Kein Schutz, nirgends

von Anja Lachmann

Zürich, 20. Juni 2010. Es sind Stücke, die dem Raum lauschen. Tanz als Dialog mit Gebäuden, ihrem Material, dem Lichteinfall, ihrer Akustik. Sasha Waltz inspirieren Räume seit jeher. Zwei bedeutende architektonische Statements haben sie und ihre Company im letzten Jahr tänzerisch in Besitz genommen: Das von David Chipperfield wiederaufgebaute Neue Museum in Berlin und das römische Kunstmuseum Maxxi von Zaha Hadid.

Beide bespielte die Choreographin im Rahmen ihres Projekts "Dialoge 09" anlässlich ihrer Eröffnung mit sinnlichen Gesamtkunstwerken aus Tanz und Musik: Weitgreifende, multidimensionale Raumeroberungen, die mit dem Ort und seinen Gästen auf Tuchfühlung gingen und nicht nur im übertragenen Sinne berührten. Es entstanden poetische und gleichsam prunkvolle choreografische Annäherungen, die zudem von enormem Medieninteresse begleitet wurden - auch wenn man Sasha Waltz zuvor immer wieder von ihrer Sehnsucht nach ihren Ursprüngen und nach wieder kleineren, intimeren Form sprechen hörte.

Geschichten existentiellen Ausmaßes

Auch ihr neuestes Werk "Continu", das im Rahmen der Zürcher Festspiele uraufgeführt wurde, ist zunächst alles andere als ein intimes Kammerstück: Mit einem Corps von zwei Dutzend Tänzerinnen und Tänzern und der klangmächtigen Musik von Iannis Xenakis, Edgar Varèse und Claude Vivier, wuchtet Sasha Waltz mit "Continu" eine Synthese jener beiden "Dialoge" in die Zürcher Schiffbauhalle - der trendigen Dependance des Schauspielhauses.

© Tanja Dorendorf
© Tanja Dorendorf

Statt auf beredten, fiebrigen Austausch zwischen Raum und tänzerischer Bewegung, setzt Sasha Waltz hierbei jedoch konsequent auf Reduktion: Die Beschaffenheit des Raumes scheint so gut wie keine Rolle mehr zu spielen. Er wird praktisch negiert, auf seine Essenz reduziert. Nichts als schlichtes Schwarz und die völlige Abwesenheit irgendwelcher Staffage. Eine düstere, einige Meter hoch eingefasste Szenerie, die den Rahmen bildet für zwei Stunden kraftvoller physischer Energie und Geschichten existentiellen Ausmaßes.

Staccato in den Muskeln

In ihren einfachen, fließenden Gewändern loten die Tänzerinnen und Tänzer den Raum aus, lassen flüchtige, abstrakte Bilder vorüberhuschen. Getanzte Metaphern, die das menschliche Dilemma beschreiben: Jene widersprüchliche Sehnsucht nach sich selbst und den Anderen. Sie ballen, rotten sich zusammen, werden gleich einer Woge von einer Ecke des Raumes in die andere gespült, bilden Schwärme einheitlich zappelnder Glieder. Immer mal wieder, dass jemand aus ihrer Mitte verlorengeht, aus der Reihe tanzt, eigensinnig seine Kreise zieht: Friedlich und in sanften Bewegungen, bis die Horde seinen Körper unter Schmerzen heftig zuckend wieder einverleibt.

Kantige Bewegungen, Staccato in den Muskeln, rhythmischer Gleichklang. Sie ziehen einander an, stoßen sich ab. Bedeutungsschwer sind alle Bewegungen. Sie locken mit Brüsten und Hüften. Recken ihre Arme verlangend empor und werden von denen, die sie lockten, bleiern zu Boden gezwungen. Irgendetwas, das sie allesamt antreibt, wie junge Pferde im Kreis über die Bühne zu jagen. Eine aufgewühlte, verhetzte, atemlose Herde in mannigfaltigen, immer wieder neuen, immer vergeblichen Konstellationen. Auch Umarmungen schützen nicht vor dem Tod durch Erschießen. Kein Schutz, nirgends.

