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Verloren im illyrischen Trümmerland

von Bernd Mand

Mannheim, 12. Juni 2010. Blanke Holzdielen sind es, die einem letztendlich im Gedächtnis bleiben. Ein warmes rotbraunes Holzbett über dessen Nuten sich ein schweres Theaterschiff geschoben hat. Ein Schiff mit großem Namen und höchstwahrscheinlich ebenso großen Wünschen. Burkhard C. Kosminski hat Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" am Mannheimer Nationaltheater über die Bühne gezogen und wohl zumindest auf dem unschuldigen Boden die eine oder andere Kerbe hinterlassen.

Die Anstrengung des Unternehmens spürt man dabei in fast jeder Sekunde des knapp über zwei Stunden dauernden Abends, der am Ende ein recht liebloses Päckchen geschnürt hat und es den ratlosen Zuschauer mit nach Hause tragen lässt.

Offene Versuchsanordnung mit performativen Ansätzen
Die unsichere Seefahrt beginnt, aber das ist nun einmal der Vorlage geschuldet, bereits mit einem Schiffbruch. Viola strandet, getrennt von ihrem Zwillingsbruder Sebastian, an der Küste von Illyrien. Als Mann, Cesario, verkleidet begibt sich Viola in die Dienste des Grafen Orsino, der den Neuzugang an seinem Hof zur Werbung um die Hand der Gräfin Olivia einsetzt. Ausgangspunkt für ein folgenreiches und heftig schlitterndes Verwechslungsspiel.

Kosminski hat ordentlich am Originaltext in der Übersetzung von Rainer Iwersen gestrichen. Selbstbewusst rafft die Inszenierung die Handlung zu einem überschaubaren Grundgerüst und versetzt die originären Textpassagen mit umgangssprachlichen Ergänzungen. Immer wieder bricht auch der englische Text in die Handlung ein und setzt linguistische Markierungen. Eine grundsätzlich spannende Versuchsanordnung, die sich allerdings nicht recht erschließen will.

Unklar und beliebig wirken die sprachlichen Wechselspiele, die sich nicht konsequent in der szenischen Umsetzung wieder finden lassen. Während auf der einen Ebene Shakespeare gespielt wird, demontiert man auf einer anderen das Schauspiel durch demonstratives Verlassen der eigenen Rolle und springt kurz darauf ohne ersichtliche Konsequenz unvermittelt ins englische Zitat. Unentschlossen wankt der Abend hierbei zwischen klassischem Sprechtheater und offenen, fast schon performativen Ansätzen, die sich stark über schauspielerische Behauptungen transportieren sollen.

Tragische Untiefen, starke lyrische Bilder
Keiner der beiden Spielformen scheint man aber allzu sehr zu vertrauen und flüchtet sich oft übereilig in spröde Boulevardimitationen, die künstlich und unverbindlich in der Luft hängen bleiben. Versucht allerdings gleichzeitig den tragischen Untiefen der Geschichte gerecht zu werden, was zum Ergebnis eine lose Aneinanderreihung von teils starken lyrischen Bildern wie Orsinos Dusche im Nieselregen oder den rezitierenden Narr auf der Schaukel hat, die einem die Antwort auf die Frage nach ihrer Herkunft allerdings schuldig bleiben.

Im düsteren Bühnenraum, der stark an einen übergroßen, vernachlässigten Heizungskeller erinnert verzichtet man weitestgehend auf Requisiten und Dekor, sondern setzt viel auf die räumlichen Veränderungen der mobilen Bühne. So verengt sich die Bühne zu einem schmalen Steg beim ersten Zusammentreffen von Cesario und Olivia, öffnet sich später weit in den Bühnentrum hinein, wie ein Guckkasten mit offenem Verdeck, und verbietet sich auch nicht die obligatorische schräge Ebene kurz vor der finalen Auflösung.

Das alles wirkt ausgestellt und mechanisch. Und meist ohne konkreten Bezug zur Handlung. Die Stimmung der Inszenierung wird durch einen elektronisch wabernden Soundtrack gesetzt, der immer wieder mal einsetzt und, wie die allgemeine Spieltemperatur des Abends, stets auf beständig niedriger Stufe eingestellt ist. Vieles verschwindet dabei unter einer seltsam unehrlichen scheinenden Schutzschicht. Ungenau wirken auch die Auflösungen vieler Szenen.

