Hüllenlos in einem Meer von Schaum

von Wolfgang Behrens

Potsdam, 20. September 2007. Warum muss die schöne Jüdin Rahel sterben? In Franz Grillparzers historischem Trauerspiel "Die Jüdin von Toledo" ist die Gemengelage komplex. Da spielt zum einen der mit Aberglauben vermischte Judenhass im von den Mauren bedrohten Spanien eine Rolle, der jedoch als Motivation seltsam im Hintergrund bleibt.

Da ist zum anderen die verzweifelte Eifersucht der Königin Eleonore, deren Gatte König Alfonso im Liebesspiel mit Rahel zum ersten Mal die weibliche Sinnlichkeit für sich entdeckt. Den stärksten, ethisch konfliktträchtigsten Antrieb aber bietet die Staatsräson, die eine Unschuldige zu opfern bereit ist, um den vom Minnedienst über Gebühr beanspruchten, außenpolitisch handlungsunfähig gewordenen König zu seinen vernachlässigten Pflichten zurück zu zwingen.

Pelzjäckchen statt Autorität

In Jacqueline Kornmüllers Inszenierung der "Jüdin" am Potsdamer Hans Otto Theater ist dieser letzte Grund gegenstandslos. Denn schon vor Rahels erster Begegnung mit Alfonso ist dieser kaum der Mann, dem ein überlegtes außen- oder innenpolitisches Handeln zuzutrauen wäre. Er und sein Hofstaat – alle in modernen Anzügen steckend – präsentieren sich mit überheblicher Attitüde, anzügliche Blicke machen die Runde, man versichert sich grinsend der eigenen Dekadenz, die im weißen Pelzjäckchen der Königin ihr deutlichstes Bild findet.

Wie viel zu oft auf deutschen Bühnen, ist so die staatliche Autorität von Beginn an desavouiert – und dem Drama ein Gutteil seiner Fallhöhe von vornherein genommen. Dem König wird gewissermaßen die Geschichte seines Abstiegs geraubt. Schade, denn Philipp Mauritz wäre eine differenziertere Interpretation Alfonsos durchaus zuzutrauen: Ab und an zeigt er, dass er Grillparzers Verse mit feinem Ohr zu sprechen vermag, die Regie indes legt ihn zu sehr auf dandyhaftes Gehabe und gegen Ende auf ein paar hysterische Ausbrüche fest.

Mit den Hüllen fällt die Hoffnung

Doch auch wenn das Machtgefüge kaum Interesse auf sich ziehen kann, scheint Jacqueline Kornmüller auf den ersten Blick eine politische Deutung des Stoffes vorzuschlagen. Militär im Armylook suggeriert waffenfuchtelnd ein vages Gefühl der Bedrohung, zumal der Edelmann und Soldat Garceran – mit existentialistischem Ernst gespielt von Henrik Schubert – seine Pistole einmal auch lange aufs Publikum richten darf: Der Terror ist allgegenwärtig.

Und dann sind da noch die Fremden im eigenen Land, die Juden, die hier in eher muslimischer Aufmachung erscheinen. Rahel – wie auch ihre Schwester – trägt ein schwarzes, burkaähnliches Gewand. Das heißt: Sie trägt es in der ersten Szene. Dann wirft sie sich Alfonso zu Füßen und das Gewand von sich. Um ihre Schönheit und Sinnlichkeit und die daraus für den König resultierende erotische Not zu beglaubigen, spielt die Schauspielerin Julia Malik fortan im Evaskostüm.

Sie trägt ihren nackten, schmalen Modelkörper mit einer selbstbewussten, mitunter provokativen Selbstverständlichkeit zur Schau, die der Grenze zur Pornographie gefährlich nahe kommt und manchen in den vorderen Zuschauerreihen ob der direkten Sicht auf alles Mögliche und Unmögliche unruhig werden lässt. Mit dem dauerhaften Fallen der Hülle verflüchtigt sich aber auch zunehmend die Hoffnung auf eine politische Lesart; das Fremde der Fremden kommt nirgends zur Entfaltung, wenn nicht das träge und stockende, dunkel gefärbte und die Konsonanten aspirierend ausformende Sprechen der Malik einen Rest Fremdheit transportieren soll.

Wälzen mit Hirsch

Immerhin: Was der auf gut anderthalb Stunden zusammengestrichenen Aufführung an Konsistenz fehlt, macht sie mit nicht geringem Aufwand an Schauwerten wett. Zwei hohe weiße Rundwandsegmente und einige Meter schmiedeeisernen Gitters (das die Umzäunung des königlichen Bezirks anzeigt) fahren auf kreisförmigen Schienen herum, mal mehr, mal weniger von der runden weißen Spielfläche dem Zuschauerblick freigebend (Bühne: Alexandra Hahn).

Im zweiten Aufzug öffnen sich die Wände zu einem tatsächlich atemberaubend schönen, vermutlich unvergesslichen Bild: Die (wie immer) nackte Rahel – die bei Grillparzer in dieser Szene königliche Theaterkostüme ausprobiert – steht inmitten eines Meers von Badeschaum, der sie wie ein gigantischer Reifrock umgibt. Später wird die Königin Eleonore, der Anne Lebinsky einige schöne schmerzliche Noten verleiht, in diesem Schaum ihre Glieder an denen Rahels abmessen, als gälte es Heidi Klums nächste Schaufensterpuppe zu werden.

