Afrika gegen Budenzauber 1:0

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden/Mainz, 24. Juni 2010. Manchmal sind es die kleinen Momente, die von einem Theaterfestival übrig bleiben: Während Deutschland sich seinen Weg ins Achtelfinale bahnte, nahmen die Schauspieler der albanischen Produktion "Allegretto Albania" im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters den Schlussapplaus der nicht eben zahlreich erschienenden Zuschauer entgegen. Manch einer der Akteure hat Tränen in den Augen und der Schauspieler Mirush Kabashi, der in dem Stück die Rolle des Vaters übernimmt, hält seine rechte Hand aufs Herz, klopft dann sachte darauf, so als wolle er sich und uns mit einer einzigen Bewegung seinen Dank erweisen.

Davor hatte die Truppe in eineinhalb munteren Stunden bewiesen, dass Theatermachen kein Hexenwerk sein muss. Mit rührend einfachen Mitteln setzen die Schauspieler des Teatri Kombetar aus Tirana die ernste Komödie für die Bühne um. Da fahren dann simple Prospekte aus dem Schnürboden, um eine Röntgenmaschine vorzuführen und die Bilder, die sie macht. Wenn der Lehrer im Stück einen Vortrag über Frösche hält, werden Diaprojektionen auf ein zerknittertes Bettlaken geworfen. Und allein für das längst vergessene Geräusch, das beim Betätigen eines solchen Projektors ertönt, sobald die Dias um eine Stelle weiterrücken, hat sich der Abend gelohnt.

Blutrache und Kartenspiel

"Allegretto Albania" besitzt viele komische Momente und einen satirischen Zungenschlag, aber auch einen überaus ernsten Hintergrund. Im Mittelpunkt steht eine Familie, die wegen einer Vendetta in ihrem eigenen Haus wie eingesperrt lebt. Jemand aus ihrem Clan hat einen anderen getötet und den Gesetzen der Blutrache folgend, muss nun der Beste ihrer Familie sterben. Die mittelalterlich anmutende Praxis ist im Norden Albaniens durchaus noch an der Tagesordnung. Stefan Çapaliku legt sein Stück dabei wie ein Konzert an, verschiedene Instrumente charakterisieren die unterschiedlichen Figuren.

Regisseur Altin Basha verzichtet auf diesen Kniff, unterstützt aber mit Musik vom Band die jeweiligen Stimmungslagen. Auf der Bühne stehen rechts und links zwei hochsitzartige Türme, von denen aus die beiden Söhne nahende Feinde erspähen. Wenn die Familie sich zum Kartenspielen an einen Tisch setzt, steht der jüngere Sohn oben auf dem Turm und zückt sein Fernglas, um zu sehen, was seine Mitspieler ablegen. Unterhaltsam und unverkrampft gehen Stück wie Inszenierung mit dem ernsten Thema um. Das Improvisierte und Unperfekte erzählt dabei weniger etwas über die typische Theaterkunst des Landes als über die Bedingungen, unter denen Theater in anderen Ländern Europas entsteht.

Schnittmengen, aber keine Geschichte

Dass man solche Produktionen in Deutschland überhaupt zu Gesicht bekommt, darin besteht ganz zweifellos das große Verdienst der Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa", die gerade zum zehnten Mal über die Bühnen geht. Die Albaner, zum ersten Mal zu Gast, punkten dabei mit der Einfachheit ihrer Mittel und dem Herzblut ihrer Schauspieler. Alles hätte so nett sein können an diesem Abend, wäre da nicht die vollkommen verpeilte Synchronübersetzerin gewesen, die mit ihrem Text nicht hinterherkam. Dass alle Produktionen in den Originalsprachen gezeigt und simultan übersetzt werden, klappt in den meisten Fällen ausgesprochen gut. Auch die lästigen Einführungen, die einem die kinderleicht zu bedienenden Apparate erklären, werden zunehmend knapper, wenn sie nicht ganz wegfallen.

So beim Weihnachtsmärchen von Joël Pommerat. Man kann sich wohl keinen größeren Gegensatz zum grundbescheidenen Auftritt der Albaner denken als diese Produktion. "Cercles/Fictions" nennt der französische Autor und Regisseur, der schon vor vier Jahren mit "Au monde - in der großen Welt" bei der Theaterbiennale war, seinen bedeutungsschweren Abend. Uraufgeführt wurde er im Pariser Théatre des Bouffes du Nord. Die Zuschauer sitzen auf Rängen, die sich um den Spielkreis in der Mitte herum zu einer Art Amphitheater schließen. Im Programmheft wünscht sich Pommerat ein Publikum, das ohne jegliche Vorabinformationen in sein Stück kommt. Daran haben wir uns gehalten, mit dem Ergebnis, dass wir nicht richtig verstanden haben, um was es (ihm) geht. Einzelne Szenen, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen, legt Pommerat derart übereinander, dass sich zwar Schnittmengen ergeben, aber keine Geschichte, der folgen könnte, wer mit dem Text nicht vertraut ist.

Funkelndes Lichtermeer der Signallampen

Wobei der Text an diesem Abend ohnehin immer wieder in den Hintergrund rückt. Dann fühlt man sich schon mal wie bei der beliebten Technikshow am Tag der offenen Tür im Hessischen Staatstheater: Trockennebel, Theaterdonner und dramatischer Budenzauber. Dazu duftet es - nach Wachs zum Beispiel. Was wohl die Sinne ansprechen soll, ist so wenig subtil gemacht, dass man die Lust verliert, da mitzugehen. Licht will es so recht nicht werden an diesem Abend, vielmehr experimentiert Pommerat mit dem dunklen Raum, was uns zumindest kleine Momente kindlichen Glücks beschert. Wenn sich nämlich die Zuschauer im Rund gruppieren, die meisten mit ihren Übersetzungsgeräten bewaffnet, fügen sich die grün aufleuchtenden Signallämpchen an den Geräten zum funkelnden Lichtermeer.