Leuchtende Duette

Doch dann wird es lichter. Der Boden nun weiß, die Kleider heller. Die Menschen hier geben sich preis. Sie zeigen Versehrtheiten, Verletzungen, auch Zärtlichkeit. Blutrot verschmierte Fußspuren auf dem hellen Boden. Und zwei Begegnungen, Duette, von denen ein Leuchten ausgeht. Momente purer Magie, völlig enthoben allem schweren Bedeuten und vergeblichen Sehnen. Ein betörender Anblick, der Zeit und Raum vergessen macht. Nur achtsames Tasten, Balance, Intimität. Nicht die dümmste Art, seine Zeit zu verbringen, bevor das Tuch des Vergessens so leicht und endgültig über allem zusammenschlägt.


Continu
von Sasha Waltz
Uraufführung
Eine Produktion von Sasha Waltz & Guests in Koproduktion mit Schauspielhaus Zürich/Zürcher Festspiele, spielzeit'europa|Berliner Festspiele und Sadler's Wells, London.
Regie/Choreographie: Sasha Waltz, Kostüme: Bernd Skodzig, Bühne: Thomas Schenk, Pia Maler, Schriever, Sasha Waltz, Licht: Martin Hauk, Dramaturgie: Jochen Sandig.
Mit: Liza Alpízar Aguilar, Ayaka Azechi, Jirí Bartovanec, Davide Camplani, Maria Marta Colusi, Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola, Luc Dunberry, Edivaldo Ernesto, Delphine Gaborit, Mamajeang Kim, Florencia Lamarca, Sergiu Matis, Todd McQuade, Thomas Michaux, Virgis Puodziunas, Sasa Queliz, Zaratiana Randrianantenaina, Orlando Rodriguez, Mata Sakka, Yael Schnell, Xuan Shi, Shang-Chi Sun, Niannian Zhou.

www.zuercher-festspiele.ch

 

Kritikenrundschau

"Durch die vehemente Klangentfaltung (...) entsteht eine erregte Atmosphäre, die der Tanz in Form von archaischer Wildheit in sich aufnimmt", schreibt Martina Wohlthat (NZZ, 22.6.2010). In der "dramatischen Zeichenhaftigkeit der Gestik", aber auch "im Barfusstanz in den fließenden langen Kleidern" und in "den skulpturalen Gruppentänzen" scheine Sasha Waltz hier unmittelbar an den modernen Tanz aus dem Expressionismus anzuknüpfen. Vom Erzählerischen her wirke der Abend "eher kryptisch", er lebe "vorwiegend von starken Gegensätzen: Chaos und Ordnung, Schwarz und Weiss, Gruppe und Individuum". Entstanden sei "purer Tanz, der sich erstaunlich geschlossen präsentiert und nur selten durch fragmentarische Bewegungsimpulse, Ironisches und Slapstickhaftes aufgebrochen wird." Und nachdem vor der Pause die ganze Compagnie "theatralisch erschossen worden ist", gibt es danach "ruhende, wie gemeißelte Körper". Man erlebte, schreibt Wohlthat, "Continu" als ein Stück, "das sich am Premierenabend nur schwerlich zu einem Ganzen runden wollte, nicht weil es der jungen, vielgestaltigen Compagnie an tänzerischer Qualität mangeln würde, sondern weil die Inhalte im ersten Teil eher plakativ umgesetzt, im zweiten dagegen nur vage ausdifferenziert werden".

