Ein Fest für Otti

von Thomas Askan Vierich

Wien, 10. Juni 2010. Am Ende regnete es rote Rosen auf den unumstrittenen Star des Abends Otto Schenk, den alle "Otti" nannten. Herbert Föttinger, der Direktor des Theaters in der Josefstadt, erklärte ihn zum "Theatergiganten", der Kulturstadtrat Mailath-Pokorny zum "Bürger der Stadt Wien". Was natürlich ein Scherz war. Der "Theatergigant" wohl eher nicht. Rudolf Buchbinder brachte dem Geburtstagskind ein Ständchen am Piano, "Rigoletto" in der Bearbeitung von Franz Liszt.

Das Publikum spendete "seinem" Otto Schenk stehend Applaus. Schenk spielte in der Josefstadt in fast sechzig Jahren immerhin 69 Rollen. Er hat hier 29 Stücke inszeniert. Neun Jahre war er sogar Direktor. In diesem Moment war die Josefstadt ganz bei sich, feierte ihren Weltstar und sich selbst. Viele der Premierenbesucher dürften nicht viel jünger als das Geburtstagskind gewesen sein.

Immer zu laut, immer mehr Applaus

Was vorher gegeben wurde, war nicht ganz so stimmig - aber dank guter Schauspieler, allen voran Otto Schenk, zumindest unterhaltsam. Ein Schelm, wer mehr von diesem Abend erwartet hatte. Klaus Pohl, der schon seit 2000 mit Otto Schenk zusammenarbeitet, hat dem Meister ein Stück auf den Leib geschrieben: Karl Meier war mal ein berühmter Dirigent mit hohen Qualitätsansprüchen. Als er während einer Aufführung an der Staatsoper mit der Leistung seines Orchesters nicht zufrieden war, ließ er die Aufführung abbrechen und fing noch einmal von vorn an. Ein Skandal, der zu seinem sofortigen Rausschmiss führte.

Seitdem ist der Maestro dem Alkohol verfallen und lebt unter einer Autobahnbrücke, wo er ein imaginäres Orchester dirigiert. "Immer zu laut", murmelt er. "Ich höre ewig Musik, die keiner spielen kann." Etwas Trost findet er an der nahen Würstelbude. Aber der Inhaber will ihm keinen Schnaps mehr verkaufen, nur eine Burenwurst. "A Wurscht is nix gegen an Durst", murrt Schenk. Es macht Spaß dem bekennenden Musikaficionado, der an allen großen Opernhäusern dieser Welt inszeniert hat, als Sandler beim Brambasieren über das Leben und die Musik, speziell die Oper, zuzuhören.

Zündende Bonmots, kleine Lästereien

Dann wird der Tod einer berühmten Sängerin verkündet, der Meier einmal sehr zugetan war und mit der er gemeinsam legendäre Konzerte gegeben hatte. Die Verstorbene hat verfügt, der Maestro möge ihr Abschiedskonzert dirigieren. Ein Impresario (Gideon Singer) wittert das große Geschäft, ebenso die Verlobte (Therese Lohner) des Sohnes der Verstorbenen (Michael Dangl). Nur der ist dagegen. Er ist erfolgloser Komponist und möchte endlich aus dem Schatten seiner Mutter heraustreten und den Abend selbst dirigieren. Man redet es ihm aus und findet den Sandler, der sich zunächst auch weigert wieder den Stab zu schwingen. Doch die schönen Augen der Verlobten überzeugen ihn, und er setzt sich mit dem Sohn zusammen, um ein wenig zu üben.

Das gibt weitere Gelegenheiten für Otto Schenk. über den Musikbetrieb zu lästern: "Die Musikindustrie ist eine Verletzungsmaschine!", tönt er. Das hätte auch von Thomas Bernhard sein können. Der Sohn wirft ihm vor, sich zu drücken: "Er kann es noch und tut es nicht. Das ist eine Schweinerei!" Er selbst würde gerne, kann aber nicht: "In meiner Brust ist ein riesiger Anspruchskasten, der wird immer größer und erstickt mich!" Aber für ein paar angespielte Gassenhauer aus dem Repertoire der sogenannten ernsten Musik reicht es noch. Michael Dangl kann am Klavier beweisen, dass er nicht nur ein prächtiger Schauspieler ist, der es mit dem "Theatergiganten" Schenk locker aufnehmen kann, sondern auch ein versierter Musiker. Was er da spielte, war live!

