Entertaining Mr. Sigismund

von Andreas Wilink

Köln, 19. Juni 2010. Jürgen Kruse schickt seinen eigenen Kommentar gleich hinterdrein. Ein Stücktitel bedeutet auch nur eine Phrase im unaufhörlichen Gespräch, Note in einer unendlichen Melodie (warum hat der Mann eigentlich nie Wagner inszeniert?) Kruse ist so schnoddrig wie schüchtern, wenn es um die großen Werke geht, um "Macbeth", "Hamlet" oder "Faust". Er bemächtigt sich ihrer scheinbar, aber letztlich unterwirft er sich ihnen – gemäß seiner Methode trial and error. Vielleicht sind ihm deshalb die schmutzigen kleinen Stücke lieber, ein Cassavetes, Shepard oder Kerouac.

Kruse in the sky with diamonds

Zum Spielzeit-Ende inszenierte er am Kölner Schauspielhaus ein Drama, mit dem er sich schon einmal, 2001 in Frankfurt am Main, beschäftigt hat und dessen Name alle Arbeiten des Jürgen Kruse beschreibt: "Das Leben ein Traum" von Calderón de la Barca aus dem spanischen 17. Jahrhundert. Klammernd, kalauernd, konstatierend setzt der Regisseur hinter den Titel ein "(was sonst)". Will sagen: Ist doch klar. Gibt's überhaupt etwas anderes als Einbildungskraft, bei der objektive Realität und subjektives Empfinden variable Masse sind? Der Puls verändert sich, der Kopf schwebt in den Wolken. Kruse in the sky with diamonds. Sein Theater ist eh, wenn es sich selbst in Stimmung bringt, Bewusstsein erweiternder oder trübender Stoff. Manchmal aber bleibt die Droge ohne Wirkung und der Zuschauer ernüchtert. Das Rauschmittel schmeckt wie kalter Kaffee.

Die Figuren verlorener Jungen und barocker Boxenluder, die sich an der Rampe versammeln, sehen aus wie Piraten der Karibik oder die wiedererstandenen Les Humphries Singers (Kostüme: Sebastian Ellrich). Sie wandern und gammeln über die Bühne (Franz Koppendorfer) wie durchs Museum, das einer Requisiten-, Kuriositäten- und Rumpelkammer mit etlichen Devotionalien gleicht. Jeder folgt seinen Verrichtungen, liest, trinkt, raucht, fächert, klimpert mit dem Schlüsselbund, wärmt sich an offener Flamme, singsangt, zitiert und rezitiert. Die High-Night dauert – insgesamt vier Stunden.

Kaspar Crusoe Spargeltarzan

Sohn Sigismund wurde radikal weggesperrt, nachdem ein Horoskop seinem Vater, König Basilius von Polen (Hartmut Stanke), in Aussicht gestellt hat, dass aus dem Prinzen einst ein grausamer Herrscher werden, er eine Akademie der Laster errichten und das Land zerreißen würde. Basilius indes hegt Zweifel, ob er richtig gehandelt habe. Das Blut drängt nach Rechtfertigung des leiblichen Erben. Er beschließt, Sigismund zu testen. In Schlaf versetzt, wird er in den Palast verbracht; als er erwacht, ist er Herr im Haus: Polens Zukunft. Die er fahrlässig verspielt, so dass er zurück muss und das Erlebte als bloßen Traum begreifen soll. Die Bestie aber konnte erst dadurch geweckt werden, dass sie zum Untier herangezüchtet worden war.

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Anja Lais als Liebes-Amazone © David Baltzer

Ein schiefer Turm von Polen lehnt an einem Gerüst mit Reling. Drin haust und kraxelt Sigismund. Jan-Peter Kampwirth, der neben einem Spargeltarzan noch Kaspar Hauser und Robinson Crusoe in sich nährt, wird eine Menge Rollen ausprobieren und einige Kleider an- und ablegen, bis Sigismund – die Kreatur in ihrem Naturrecht – zum krisenerfahrenen Ich-Manager, neurotischen Komiker, Untergangs-Virtuosen und Entertainer der eigenen Geschichte eines Experiments wird, der (wie sein Darsteller) souverän Distanzen einzieht und hält und das Allegorische ins Ironische transformiert. Er wird zum modernen Menschen, indes sein Regisseur altmodisch gefühlig bleibt.

Kampwirth gibt der Aufführung ihr Zentrum, in dem neben ihm sich nur noch Anja Lais behaupten kann: als Rosaura, die Liebes-Amazone, das gerüstete Zwitterwesen, die viel eher zu Sigismund passen würde als dessen krähende Erwählte Estrella. Dagegen führt zumal das weibliche Personal – somnambule Blumenmädchen, Feen, Walküren – ein ephemer dekoratives Dasein.

Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt

Kruses Session legt über den Dramentext eine zweite Partitur, immer wieder arretiert von Songs, aphoristischen Headlines und Fußnoten und wechselnd zwischen Emphase, Entrückung und enervierendem Da capo. Vor sternflammendem Firmament wendet sich das Schicksal. Der Buchstabe ist stärker. Das Wort wird Fleisch: Volk in Aufruhr, König unterlegen, Prinz durch Erkenntnis geläutert. Sigismund lernt, dass alles Trugbild und Schatten sei: Das Leben ein Traum – peripher und passager.

Der barocke Vanitas-Gedanke wandelt sich bei diesem Happening in die Rock'n'Roll-Erfahrung, dass oft vor den Vätern die Söhne sterben. Weshalb vielleicht Michael Weber den feixenden Gefangenenwächter Clotaldo spielt, als sei die Inszenierung nicht Peter Stein und Sigmar Polke gewidmet, sondern eher Dennis Hopper. Sigismund sings the Blues, wie Johnny Cash. Nur eine weitere Maske.

Ganz am Ende, da ist der rote Vorgang bereits wieder zugezogen, bringt eine der Kruse-Puppen eine echte Boa zu Sigismund, der zuletzt am Pop- und Party-Trash nicht teil hatte, sondern unbeteiligt dabei saß. Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, ist das Wappentier von Kruses Theater, das sich zum Kreis schließt und kein Ende findet – über das Erschlaffen des Herzmuskels hinaus. Einer aus Kruses Lonely Hearts Club macht dann aber doch das Licht aus.

 

Das Leben ein Traum (was sonst)
von Pedro Calderón de la Barca
neu durchgesehene Fassung nach der Übersetzung von Fritz Rudolf Fries
Regie: Jürgen Kruse, Bühne: Franz Koppendorfer, Kostüme: Sebastian Ellrich, Dramaturgie: Jan Hein.
Mit: Simon Eckert, Jan-Peter Kampwirth, Anja Lais, Arnika Olbrich, Maik Solbach, Hartmut Stanke, Michael Weber, Miriam Berger, Theresa Hupp, Stefanie Puysken, Vanessa Radmann.

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr lesen übers Kruse-Theater? Im Juni 2009 inszenierte er Harold Pinters Geburtstagsfeier in Köln. Im Januar 2009 verschnitt er Tschechow mit Sophokles, für Auf der großen Straße/Tod des Empedokles in Oberhausen. Mit seinem Leipziger Don Juan vom Oktober 2008 probte Kruse den Weltuntergang.

 

Kritikenrundschau

Pedro Calderón de la Barca habe mit "Das Leben ein Traum" ein "bis heute häufig in seinem Sinne interpretiertes moralisches Lehrstück über den Menschen geschrieben, "der sich nicht gegen sein Schicksal auflehnen soll, sondern lieber 'recht tun'", meint Dina Netz auf Deutschlandradio Kultur (19.6.2010). Die Moral des Stücks habe Jürgen Kruse allerdings wenig interessiert: "Die bei Calderón um richtiges moralisches Handeln und vor allem um ihre Ehre kämpfenden Figuren sind in Köln ein feiger, fauler, egoistischer Haufen. Jeder versucht, für sich das Beste rauszuholen. Ihre Moral ist am Ende". Augen und Ohren aber hätten "jede Menge zu tun. Diese Inszenierung überfordert die Sinne auf so aufregende Weise, dass man die ersten Minuten wie ein staunendes Kind mit offenem Mund dasitzt." Das Ganze sei "eine Art Traumwelt, in die man für ein paar Stunden verschwindet. In diesem Kölner Fall für vier geradezu rauschhafte Stunden."

"Seit Jahrzehnten hat sich kaum etwas geändert in Kruses Kosmos", schreibt Stefan Keim (Frankfurter Rundschau, 22.6.2010). "Die Schauspieler kommentieren und persiflieren die Texte, (...) sie sind meistens entspannt, über den Druck, etwas ernsthaft vorzuspielen, sind sie längst hinaus." Hier regieren "Coolness und Ironie", und "alles ist Zitat, Andeutung, Erinnerung an etwas, das mal Theater war". Dann aber verdichte sich die Szene plötzlich doch, "wenn die Worte verstummen, das Licht, die Körper und die Musik übernehmen die Show". Jürgen Kruse sei "auch ein großer Melancholiker, ein Poet der Suche nach Gemeinsamkeit". Es gebe nicht mehr viele Theater, die Jürgen Kruse beschäftigen: "Der Regisseur gilt als kompliziert und betreuungsintensiv". Wie ein "sperriger Brocken steht Kruse in der Theaterlandschaft, Premieren werden zu Raritäten. Es schmerzt deshalb umso mehr, wenn sie misslingen". Die Form sei an diesem Abend noch da, "aber der Kern der Aufführung ist ein Hohlraum". Kruse müsse sich aber "wieder für die Stücke interessieren, die er inszeniert. Sonst läuft er Gefahr, dass er wie ein Plagiator seiner selbst wirkt, eben ein Kruse-Klon".