Beklemmend aktuell?

Im vierten Aufzug wälzt sich ebendiese Königin – der Treuebruch ihres Gatten ist längst offenkundig – unter einem vom Schnürboden herabhängenden lebensgroßen Hirsch: auch dies ein irritierend, ein albtraumhaft schönes Bild, eines Museums für Moderne Kunst würdig. Die letzte dieser merkwürdig faszinierenden Installationen bietet der Schlussakt auf, wenn die dekorativ blutüberströmte Leiche der Rahel (noch immer die nackte Julia Malik), mit fuderweise silbern schimmerndem Tapeband fixiert, an einer der weißen Rundwände wie ein Menetekel zu Häupten ihrer Mörder hängt.

Worüber die Bildkraft der Inszenierung aber nicht hinwegtäuschen kann: Es ist in Potsdam nicht gelungen, den "beklemmend aktuellen Punkt" des Dramas aufzufinden, den die Website des Theaters verspricht. Und den es – davon ist der Rezensent überzeugt, allen Unkenrufen der Grillparzer’schen Verschmocktheit zum Trotz – auch wirklich enthält. Denn die Frage, inwieweit der Staat aus Gründen seiner Handlungsfähigkeit das Leben einzelner antasten darf, ist leider immer beklemmend aktuell.

 

Die Jüdin von Toledo
von Franz Grillparzer
Regie: Jacqueline Kornmüller, Bühne: Alexandra Hahn, Kostüme: Antje Sternberg.
Mit: Julia Malik, Anne Lebinsky, Friederike Walke, Philipp Mauritz, Harald Arnold, Henrik Schubert, Andreas Herrmann, Jérôme Komol.

www.hot.potsdam.de

Kritikenrundschau

Hermann-Josef Fohsel ist begeistert (zitty, 27.9.2007): "Spannendes Regietheater" hat er gesehen. Rahel falle von Anfang an aus dem Rahmen: "Sie ist eine ungebändigte, Grenzen ablehnende und jedwede Autorität spielerisch unterlaufende Unruhestifterin." Der "starken Präsenz" von Julia Malik sei es dabei zu verdanken, dass die Szenen trotz der Nacktheit der Darstellerin "nie peinlich oder pornografisch" würden. Denn Julia Malik sei "grandios".

Regisseurin Jacqueline Kornmüller hole das Drama, schreibt Jörg Giese in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (22.9.2007), in das "gut gesicherte Machtzentrum einer Nation im Ausnahmezustand". In einer "aseptischen Arena" inszeniere sie den "Machtkampf" als "elegante Schachpartie": "Mit leichter Hand verschiebt sie die Figuren, baut einprägsame Bilder für die Seelenzustände der Charaktere." Die Figur der Rahel verliere aber dennoch viel von ihrer Doppelbödigkeit: "Auch wenn Julia Malik ihre Rolle anderthalb Stunden lang nackt spielt, hat sie nicht die radikale Natürlichkeit einer Lulu, als deren Urahnin Kornmüller sie sieht. Ihre Hingabe wirkt berechnend."

Die Inszenierung zeige, dass "die Scheu vor dem Stück" bis heute "nicht ungerechtfertigt" ist, befindet Babette Kaiserkern in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (22.9.2007). Kornmüller habe "den Stoff äußerlich modernisiert", verzichte aber zugleich "auf einiges": "Die Ausführungen über Juden und Judentum wurden stark reduziert." Rahel sei dabei als "Geschlechtswesen" definiert: "sehr verletzlich in ihrer Splitter-Faser-Nackheit". Und "dass sie dabei manchmal Einblicke gewährt wie sonst eher dem Gynäkologen, ist etwas gewöhnungsbedürftig." Was diese Rahel aber von den anderen unterscheidet, bleibe "undeutlich". Dafür gehe die Inszenierung "optisch und akustisch" an die "Schmerzgrenze". Das macht: "Verhaltener Beifall und einige Buhs."

Peter Hans Göpfert urteilt für das Kulturradio des RBB (21.9.2007): "Die Inszenierung lässt manches beiseite, um an ihr Ziel zu gelangen. Die Zerreißprobe zwischen formaler Erstarrung in Pflichtausübung und gesellschaftlicher Konvention und andererseits der Kraft von Menschlichkeit und Individualität – dieser Kontrast kommt hier zu kurz." Die Regisseurin "stürzt sich vielmehr auf diese 'unmögliche' Liebes-, Eifersuchts- und Intrigengeschichte. Sie privatisiert (und zwar ganz anders, als es Thomas Langhoff damals mit Ulrich Mühe in Salzburg getan hat)." Damit schieße die Regie über das Ziel hinaus und zwinge Julia Malik, fast anderthalb Stunden in völliger Nacktheit zu agieren und als "banale Venus mit Schaum zu pitschern."

 
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