Aber wo steckt der theatralische Dreh?
So plätschert der Abend musikalisch begleitet vor sich hin. Schenk darf noch weitere Boshaftigkeiten von sich geben wie "Nur Dilettanten haben Spaß bei der Arbeit" oder "Wer übt, hat's nötig". Doch die Aneinanderreihung noch so treffender Bonmots ergibt noch keine Dramatik. Hier liegt der große Schwachpunkt des Abends. Nachdem man den unwilligen Maestro überreden konnte, läuft eigentlich alles glatt dem erwartbaren Ende zu: Meier dirigiert das Abschiedskonzert und alle sind zufrieden. Wer eine Pointe, irgendeinen theatralischen Dreh erwartet hatte, wird enttäuscht. Aber die meisten hatten wohl gar nicht mehr erwartet. Ihnen genügt, wenn Schenk den Papageno mimt. Dazu braucht er nur ein paar angedeutete Handbewegungen und Tanzschritte. Das ist schon großartig. Aber es ist kein Theater, eher Kabarett.

Weniger großartig war die Aneinanderreihung von Klischees zum Geniekult. Die Figur des gefallenen Dirigentenstars bezog deutliche Anleihen bei Beethoven, ohne dass man Otto Schenk in dieser Rolle das Genialische wirklich abnahm. Auch nicht, als er dämonisch von unten beleuchtet so tat, als würde er die Ouvertüre aus "Coriolan" von Beethoven dirigieren. Das war dann noch nicht einmal gutes Kabarett. Aber sei's drum: Wir sind an der Josefstadt, da hängen die künstlerischen Ansprüche nicht ganz so hoch wie anderswo. Unterhaltsam war es allemal und dank Michael Dangl auch keine reine One-Man-Show für Otto Schenk.

 

Einmal noch (UA)
von Klaus Pohl
Regie: Klaus Pohl, Bühnenbild und Kostüme: Rolf Langenfass, Licht: Manfred Grohs.
Mit: Otto Schenk, Michael Dangl, Therese Lohner, Gideon Singer, Peter Moucka, Eva Mayer.

www.josefstadt.org

 

Mehr zu Otto Schenk: Im November 2008 spielte Schenk in der deutschsprachigen Erstaufführung von Lionel Goldsteins Halpern & Johnson im Theater in der Josefstadt.

 

Kritikenrundschau

Aus Sicht von Barbara Petsch in der Wiener Tageszeitung Die Presse (12. Juni 2010) hätte Otto  Schenk zum Achtzigsten etwas Besseres als diesen Text verdient, der, wie sie schreibt, "mittelmäßig begabt" Thomas Bernhard parodiere, über weite Strecken jedoch nur die Zeit totschlage. "Im Grunde verbietet sich bei so einem Anlass ja Kritik, aber ehrlich sollte man schon sein, sonst ist auch das Lob entwertet," schreibt die Kritikerin auch. Schenk, der anfangs etwas müde auf sie wirkt, steigere sich "im Laufe des Abends und entzückt wohl nicht nur seine vollzählig versammelten Freunde und Fans. Als Alkoholiker wirkt er naturgemäß etwas unglaubwürdig, als Verzweifelter begeistert er umso mehr – und vollends als Dirigent. Das Bild, wie Karl Meier, der frühere Sandler, sich noch einmal entschließt, für die verehrte und 17 Jahre lang vergeblich geliebte Diva das Pult zu erklimmen, wird man niemals vergessen: die rundliche, vertraute Gestalt, die sich halb im Schatten, halb im Licht, langsam im Kreise dreht – Wunder des Theaters."

Von einem "furchtbar konstruierten Stück" und einer platten Geschichte spricht Isabella Pohl im Wiener Standard (12. Juni 2010). Autor Klaus Pohl habe dem Abend auch als Regisseur nicht zu Esprit oder gar Witz verhelfen können. "Man verbringt einige zusammenhanglose Dialogszenen, denen offenbar noch auf dem Manuskriptblatt die Luft ausgegangen ist, auf der von Rolf Langenfass zubetonierten Bühne." Winzige Lichtblicke sind der Kritikerin einzig den raren Momenten geschuldet, in denen Otto Schenks Schauspielervirtuosität aufblitzen darf.

 

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