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Bab et Sane © Lena Obst

Dennoch sehnt man sich nach einem solchen Abend nach der Einfachheit, oder wie es Viktor Slawkin, der russische Pate, im Festivalkatalog so treffend formuliert: "Und so will man auch keine Tricks mehr, sondern einen Teppich und zwei Schauspieler." Genau das bekommt man dann im hintersinnig hinreißenden Zwei-Personen-Stück "Bab et Sane" des Schweizers René Zahnd: Die Titelfiguren, zwei Afrikaner, hüten irgendwo in Europa die Villa eines afrikanischen Diktators. Währenddessen wird in der Heimat ihr Präsident gestürzt. Bab und Sane erweisen sich als Wiedergänger von Genets Zofen und Becketts Wladimir und Estragon, die freilich gleich den Part von Pozzo und Lucky mitübernehmen. Zwei herrlich gestrandete Clowns, die das Verhältnis von Herrscher und Knecht, Staatspräsident und Untertan wie ein Schauspiel proben. Sprachlich äußerst verknappt springen die temporeichen Dialoge in dem absurden Stück wie Pingpong-Bälle hin und her.

Geschmeidig, vergnügt und in sich versunken

Für das Théâtre Vidy-Lausanne hat Jean Yves Ruf daraus ein Kammer- oder besser: Bunkerspiel für zwei herausragende Schauspieler gemacht: Hassane Kassi-Kouyaté verkörpert den wuchtigen Sane mit grollender Stimme und wirft Alligatorenblicke ins Publikum, während der kleinere Habib Dembéle seinen Bab als wendiges Kerlchen spielt, das erst einmal alles für einen guten Witz hält. Mit einem einzigen Accessoire der Macht, einer Mütze im Stile des Diktators Mobutu, verändern sich Ton, Stimmung, Atmosphäre. Dabei nutzt die Inszenierung besonnen die Spielräume, die der Text ihr lässt. Etwa, wenn Bab versonnen auf der Stelle tanzt, wieder und wieder die Fußsohlen vom Boden abrollt, geschmeidig, vergnügt und in sich versunken - auch einer von diesen kleinen Biennale-Momenten, die in Erinnerung bleiben.

 

Allegretto Albania
von Stefan Çapaliku
Deutsch von Andrea Grill
Teatri Kombetar, Tirana
Regie: Altin Basha, Bühne, Kostüme und Licht: Iliriana Loxha Basha, Licht: Luana Tapia, Musik: Endri Sina.
Mit: Mirush Kabashi, Olta Daku, Xheni Fama, Gazmend Paja, Ahmet Pasha, Vasian Iami und Klea Rondo.

Cercles / Fictions (Kreise / Fiktionen)
von Joël Pommerat
Deutsch von Francesca Spinazzi
Compagnie Louis Brouillard
Regie: Joël Pommerat, Bühne: Éric Soyer, Kostüme: Isabelle Deffin, Licht: Éric Soyer, Musik: Antonin und Grégoire Leymarie.
Mit: Jacob Ahrend, Saadia Bentaïeb, Agnès Berthon, Gilbert Beugniot, Serge Larivière, Frédéric Laurent, Dominique Tack und Ruth Olaizola.

Bab et Sane (Bab und Sane)
von René Zahn
Deutsch von Luise Rist
Théâtre Vidy-Lausanne
Regie: Jean-Yves Ruf, Bühne: Jean-Luc Taillefer, Licht: Michel Beuchat, Christophe Glanzmann.
Mit: Habib Dembélé und Hassane Kassi Kouyaté.

www.newplays.de

 

Mehr zur Theaterbiennale? In diesem Jahr zeigte bereits Alvis Hermanis Marta vom blauen Hügel aus Lettland, und Simon Stephens' neues Stück Marine Parade erlebte in Mainz seine deutsche Erstaufführung.

 

Kritikenrundschau

Hubert Spiegel von der Frankfurter Allgemeinen (28.6.2010) folgte einer ähnlichen Route wie die Nachtkritikerin: Auch er sah "Allegretto Albania", "eine überdrehte Revue über das Tabu der Blutrache". Die sei "in den schwächeren Szenen kaum mehr als rechtschaffen und politisch korrekt, aber in den stärksten Momenten von beklemmender Intensität. (...) Zwei junge Frauen, die auf einer leeren Bühne gegen eine andere hetzen und dabei in Mimik und Körpersprache virtuos vorführen, wie Vorurteile wie rasende Dominospiele aufeinanderfolgen, das genügt hier, um eine Ahnung aufkommen zu lassen, wie Pogrome entstehen können."

Und der Schweizer René Zahnd habe mit "Bab et Sane" "vor Becketts Genie seinen Hut gezückt und aus einer simplen Zeitungsnotiz mit sehr viel Talent so etwas wie ein 'Warten auf Godot' für unsere Tage gemacht: In einer luxuriösen Villa in Europa hocken zwei Bedienstete eines afrikanischen Diktators, der in seiner Heimat gestürzt wurde." Das übermütige Spiel mit den Requisiten des Diktators kippe "schnell in eine Studie über Angstlust und Größenwahn, Paranoia und die Mechanismen der Gewaltherrschaft. (...) Souverän wechselt das Spiel zwischen Realität, Spiel und Wahnsinn." Fazit: Die neuen Stücke aus Europa zeigten "keine Angst vor großen Themen, für die sie kleine Formen suchen und ausgezeichnete Schauspieler brauchen. Wenn das eine Tendenz wäre, gäbe es nichts dagegen einzuwenden."

 
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