Mäd Mäx oder die dunklen Seiten der Anderen

von Marcus Hladek

Mainz, 11. Juni 2010. "Text trifft Regie" lautet das Arbeitsprinzip der seit 2006 ausgetragenen Autorentag-Reihe des Staatstheaters unter Intendant Matthias Fontheim. Für eine knappe Probenzeit von wenigen Tagen werden junge Regisseure auf Werke junger Dramatiker angesetzt, um deren Stücke an einem einzigen langen, angenehm erschöpfenden Tag der zu Boden flatternden Strichfassungsblätter an allen möglichen und unmöglichen Spielorten im Haus inoffiziell aufzuführen.

Im Vorjahr prämierte die Jury Tondls Lebenslügen-Drama als bestes Stück, behielt den bislang dazugehörigen Regiepreis hingegen der Inszenierung eines anderen Werkes vor und gab diesem Urteilsspruch die Anregung bei, Autorin Claudia Tondl und Regisseur Luzius Heydrich möchten "Leben Lügen Lagern" für die damals beschlossene, nun erfolgte Mainzer Uraufführung, nämlich im kleinen Werkraum "TiC", noch etwas ausarbeiten.

Tödlicher Erlöser
Claudia Tondls Stück erfindet dem ergiebigen Großthema Lebenslügen eine originelle Form, und führt, wie es die Jury ausdrückte, interessante Stufen der Realitätsverweigerung vor. In den Mittelpunkt stellt sie die Psychopathen- und Tricksterfigur Max (Stefan Graf im Sergeant-Pepper- oder Portiers-Jäckchen mit Kassenbrille). Max führt ein Self-Storage-Lagerhaus, löscht eines Tages aber alle Lichter und bringt die vier mit ihm Eingeschlossenen als tödlicher Erlöser nacheinander um – nicht ohne sie mit sanfter Überredung zuvor zur Suche nach ihrem "wahren Moment" zu motivieren.

Seinen Namen lässt der Mann mit dem Gespür für die dunklen Seiten der anderen extrabreit wie "Mäx" aussprechen, wohingegen der des Herrn Loser, eines zweifelhaften Geschäftsmanns und arroganten Poseurs (Jan-Philip Frank im hellen Anzug mit einer Aktentasche so weich wie Dalís Uhren), der den Macker heraushängen lässt und Verachtung ausstrahlt, den englischen "Verlierer" verleugnet und jemanden aus sich macht, bei dem bloß etwas "lose" ist.

Innige Liebe zu einem Weihnachtsstern
Dann gibt es da noch die Möchtegern-Schauspielerin Vivi (Verena Bukal), die vom großen Durchbruch träumt und von einem Seminar ins andere rennt, ihre überspannten Müsli-Attitüden mit der getrübten Erinnerung an einen nie gewesenen Bühnenerfolg überspielt und sich ansonsten der innigen Liebe zu ihrem Weihnachtsstern ergibt – ein Requisit mit einem Hauch "Little Shop of Horrors".

Komplettiert wird die Personenliste vom lesbischen Pärchen Melli und Bea, deren eine etwas gesetzter kostümiert ist und alleweil zaudert, ob sie den Notanker ihrer Ehe endgültig aufgeben soll oder nicht (Johanna Paliatsou als Melli), während die andere ihr genau dies zum Vorwurf macht und in der eigenen Kostümierung so etwas wie den provokanten Reiz ihrer Jugend ausspielt (Tatjana Kästel als Bea).

Die Bühne von Carola Volles strahlt die Enge eines Heizungskellers aus. Die erst eifrig mit Kreide beschrifteten und bemalten Wände, die sich vor dem Publikum hinziehen, werden später von schwenkbaren Tafeln, die an schweren Metallrohren hängen, ersetzt. Ein Durchgang führt zu einer hinteren Ebene: dem tödlichen Nirwana des mörderischen Heilsbringers.

Parabolische Groteske
Legt ganz zu Anfang jede Figur in Kreideform ein öffentlich gezeichnetes Selbstbild ab (Melli und Bea als Namenspaar im Herzchen, Vivi auf ihrer stilisierten Traumbühne, Loser mit Doktortitel über einem großkotzigen Bewerbungsschema), so erfolgt die jeweilige Erlösung der Figuren vom "falschen" Selbst durch den sie abmurksenden Mäx hernach symbolkräftig über surreale Dialoge und ominös-dunkle "Himmel-und-Hölle"-Felder auf dem Boden.