Und die alte Geschichte um Liebe und Verwirrung?
So stürzen sich Olivia und Sebastian im letzten Drittel der Inszenierung liebestoll in denselben Graben, den kurz vor zuvor Tobias von Rülps und Fabian benutzt haben, um den vermeintlich irren Malvolio ins Verlies zu sperren. Und man fragt sich schnell bei diesem gespreizten Trümmerspiel, wer denn nun die alte Geschichte um Liebe und Verwirrung eigentlich erzählen wollte. Auf der Bühne scheint das jedenfalls keinem ein rechtes Anliegen zu sein.

Bis auf Sven Prietz, der den Malvolio mit starker Haltung und glaubwürdigem Respekt vorstellt, und Edgar M. Böhlke als herrlich versponnenen Narren. Verloren bewegen sich die Figuren ansonsten in diesem hölzernen Stellungsspiel, das sich bis zum Ende nicht entschließen kann, ob es mit dem komödiantischen Hammer ordentlich auf die Balken hauen will oder sich doch lieber inwendig der illustrativen Psychologisierung der Beteiligten widmen möchte.

Und den Zuschauer äußerst unschön auf Abstand hält.

 

Was ihr wollt
von William Shakespeare
Deutsch von Rainer Iwersen
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Ute Lindenberg, Dramaturgie: Jan-Philipp Possmann.
Mit: Sabine Fürst, Dascha Trautwein, Peter Pearce, Edgar M. Böhlke, Reinhard Mahlberg, Klaus Rodewald, Sven Prietz, Gabriela Badura, Anke Schubert, Taner Sahintürk und Matthias Thömmes.

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Mehr zu Arbeiten von Burkhard C. Kosminski im nachtkritik-Archiv, dessen Bestände das Glossar systematisiert.


Kritikenrundschau

"Von selbstherrlicher Staatsgewalt, vom Ordnungsvakuum der Tagespolitik" erführen wir nichts, und auch "der romantischen Liebe scheint Kosminski, Realist, der er nun mal ist, zu misstrauen", schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (14.6.2010). Kosminskis "Was ihr wollt" sei "vor allem eines: (...) nämlich ein Heidenspaß." Sei "die opulente Bühnenmaschine Florian Ettis erstmal in Gang gekommen, lässt uns ein 'traumhafter' Ensembleabend manch kleine Unsauberkeit schnell vergessen. In Kolorit und Bewegungssprache setzen Regie, Bühnenbild und die feinsinnigen Kostüme Ute Lindenbergs auf eine Ästhetik, die Inszenierungen Achim Freyers und Robert Wilsons, abgeschmeckt mit etwas 'Cabaret', gewürzt mit einer Kino-Prise 'Adams Family', zu einer erotischen Clownerie verquickt. Auf den Originalitäts-Oskar braucht man darob nicht zu hoffen, aber neu ist das in der Bildsprache Kosminskis allemal. Und es funktioniert."

Im Bühnenbild von Florian Etti regiere "nicht nur der rechte Winkel, sondern durch die raffinierte Beweglichkeit von Rückwand, Boden und Decke" werde "zudem der Eindruck einer anonym, kalt und finster arbeitenden Gesellschaftsmaschinerie hervorgerufen", schreibt Heribert Vogt in der Rhein-Neckar-Zeitung (14.6.2010). So klar und eindeutig die auf moderne Zeiten bezogene Szenerie auch konturiert ist, so zeigt sie durch die vertikalen Spiegel-Glas-Elemente zugleich labyrinthische Merkmale." Dieser Raum sei "vielleicht der größte Star dieser Inszenierung", die "Großraumtheater mit faszinierenden Bildlösungen" biete. Zugleich lasse der Raum "große Distanzen zwischen den Personen, die zwar Vereinzelung bedeuten, aber auch viel Platz zur Entfaltung der Akteure lassen." Und diese Chance werde "von den Schauspielern weidlich ausgenutzt".

"Die Mannheimer toben", weiß Grete Götze in der Frankfurter Rundschau (16.6.2010) zu berichten. Das Publikum zum Lachen zu bringen, sei "das deutlichste - und keineswegs kleine - Verdienst" Kosminskis. Den tragischen Motiven des Shakespeare-Dramas schenke er weniger Beachtung oder wende sie ins Komische. "Mit Feingefühl" gelinge es dem Regisseur, diese "komischen Elemente des Stückes freizulegen; entsprechend haben es die komischen Rollen bei ihm leichter als die tragischen". Das Ganze ergebe eine "skurrile Shakespeare-Collage, die im Laufe des Spiels an Fahrt gewinnt". Nur Sabine Fürst, die als Cesario "von jedem mal beknutscht, bestiegen und besessen" wird, spiele die Figur "mit einer Ernsthaftigkeit, die im Gegensatz zur überzeichneten Spielart der anderen steht".