Mit Hammer, Messer und Benzin

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, 11. Juni 2010. Es gibt genug Männer, die ihr aus der Hand fressen. Aber nein, Irina muss unbedingt Jewgenij, einen Mörder, lieben, der im Knast sitzt, weil er seine Frau zu Tode geprügelt hat. "Er ist unschuldig", sagt Irina und lächelt dazu wonnig. Das Publikum erfährt alsbald exklusiv, was Irina nicht weiß: Kaum draußen, will Jewgenij Irina lediglich um 60.000 Dollar berauben und danach zügig erschlagen. Pass bloß auf, möchte man ihr als Zuschauer zurufen – wie einst im Kasperltheater, wenn das böse Krokodil naht.

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© Patrick Pfeiffer

"Irina - Eine Friseuse" heißt dieses Drama von Sergej Medwedew, das 2008 beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens den Preis "Theatertext als Hörspiel" gewann und als solches 2009 für den ARD Online Award nominiert wurde. Das Landestheater Tübingen, das ein Faible für russische Gegenwartsdramatik pflegt, präsentiert nun zwei Medwedjew-Stücke an einem Abend: die deutschsprachigen Erstaufführungen von "Irina - Eine Friseuse" und "Die Kröte".

Eisberge der Liebe
Gleich vorweg: Medwedews Humor ist liebevoll – und gleichzeitig bitterböse, pechschwarz. Seine Geschichten sind so absurd wie die von Daniil Charms, so chaotisch wie die von Jewgeni Grischkowez. Sergej Medwedew (Jahrgang 1960), studierter Radiophysiker aus der Millionenstadt Rostow am Don, war zunächst als Ingenieur beim Militär tätig und textete für Rockgruppen wie "12 Volt" und "Net". Seit 1995 ist er Journalist, zur Zeit Chefredakteur der Zeitschrift "Kto glavnij". 2006 begann er, auch Theaterstücke zu schreiben.

In Tübingen führt die Übersetzerin Elina Finkel Regie: Sie verschärft Medwedews Plot zur schnellen Farce und spickt ihn dezent mit Bad-Taste-Perücken und kleinen Absurditäten. Nadia Migdal spielt die Provinzfriseuse Irina angenehm klischeefern: nicht als naive, passive Transuse mit Helfersyndrom für Schwerverbrecher, sondern als aufgeweckte junge Frau, die einem zudringlichen Liebhaber auch schon mal die Kehle aufschlitzt - "nur in Gedanken natürlich".

Doch Irinas Vorort-Angebot an Männern ist wenig berauschend: ein öliger Richter (Udo Rau), ein egozentrischer Konzeptualist (Martin Schultz-Coulon) und ein viel zu netter Feuerwehrmann, der allerliebst zur Klampfe von "Eisbergen der Liebe, huhuhuu" singen kann (Karlheinz Schmitt). Kein Wunder, dass Irina, wie ihre Namensvetterin in "Drei Schwestern", da wegwill: So verpflanzt Medwedew das Tschechowsche Sehnsuchtsmotiv "Nach Moskau" ziemlich gnadenlos ins Heute.

Parabel über ein Land, dass sich immer mit dem Falschen einläßt
Bis Jewgenij (Martin Maria Eschenbach) auftaucht: Gut, er trifft mit seinem Auftrittssatz ("Na, Täubchen, bei der Arbeit?") nicht die hochgesteckten Erwartungen Irinas und sieht in seinem Vorstadtrocker-Look mit Vokuhila-Frisur nicht wirklich inspirierend aus. Doch er hat Sekt dabei. Und ein Motorrad. Dann geht es ganz, ganz schnell und brutal zu Ende – laut Textoriginal bringt Jewgenij sein Opfer Irina in einem Gewaltexzess mit Hammer, Messer und Benzin (beinahe) ums Leben, was die Regie nur stilisiert andeuten lässt.

Finkels Inszenierung überträgt diese Irina damit auch von einer Theatersprache in die andere – von der emotionalen, härteren Lesart des russischen Originals in die vielfach gebrochene, verfremdete Spielart des deutschsprachigen Regie-Theaters. Eine Übersetzung in doppeltem Sinne. Eine gute Arbeit. Keine Plattheiten über die "russische Seele". Sondern eher eine Parabel – über ein Land, das sich immer wieder mit den Falschen einlässt, um die Übel der Welt zu vertreiben.

