zeit eine gallebittere Farce schrieb. Vom himmelschreienden, göttervernichtenden Schwank des zweiten Teils bleibt nur der Schwank."

Auch Norbert Mayer in der Wiener Presse (11.6.2010) ist nicht völlig überzeugt: "Dem Festwochen-Intendanten ist eine frische Interpretation dieses wenig gespielten Klassikers gelungen, bei dem Sein und Schein ständig durcheinandergeraten. Nicht alles aber ist an dieser Inszenierung gelungen. Sie mutet schizophren an." Zwar wirke Minichmayr "im komischen Fach und als heulende Helena phänomenal, das Tragische aber stürzt bei ihr im Vergleich ab."

"Helena" handele "von betrogenen Betrügern, unentwirrbar sind Sein und Schein im Stück", schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (11.6.2010). “Ein sinnloser Krieg, das ist das objektive Moment des Dramas, die politische Lüge, um die es geht. Eine wertlose Ehe, das ist das subjektive Moment, die private Lüge. Doch keinen dieser beiden Aspekte arbeitet Luc Bondy klar heraus. Weder inszeniert er das Antikriegsstück, noch die Ehe-Farce, obwohl Peter Handkes Neuübersetzung in beide Richtungen Vorgaben macht.” Nicht völlig unfallfrei, wie Schmidt bemerkt. Auch sonst wird er nicht recht warm mit der Inszenierung, nicht mit der “Zauberzeichen-Bühne”, “mehr surreales Bilderrätsel als gestalteter Raum”, nicht mit den Schauspielern, die “wie Platzhalter einer tautologischen Semiotik” wirkten. Mit Ausnahmen: “Zum Glück bringen Birgit Minichmayr als Helena und Ernst Stötzner als Menelaos selbst so viel Eigenes mit, dass der Abend fesselt, solange die beiden auf der Bühne sind.”

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