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Live-Effekt im Krieg der Welten

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 10. Juni 2010. Der Krieg ist ein akustisches Phänomen. Bombenhagel, Schüsse, Pferdegalopp und Hundegebell werden von den Schauspielern am Mikrofon imitiert. Im weißen Hemd und schwarzen Frack sitzen sie als Chor der Geräuschemacher auf der Bühne. Zu hören ist die Schlacht vor Troja. Dort kämpfen Griechen, Trojaner und die Amazonen. Kleist lässt seine Figuren in Botenbericht und Teichoskopie davon erzählen. Roger Vontobel fügt der verbalen noch eine klangliche Mauerschau hinzu.

Schneise im Zuschauerraum, Arena auf der Bühne

Das klingt vielversprechend. Einmal auch wie eine Live-Reportage aus dem Kriegsgebiet. Die elektronisch verstärkten Stimmen- und Stimmungsmacher sorgen für sinnliche Qualitäten, halten den Zuschauer allerdings gleichzeitig auch auf Distanz. Wer sieht, wie Geräusche fremderzeugt werden, fürchtet sie nicht. So wenig wie der TV-Zuschauer die Bilder von fernen Katastrophen. Vontobel spielt in seiner "Penthesilea"-Inszenierung mit den formalen Mitteln des Dichters, die Aufführung changiert wie das Stück zwischen vermittelter Darstellung und erschütternd naher Präsenz.

Durch Claudia Rohners Bühne beispielsweise wird das Publikum konkret ins Geschehen mit einbezogen. Quer durch den Zuschauersaal verläuft eine Schneise wie eine Kriegsfront zwischen den Streitkräften. Die Schauspieler laufen durch die Reihen, setzen sich ins Publikum, sprechen Zuschauer an. Auch auf der Bühne ist ein Zuschauerpodest aufgebaut. Eine zweite Front. Oder die gegenüberliegenden Ränge eines Boxrings, einer Kampfarena, in der Penthesilea und Achill wie konkurrierende Stars aufeinandertreffen. Die Helden von heute sind Sportler oder Bandleader.

Durchlässige Geschlechterkräfte

"Heil dir, Achilleus!" grölen die Männer in Rammstein-Manier ihrem Anführer zu. "Who's the queen?" besingen die Amazonen ihre Königin. Frack und Hemd haben sie mittlerweile alle ausgezogen, im ärmellosen Shirt ziehen sie in die Schlacht. Jana Schulz' muskulöser Oberkörper, dem die Brust abgebunden wurde, macht die Opposition von Mann und Frau durchlässig. In ihrer Penthesilea windet sich von Anfang an das unbändige Tier, das am Ende den geliebten Achill zerfleischen wird. Ihr Blick von unten aus wachen Augen ist der eines Gefahr witternden Hundes. Stets bereit zum tödlichen Biss.

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"Penthesilea", Jana Schulz und Markus John © A.T.Schaefer

Und doch hat diese Penthesilea auch etwas Infantiles, trotzig wirft sie sich Achill in den Weg. Der hat bei Schauspieler Markus John allerdings etwas Unumstößliches. Nicht nur aufgrund seinr Statur: Johns Achill verleiht auch einem ausgewogenen Verhältnis von Brutalität und Zärtlichkeit eine unverkrampfte Standfestigkeit. Fast beiläufig und fast überhörbar spricht er den Satz "Sag, dass ich sie liebe", und doch haftet ihm eine erschütternde Unbedingtheit an.

Distanz, Nähe und spürbare Gewalt

Penthesilea tötet, weil sie an der Liebe scheitert. Eigentlich aber ist Vontobels Inszenierung vor allem laut und rockig. Der Schlagzeuger und der E-Gitarrenspieler schaffen eine Atmosphäre auf Konzert-Niveau, die Griechen und Amazonen ziehen in die Schlacht mit Rufen wie "Rosen für die Scheitel unserer Helden oder Zypressen für die unseren!", "Auf geht's!". Doch die Szene der Zweisamkeit zwischen Penthesilea und Achill lässt der Regisseur als stillen, intimen Moment spielen.

Im Videobild sind die Gesichter der beiden Liebenden im Großformat zu sehen. Und da ist gut zu erkennen, dass die Amazonenkönigin vor ihren eigenen Gefühlen zurückschreckt. Den mörderischen Hass wird sie später nicht unterdrücken können. Ihre Schreie werden zum Gebell, in einem hysterischen Anfall würgt sie die tierischen Laute heraus. Die fremderzeugten Geräusche vom Beginn sind bei Penthesilea nun einverleibte. Die Mauerschau ist Körperdrama.