Unter dem Firnis der Komik
Ja, und dann "Die Kröte". Eine Paar-Geschichte, die von psychischer Verwahrlosung, Unglück und Langeweile handelt. Die dann plötzlich kafkaesk abdriftet – weil sich die als Kröte beschimpfte Ljudmilla in eine ebensolche verwandelt. Hier schlägt Elina Finkel von vornherein den Ton einer Märchengroteske an. Der spillerige Busfahrer Pawel (mit vorgeschnalltem Fußball-Bauch: Karlheinz Schmitt) und die übergewichtige Ljudmilla (resolut: Nadia Migdal) öden sich an. Bis Ljudmilla zur grünlich-fetten Kröte mutiert – und fortan nur noch "quak" von sich gibt.

Finkel lockert die etwas eindimensionale Geschichte mit leicht aufgekratztem Sitcom-Tonfall auf. Die Hilflosigkeit der Umwelt angesichts von Ljudmillas Wandlung wird vor Augen geführt: Wohin mit der Kröte, ins Krankenhaus einliefern, in den Zoo abschieben oder einfach einen Pappkarton drüberstülpen? Auch der Arzt ist irritiert: "Die Geschlechtsorgane habe ich auch nicht gefunden." Und jedes "quak", das die feiste Kröte unterm zierlichen Goldkrönchen hervorstößt, klingt wie ein Vorwurf.

Doch unter dem Firnis der ideenreich variierten, bizarren Situationskomik erzählt Elina Finkel noch etwas: Wie sich ein gefühlstotes Frustpaar neu kennen, schätzen und lieben lernt. Aber das ist eine ganz andere, eher leise und unspektakuläre Geschichte.

 

Irina - Eine Friseuse / Die Kröte (DSE)
von Sergej Medwedew
Deutsch von Elina Finkel
Inszenierung: Elina Finkel, Ausstattung: Gitti Scherer, Dramaturgie: Christiane Neudeck.
Mit: Martin Maria Eschenbach, Nadia Migdal, Silvia Pfändner, Udo Rau, Karlheinz Schmitt, Martin Schultz-Coulon.

www.landestheater-tuebingen.de

 

Mehr lesen? Sergej Medwedews Stück Eine Friseuse wurde in deutscher Sprache als szenische Lesung zuerst im Rahmen des Stückemarkts des Theatertreffens 2008 präsentiert – mit Birgit Minichmayr als Irina.

 

Kritikenrundschau

Was sich in der Inhaltsangabe vielleicht anhöre "wie ein arte-Drama, kommt als leichtfüßig groteske Sommerkomödie mit Killerfaktor daher: Erzähltheater im Spannungsfeld zwischen Komik und Verbrechen. Das die absurden Seiten der Liebe vorführt und das alte Klischee auf die satirische Spitze treibt, nach dem sich die Frauen immer die größtmöglichen Idioten aussuchen", schreibt Kathrin Kipp im Online-Auftritt der Südwest Presse (14.6.2010) über Medwedjews "Friseuse" am LTT. Noch absurder komme "Die Kröte" daher, eine "Mischung aus kafkaeskem Komödienstadl, psychedelischem Ohnsorgtheater und Alptraumslapstick mit durchgeknallten Figuren, grotesken Verwicklungen und viel künstlicher Turbulenz im Plattenbau".

"Erfrischend, temporeich und mit ausgeprägtem Sinn fürs richtige Timing" habe Elina Finkel "Die Kröte" inszeniert, meint Christoph B. Ströhle im Reutlinger General-Anzeiger (14.6.2010). Ausstatterin Gitti Scherer habe "die quadratische Drehbühne in eine Spießeridylle verwandelt, in der alles möglich ist, das Absurde wie das Poetische und das brüllend Komische." In "Irina - eine Friseuse" nehme hingegen "rasant und schwarzhumorig das Unheil seinen Lauf, offenbart die Romanze unter der makellosen Schale ihren realen und brutalen Kern." Zwar fielen die Figuren "durch die Bank etwas holzschnittartig aus", doch gelinge es den Darstellern durchweg, "sie mit Leben zu füllen".

 

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