Der "schwarze, hermetische Bühnenkasten" ist für Eva-Elisabeth Fischer (Süddeutsche Zeitung, 22.6.2010) das erste prägende Element des Abends. Das zweite ist "die Musik und jenes Phänomen, das ihr zu größter Wirkung verhilft und sie damit ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt – die Stille". Wesentlich außerdem: "die Nicht-Farben Schwarz und Weiß in ihren verschiedenen Schattierungen, wie sie bei wechselnder Beleuchtung täuschend wahrgenommen werden." Der Anfang lege das choreographische Konzept des ersten Teils offen: "die Konfrontation des Individuums, des Paares, des Trios mit der inhomogenen, in sich bewegten Masse". Und "wenn dann Edgar Varèses 'Arcana für großes Orchester' losdonnert (...), dann hat Sasha Waltz mit den Ihren offenbar eine Reise in die Entstehungszeit von Varèses berühmtester Komposition unternommen (...) – in den Expressionismus". Wollte man diesen ersten Teil illustrieren, "so stünde er unter einer Endlosreihe fettgedruckter Ausrufezeichen". Der zweite, "nicht nur viel kürzere, sondern auch schwächere", stehe dagegen "im Zeichen des Punktes": "Hier herrschen die Individuen vor; wenn Gruppe, dann quert sie nun die Bühne über die gesamte Breite. Zeitlich sind wir ästhetisch im Heute angelangt."

Lange lasse der Abend offen, wohin er eigentlich zielt, meint Felizitas Ammann (Tagesanzeiger, 22.6.2010). Aber "so karg der erste Eindruck ist – das Setting ist groß". Der "fordernden Musik" setze Waltz "eine atemlose Choreografie entgegen". "Archaik und Moderne" mischten sich hier. "Gekonnt" seit dabei "Waltz’ Umgang mit dem kahlen, viereckigen Raum", und "schön ist das Spiel der Hände und Arme". Waltz’ Stärke sei jedoch nicht "die abstrakte Choreografie, es sind die Geschichten, die eigenwilligen Typen, und es ist der Dialog". In "Continu" fehle aber "die spektakuläre Architektur als Dialogpartner, dem sie etwas entgegensetzen kann (...). Das Resultat kommt entsprechend eindimensional daher." Das Ganze wirke "ungebrochen pathetisch. Man vermisst den trockenen Humor aus früheren Stücken – oder überhaupt eine zweite Ebene, welche das Pathos unterläuft." Choreografisch sei "wenig Neues" zu entdecken, das Material sei bekannt, von Waltz und anderen: "Man hat den Eindruck, dass die Company in einer Übergangssituation steckt". Und "überraschend, was als Eindruck des Abends bleibt: die Kostüme von Bernd Skodzig. Welche Eleganz!"

Auch nicht eben begeistert äußert sich Wiebke Hüsters in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.6.2010). "Das Problem von 'Continu' besteht darin, dass hier weniger eigene tänzerische Themen formuliert werden als Positionen vereinnahmt und Ansprüche aufgestellt." Waltz zitiere Trisha Brown, Anne Teresa de Keersmaeker, vor allem aber Pina Bausch "bis hin zu der Dame, die nach einer Stunde die Tanzfläche betritt und mit Kreide das Wort 'Pause' auf die von ihr hereingetragene Tafel schreibt." Oft ballen sich die Tänzer zum Pulk: "Alle mischen sich, Glieder zittern, Füße trampeln, eine Frau schreit. Gruppen strecken die Arme gen Himmel. Eine Frau stopft sich gierig unsichtbare Früchte in den Mund, wovon ein Mann sie abzubringen versucht. So geht der ganze erste Teil. Am Ende zieht einer den Arm lang, schreit "PommPomm" und schießt mit diesem imaginären Gewehr den Rest zu Boden, bis nur noch Juan Kruz Diaz de Garacho Esnaola steht. Warum? Weil großformatig? Weil archaisch?"

Für die Berliner Premiere seien gegenüber der Zürcher Uraufführung Stückteile getauscht, worden, schreibt Volkmar Draeger im Neuen Deutschland (13. 11.2010). Das setze auch andere Akzente. Besonders der zweite Teil des Abends hat ihn beeindruckt: "der Weg des Menschen vom Vierfüßergang zur Killerexistenz als fiebriger Bilderbogen sozialen Abstiegs. Nichts bleibt hier mehr Improvisation oder Zufall: Bis ins Detail fixiert ist eine massige Choreografie für 24 Tänzer, die Frauen in langen Kleidern. Chorische Gliederungen und ihre ekstatischen Staffelungen, wie einst der Ausdruckstanz sie einsetzte, steigern sich technisch furios, mit angewinkelten Armen, vielgliedrigem Getriebe aus Körpern, als sei das Maschinenballett neu ausgerufen."