Auch wenn Vontobels spielerisch-musikalischer Umgang mit Kleists Trauerspiel manch tragischen Tiefgang übertönt: sein Wechselspiel zwischen Distanz und Nähe überzeugt. Penthesilea, die gerade noch sicht- und hörbar zur blutrünstigen Furie geworden ist, geht für ihren eigenen Tod einfach von der Bühne. Wie viel bebilderte, hörbare Gewalt und Leidenschaft der Zuschauer an sich heranlässt, liegt bei ihm selbst.


Penthesilea
von Heinrich von Kleist
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Claudia Rohner, Kostüme: Dagmar Fabisch, Musik: Murena, Erol Dizdar, Sounds: Hans-Peter Gerriets, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Nicola Bramkamp.
Mit: Jana Schulz, Julika Jenkins, Marlen Diekhoff, Julia Nachtmann, Marie Seiser, Markus John, Heiko Raulin, Martin Wolf, Sebastian Urzendowsky.

www.ruhrfestspiele.de
www.schauspielhaus.de

 

Mehr zu Roger Vontobel: für seinen "Peer Gynt" wurde er jüngst beim NRW-Theatertreffen mit dem Preis für die beste Inszenierung ausgezeichnet. Wir besprachen zuletzt Don Carlos, das er im März 2010 in Dresden mit Burghart Klaußner in der Hauptrolle inszeniert hat.

 

Kritikenrundschau

Bei "Penthesilea" setze Vontobel “weniger auf Bilder, denn auf Texte und Töne”, meint Martin Burkert im Deutschlandradio Kultur (10.6.2010). “Er verwandelt das sperrigen Drama in eine Art ‘Canto General’ über Krieg und Liebe, Frauenstaat und Machismo, äußere Gesetze und innere Zerrissenheit.” Einige tragische Momente würden unter den Teppich gekehrt. “Aber das große Problem des Stückes, dass Handlungen und Kriegsgeschehnisse nur ‘reinerzählt’ werden, haben Regie und Ensemble mit dieser musikalischen Inszenierung kräftig und originell in den Griff bekommen.”

Für Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (12.6.2010) ist Vontobels Penthesilea-Inszenierung der Höhepunkt dieser aus seiner Sicht erfolgreichsten Ruhrfestspiele seit Castorf. Vontobel lasse Kleists Sprachkunstwerk "mit sehr verschiedenen, klug eingesetzten Theatermitteln" spielen. Dabei bleibe er nah am Text, und erforsche "den schmalen Grat zwischen Blutrausch und erotischer Verzückung, den inneren Zwiespalt der liebenden Kämpfer." Sympathisch findet der Kritiker auch, das Vontobel gar nicht den Anspruch habe, das spröde Stück neu zu erzählen. "Seine Inszenierung wagt Ferne und Nähe, Brüllen und Flüstern, gibt immer neue Denkanstöße." Besonders großartig sei es, "Jana Schulz direkt in die leicht geröteten Augen zu schauen, die Aufrichtigkeit in ihrem Blick zu sehen, ihren Glauben an die gewalttätigen Riten." Ihr Ideal sei ein Frauenstaat, in dem Sex nur zum Zweck der Fortpflanzung ausgeübt werde und der Mann lediglich ein Samenspende sei. "Man holt ihn sich aus der Schlacht und wirft ihn weg." Und dann sieht Keim das Staunen Penthesileas, ihre Verwirrung über die nicht statthaften Gefühle zu Archill, die dem Denken kraftvoll widersprechen.

Das Stück, schreibt Vasco Boenisch (Süddeutsche Zeitung, 15.6.2010), gelte "gemeinhin als 'unspielbar'". Und "Vontobels Stilmix, mit dem er dem Drama verschiedentlich beizukommen versucht, unterstreicht dies leider eher, als dass er einen Zugang schüfe". Da sei zum einen "das Hörspiel" zu Beginn, dies ein "ein atmosphärisch starker Beginn". Doch da sei auch noch "das Rockkonzert"; viel werde "hysterisch ins Handmikro geschrieen". Ferner sei da: "die Raumergreifung": "Eben noch lief Penthesilea über die Bühne, schon steht sie im Rang, die Griechen klettern durchs Parkett, dann wieder hoch in die Logen. Aktionistische Pseudo-Publikumseinbindung." Fehle nur noch: "die Video-Lovestory". Aus jedem Regietopf würden hier ein paar Zutaten beigegeben, "so hastig vermengt, dass es nur zum Gaumenkitzel reicht". Auch sprachlich werde Kleists Potenzial "längst nicht ausgeschöpft". Und "erst als Achill in seinen letzten, schicksalhaften Kampf aufbrechen möchte, entsteht ein Augenblick der Dringlichkeit. 'Was will ich?!', herrscht Markus John seine Gefolgsleute an (...) – Auch Roger Vontobel sollte sie sich (noch mal) stellen.