Der Geist des Dichters, abwesend

von Matthias Schmidt

Leipzig, 1. Juli 2010. Um es gleich zuzugeben: ich kenne nur den halben Abend. Nach einer Stunde bin ich gegangen. Länger habe ich es nicht ausgehalten. Vor mir sind bereits andere gegangen und nach mir sicher ebenfalls. Es war dies der Entschluss, der allzu offensichtlichen Erwartungshaltung des Skala-Teams nachzugeben, die unübersehbar darin bestand, die Zuschauer so lange zu provozieren und zu verärgern, bis sie protestieren und damit zugeben, wie intolerant sie in Wirklichkeit sind.
Zufrieden?
Bitte sehr, gern geschehen.

Allerdings, nach einem solchen Abend - und es gab viele davon in den letzten beiden Spielzeiten - kommt man gar nicht umhin, die an sich schreckliche, aber in Leipzig bereits diskutierte Schließung der Skala in den Bereich des Verkraftbaren zu rücken. Das Schlimme daran ist, dass ein Großteil des theaterinteressierten Publikums der Stadt und des Umlandes es gar nicht mehr bemerken würde. Die Skala ist eine Spielstätte geworden, die dem breiteren - darf man "normalen" Publikum sagen, ohne für spießig gehalten zu werden? - Theaterpublikum längst abhanden gekommen ist. Ja, sie verstößt ein solches bewusst.

Rückblick

Das Leipziger Publikum hat vor zwei Jahren seine eigentlich zu allen Zeiten gut frequentierte kleine Spielstätte, die "Neue Szene", verloren. Den Ort, an dem Jo Fabian inszenierte, an dem Volker Brauns Stücke für Zündstoff sorgten, einen Ort, der hier wahrlich nicht verherrlicht werden soll, der aber ein theatralisch vielseitig genutzter, zumeist gut besuchter und vor allem ein öffentlicher Ort war.

Leider ist der "Neue Szene"-Nachfolger Skala, ein ja auch mit großen Hoffnungen besetzter Neubeginn, nichts von all dem. Die Skala ist kein Ort mehr für Leute über - sagen wir - 30. Für Leute, die Wert darauf legen, im Theater auf Stühlen oder Bänken zu sitzen und keine Schäden an Gehör oder Kleidung zu erleiden. Gestern beispielsweise saß man auf alten Schrankteilen, die dann Stück für Stück zertrümmert wurden. Wenn's sein muß, unterm eigenen - sorry - Arsch.

Die Skala ist kein Ort mehr für Leute, die handlungsähnliche Strukturen im Theater für gebräuchlich halten. Die Skala ist auch kein Ort geworden, an dem wie an anderen kleinen Spielstätten der Republik das Werden junger Regisseure und Handschriften und Stücke verfolgt werden konnte. Hier werden Stoffe und Stücke nicht entdeckt oder interpretiert, sondern gerne bewusst bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert. Und die Regie-Talente dekonstruieren sich selbst gleich mit. (Vorschlag zur Kategorisierung: Auto-Dekonstruktivismus.)

Nicht nur einmal haben Inszenierungen bekannte Stoffe so entstellt, dass genau genommen urheberrechtliche Fragen hätten gestellt werden dürfen (z.B. "Die Strasse" von Cormac McCarthy). Oder sie benutzt, ohne sie in Titel und Programmzettel auch nur zu erwähnen (z.B. "Blade Runner" in Dietmar Daths "Maschinenwinter").

Die Skala ist weder "Baracke" noch "Orph-Theater", weder "Gaußstraße" noch "E-Werk", sondern eine geschlossene Gesellschaft, die gerne um sich selbst kreist. Und schon gar nicht ist die Skala ein Ort für Leute, die eine etwas gediegenere "kleine Theaterform" für berechtigt halten. Die soll es geben, die gerne ein Jon-Fosse-Kammerspiel sehen oder einen Beckett-Monolog. Das scheint in der Leipziger Theaterwelt als gestrig zu gelten, darf aber im Spektrum eines Stadttheaters eigentlich nicht fehlen.

Feldbusch statt Schernikau
Doch von vorn: nach einer Stunde dieses Abends, der dem Dichter Ronald M. Schernikau gewidmet war, war noch keine einzige Zeile aus Schernikaus literarischem Werk gesprochen. Sein Name steht noch nicht einmal auf der Titelseite des Programmzettels.

Stattdessen bemühte sich Rosalind Baffoe, die zu Beginn den Dichter Schernikau spielt, mehr als eine halbe Stunde lang, ihr aus dem Off gestellte Fragen in einigermaßen ordentlichem Deutsch zu beantworten. Ronald M. Schernikau im Interview: der extrem sprachgewandte, ziemlich schrille, bekennend schwule, aus dem Westen in die DDR gekommene, sehr kommunistische Dichter. Ein spannender Zeitgenosse wär er allemal. Keine schlechte Idee also, dieses Interview mit einem Toten, auch über das Hier und Heute.

Aber, bitte, wenn es um Schriftstellerei und Sprache geht, darf keine solche Ansammlung von Verona-Feldbusch'schen Stilfiguren herauskommen. "Ich spürte eine schützende Hand über mich", so würde es Schernikau sicher nicht gesagt haben.

