Pappköpfe in der Umlaufbahn

von Guido Rademachers

Düsseldorf, 13. Juni 2010. Irma und ihr neuer Lover, Herr Kleinmann, himmeln sich auf leicht schräger Spielfläche an, einer großen rechteckigen Platte, die auf kaum sichtbaren Pfosten über der schwarz ausgelegten Bühnenmulde des Düsseldorfer Kleinen Hauses zu schweben scheint, und mampfen Butterbrote. Mit Schinken und Gurken und mit Liebe geschmiert. "Her mit dem schönen Leben", schmatzt Irma mit vollem Mund. Ende der Aufführung. Black.

Schon 90 Minuten zuvor, am Beginn der Vorstellung war man eigentlich genauso weit und das Glück beinahe vollkommen. Da packte Herr Kleinmann nach einer ersten Liebesnacht Irmas Butterbrote in seine Aktentasche und verließ das Haus, um Arbeit zu suchen. Die Rückkehr sollte etwas länger dauern. Denn was er anstelle von Arbeit fand, waren der prostatakranke Maler Bumbke mit seinen Gespielinnen Mo und Po samt einer Extraportion Ordinärem. Wie ein von seiner Bahn abgekommener Meteorit musste Kleinmann das ihn anziehende Gestirn namens Irma erst in einer Ellipse umkreisen, um aus den dunklen Tiefen des Alls zurückzukehren und doch noch einzuschlagen.

Pimp my text

"Ein bewegter Körper fährt fort, sich in gleicher Richtung und Geschwindigkeit zu bewegen, wenn nicht eine Ursache diese Richtung oder Geschwindigkeit ändert oder aufhebt", lautet das physikalische Gesetz der Trägheit. Lukas Linder funktioniert es in "Die Trägheit", dem Text, mit dem er 2009 den Düsseldorfer Autorenlabor-Preis gewann, zum dramentechnischen Bauprinzip um. Ein wirklich zwingend-stringentes Theaterstück wird aus der Kleinmann'schen Umlaufbahn deswegen nicht.

© Sebastian Hoppe
© Sebastian Hoppe

Zu freundlich-unverbindlich nämlich stehen die einzelnen Szenen jetzt in allerschönster Trägheit nebeneinander. Da helfen bekannte Pimp-my-text-Strategien nur wenig. Etwa wenn der Schweizer Autor, Jahrgang 1984, durch eingeschobene Erzählpassagen Struktur ins konsequenzlose Dialog-Einerlei zu bringen versucht oder eigentlich getrennte Lebensfäden zum großen mystischen Geschichts-Ganzen verknotet. Indem ein Manager beispielsweise kurz vor dem Sprung aus dem Fenster noch eine "Frau im roten Mäntelchen" unten auf der Straße entdeckt, die später Kleinmann als peitschenbewaffnete Domina Mo die Haare ausreißt.

Der Griff in die Puppenkiste

Die Qualität des Textes zeigt sich hingegen beim isolierten Blick auf die einzelne Szene. Linder ist begnadeter Übertreibungsspezialist. Seine lakonisch unsentimentalen, mit kleinbürgerlichen Höflichkeits- und Lebensformeln vollgestopften Dialoge zielen mit beeindruckender Treffsicherheit haarscharf an jeder authentisch klingenden Willensbekundung vorbei. Und treiben jede Situation in die Groteske. "Was mach ich denn jetzt? Was würde meine Mutter sagen, wenn sie nicht vor Jahren schon aus Kummer über ihren missratenen Sohn gestorben wäre?"

Regisseurin Tina Lanik hat den Schauspielern riesige Pappmachéköpfe aufgesetzt und lässt sie zu Trippeln, Zappeln und Mit-den-Armen-Schlenkern treu den Text abliefern. Gigantische Augenlider klappern, und nach Möglichkeit wird alles Gesagte sofort auch in Augsburger-Puppenkisten-Manier demonstriert.