In 'Continu' zeigt sich dagegen Elisabeth Nehring vom Deutschlandradio (Fazit, 12.11.2010)  sowohl Stärke als auch Schwäche der Sasha Waltz. Rein choreografisch gebe es, "neben starken Gruppen- oder Solo-Szenen, zahlreiche belanglose, zum Teil formalistische Momente, die Spannung oder Bedeutung erzeugen sollen, in ihrer Abstraktion und Kontextlosigkeit allerdings nicht immer einlösen. Doch alles Formalästhetische - wie sie die Tänzer auf die Bühne bringt, wie sie die einzelnen Gruppen beleuchten oder wegdimmen lässt, wie die Linien der Arme, aber auch der Kleidersäume verlaufen, welche Texturen und Materialien hier benutzt werden, das Gespür für Körper, Licht, Raum, Atmosphäre - das ist in der Gesamtheit der Details unnachahmlich und spricht von großer Feinheit."

Von einer künstlerischen Bankrotterklärung gar spricht Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung (13.11. 2010). Denn dieses Stück ist aus ihrer Sicht "über alle Maßen pathetisch, dabei aber völlig hohl und verstiegen. Weihevoll dräut es auf der Bühne des Festspielhauses, die Tänzer gehen nicht, sie schreiten, und jeder ihrer Gänge umfasst so ungefähr den Kosmos und die ganze Menschheitsgeschichte." Kleiner habe es die Choreografin nicht. Offenbar verwechsele sie Erfolg mit künstlerischer Potenz und fühle sich nun zu ganz Großem berufen. "Wie absurd das ist, wird am deutlichsten gegen Ende. Da stehen die Tänzer düster in einer Reihe, ein Einzelner hebt seinen Arm und ruft „Peng, peng, peng" und einer nach dem anderen sinken die Tänzer und Tänzerinnen ganz langsam und ganz schrecklich dahin. So böse, will uns das sagen, sind die Menschen, so böse ist die Welt. Früher, als Sasha Waltz noch über Witz und sogar ein gewisses Maß an Selbstironie verfügte, wäre eine solche Szene Anlass für einen grotesk-überdrehten Slapstick gewesen. Jetzt aber meint sie es ernst. Das ist peinlich und unfreiwillig komisch."

Im ersten Teil, in dem Sasha Waltz abstrakt bleibt, konnte Sandra Luzina vom Berliner Tagesspiegel (13.11. 2010) meisterhafte Szenen erleben. "Wunderbare Duette und Trios. Die Gruppe in ihren weißen und erdfarbenen Gewändern hat nichts Bedrohliches, der Einzelne ist eingebunden in eine organische Bewegung, ein Fließen, Entfalten und Emporwachsen." Doch der Abend münde nicht "in Tod und Zerstörung, sondern in einer Exekutionsszene mit flüchtendem Schergen. Wie hier unvermittelt noch ein politisches Statement hinterhergeschickt wird, ist ärgerlich.Das entfesselte Treiben lässt den Zuschauer atemlos zurück, doch es ist ein wenig befremdlich, wie hier die chorischen Tänze des deutschen Expressionismus eine Wiedergeburt erleben."

"Große Gefühle und tragische Figuren kommen wie aus dem Nichts auf uns, wie Geister aus Sammlungen der Antike, wie Gespenster der Oper," schildert Katrin Bettina Müller ihre Eindrücke in der taz (13.11.2010). "Dieses Absehen von jeden sozialen oder kulturellen Anbindung wird umso merkwürdiger, je konkreter die Bilder werden. Am Ende steht das Bild einer Exekution, einer Massenerschießung, einfach so." Was dem Abend grundsätzlich fehle, sei die Einsicht in die Notwendigkeit seiner großen Expression.

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