"Willkommen in Kruse-Land!" ruft Jessica Düster im Köner Stadt-Anzeiger (21.6.2010) aus. Jürgen Kruse habe mit seinem Bühnenbildner Franz Koppendorfer "eine Szenerie entworfen, deren explodierender Überfülle die Wahrnehmung an dem sehr langen Abend nicht vollständig Herr werden kann." Diese "optische und akustische Überwältigungsmaschine" sei "eine stimmige Neuinterpretation des barocken Welttheaters". Als Traumgebilde seien Kruses Arbeiten schon oft bezeichnet worden, "und tatsächlich scheint er mit dieser entrückten philosophischen Komödie genau in seinem Metier zu sein. Das Geschehen auf der Bühne wirkt, als habe sich ein Calderón-Traum in eine surreale Kunst- und Zitatewelt materialisiert." Der Abend sei, gerade in seiner Länge, "schon eine Zumutung. Die Alternative besteht darin, sich mitreißen zu lassen im Fluss eines Assoziationstheaters, wie man es hier selten in dieser Konsequenz zu sehen bekommt."

Im Bonner General-Anzeiger (21.6.2010) findet Hartmut Wilmes, dass in Kruses Aufführung die Figuren immer mal so agieren dürften, "als hätten sie in Polens Wäldern berauschende Pilze gesammelt". Die Sprachgrenzen zum Comic seien "ebenso fließend wie die Kostümlinie zwischen Prunk und Punk. Es wird munter in die Monologe geblödelt oder kopuliert, die wegen enervierenden Dauerkicherns im Hintergrund ohnehin nur teilweise verständlich sind." Dieses "Disco-Comedy-Traum-Happening" habe zugegebnermaßen "halluzinatorische Momente, in denen das Tragische schön ins Komische driftet. Allerdings mindestens ebenso viele läppische Gags, Zirkusnummern (die Riesenschlange im Finale) und halbstarke Theater-Behauptungen." Vor allem aber verschwimme "der bittere Kern des spanischen Stücks (...) im Gewusel."

Nichts beschreibe Jürgen Kruses Regiearbeiten, "sein Simultan-Überwältigungs-Theater, das von einer Überfülle zehrt, die mit dem Adjektiv 'barock' nur unzureichend beschrieben werden kann", so gut wie die Traum-Metapher, meint Regine Müller (Rheinische Post, 22.6.2010); dieses Stück sei daher für Kruse "eine Steilvorlage". Unterbrochen von "dröhnenden Rock- und Gothic-Songs, die dem Abend eine Mischung aus lässiger Pathos-Verweigerung und trashig düsterer Oper geben", treibe Kruse dem Lehrstück dabei "die Moral ziemlich gründlich aus. Alle Figuren sind mehr oder weniger Getriebene und Verkommene, keine Lichtgestalt befriedet den streitbaren Haufen auf der Jagd nach der Macht". Nicht weniger als vier Stunden dauere Kruses "Calderón-Exerzitium", doch "man sieht sich nicht satt am wimmelnden Geschehen, den üppig aufgefahrenen Theatereffekten und dem subtil zwischen Volldampf und ironischer Beiläufigkeit agierenden Ensemble".

"Der rote Samtvorhang schwingt feierlich zur Seite - und die Augen gehen einem über", beschreibt Vasco Boenisch die visuelle Überwältigung durch die Kruse-Bühne in der Süddeutschen Zeitung (24.6.2010). Franz Koppendorfer mache aus der Bühne "ein Traumlabor, eine Rapid-Eye-Movement-Collage, eine überwältigende Bilderwelt". Am liebsten würde sich der Kritiker "in diesem Rausch verlieren, eintauchen, wegdriften, träumen". Doch dann reibt er sich die Augen: "Alles ist da Kruses suggestives Atmosphärentheater, aber kein Sog entsteht". Oft oszillierten Kruses Arbeiten "zwischen Wahn und Wirklichkeit, hier schleppt sich diese Allegorie vom Prinzen, dem das Sein zum Schein wird, dahin; hier schwanken die Schauspielerleistungen, hier taumelt die Logik". "Anarchischer Witz oder packende Wahrnehmungsüberreizung" seien an diesem Abend selten. Lediglich Anja Laïs' "Erschöpfungsschwertkampf" auf Stilettos sei einer der raren "grotesken, großen Momente. Der Rest ist mehr ein gepflegtes Nickerchen als genialische Umnachtung."

 

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