Mit aller Kraft gegen die Zeichen

Die Pappköpfe scheinen für Linders Text der richtige Ansatz, weil so der Gefahr vordergründiger Psychologisierung entgangen wird. Aber der Effekt nutzt sich mit der Zeit ab. Zwar werden die Masken für "ehrliche" Äußerungen abgenommen, in einer solchen Groteske aber wirkt das oft willkürlich. Und auf Dauer ermüdet das mit aller Kraft verübte Anspielen gegen die übermächtigen Zeichen, das schauspielerische Feinheiten weitgehend eliminiert.

Einzig Lisa Arnold als Mo mit ihrem präzisen Clownsspiel zeigt, wie es vielleicht gehen könnte. Aufs Stichwort heult sie los, ärgert sich einen Satz lang aufs Maßloseste, um sich gleich beim nächsten zu langweilen. Das ist unprätentiös und virtuos. Und es deutet etwas an, was der Inszenierung erstaunlicherweise ansonsten vollkommen fehlt: die Lust auf Nummern und Slapstick.


Die Trägheit
von Lukas Linder
Uraufführung
Inszenierung: Tina Lanik, Bühne, Kostüme und Make: Stefan Hageneier, Musik: Rainer Jörissen, Dramaturgie: Christina Zintl.
Mit: Lisa Arnold, Andreas Bichler, Gunther Eckes, Matthias Fuhrmeister, Nadine Geyersbach, Stefan Kaminsky.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Aus dem Düsseldorfer Autorenlabor gingen in der Vergangenheit Stücke wie Nora Mansmanns zwei brüder drei augen (UA Düsseldorf 2008) oder Anne Nathers Im Wald ist man nicht verabredet (UA Zürich 2009) hervor.

 

Kritikenrundschau

Für Lukas Linder, den 26-jährigen Sieger des Autorenwettbewerbs, ist die zehn Jahre ältere Regisseurin Tina Lanik "ein Glücksfall", meint Claus Clemens in der Rheinischen Post (15.6.2010). Aus Linders "skurriler, pfiffig durchkonjugierter Studie der Mittelmäßigkeit" habe Lanik eine "hinreißende Verpuppungsschau" gemacht: "Anderthalb Stunden lang zerren sich die Darsteller in die Extreme des Alltags, mit Ganzkopfmasken, die ihre Rollenfiguren wie zu früh gealterte Kinder aussehen lassen." Der Abend warte zusätzlich mit einem "Kosmos aus fliegenden Schweinen, Puderzucker und Prostata auf", also mit "glänzender Unterhaltung".