Tondls parabolische Groteske entfaltet in Heydrichs Inszenierung im Verlauf von siebzig Minuten ein makabres Flair im Stil des Menschenfresserfilms "Delikatessen" und zeigt wunderbare surreale Momente, so sehr Stimmung und Thesenhaftigkeit des Stücks auch gelegentlich an Stücke von Mrozek, Gombrowicz, Dürrenmatt oder Peter Weiss' Ungang mit Formen der Groteske erinnern mögen.

Bei Claudia Tondl prallen die holzschnittartigen Figurentypen mal explosiv, mal verspielt aufeinander und dürfen unter dem Dauerklang einer ewiggleichen Tangomusik so lange zappeln und die dunkel-fantastische Realität des Geschehens in die Schwebe bringen, bis "Mäx" sie einkassiert und endlagert wie einen Totenkopf des Doktor Hannibal Lecter. Ein gelungenes Stück in geglückter Uraufführung.

 

Leben Lügen Lagern (UA)
von Claudia Tondl
Regie: Luzius Heydrich, Raum und Kostüme: Carola Volles, Dramaturgie: Barbara Stößel.
Mit: Stefan Graf, Verena Bukal, Jan-Philip Frank, Johanna Paliatsou, Tatjana Kästel.

www.staatstheater-mainz.com

 

Mehr lesen? Claudia Tondl, 1980 in Wien geboren, studierte Anglistik und Psychologie, ließ sich zur Werbedesignerin ausbilden, bevor sie ins Dramatikerfach wechselte. Luzius Heydrich, 1982 in der Schweiz geboren, absolvierte ein Regiestudium an der Berliner Ernst-Busch-Schule, war Regieassistent an der Berliner Schaubühne und inszenierte im Januar 2009 unter anderem am Theater Freiburg eine Theateradaption von Chimos Banlieu-Love-Story Sagt Lila.


Kritikenrundschau

Claudia Tondls "Leben Lügen Lagern" sei "theoretisch ein Coup, ein Stück über das große Alles oder Nichts des Lebens und noch dazu ziemlich mysteriös und spannend", meint Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (14.6.2010). Doch wenn sich darin die in einem Boxen-Lager eingeschlossenen Menschen "tummeln, langweilen, entlarven, schikanieren, sagen sie praktisch nichts von Interesse. Das könnte Konzept sein, aber bei der Uraufführung im Mainzer Tic erweist es sich dann als ein tödliches für dieses Stück, dessen Figuren dem Versandhandel für das moderne Drama zu entstammen scheinen". Regisseur Luzius Heydrich immerhin mache seine Sache "leichthändig", unterstützt "vom Schwung des Mainzer Ensembles. Aber im Kreide-Malen, Abendlied-Singen, Rangeln, Toben und Duellieren entsteht doch auch wieder der Eindruck von Austauschbarkeit, Zeitvertreib und unausgesprochener Ratlosigkeit."

Claudia Tondls Stück zeichne sich "durch starke Gesten, schlagfertige Dialoge, raffinierte Ideen, sowie ein vielleicht zu rasches Ende aus", schreibt Janinia Plato im Wiesbadener Kurier (14.6.2010). Nicht umsonst habe das Werk den Preis für das beste Stück bei dem Wettbewerb "Text trifft Regie" gewonnen: "Die Vorschusslorbeeren für das nun erstmals aufgeführte Theaterereignis sind durchaus berechtigt, auch wenn man sich als Zuschauer an der einen oder anderen Stelle noch einen Tick mehr Tiefgang und Überraschungen gewünscht hätte. Das raffinierte Szenario lebt schließlich von Spontanität, Emotionen und der wohl bis zum Ende unbeantworteten Frage 'Was passiert jetzt?'" Luzius Heydrich gelinge es - "beklemmend, rasant und dennoch äußerst humorvoll" -, "durch einfache und doch aussagekräftige Mittel unsere heutige Gesellschaft in ein nachdenkliches Licht zu rücken".

In der Frankfurter Neuen Presse (15.5.2010) meint eine Stimme mit dem Kürzel mur, dies sei ein "kompliziertes, psychologisch verzweigt konstruiertes Stück, das dem Zuschauer Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen abverlangt". Die Autorin wisse "aber auch um komödiantische Wirkungen", "Panik und Phobien wechseln mit Phasen der Trostlosigkeit, der Aggression und Euphorie, aber auch der Situationskomik und einer gewissen Mystik". Das jugendliche Ensemble der Inszenierung könne dabei "aus den differenziert konzipierten Rollen Kapital schlagen". Und zum Finale geben es "eine dichte, sehr sensible Szene" zu erleben, "die den Zuschauer im Dickicht der Seelenwindungen berührt".

 

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