Was danach kam, kommt einer Verhöhnung nicht nur des Publikums, sondern auch des Autors Schernikau gleich. Zunächst geschieht nichts, minutenlang. Das Saallicht ist an und nichts geschieht. Man schaut sich hilflos gegenseitig an. Weitermachen, denkt man, und einer ruft es sogar in den Saal. - Nichts. Bis Birgit Unterweger aufsteht (nun spielt sie Schernikau), um die große Provokation nachzuspielen, die dieser Dichter für die Öffentlichkeit so oft war, bevor er 1991 an AIDS starb.

Auf der Bühne ist er ein Mann mit Strumpfhosen beziehungsweise eine Frau mit Schnurrbart. Ein zweigeschlechtiges Wesen, das randaliert und grimassiert. Und zwar so genüsslich, dass es uns "Normalos" aus der Ruhe bringen muss. Eine ältere Zuschauerin protestiert, legt sich mit dem Schernikau-Wesen an, schreit es an. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, zwei andere Zuschauer greifen ein.

Das wirkt sehr echt, ist aber so brutal, dass es eigentlich nur Teil der Inszenierung sein kann. Wir Zuschauer sollen offenbar aufgehetzt werden gegen diesen Mann, der hier als Irrer, als Karikatur seiner selbst gezeigt wird. Der, den man doch ehren wollte mit dem auf drei Tage angelegten Theaterfest, wird gleich mit dekonstruiert. Wir Zuschauer auch, natürlich. Ein Rollenspiel zum Zwecke - ja, welchem eigentlich - der Selbsterkenntnis, der Läuterung? Was für eine lächerliche und ärgerliche Idee, das heutige Publikum, das gekommen ist, um Schernikau wiederzutreffen oder zu feiern oder kennenzulernen, in die Rolle der Schockierten, der Ablehnenden, der Hasser hineinzudrängen.

Der Dichter spricht

Das war der Punkt, an dem ich einfach gehen musste. Sicher fing danach irgendwann die Lesung an, und sicher war sie gut. Dass Ronald Schernikaus Texte eine lohnende Entdeckung sind, kann man allerdings auch zuhause erfahren. Mir ist ein Text von Schernikau aus dem Buchregal regelrecht entgegengesprungen, das "sechsundsechzigste sonett von shakespeare":


ihr kotzt mich an, ich würd jetzt gerne gehn.

daß sie mein staunen immer noch bescheiden nennen
und hinter lachen nicht die armut sehn
und freien mut nicht, nur noch lüge kennen
und schamlos ihr geschwätztes konserviern
und liebstes nur zum zoten finden
und über unrecht, uns und unglück nicht mehr friern
und über jede art uns einzubinden
und die verfolgten dieser zeit bei tische mit verbieten
und herren sind und schrecklich unentzweit
daß alle aufrechten aus ihrer welt gerieten
und so gefahr mir droht: gewöhnung ist nicht weit.

und wie gesagt: ihr kotzt mich an;
doch mir zum gehn fehlt dieser dort
schweigende und redende und mir so liebe mann.


Die letzten Tage in L.
Lesung eines Autoren
Konzeption: Johannes Schmit, Raum: Susanne Münzner, Bühne: Ralf Hauschild, Kostüme: Franziska Grau, Dramaturgie: Anja Nioduschewski.
Mit: Rosalind Baffoe, Birgit Unterweger.

www.centraltheater-leipzig.de

 

Mehr zu Regisseur Johannes Schmit? Der arbeitete 2007 in Berlin mit Laurent Chetouane beim Tanzstück #2 und inszenierte 2009 in Leipzig unter anderen Tine Rahel Völcker und Katharina Schmitts Im Pelz.

 

Kritikenrundschau

Als grandiose "Feier des assoziativen Befragens" hat Janina Fleischer den Abend für die Leipziger Volkszeitung (3.7.2010) erlebt, und zwar ebenso inspiriert wie berührt. Der Regisseur löse von Anfang an das Versprechen einer Begegnung mit Schernikau ein und am Ende runde sich das Bild "vom schönen, klugen, gewitzten Schriftsteller zu einem schönen, klugen, gewitzten Theatererlebnis, das zuweilen überraschend körperlich ergreift, das keinen Anfang hat – so wie das Hinterfragen, für das Schernikau steht, kein Ende finden kann." Schön und souverän auf einem Ledersofa thronend beantworte Rosalind Baffoe Fragen aus dem Off, die zum überwiegenden Teil aus einem Interview mit Schernikau stammen. "Mal bekennt sie aus seinem, mal offenbart sie aus ihrem Leben. So stehen die Biographien zu- und gegeneinander. Beide sind Jahrgang 1960, Schernikau starb 1991 an den Folgen von Aids. 'Wo warst du 1989?' Da wohnte er in einem Plattenbau in Berlin-Hellersdorf, er, der letzte Kommunist, einer der letzten, der in die DDR übergesiedelt war. Sie reist als Model nach Paris, New York, Mailand. Und doch ergeben sich verblüffende Parallelen – in der Haltung zum Leben, zur Schönheit, zu den Menschen."

 

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