Stefan Keim würdigt in der Sendung Mosaik auf WDR3 (14.6.2010) den "Zug ins Groteske" der Inszenierung, die ihn mit Blick auf die Puppenköpfe zuweilen an ein "mit deutschen Schauspielern gemachtes Gastspiel aus Polen" erinnerte. Zudem sei das Stück "sehr literarisch", die "Worte und Sätze" seien "wirklich gedrechselt", gleichzeitig kommen in Linders Text "sehr verschiedene Sprachebenen zusammen", die "eine wirklich faszinierende Einheit ergeben". Bislang, gesteht Keim, habe er die Regisseurin Tina Lanik "nicht gemocht", weil sie "sehr oft zu groben Mitteln" greife; hier aber passe das "Stilmittel der Groteske perfekt". Ihr sei eine "sehr witzige und auch tiefgründige Inszenierung" gelungen.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Lukas Linders Trägheit in D'dorf: pimp my critiquetheo 2010-06-14 12:44
wer in kategorien wie "pimp-my-text" über einen text von jemanden schreibt, der gerade nicht aus einer der langweiligen fördermühlen des szenischen schreibens rausgekotzt worden ist, der hat wirklich wenig bis gar nichts verstanden. die qualitäten dieses textes liegen sicher nicht in nummern und slapstick sondern in der unendliche anstrengung, die es die figuren kostet aus ihren trägen verhaltensmustern auszubrechen - um zum anderen zu gelangen.
wer grobes diagnostiziert und grobes verlangt, dem entgeht die unterliegende struktur eines poetischen textes, der annäherung und abstoßung sowohl derb wie auch zart erfahrbar macht. lieber mal schnell einen jungen autor in die kiste der künstlerisch zu tode geförderten hohepriester der senitmentalität à la Kann, Habermehl, Müller reingekippt als genau hingesehen und -gehört. pimp my critique.
#2 Lukas Linders Trägheit in D'dorf: nackte LeereC. Tillmann 2010-06-14 20:47
Also ich hab das erleben dürfen am Wochenende...und diese Belanglosigkeit auf die Bühne gestemmt zu sehen, hat mich sehr traurig gemacht. Das kann's doch nicht sein, auf dem Theater...
@Theo: Also von "Figuren" zu sprechen, ist bei diesem Text der schiere Hohn. Pappköpfe für Pappkameraden, da hat die Regisseurin schon ein angemessenes Bild gefunden. Und Frau Kann hat wenigstens ein erkennbares Anliegen in ihrem Tun, diesbezüglich herrscht bei diesem Text nurmehr die nackte Leere. Ich erkenne nichts, rein gar nichts essentielles, was dieser Autor in diesem Text verhandelt. Weder thematisch noch emotional. Ein laues Lüftchen von im Kern biederem Humor. Ich finde es haarsträubend, da jenseits von durchaus spielerischer Situationskomik auch nur irgend etwas hineinlesen zu wollen. Und zur Poesie...das kann doch nicht ihr ernst sein, das Stück ist noch nicht einmal so poetisch wie ein "Lustiges Taschenbuch". Dann doch lieber Donald Duck statt Kleinman.
#3 Die Trägheit in Düsseldorf: schlimmUlf Schrein 2010-06-15 02:17
Ganz Ganz grauenhafter Abend!!!
#4 Die Trägheit in Düsseldorf: ein zugespitztes Abbildtheo 2010-06-15 02:42
lieber c. tillmann,
robert walser, robert musil, um nur zwei beispiele zu nennen sind doch vielleicht anerkennenswerte exponenten einer literatur, die ihre wirkung implizit entwickelt. lukas linder ist sicher noch nicht auf der höhe dieser großartigen autoren, aber ihn mit donald duck zu vergleichen läßt zumindest auf eine sehr beschränkte neugier in bezug auf eine neue, originelle stimme schließen. was bieder anmutet, kann unter umständen ein grotesk zugespitztes abbild eines gutmütigen-naiven innenlebens einer kunstfigur sein, die den zustand einer unübersichtlichen gesellschaft kondensiert in sich trägt.
wem sich angesichts solcher gedanken die haare sträuben, der ist sicher besser aufgehoben beim 1:1 oder besser null zu null einer jk, die wohl ernsthaft glaubt schlimme, schlimme jugendprobleme in einer ideenlosen sprache auf die bühne "stemmen" zu können.
#5 Die Trägheit in Düsseldorf: einfach großartigSorryforbeingbornafter1980andtryingtodealwithmyreality 2010-06-15 02:54
Ich bin zutiefst getroffen von diesen vernichtenden Bemerkungen zu dem gestrigen Abend, von der Kritik an sich mal ganz zu schweigen. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Der Abend war sowohl von Regie, als auch vom Text her einfach großartig. Dieser Theaterabend hat mich berührt und interessiert.
Und was sollen eigentlich Vergleich und Rumgehacke auf dem "Lustigen Taschenbuch"? Hierzu empfehle ich Ihnen Band Nr.137 "Das Güldene Faß". Eine Bildungsreise mit Donald und Dagobert durch die italienische Geschichte, untermalt von besten Zeichnungen und Dialogen. Dort erfuhr ich mit 7 Jahren, wer Dante Alighieri war.
Hierzulande darf man auf einem wissenschaftlichen Buch bloß kein rosa Schweinchen abbilden, sonst wird man direkt in die Hölle geschickt um da nochmal ganz von vorn anzufangen mit Brandblasen an den Händen und Dumpfbackenschild um den Hals. Mit Texten für das Theater verhält es sich ähnlich. Ich trauere jetzt weiter und stell mich wieder auf mein Fenstersimschen, den gestrigen Text (so wie ich ihn heute noch erinnere) zitierend: "Einen rechten und guten Appetit, lieber Herr!" - "Quatsch mir nicht ins Essen ,du Schwanz!" Denn darum ging es gestern Abend auf der Bühne und interessanterweise nun auch hier auf dieser Seite.
#6 Die Trägheit in Düsseldorf: ein Hinweistheo 2010-06-15 03:14
ich möchte an dieser stelle auch noch auf die radiokritik von stefan keim in der sendung mosaik hinweisen (zu hören auf der wdr-homepage). auch dieser nicht ganz unbedeutende kritiker hat sehr viel gefallen an text und inszenierung finden können.
#7 Die Trägheit in Düsseldorf: brav, bieder, Donald DuckC. Tillmann 2010-06-15 14:14
@theo: ich finde, es ist hier andersherum: was grotesk anmutet (und ich finde das Groteske an diesem Stück doch sehr maßvoll) kann mitunter stockbieder und sehr sehr brav sein. r. walser, musil, finde ich doch etwas bemüht, diese Vergleiche, jedenfalls nach diesem abend zu urteilen. aber davon abgesehen scheinen sie hier ja in einem regelrechten PR-Auftrag unterwegs zu sein. Ihr letzter "Hinweis" liest sich jedenfalls wie die Pressemitteilung einer Agentur. Nun ja.
@born after 1980 (me too!): Ich habe nicht auf dem "Lustigen Taschenbuch" herumgehackt. Habe ich als Kind gelesen und lese ich sogar auch jetzt noch manchmal, aber nicht für die Bildung, von wegen der Lateinlehrer damals und Asterix und so. Sind oft gar nicht so unpoetisch. Sogar poetischer als das Stück, wie ich finde. Deswegen würde ich wie angedeutet Donald Duck dem Protagonisten dieses Werks als mehrdimensionalere, tiefschichtigere und groteskere Verlierer-Figur vorziehen. Vielleicht sollte man also mal ihren Band Nr.137 "Das Güldene Faß" inszenieren. Für die Bildung, und für die Poesie...:-)
#8 Die Trägheit in Düsseldorf: interessegeleitetes Bashingkleidermann 2010-06-16 17:55
@ c. tillmann: ihr bashing ist mal mindestens genauso interessengeleitet wie alles andere, was hier zu lesen ist. das ist alles so abgrundtief peinlich!
#9 Trägkeit in Düsseldorf: ZitatEichendorff 2010-06-19 17:52
Wie glücklich ist der Mann
Der zu Hause sitzen kann
An des Ofens warmen Fließen
Und seinen Frieden genießen.
#10 Die Trägheit in Düsseldorf: gegen Unterstellungentheo 2010-06-21 12:50
@c. tillmann: Mein lieber Schwan. Ich kann mich gegen derartige Unterstellungen nur verwehren. Es ist eine klassische Figur der Rhetorik ad personam zu argumentieren wenn die sachliche Auseinandersetzung nicht mehr überzeugend geleistet werden kann. Bemüht, interessengeleitet, etc. Was soll ich dazu noch sagen? Wenn Sie Ihre Auseinandersetzung so führen wollen ist es vielleicht am Besten Sie suchen sich jemand Anderen dafür. Ich habe Herrn Keim zitiert um aus der urdeutschen Meinungshuberei rauszukommen und einen ernstzunehmenden Dialog anhand von Argumenten weiterzuführen. Naja.
#11 Die Trägheit in Düsseldorf: holdes Bescheidenf.m. 2010-06-23 13:09
@eichendorff:
"Und wolltest mit Freuden
und wolltest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden."

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